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16.03.2005

Pro und contra Open-Source-ERP

Guido Stoy
Aus zahlreichen Gründen schrecken Unternehmen vor Open-Source-ERP-Systemen zurück. Doch quelloffene Lösungen bieten unter bestimmten Bedingungen einige Vorteile.

Bisher gibt es noch relativ wenige Ansätze für quelloffene ERP-Systeme. Das hat eine Reihe von Gründen: ERP-Systeme werden von relativ wenigen Benutzern genutzt, von denen wiederum nur ein verschwindend kleiner Teil in der Lage und bereit ist, sich selber an der Weiterentwicklung eines Open-Source-Produktes aktiv zu beteiligen. Des Weiteren haben die unterschiedlichen Branchen ganz verschiedene Anforderungen an ERP, die sich kaum vereinheitlichen lassen. Systeme jedoch, die versuchen, alle möglichen Variationen abzubilden, werden sehr umfangreich, oft schwerfällig und sind komplex zu konfigurieren.

Die rechtlichen Voraussetzungen unterscheiden sich von Land zu Land erheblich. Da ERP-Systeme in der Regel eine integrierte Buchhaltung und Kostenrechnung haben und vor allem diese Bereiche an die gesetzlichen Bestimmungen angepasst werden müssen, ergeben sich viele Varianten, die ein ERP-Programm unterstützen muss. Ferner sind unterschiedliche Sprachversionen notwendig. Darüber hinaus sind länderspezifische Gegebenheiten wie spezifische Schnittstellen zu Behörden und Banken zu berücksichtigen.

Aus diesen Gründen ist kein umfassendes, weltweit nutzbares Open-Source-ERP-System zu erwarten. Es ergibt sich eher der Bedarf nach einer Vielzahl von unterschiedlichen quelloffenen ERP-Systemen oder nach einigen relativ großen, stark konfigurierbaren Systemen.

Auch die Unternehmen fassen Open-Source-Alternativen kaum ins Auge. Dafür gibt es viele Gründe: ERP-Systeme sind "mission critical"; eine zuverlässige Wartung und Betreuung scheint auf Open-Source-Basis jedoch nicht gewährleistet zu sein. Darüber hinaus fallen nicht nur die Lizenzkosten ins Gewicht, sondern auch beträchtliche für Customizing und Wartung. Last, not least enthalten ERP-Systeme Geschäftslogik, die teilweise als Wettbewerbsvorteil gesehen und ungern als Open Source weitergegeben wird.

Einblick in die Black Box

Allerdings spricht auch einiges für quelloffene ERP-Systeme. Das Hauptargument ist das Customizing. Closed-Source-Software ist in aller Regel eine "Black Box", die die eigentliche Codebasis beinhaltet, welche der Anwender nicht einsehen und verändern kann. Darüber ist in der Regel eine Programmierebene gelegt, die es erlaubt, die Funktionalität anzupassen und zu erweitern. Dies bewirkt oft, dass relativ einfache Änderungen zu großem Aufwand im Customizing führen, da Funktionen aus der Codebasis komplett neu entwickelt werden müssen.

In quelloffenen ERP-Systemen ist der Code direkt zugänglich und kann daher leichter an die Bedürfnisse angepasst werden. Dabei muss aber das System Mechanismen anbieten, alle Änderungen zu dokumentieren und bei einem Update die automatische oder teilautomatische Anpassung an die neue Version zu unterstützen. Weitere Vorteile sind, dass Firmen, die Funktionen für sich weiterentwickeln, diese weitergeben können. Damit haben diese Funktionen die Chance, in die Anwendung übernommen zu werden. In der Folge könnte das System in die Richtung wachsen, die der Markt tatsächlich benötigt und die den Wünschen der Anwender entspricht.

Open Source bedeutet nicht kostenlose Software. Daher muss sich der Interessent für ein solches Produkt immer vergewissern, ob es mit Lizenzkosten verbunden ist. Insgesamt kann man allerdings sagen, dass Open-Source-Produkte oft kostenlos (oder sehr preiswert) sind. Die Tendenz scheint dahin zu gehen, dass für immer weniger Open-Source-Produkte Lizenzkosten zu zahlen sind.

Reines Servicegeschäft

Das Geschäftsmodell der Open-Source-Firmen sieht in der Regel vor, dass sie Dienstleistungsverträge für Analyse, Customizing, Implementierung, Wartung, Beratung, Schulung etc. anbieten. Da im ERP-Umfeld ohnehin ein großer Teil des Umsatzes nicht mit Lizenzen, sondern mit dieser Art von Dienstleistungen gemacht wird, ist dieser Markt geradezu ideal für Anbieter von Dienstleistungen.

Bei der Evaluation der Kosten einer ERP-Lösung müssen eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigt werden. Es geht um mehr als die Lizenzpreise: Ein Wechsel von einem System zu einem anderen verursacht Migrationskosten. Vor der Definition der Anforderungen an ein ERP-System verschlingt die Analyse Geld. Gleiches gilt für die Installation und in noch höherem Maße für das Customizing, für die Anpassung eines Standard-ERP-Systems an die Anforderungen eines Unternehmens. Darauf folgen die Kosten für die Schulung von Administratoren und Benutzern. Und später fallen für die Behebung von Fehlern im Programm, seine langfristige Betreuung, Weiterentwicklung und Anpassung an neue Anforderungen Wartungskosten an.

Oft wird lediglich davon ausgegangen, dass Open-Source-Systeme frei von Lizenzkosten sind und daher per se preiswerter. Dem können aber Kosten entsprechen, die höher liegen als die Einsparungen in einem der anderen Bereiche. Bei einem Vergleich quelloffener und kommerzieller ERP-Angebote fallen die einzelnen Kostenfaktoren ganz unterschiedlich aus:

Bei den Lizenzkosten sind quelloffene Systeme in der Regel preiswerter als kommerzielle. Allerdings ist zu beachten, dass Open-Source-ERP-Systeme zwar oft kostenlos sind, aber mit lizenzrechtlich gebundenen Produkten zusammenarbeiten, beispielsweise Datenbanken. Die Analysekosten sind neutral; denn eine saubere Analyse sollte relativ unabhängig vom eingesetzten Produkt sein.

Nicht per se kostengünstiger

Bei einem Vergleich der Customizing-Kosten gilt es zunächst festzustellen, welche Funktio- nen den verglichenen Produk- ten fehlen und mit welchem Aufwand diese programmiert werden können. So ist es möglich, dass ein kommerzielles Produkt bereits nahezu alle not- wendigen Funktionen für eine Branche enthält. Dann könnte es einem Open-Source-Produkt überlegen sein, für das diese Funktionen erst erstellt werden müssten. Sollten aber benötig- te Funktionen in verschiede- nen Systemen nicht verfügbar sein, ist es gut möglich, dass diese in einem Open-Source-System mit einem deutlich gerin- geren Aufwand entwickelt werden können, weil der Zugriff auf den gesamten Sourcecode gegeben ist.

Etwa gleich hoch dürften bei quelloffenen und proprietären Produkten die Ausgaben für Implementation, Schulung und Migration sein. Die Schwierigkeit bei Open-Source-ERP-Systemen ist es vor allem, einen langfristigen, zuverlässigen Partner für die Wartung zu finden. Wenn man so einen hat, sollten auch die Wartungskosten etwa vergleichbar sein.

Risikofaktoren abwägen

Es gibt daher vor allem zwei Bereiche, in denen durch Open-Source-ERP-Systeme gespart werden kann: Lizenzen und Customizing. Ist also in einem Projekt absehbar, dass diese beiden Faktoren die Haupt- kosten bei der Einführung ei- nes ERP-Systems darstellen, erscheint es sinnvoll, sich nach Alternativen im Open-Source-Markt umzusehen. Jedoch sind die erwähnten Risikofaktoren gegen eine erwartete Einsparung abzuwägen.

Im Augenblick gibt es nur eine überschaubare Anzahl von funktionsfähigen Produkten (siehe Kasten "Marktübersicht Open-Source-ERP-Systeme"). Kleine Unternehmen sollten sich die Produkte "SQL Ledger", "LX Office" und eventuell "GNU Cash" anschauen. Mittelständische Unternehmen sollten sich bei der Auswahl mit "Compiere" und "AvERP" beschäftigen.

Es ist nicht zu übersehen, dass Open-Source-ERP-Systeme noch relativ unterentwickelt sind. Das liegt vor allem an der Komplexität dieses Anwendungsbereichs und der relativ kleinen Anzahl von Entwicklern, die sich in diesem Bereich engagieren. Dennoch ist seit zwei Jahren auch hier eine Entwicklung zu beobachten, die hoffentlich in absehbarer Zeit in eine Anzahl von konkurrenzfähigen Lösungen münden wird.

Mittel- und langfristig könnten Open-Source-ERP-Produkte eine zunehmend ernst zu nehmende Alternative zu kommerziellen Angeboten werden. Denn durch keine oder geringe Lizenzgebühren und durch den Zugang zum Sourcecode für das Customizing erschließt sich ein Potenzial zur Kostenreduktion.