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19.01.2001 - 

IT in Banken/Mehr Architektur, weniger Komplexität

Private Banking: Vor der E-Business-Kür steht die Pflicht zur Integration

Effektive Strategien mit dem Ziel eines Customer-Relationship- Managements zaubern auch Banken nicht aus dem Hut. Zwar ist deren Notwendigkeit angesichts neuer, aggressiver Wettbewerber anerkannt, doch reduzieren IT-Altlasten die Chancen, schnell mit Internet-Services reagieren zu können. Günther Neubauer* analysiert den Ist-Zustand und zeigt Wege aus der Krise.

Der Bereich Private Banking ist mit einem erwarteten Wachstum von 15 bis 20 Prozent pro Jahr einer der attraktivsten Servicebereiche der Finanzbranche. Zielkunden sind wohlhabende Privatpersonen mit einem veranlagbaren Vermögen von mindestens einer Million Euro. In Deutschland wird dieses Kundensegment derzeit vor allem durch die traditionellen Privatbanken und die Private-Banking-Bereiche der großen Geldhäuser abgedeckt. Künftig werden sich aber auch andere Bankensektoren sowie Nicht-Banken in diesem Markt bewegen. Diese Institute sehen sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts einem wettbewerbsintensiven, insbesondere technologisch geprägten Umfeld gegenüber. Dabei ist das Wissen um die Möglichkeiten moderner Anwendungs- und Systemarchitekturen ein Schlüsselfaktor zum Erfolg geworden. Dies hat das Beratungsunternehmen Pricewaterhouse-Coopers in seinem "European Private Banking Survey 1998/99" festgestellt.

In der Vergangenheit spielte die Informationstechnologie für viele Finanzinstitute eine lediglich unterstützende Rolle; IT wurde als ein notwendiger Teil der Infrastruktur betrachtet. Aus den strategischen und operativen Bedürfnissen wurden Anforderungen an die Technologie abgeleitet. Heute allerdings wird IT zunehmend als "Strategic Enabler" angesehen, der ein Kundenbeziehungs-Management erst ermöglicht. Um sich künftig Wettbewerbsvorteile zu sichern, ist es wichtig geworden, diese Entwicklungen zu beobachten, sie zu verstehen und für die eigene Geschäftsstrategie entsprechend einzusetzen.

Private Banking unterscheidet sich von anderen Servicebereichen unter anderem durch besonders anspruchsvolle Kunden hinsichtlich Performance, Beratungs- und Servicequalität. IT ermöglicht dabei eine schnelle und effiziente Bereitstellung qualitativ hochwertiger Services, die effektive Unterstützung bei der Entwicklung und Abwicklung komplexer Produkte, eine weit gehende Automatisierung und flexible Anpassung von Geschäftsprozessen sowie eine Individualisierung der Services für die Kunden im Zeitalter des E-Business.

Die heutige Situation der IT ist bei vielen Instituten jedoch gekennzeichnet durch eine historisch gewachsene Mischung aus proprietären Lösungen und Inhouse-Entwicklungen, durch eine relativ geringe Prozessautomatisierung in Front- und Middle-Office sowie unflexiblen Großrechner-Anwendungen und Architekturkonzepten. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Lange Projektlaufzeiten bei der Einführung neuer Systemkomponenten, geringe Flexibilität, schwierige Erweiterung der Angebotspalette um neue Finanzprodukte und Dienstleistungen, hoher Wartungsaufwand und hohe Fehleranfälligkeit sind an der Tagesordnung große Aufgaben, die es zu lösen gilt.

Eine IT-Landschaft im Private Banking, das ist im besten Fall

- 24 Stunden Verfügbarkeit an sieben Tagen in der Woche,

- schnelles Abrufen aktueller Markt- und Kundeninfos,

- Flexibilität hinsichtlich neuer Funktionalitäten, Arbeitsabläufe und Schnittstellen,

- Internet-Fähigkeit sowie

- Anpassbarkeit an individuelle Kundenanforderungen.

All das lässt sich durch die Gestaltung zweier Dimensionen - der Anwendungs- und der Systemarchitektur - erreichen.

Standardsoftware oder EigenentwicklungDie wichtigsten Anwendungsbereiche einer Privatbank sind im vorstehenden Modell veranschaulicht.

Zur Abdeckung dieser Anwendungsbereiche gibt es verschiedene strategische Optionen. Traditionelle Privatbanken und Großbanken stellen sich seit langem die Frage "Make or Buy" - sollen Standardanwendungen von externen Softwarefirmen erworben und implementiert oder Individuallösungen selbst entwickelt werden? Standardsoftware überzeugt durch vorher bekannte Lizenzkosten und begrenzte Entwicklungskosten. Der Nachteil liegt in den eingeschränkten Möglichkeiten, an der Anwendung Veränderungen entsprechend den eigenen spezifischen Anforderungen vorzunehmen. Bei Eigenentwicklungen bestehen für die Bank größere Einflussmöglichkeiten und größere Flexibilität; Economies of Scale lassen sich aber kaum realisieren. Die Verbreitung von Standardsoftware im Bankenbereich nimmt dagegen immer mehr zu. Sie wird zumeist für Standardprodukte und -Services eingesetzt. Eigenentwickelt wird zur Unterstützung der Produkte beziehungsweise Services, durch die sich das Finanzinstitut von den Wettbewerbern abheben kann. Viele Privatbanken betrachten die interne Entwicklung generell nicht mehr als echte Alternative.

Gesamtbankanwendung oder SpezialanwendungIm Hinblick auf die am Softwaremarkt derzeit verfügbaren Produkte für Banken wird zwischen dem Einsatz von Gesamtbankanwendungen und Spezialanwendungen unterschieden. Einmal wird versucht, möglichst viele der funktionalen Anforderungen mit einem integrierten Softwarepaket abzudecken, beim zweiten Ansatz ("Best of Breed") wird für jeden Anwendungsbereich die jeweils am besten passende Anwendung verwendet. Um den Anforderungen des Private Banking gerecht zu werden, wird immer häufiger eine Kombination aus beiden Anwendungen gewählt, wobei die Gesamtbankanwendung als Kernstück der Anwendungsarchitektur das Back-Office und Spezialanwendungen die zumeist erfolgskritischen Bereiche einer Privatbank, das Front- und Middle-Office, unterstützen.

Globaler Standard oder lokale LösungDas Private Banking der Großbanken wird häufig mit der Aufgabe konfrontiert, Anwendungen an weltweit verteilten Standorten implementieren zu müssen, unter Berücksichtigung der lokal unterschiedlichen Anforderungen bezüglich Steuergesetzgebung, Aufsichtsrecht und Schnittstellen zu lokalen Organisationen wie Börsen oder Clearingstellen. Dennoch sind etwa 90 Prozent aller Prozesse einer Privatbank auf den europäischen Märkten gleich. Insbesondere zwei Ansätze werden derzeit von diesen Banken verfolgt: zum einen die Implementierung einer Lösung für alle Standorte und Anpassung an die lokalen Gegebenheiten, zum anderen die Einführung unterschiedlicher Anwendungen in verschiedenen Ländern. Die Private-Banking-Bereiche europäischer Großbanken entscheiden sich immer häufiger für weltweit einsetzbare Software als Kernstück ihrer IT-Architektur. Da viele Prozesse und Geschäftsvorgänge an allen Standorten nahezu identisch sind, ist auch eine gleiche Systemunterstützung möglich.

Wesentliche Komponenten einer modernen Systemarchitektur einer Privatbank sind eine 3-tier-Architektur (Datenbank-Server, Applikations-Server und Clients), ein Data Warehouse zur Unterstützung von Datenverwaltung und Datenanalyse und eine Internet/Intranet-Technologie, wobei Standard-Schnittstellen zu allen zurzeit gängigen Vertriebskanälen zur Verfügung stehen. Hinzu kommt eine transaktionsorientierte Middleware, die sämtliche Komponenten der IT-Infrastruktur verbindet und die Kommunikation zwischen den Anwendungen ermöglicht. Eine derartige Systemarchitektur ist hier beispielhaft dargestellt.

Insbesondere durch das E-Business, aber auch durch die steigende Anzahl elektronischer Börsen und Handelsplätze mit weltweiten Zugangsmöglichkeiten sowie der zunehmenden Attraktivität des Outsourcing steigen die Anforderungen an die Integration von Prozessen und Systemen sowohl innerhalb eines Unternehmens als auch über Unternehmensgrenzen hinweg.

Erfolgreiches E-Business zum Beispiel kann nur mit Geschäftsprozessen erreicht werden, die sich durch hohe Geschwindigkeit und Flexibilität auszeichnen. Die Backend-Anwendungen müssen die für eine Internet-Anwendung notwendigen Informationen in der erforderlichen Qualität bereitstellen und Transaktionen über das Internet abwickeln können. Informationen müssen bei der Übermittlung sofort bereitgestellt werden und vollständig sein. Hierzu ist es notwendig, dass die betroffenen Anwendungen lückenlos integriert sind. Vor der E-Business-Kür steht damit die Pflicht zur Integration. Diese kann über verschiedene Wege realisiert werden, wobei in der Praxis oft Mischformen auftreten.

Viele Integrationsprodukte noch unausgereiftSolche Formen der Integration sind Point-to-Point-Schnittstellen (das Resultat von schrittweisen Ergänzungen beziehungsweise Änderungen der Anwendungslandschaft im Zeitablauf) oder die Kernsystem-basierende Anwendungsintegration (in anderen Industrien sind dies die als Enterprise Resource Planning (ERP) bekannten Anwendungen, bei Banken Back-Office-Anwendungen). Hinzu kommen Middleware-Produkte, welche die Kommunikation und den Datenaustausch zwischen Anwendungen und Systemen verschiedener Hersteller plattformunabhängig in standardisierter Form ermöglichen. Diese Produkte basieren vor allem auf zwei unterschiedlichen Integrationskonzepten: der "Hub & Spoke"-Architektur (alle Anwendungen und Systeme sind gleichberechtigt mit einer zentralen Drehscheibe verbunden) und die verteilte Architektur (Netzwerk-basierende-Architektur), die es ermöglicht, Nachrichtenströme zentral zu managen und beispielsweise Anwendungen über Landesgrenzen hinweg zu entwickeln.

Die Einführung einer Middleware- beziehungsweise EAI-Lösung wird aus verschiedenen Gründen erwogen: Investitionsschutz hinsichtlich der bereits vorhandenen Anwendungen, operative Integration von Unternehmen nach Fusionen oder Übernahmen und Zeitersparnis bei der Einführung neuer Systeme. Dabei ist das Einsparungspotenzial bei der Integration von Anwendungen umso größer, je mehr Anwendungen beziehungsweise Systeme zu integrieren sind. Nachteilig für ein Integrationsvorhaben wirkten sich beispielsweise aus, dass die meisten Produkte nicht älter als drei Jahre und daher noch nicht ausgereift sind.

Aber Maßnahmen zur Integration von Anwendungen können auch neue Probleme schaffen. Zu beachten ist deshalb: Die Integrationslösung sollte leicht auf zukünftige Anforderungen erweitert werden können und keine weiteren Schnittstellen erzeugen. Bei kleinen und mittleren Privatbanken unterliegt die IT erheblichen Budgetrestriktionen, und dies trotz steigender Volumina und Nachfrage nach einer 360-Grad-Produktpalette. Bei der Erarbeitung von Anwendungs- und Systemarchitekturen ist daher darauf zu achten, dass diese sowohl die Unternehmensziele als auch den Wettbewerb in den kommenden Jahren berücksichtigen.

*Günther Neubauer ist Senior Manager bei der Pricewaterhouse Coopers Unternehmensberatung GmbH und zuständig für das Geschäftsfeld IT im Investment- Management.

Abb.1: Anwendungsspektrum

Die wichtigsten IT-Anwendungen im Zusammenhang mit den Bankgeschäftsprozessen. Quelle: Pricewaterhouse Coopers

Abb.2: Beispielhaft

Transaktionsorientierte Middleware unterstützt moderne 3-tier-Systemarchitektur (Datenbank-Server, Applikations-Server und Clients.) Quelle: Pricewaterhouse Coopers