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25.08.2000 - 

Privatsender definiert Schnittstelle zwischen IT und TV

Pro 7 mischt den Produktionszyklus ab

MÜNCHEN (uo) - Zwischen der hoch integrierten DV-Umgebung von Pro 7 und der Broadcasting-Automation klafft eine Lücke. Schnittstellen auf der Grundlage von Middleware sollen eine Brücke zwischen diesen beiden Welten bilden.

"Diese absolute Bit-Friemelei hat meine Achtung", sagt Sven Sinner, Communication Manager bei der Pro Sieben Information Service GmbH (IS), Unterföhring. Der DV-Mann spricht von der Tätigkeit der Broadcast-Techniker und von den Mentalitätsunterschieden, die es zwischen der TV-Automation und der IT-Welt gibt. So spielen etwa Netze in der Automation und dem Playout bis heute keine Rolle. "Da werden noch Kabel zusammengesteckt", stützt Heiko Gerdes, IS-Abteilungsleiter Content Management Systems, Sinners Einschätzung der beiden Technikgruppen des TV-Senders.

In Zukunft soll sich diese Kluft schließen. Sinner und Gerdes haben eine Ebene gefunden, auf der sich Schnittstellen definieren lassen. Unter der Ägide von Omnibus Systems entsteht mit MOS II (MOS = Media Object Server) eine Methode, die der Kommunikation zwischen Newsroom-Systemen und Broadcast-Videos dient. Mit Hilfe dieses Industriestandards lässt sich quasi eine Schale beziehungsweise ein Wrapper bilden, über die es möglich ist, aus der DV-Ebene Treiber und Maschinen in der Automation anzusteuern.

Diese Aufgabe sollen bei Pro 7 künftig auf der Basis von Corba (Corba = Common Object Request Broker Architecture) definierte Services übernehmen. An der Umsetzung dieser Idee arbeiten IS-Mitarbeiter sowie die Firma Tecmath AG aus Kaiserslautern, die Pro 7 bisher mit Content-Management-Lösungen für Multimedia-Systeme versorgt.

So selbstverständlich, wie Gerdes und Sinner von Corba reden, ist der Einsatz der Architektur beim Sender bisher jedoch nicht. Der Nachrichtenkanal von Pro 7, N24, der im Januar dieses Jahres auf Sendung ging, basiert auf dem Redaktionssystem "Pro News", das die Corba-Implementierung "Visibroker" von Inprise-Corel verwendet. Das ist bislang die einzige Pro-7-Anwendung, die komplett auf der Middleware-Architektur beruht. Der Broker verteilt hier die aktuell eingehenden Nachrichten in Bild und Text an die zuständigen Redakteure und sorgt dafür, dass der fertige Beitrag in den Sendeplan gelangt.

Das Redaktionssystem ist eine der jüngsten IS-Entwicklungen, mit der neben den Nachrichtenredakteuren von N24 und Pro 7 auch die Journalisten von den aktuellen Magazinen wie "Galileo" arbeiten. 1998 setzte Pro 7 eine erste Version von Pro News ein, doch bis zum Start von N 24 wurde die Anwendung weiterentwickelt.

Im Wesentlichen verbirgt sich hinter Pro News eine einheitliche Oberfläche für die Redakteure, auf der sich die Kernprozesse des Nachrichten-Workflows abbilden lassen. Darunter liegen vier Hauptkomponenten. Die Redakteure greifen auf einen News-Ticker zu, in dem die Agenturmeldungen eingehen.

Mit Hilfe eines Text-Tools können die Journalisten Beiträge aus einem Archiv und dem Ticker editieren und bearbeiten sowie neue Texte schreiben und ablegen. Mit dem Rundown- oder Sendeplanungs-Tool lassen sich die Nachrichtensendungen schließlich zusammenstellen. Darüber hinaus steht den Redakteuren ein Browsing-Modul zur Verfügung.

Mit Hilfe dieses Tools suchen die Redakteure in einem digitalen Filmarchiv nach Material. Das können sie direkt an ihrem Arbeitsplatz bearbeiten, also einen Rohschnitt vornehmen sowie eine Schnittliste generieren, die sie an einen Schnittplatz weiterleiten.

Zur Vorbereitung der Programmierung nahmen die IS-Entwickler "Rose" von Rational, weil, so Gerdes und Sinner, das Werkzeug den gesamten Entwicklungszyklus vom Design bis zur Wiederverwendung unterstützt. Das Codieren in Java bewerkstelligten sie mit dem Werkzeug "Visual Age" von der IBM. Gegenwärtig läuft die Applikation auf Solaris- und NT-Rechnern, am Ende dieses Jahres nur noch auf Unix-Maschinen. Wie alle Anwendungen bei Pro 7 dient eine Informix-Datenbank zum Speichern.

Doch anders als bei älteren Anwendungen klammerten die IS-Entwickler bei Pro-News Programmier-Features des Datenbank-Management-Systems aus. Um das Redaktionssystem plattformunabhängig zu gestalten, verzichteten sie etwa auf Stored Procedures und Trigger. Daher existiert keine intelligente Storage-Schicht.

Die Schwierigkeit: ein klares DesignUm die Persistenz von Objekten kümmert sich vielmehr die Corba-Middleware. Den Datenzugriff regelt "Top Link" von der kanadischen Object People Inc., Ottawa. Das Produkt bildet Objekte auf relationale Tabellen ab.

Seit mehr als zwei Jahren sammeln die IS-Programmierer Erfahrungen mit dem Corba-Broker. Im Vordergrund stand zunächst der Zugriff auf die Datenhaltung. Doch die größten Schwierigkeiten hatten die Entwickler mit den Messaging-Funktionen, der Kommunikation der Objekte innerhalb der Mittlerschicht und nach außen. Das lag zum einen an der mangelnden Erfahrung der IS-Entwickler, aber auch an den Einschränkungen, die die insgesamt 15 Standard-Services von Corba mit sich bringen. Beispielsweise hielt der Corba-Event-Service die Belastung nicht aus, so dass Events verloren gingen. Das IS-Team griff zurück auf einen Event-Service, der im eigenen Hause entstanden war. Auch den Log-Service schrieben sie lieber selbst. Beim Verzeichnisdienst griffen die Entwickler zum proprietären "OS Agent", der zur Inprise-Corel-Software gehört.

Die technischen Objekte wie Data-Storage oder File-Systeme sind von den Businessobjekten scharf getrennt. So gibt es eigens Objekte, die für die Performance des Systems zuständig sind. Bei Datenbankabfragen muss nicht en détail auf Datenobjekte zugegriffen werden. Das geschieht erst, wenn die betroffenen Objekte in der Middleware kommuniziert haben, welche Informationen sie tatsächlich benötigen. Der Verkehr innerhalb der Corba-Schicht und nach außen verringert sich, die ganze Anwendung wird schneller.

Für diese Erkenntnis war ein längerer Lernprozess notwendig, wie Gerdes einräumt: "Wir haben viel lernen müssen." Die Entwickler arbeiteten erst nach und nach ein solch klares Design heraus. "Dafür haben wir auch komplette Bibliotheken Stück für Stück durchgehechelt. Außerdem haben wird uns die Zeit genommen, die Anwendungen von anderen Teams auf Designfehler abklopfen zu lassen", erzählt der Team-Chef.

Nun soll Corba nach und nach zur Grundlage aller Applikationen des Senders werden und bisherige Verzahnung ersetzen. Die Anwendungen sind zum Großteil Eigenentwicklungen. Die Individualität liegt in der erst kurzen Existenz des werbefinanzierten Fernsehens begründet. Deshalb existiert laut IS-Geschäftsführer Michael Hagemeyer kaum Standardsoftware für die Branche. Mittlerweile jedoch könnten etwa auch Internet-Agenturen von den Pro-7-Applikationen profitieren.

1991/92 entstand im Haus als erstes "Pro ATS", eine Anwendung für die Werbevermarktung und -planung, im Fachjargon "Air Time Sale". Hagemeyer dazu: "Über dieses Programm werden die hereinkommenden Milliarden Mark abgewickelt." Im Wesentlichen sind für den Verkauf von Sendeplätzen rund 150 Agenten und Disponenten der Media Group München verantwortlich. Pro Stunde dürfen maximal zwölf Minuten Werbung laufen, auf fünf Einheiten verteilt. Viele Firmen buchen ihre Werbezeit lange im Voraus. Doch gehe die Tendenz zu geringeren Buchungs- und Planungszeiträumen, so der IS-Geschäftsführer: "Je kurzfristiger die Kunden buchen und sich das Material einplanen lässt, desto schneller können wird Geld verdienen." Die kürzeste Frist beträgt derzeit drei Tage.

Während die erste Anwendungsversion nicht einmal eine grafische Oberfläche besaß, haben die Disponenten nun einen multimedialen Arbeitsplatz, so dass sie sich etwa den Inhalt eines Films beziehungsweise von Spots ansehen können, bevor sie die Werbung einplanen. Das kann sicherstellen, dass auf das Kettensägenmassaker keine Werbung für Heckenscheren folgt.

Der Verkaufsanwendung folgte die des Einkaufs, bei Pro 7 ist das zum Beispiel der Erwerb von Spielfilmlizenzen und deren Verwaltung sowie das Management von Eigenproduktionen. In "Pro Licence", wie die Lösung heißt, finden sich nicht nur die Filme selbst, auf die auch die Disponenten zugreifen, sondern auch Angaben über die Produktionen, wie die altersgerechte Freigabe, Kosten und Informationen zu den Schauspielern. In den Lizenzen steckt die größte Wertschöpfung für den Sender, deshalb ist Pro Licence eine Art Vermögensverwaltung mit bilanzrelevanten Daten. Daher verfügt die Applikation über Schnittstellen zur R/3-Buchhaltung.

Nachdem Einkauf und Verkauf programmiert waren, wendeten sich die Pro-7-Entwickler weiteren Anwendungen im Produktions-Workflow zu. Heute hilft die Sendeplanung "Pro Plan" bei der Grobplanung der Fernsehprogramme. So erlaubt eine Spielfilmlizenz für das dreimalige Ausstrahlen in drei Jahren, wie in Pro-Licence vermerkt, eine grobe Platzierung des Movies einmal pro Jahr.

Auf die Programm- folgt im Workflow die Sendeplanung mit "Pro Run". Diese Anwendung ermöglicht eine Feinabstimmung der Sendetags auf eine 25stel Sekunde genau. "Was damit entsteht, ist das Evangelium für die Regie", schmunzelt Content-Manager Gerdes.

Beim Besuch in der Regie für die Sieben-Uhr-News erwies sich diese jedoch als ungläubig: Als Schutzschirm gegen die Tücken der Technik lag neben dem Bildschirm auf dem Tisch des Regisseurs ein Papierskript der Sendeplanung - vorläufig noch, wie der Nachrichtenchef einräumte.

Informationen gemeinsam nutzenBei der Sendeplanung werden auch endgültig die Werbeblöcke und die Reklame in eigener Sache, so genannte Trailer, eingebaut. Für die Abstimmung zwischen der Werbedisposition und den Sendeplanern bedarf es der Schnittstellen zwischen den jeweiligen DV-Systemen. Nur im Abgleich kann ausgeschlossen werden, dass die Zuschauer statt eines Golden Goal den jüngsten "Meister-Propper"-Spot sehen.

Insgesamt decken die ineinander verwobenen DV-Anwendungen nahezu alle Bedürfnisse der Produktionsplanung ab. Der Bruch zwischen der Broadcast-Technik und der DV verhindert jedoch, dass die Informationen darüber hinaus für die Produktionssteuerung genutzt werden können. So böte sich etwa die Sendeplanung auch zur Ablaufkontrolle an. Diagramme, Hintergrundbilder, Videos, Tondokumente, die beispielsweise die Nachrichten anreichern, werden mit Hilfe von Schaltpulten und Hunderten von Knöpfen und Reglern eingeblendet. Doch mit "Cosmos", wie die IS-Experten ihre Corba-MOS-Schnittstelle nennen, könnte sich das Szenario in Regieraum schon bald ändern.

Pro 7 und mehrVor mehr als elf Jahren nahm Pro 7 seinen Sendebetrieb auf. Die derzeitige interne Herausforderung ist die Fusion der Pro-7-Gruppe mit SAT 1. Gegen Ende dieses Jahres sollen die Vorbereitungen abgeschlossen sein. 27 Task-Forces kümmern sich um das Wie der Integration. Bisher steht lediglich fest, dass der Sender Pro 7 aus der Pro Sieben Media AG ausgegliedert und zugleich eine SAT-1-Holding gegründet wird. Aus den beiden Dachgesellschaften wird eine.

Die zukünftigen Beteiligungsverhältnisse scheinen ebenfalls noch nicht vollständig geklärt zu sein. Die Kirch-Gruppe, die derzeit 40,08 Prozent der Springer-Aktien hält, ist mit 59 Prozent bei SAT 1 und 58,4 an der Pro Sieben Medien AG Mehrheitsgesellschafter. Die Rewe-Beteiligungs-Holding National GmbH, bekannt durch ihre Lebensmittelmärkte, hält jetzt an der Pro Sieben Media AG 41,6 Prozent Anteile und will Pro-7-Partner bleiben.

Die stark integrierte und eigenentwickelte DV-Technik der Pro-7-Gruppe hat gute Chancen zu überleben. Zum Teil ist sie ohnehin schon bei SAT 1 im Einsatz, zum anderen bewältigte der einstige Konkurrent seine DV wesentlich mit Hilfe von Outsourcing-Dienstleistern.

Die Anwendungen für die Pro-7-Gruppe stammen überwiegend von der Pro Sieben Information Service GmbH. Diese entstand 1996 aus einer Pro-7-Abteilung und beschäftigt heute 55 Mitarbeiter. Zur Pro Sieben Media AG gehören außerdem beispielsweise die Studios des Sendezentrums München, Pro Sieben Digital Media, die Nachrichtenagentur DDP, der Sender Kabel 1, der Nachrichtenkanal N24 sowie eine Beteiligung an Lets-Buy-it.com.

Gar nicht verstaubt: das Pro-7-ArchivDas Pro-7-Archiv nimmt die gesendeten Beiträge auf. Somit steht es am Ende des Produktionszyklus. Doch das ist nur eine Sichtweise. Die Filmsequenzen, Texte, Bilder und Grafiken sind zugleich auch wiederverwendbares Material, das sich zum Beispiel verkaufen lässt. Zudem bietet es Recherchegrundlagen.

So können sich die Nachrichtenredakteure Videos aus dem Archiv holen und direkt am Arbeitsplatz bearbeiten. Dass es ein dreistufiges Konzept für die Ablage gibt, merken sie nur an der Zeit, die es dauert, bis der Beitrag auf dem Bildschirm erscheint.

Während Texte allein in relationalen Datenbanken gespeichert werden, verwalten diese bei Video- und Audiobeiträgen lediglich deren Identifikationsnummern, die auf ein File-System für die optischen Platten und Bandsysteme verweisen.

Den Zugriff auf die Bänder erledigt ein Roboter, der dafür sorgt, dass ein angefordertes Video innerhalb von zwei Minuten im Bildschirm des Redakteurs ablaufen kann. Die Bänder werden durch Barcodes identifiziert.

Was der Archivanwendung noch fehlt, ist eine Verwaltung der Rechte, die mit den Beiträgen verknüpft sind. Die Pro-7-Entwickler planen jedoch bereits eine Erweiterung der Content-Archivierung durch ein Copyright- und Asset-Management-System.

Ressourcen"Pro Cast" stellt einige Projektplanungssoftware von der Stange in den Schatten. Das komfortable Tool für den Ressourceneinsatz stammt ebenfalls von IS-Entwicklern. Damit wird die Anwesenheit von Personen geplant, vom Moderator bis zum Kabelträger, Cutter und Buchhalter, sowie die Betriebsmittel vom Handy bis zur MAZ und dem Grafik-Desktop. Es gibt zum Beispiel einen Schichtzähler, der die unterschiedlichen Anstellungsarten sowie Sonn- und Feiertage berücksichtigt. Das erleichtert einen Abgleich der Soll- und Ist-Arbeitszeiten. Die zeitliche Zuordnung funktioniert minutengenau. Schnittstellen zum Zeiterfassungssystem und R/3, dass Dispositionsdaten für Abrechnungen und Rechnungsstellungen sowie für das Controlling zur Verfügung stehen.

Abb: Cosmos nennen die Pro-7-Entwickler die Schnittstelle, die das Broadcasting mit der IT verbinden soll. Quelle: Pro Sieben Information Service GmbH