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26.10.1990 - 

Ergonomie als Mittler zwischen Mensch, Aufgabe und Technik:

Produktdesigner modellieren im dreidimensionalen Raum

Informationsverarbeitung gilt im Markt als echter Wachstumsfaktor - Benutzerfreundlichkeit der Systeme teils immer noch als bloßes Anhängsel an High-Tech- Systeme: eine Diskrepanz, die bei zunehmender Ähnlichkeit der Hardware leicht als Schuß nach hinten wirken kann. Ergebnis einer Konferenz des Münchner Kreises: Produktdesign steht an der Schwelle eines Rollenwandels.

Galt bis vor kurzem Design in weiten Kreisen noch als ästhetisth-flotte Beigabe zur Produktfunktion und letztes Argument für die Entscheidungsfindung, so zeichnet sich bei Herstellern Renaissance-artig oder neu - ein grundlegender Wandel in der Bewertung dieser Wissenschaft im Hinblick den Nutzen ab. Das Postulat der "dienenden Maschine" steht im Raum, noch ungelöst, aber mit starker Option auf Erfüllung - wenn letztlich auch der Nutzer mitspielt und kritisches Bewußtsein zeigt. Der gute Wille, so meint Horst Ohnsorge von der Standard Elektrik Lorenz AG aus Stuttgart, sei bei Herstellern wohl vorhanden, verstärkt jedoch bedürfe es der Rückmeldung durch den Benutzer, die dann freilich auch beachtet werden und in den Produktentwicklungsprozeß einfließen müsse.

Rollenwandel bedingt neuen Diskussionsansatz

Nur scheinbar also hat sich in der modernen Datenverarbeitung die Diskussion um die Ergonomie und Benutzerfreundlichkeit abgeflacht. Im Raum nämlich steht ein Fakt, mit dem zu leben man sich gewöhnt hat, der aber gerade dadurch erhöhte Aufmerksamkeit erfordert: Die Kommunikation mit Maschinen hat mittlerweile eine höhere Intensität erreicht als die Kommunikation im rein zwischenmenschlichen Bereich.

Der Imperativ von Ohnsorge zum Kongreß "Benutzerfreundliche Kommunikation" des Münchner Kreises, "die Maschine sei dem Menschen untertan" weist so gleichzeitig auf die Problematik hin, denn dies, so die Bestandsaufnahme des SEL- Mitarbeiters aus dem Sektor Forschung zu seinem Postulat, "ist bei weitem nicht der Fall". Dem DV-Profi öffnen sich bei der Betrachtung dieses Themas nicht nur neue Welten, sie fordern auch ein Umdenken. Denn Benutzerfreundlichkeit, sei nur interdisziplinär aufzufassen, meint der Münchner Kreis, wobei mit (konstruktiver) Kritik an dieser Thematik nicht gerade gespart werden solle - zumal die Diskussion sich vor wirtschaftlich ernstem Hintergrund abspielt. Seit Beginn der Nutzung der Mikroelektronik gleichen sich nicht nur artverwandte technische Geräte immer mehr, moniert nicht nur der Pforzheimer Professor Bernhard Jablonski (Spezialgebiet Produktentwicklung, -Design, Forschung). Da häufig nur noch der Name die Herkunft eines Gerätes erkennen lasse und der Preis Wettbewerbsfaktor erster Güte sei, werde die Forderung nach mehr Marketing auf höherer Strategie-Ebene laut: Die Einbeziehung des Designprozesses sei unerläßlich, so die Folgerung, und somit der Bedeutungswandel dieses Fachbereiches zu einem wirtschaftlichen Faktor vollzogen.

Auch und gerade im Gebiet der Kommunikation gleiche Sich die Hardware äußerlich sehr und präsentiere sich so zunehmend uniformiert. So leidet die Designarbeit in gewissem Sinne unter dem technischen Fortschritt, denn lediglich grundlegend neue technische Entwicklungen öffnen noch neue gestalterische Wege. Eingebürgert habe sich, so Jablonski, ein häufiger Formenwechsel bei technisch grundlegenden Neuerungen, womit allerdings ein spezifisches Firmengesicht im Sinne eines produktgetragenen Corporate Design nicht erreicht werden könne. Das Angeben in seiner Konzentration lasse insbesondere auf Fachmessen den Schwierigkeitsgrad des "sich Absetzens" erkennen.

Aber - und da setzt die Kritik des Pforzheimer Professors an - vorgetäuschte Benutzerfreundlichkeit und teils auch vorgetäuschte Ergonomie seien in einer erstaunlichen Vielfalt vorzufinden, die fast "an die Grenze des Inhumanen" gehe.

Mangelhafte Logik im Aufbau der Benutzungskomponenten erschwert häufig die Bedienung der Geräte und belastet den Benutzer. Logik-Bugs beim Geräteeinsatz summieren sich, verwirren dadurch, verärgern, vermindern die Gebrauchslust und -freude und sind am Arbeitsplatz unter Umständen Auslöser für Konzentrationsmängel; es steht nicht nur die Leistungserfüllung in Frage, Designfehlgriffe können auch Grundsteine für spätere körperliche Beschwernisse sein.

Oszillator zwischen Dialog, Funktion und Mensch

Die Gestaltungsaufgabe, die es insbesondere bei Endgeräten der Informationsverarbeitung zu lösen gilt, betrifft dabei aber nicht nur die physikalisch sichtbare Benutzeroberfläche mit Bildschirmen, Anzeigen und Bedienelementen. Gerade bei diesen informations- und kommunikationsverarbeitenden Geräten ist nach Meinung von K.F.Kraiss vom Forschungsinstitut für Anthropotechnik aus Werthoven die besondere Beachtung und Gestaltung der Dialogabläufe mindestens ebenso wichtig. Schließlich, so der Wissenschaftler, ist im Designprozeß auch noch die Funktionalität zu beachten, so daß bei genauerer Betrachtung mehrere qualitativ unterschiedliche Ebenen der Kopplung und Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu beachten sind. Systemtechnik und Ergonomie gehören auch dazu.

Ihr Zusammenspiel im Kommunikationsbereich, der hier als Aufhänger für die Diskussion herangezogen wurde, ist nicht nur im Geschäftsleben von betriebswirtschaftlicher Relevanz. Professor Ralf Reichwald vom Lehrstuhl für allgemeine und industrielle Betriebswirtschaftslehre der TU München, sieht Fragen der anwenderseitigen Bedürfnisbefriedigung einerseits und der Befriedigung der täglich zu erbringenden Leistung am Arbeitsplatz andererseits im Wechselspiel.

Untersuchungen ergaben dabei eine Gruppierungsmöglichkeit der Anforderungen an die Kommunikation als solche in verschiedene Hauptgruppen die bei der Systementwicklung von Bedeutung sind. Komplexität der Kommunikation, ihre Schnelligkeit und Bequemlichkeit, die Genauigkeit oder auch ihre Vertraulichkeit sind solche Hauptgruppen. Sie erfahren je nach Aufgabenanforderung verschiedene Gewichtung bei ihren Benutzern und sind daher entsprechend zu berücksichtigen. Einer betriebswirtschaftlichen Bewertung öffnen sich diese Anforderungen bei der Überlegung, wie die verschiedenen Kommunikationsformen - Schrift, Kommunikation "Face-to-face" oder Sprache - den Bedürfnissen gerecht werden.

So zeigt sich zum Beispiel in bezug auf Forderung nach Genauigkeit, daß alles, was mit Dokumenten verbunden ist, eine besonders hohe Eignungsbewertung erfahrt; Face-to-face ist für Anforderungen an die Komplexität durch die non-verbale Unterstützung besonders geeignet. Forschungen, so erläutert Walter Flohrer vom SEL Forschungszentrum, Stuttgart, hätten gezeigt, daß der Mensch auf 17 verschiedene Arten zu lächeln verstehe.

Aufgabenanalyse, Situation des Benutzers, Eigenschaften des Benutzers und Leistungsbreite der Ausrüstung sowie die Infrastruktur seien die Problemkreise, die, so Reichwald, die Fragen des Designs hinsichtlich einer betriebswirtschaftlichen Bewertung öffnen.

Hochstrukturierte Aufgaben weisen so ganz spezifische Eigenschaften auf, wie zum Beispiel eine Mischkommunikation aus Handschrift, Bild, Sprache und Dokument. Der Arbeitsablauf bei derartigen, als prozeßorientiert eingestuften (Sachbearbeitungs-) Tätigkeiten steht in strenger Abhängigkeit des Informationsflusses, da sich der jeweils nachgeordnete Bearbeiter in die Gedankenwelt des Vorgängers einfinden muß.

Aber, so verdeutlicht Reichwald die Dimensionen im Wechselspiel, diese Tätigkeiten werden zumeist von Experten durchgeführt, so daß die Anforderungen an die Benutzeroberflächen bei der Zielgruppe der täglichen Anwender ganz andere sind als die von sogenannten Gelegenheitsbenutzern.

Im Bereich der Funktionsebene lassen sich so aus betriebswirtschaftlicher Sicht Anforderungen an das Kommunikationssystem ableiten: Korrekte Übertragung des Inhaltes, Dokumentenorientierung, einfache Weiterverarbeitbarkeit, hohe Übertragungskapazität und kurze Übertragungszeiten sind nur wenige Merkmale, die Auswirkungen auf die eigentliche Aufgabenerfüllung haben. Die Bewertung eines Systems in bezug auf die Benutzerfreundlichkeit findet hier ihren Ansatzpunkt; denn hier relevant werdende, kostenwirksame Effekte, wie Auswirkungen auf Schulung und Betreuung, Sicherung der Information, Kodierungs- und Dekodierungsaufwand oder Kosten bei Fehlbedienung stehen in direktem Zusammenhang mit der Gestaltung der Benutzeroberfläche.

Anders gelagert sind die Merkmale eines ablauftechnisch schlecht strukturierten Bereiches - eines Managerarbeitsplatzes beispielsweise. Von Bedeutung ist hier der Einzelcharakter der Aufgabe, die intensive Kommunikation im Innenbereich, eine große Streuung der Kommunikations- und Kooperationspartner in wechselnden Aufgabenumwelten sowie eine tätigkeitsbedingte, beobachtbare Steigerung der Ad-hoc-Arbeiten stellen die Komplexität in den Mittelpunkt. Bedeutsam in diesem Zusammenhang auch die Aussage, daß Anwender aus diesen Aufgabenbereichen eher der Gruppe der Gelegenheitsbenutzer von Kommunikationsgeräten zuzuordnen ist.

Die starke Dialogorientierung bei der Gestaltung hier einsetzbarer Kommunikationsgeräte ist ebenso gefordert wie die Mobilität, um eine räumliche und zeitliche Unabhängigkeit zu ermöglichen. Leistungsbezogene Aspekte wirken sich hier verstärkt in ihrer Kostenwirksamkeit aus.

Ästhetik und Praxis wirken Hand in Hand

Eines der generellen Spannungsfelder, die es bei Fragen der Gestaltung zu lösen gilt, sieht Kraiss zwischen dem ästhetischen Design, das für die unmittelbare kurzfristige Kaufentscheidung von Bedeutung ist und dem Design nach den Regeln der Gebrauchsfähigkeit, das die Kunden langfristig zufriedenstellen und eine gewisse Markentreue erreichen soll.

Gebrauchsfähigkeit impliziert die Unterziele Funktionalität und Bedienbarkeit. Obschon in verschiedenen Bereichen Bestrebungen im Gange sind, diese Begriffe in eine ingenieurmäßig verwendbare Form zu fassen - beispielsweise in der DIN 66234 zur Dialoggestaltung oder der VDI-Richtlinie 5005 über die Software-Ergonomie - ist festzustellen, daß zur Zeit die Operationalisierung der Begriffe nicht in einem der Wichtigkeit der Sache entsprechenden Maß gelungen ist.

Das Grundproblem des Designs besteht darin, daß der Designer eines Systems den Entwicklungsprozeß nach seinem internen mentalen Modell steuert - das Gerät soll so zu handhaben sein, wie der Designer es aus seiner Sicht und individuellen Erfahrung für sinnvoll hält.

Hier erkennt der Werthovener Wissenschaftler Diskrepanzen zwischen den Anforderungen, die im Entwicklungsbereich gestellt werden und dem mentalen Modell des Benutzers.

Die Angleichung der Ausgangspunkte erschwert sich durch nicht hinreichende Kommunikation insbesondere dann, wenn der Benutzer nicht ausreichend in den System-Entwicklungs-Prozeß eingebunden wird.

Neben dieser direkten Integration des Anwenders besteht zur Erarbeitung eines optimalen Designs die Möglichkeit, die Ausgestaltung des Endgerätes so vorzunehmen, daß möglichst umfangreiche Komponenten der Funktionalität und Regeln der Handhabung an der Benutzerschnittstelle sichtbar gemacht werden.

Ein kritischer Punkt für die Benutzerfreundlichkeit liegt dabei generell in der Erlernbarkeit der Systemnutzung. Sie hängt wesentlich davon ab, welche Wissenselemente für den sachgerechten Gebrauch erforderlich sind.

Die Schwierigkeiten der Gerätebenutzung können laut Kraiss in zwei Teilbereiche, das Sach- und das Interaktionsproblem gegliedert werden.

Das Sachproblem beinhaltet die Frage des Wissens um die Funktionen, die ausgeführt werden können; in welcher Weise sie an dem bestimmten Gerät aufgerufen werden, ist Bestandteil des Interaktionsproblems.

Dem Benutzer wird zur Lösung dieser Problemkreise ein nicht unerhebliches Wissen abverlangt: Neben der Kenntnis der Gerätefunktionalität, die über Anzeige und Bedienelemente verdeutlicht wird, ist es manchmal durchaus auch hilfreich, über das Geräteverhalten Bescheid zu wissen.

Zusätzlich wird vom Benutzer verlangt, daß er über ein Planungswissen, ein Methodenwissen und ein Selektionswissen verfügt. Planungswissen, um eine Gesamtaufgabe zerlegen zu können, die als Teilaufgabe sukzessive am Gerät erledigt wird, Methodenwissen zur Realisierung der Teilziele am Gerät und Selektionswissen, um bei Vorhandensein verschiedener Vorgehensweisen die geeignetste Methode am Gerät auswählen zu können.

Wissenschaftler unterscheiden zwischen zwei Arten von Wissen, das hier zum Einsatz kommt. Zum einen ist es das im Gedächtnis bereits gespeicherte Wissen aus Erfahrung und zum anderen jenes Wissen, das aus externen Quellen erworben wird. Hier kommt das ominöse Handbuch zum Einsatz, aber auch Beratungsleistungen - oder aber an der Geräteoberfläche sichtbares, hörbares, fühlbares oder abfragbares Wissen.

lm Hinblick auf die Vermeidung kognitiver Anstrengung - allgemein auch Faulheit genannt - liegt eine Hauptaufgabe der Produktgestaltung darin, den Aufwand des Erlernens zu reduzieren. Dazu eignen sich zwei Wege:

Durch geschicktes systemtechnisches Design kann alles notwendige Wissen an der Benutzeroberfläche zugänglich gemacht werden, sofern der Entwickler eine der Grundregeln der Ergonomie beachtet: Visualisieren, wo immer möglich.

Visualisieren bedeutet in diesem Zusammenhang auch die Ansprache durch Akustik, Erfühlen oder Abfrage.

Die zweite Möglichkeit ist die, bereits vorhandenes Wissen zu nutzen. Ein gutes Beispiel dazu ist die Ausrichtung von Textverarbeitungssystemen an traditionellen Verfahrensweisen der Schreibtischarbeit mit Ablage in Aktenordnern oder dem Papierkorb.

Aber auch der Benutzer ist wie erwähnt in diesen Prozeß einzubeziehen. Laut Kraiss positioniert er sich in einem Kubus zwischen Gerätewissen, Aufgaben- und Benutzungswissen. Die Position, die der Benutzer in diesem von Kraiss skizzierten Kubus einnimmt, variiert stetig. Faktoren, wie zum Beispiel eine häufige oder gelegentliche Benutzung des Gerätes oder auch ein mehrwöchiger Urlaub verschieben die Nutzerkoordinaten in diesem fiktiven Kubus. Hieraus leitet der Wissenschaftler eine Idealforderung ab: Das Gestaltungsziel sollte in Nähe des Koordinatenursprunges liegen.

Um sinnvoll gestalten zu können, ist eine genaue Definition des Begriffes "Benutzerschnittstelle" notwendig, die bislang umgangssprachlich mit der Ein-/Ausgabeebene gleichgesetzt wird. In Anlehnung an eine Publikation der International Federation of Information Processing (IFIP) allerdings läßt sich eine Unterscheidung in drei Kopplungsebenen treffen - die Ein-/Ausgabeebene, die Dialog- und die Funktionsebene.

Mit diesen Bereichen befassen sich Hardware-, Software- und Kognitionsergonomie sowie Systemergonomie.

Die letztere Wissenschaft findet ihre Grenzen dort, wo die Technik sie System-innewohnend selber setzt.

Das Spektrum der Freiheitsgrade läßt sich nach Kraiss' Auffassung wiederum in drei Dimensionen unterteilen: Anzeigen-, Bedienelemente und ihre Anordnung (mit ihren Möglichkeiten der Einfach- oder Mehrfachschaltern, den zwei- oder dreidimensional bewegbaren Zeigern, n-Wert-Indikatoren, alphanumerischen Textzeilen oder auch grafikfähigen Anzeigefeldern).

Einer der häufigen Fehler bei der Gestaltung dieser Elemente ist die Vernachlässigung der Bedienung unter Extremsituationen - schlechten Beleuchtungsverhältnissen beispielsweise.

Aber auch geräteimmanente Faktoren sind zu berücksichtigen: Die direkt zugänglichen Eindrücke einer Analog-Instrumentierung (Zeigerstellungen zum Beispiel) gehen leicht bei der digitalen Instrumentalisierung verloren, warnt Kraiss. Das Problem verschärft sich durch die gängige Praxis der Mehrfachbelegung von Funktionstasten.

Die Problemfelder, die bei der Designarbeit auftreten und im Produktentwicklungsprozeß berücksichtigt werden sollten, sind vielschichtig, aber greifbar - und dennoch für den Anwender bei der Entscheidung für ein System nicht direkt objektivierbar. Hier kommt erneut der interdisziplinäre Aspekt der Diskussion zum Tragen, durch den der Anwender auch in seinen Bewertungskriterien sensibilisiert werden soll.

Funktionales Design erleichtert Routine

Der Wirtschaftswissenschaftler Reichwald führt am Beispiel eines Managementarbeitsplatzes eine ganze Reihe von wirtschaftlich relevanten Aspekten an, die es deutlich machen, welche Bedeutung eine geschickt gestaltete Benutzeroberfläche zum Beispiel von Kommunikationssystemen hat.

Sind nämlich die Funktionseigenschaften des Kommunikationssystems zugeschnitten auf den Führungsarbeitsplatz vorhanden und werden dank geschickt gestalteter Oberfläche auch genutzt, öffnet sich in diesem Falle die Möglichkeit einer intensiveren Kooperation im Team auch bei persönlicher Abwesenheit, schnelle Abstimmung auch mit externen Kooperationspartnern, die Chance auf erweiterten Kooperationsverbund und intensivere Partizipation im internen Bereich oder auch eine Entlastung durch Aufgabendelegation mittels Einbindung des Teams in neue Kommunikationssysteme.

Die Folgen dieser Möglichkeiten für den Manager sind eine schnelle und flexiblere Reaktion auf den Markt, eine Verbesserung der Informationsbasis - eventuell auch unabhängig vom Standort, sowie die Erweiterung von Kontrollspannen und in vereinzelten Fällen auch die Substitution von Reisen.

Die qualitative Verbesserung der Arbeitsbedingungen steht im Hinblick auf die zu erfüllende Aufgabenstellung durchaus neben dem quantitativ zu bewertenden Erfüllungsfaktor der Leistungserbringung bei der Auswahl einer Konfiguration.

Gerade an die neueren Geräte im Kommunikationsbereich mit ihrem medienübergreifenden Anspruch (wie zum Beispiel das Bildtelefon) werden bezüglich der Gestaltung erhöhte Anforderungen gestellt, da sie mehrere Formen der Kommunikation miteinander vereinen. Walter Flohrer vom Forschungszentrum der SEL AG nennt vier Punkte, die hier beim methodischen Gestalten von Bedeutung sind, aber auch generelle Gültigkeit besitzen: das Design für optimale Nutzung, die Gestaltung benutzerfreundlicher Handhabung, die ästhetische Formgebung und die Bewertung und Messung des Resultates.

So ist beim Bildtelefon die Frage der optimalen Übermittlung non-verbaler Kommunikation ein entscheidender Bereich der Arbeiten. Die Erkenntnis, daß der Teilnehmer grundsätzlich zum Bildschirm hin kommuniziert, wirft gleichzeitig die Frage der Kamerapositionierung auf: Untersuchungen belegen, daß eine Froschperspektive ebenso wie eine Vogelperspektive der aufnehmenden Kamera ein verzerrtes Bewertungsmuster der non-verbalen Mimik auf Empfängerseite hervorrufen.

In diesem Zusammenhang ist wichtig, ob ein Kopf- oder Brustbild oder ein Bild unter Einbezug der Gestik der Übermittlung am dienlichsten ist.

Neben den Überlegungen zur Produktgestaltung steht bei neuen Systemen auch die Einschätzung durch die zukünftigen Anwender zur Diskussion. Zwar gibt es bezüglich des Bildtelefons noch gewisse Vorbehalte gegenüber dem normalen Telefon, aber Versuchspersonen gaben zu 60 Prozent an, daß sie sich besser verständlich machen konnten und Gesprächsinhalte schneller und sicherer abgearbeitet wurden, und gut zwei Drittel empfanden die Kontaktaufnahme als vereinfacht. Größter Nachtei, der von etwa jeder siebten Versuchsperson genannt wurde, war das Gefühl, stärker beobachtet zu werden.

Von grundsätzlicher Bedeutung in solchem Fall sind so auch Komponenten, die Vertrauen zur Verwendung des Systems schaffen. Dazu zählen nicht nur die Eigenschaften des Gerätes wie Schwenkbarkeit, die dem Anwender Freiheit für eine für ihn subjektiv empfundene günstige Positionierung geben oder die Verwendung eines Halbspiegels für Kamera und Bildschirm, um die festgestellte Bildschirm-Orientierung des Anwenders auszunutzen.

Für eine Akzeptanz des Kommunikationssystems im breiten Einsatz, der später auch im privaten Bereich denkbar ist, ist ebenso die Lernkurve der Anwender ausschlaggebend. Bei einem aktuellen Bildtelefon-Design des Hauses SEL hat sie sich von 28 Sekunden für den erstmaligen Einsatz bis zum Aufbau einer Verbindung durch die Probanden auf 20 Sekunden nach dem dritten Gebrauch des Systems eingependelt. Diese Lernkurve, so Flohrer, die auch bei anderen Geräten ermittelt wird und mathematisch eindeutig zu bestimmen ist, gilt neben der Fehlerrate als wichtiges objektivierbares Bewertungskriterium für die systembezogene Güte eines Designs.

Die ästhetische Bewertung, die ebenso akzeptanz- und damit auch kaufentscheidend ist wird mit dem aus der Psychologie stammenden Verfahrens des semantischen Differentials vorgenommen. Es verdeutlicht auf der Basis von gegensätzlichen Adjektiven Charakteristika und laßt so Aussagen über die graduelle Zustimmung einer Gruppe mittels einer statistischen Faktorenanalyse zu.

Das schnelle Erlernen des Umganges mit einem Gerät zählt auch zu den allgemeinen wirtschaftlichen Zielen der ergonomischen Forschung, bestätigt Dr. Claus Benz, Leiter der Abteilung Produktergonomie der Zentralen Forschung und Entwicklung der Siemens AG, Erlangen. Parallel dazu ist allerdings ein auf den Menschen gerichtetes Ziel zu beachten - die Freiheit von Störeinflüssen durch das Gerät.

Die Überprüfung der Realisierung dieser Ziele, von Benz auch als ,ergonomische Qualitätssicherung' bezeichnet, richtet sich wie erwähnt nach Aufgabenstellung des Gerätes, zukünftiger Benutzergruppe und der Umgebung, in der das Gerät eingesetzt werden soll. Diese Kategorien sind im Sinne der ergonomischen Qualitätsprüfung auf ihre Erfüllungskriterien zu prüfen. Der meßbaren Bewertung eines Designs im Entwicklungsprozeß kommt so eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei.

Hard- und Softwareergonomie werden in der Testphase einer strukturierten Bewertung durch das Projektteam, einem Experten-Review einerseits sowie Labor- und/oder Feldexperimenten mittels eines Prototypes durch Benutzer unterzogen.

So kann man bei Laboruntersuchungen die einzelnen Einflußgrößen wesentlich besser kontrollieren, meint Benz, aber die künstliche Umgebung auch der psychologischen Atmosphäre des Testlabors birgt Nachteile.

Design-Qualität verlangt phasengenaue Formulierung

Die Systematik bei diesen Untersuchungen wird teils durch Checklisten in das Verfahren gebracht, die das ergonomische Wissen beinhalten. Ein andere Methode ist die Durchführung echter Aufgaben mit der Messung der Arbeitsleistung nach Zeit und Fehlerrate. Physiologische Daten wie Pulsfrequenz oder die Messung von Muskelströmen bei manuellen Tätigkeiten geben neben zusätzlichen Experimenten aus der Psychologie weiteren Aufschluß über das zu testende Gerät.

Aus der Arbeit heraus lassen sich laut Claus Benz im kognitiven oder Softwarebereich zwei ergonomische Grundregeln ableiten, nämlich daß inhaltlich zusammenhängende Informationen in Gruppen dargestellt werden, und daß diese inhaltlichen Gruppen optisch zusammengehörig abzubilden seien.

Wenn erreicht werden soll, so Benz' Forderung zur aktuellen Diskussion um die Benutzerfreundlichkeit, daß sich die ergonomische Qualität von Produkten auf breiter Front verbessert, dann muß eine ergonomische Qualitätssicherung systematisch eingeführt werden - und zwar in den einzelnen Phasen der Produktentwicklung. Ziel aller Arbeiten jedoch sollte sein, meint Horst Ohnsorge nicht das Hirn des Menschen zu verändern, sondern die Fähigkeiten der Maschine an den Menschen anzupassen.

Horst-Joachim Hoffmann ist freier DV-Fachjournalist in Wald/Ostallgäu und München

Der Beitrag ist ein Exzerpt verschiedener Vorträge anläßlich einer Konferenz des Münchner Kreises, einer übernationalen Vereinigung zur Kommunikationsforschung, zum Thema "Benutzerfreundliche Kommunikation", März 1990.