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23.04.1976

Produktsicherung als Qualitätskontrolle für DV-Bereich

Mit Dr. Alex Ehrismann, Leiter DV-Produktsicherung bei der Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH, sprach CW-Chefredakteur Dr. Gerhard Maurer

- Bei der letzten großen Umorganisation im Bereich Datenverarbeitung und Organisation hier bei MBB

wurde vor zwei Jahren eine Gruppe "DV-Produktsicherung" geschaffen. Sie sind also für Qualitätssicherung im DV-Bereich zuständig. Wie kann man Qualität von DV-Produkten definieren?

Der Bereich Datenverarbeitung und Organisation bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm erbringt Dienstleistungen für die Unternehmensbereiche. Solche Dienstleistungen, nämlich Entwicklung von DV-Systemen und Rechner-Betrieb, werden hier als "Produkte" betrachtet - ähnlich wie die Produkte anderer Unternehmensbereiche, etwa zum Beispiel Flugzeuge und U-Bahn-Wagen. Da wir die Ergebnisse unserer Arbeit als Produkte ansehen, versuchen wir, die Prinzipien der Produktsicherung, wie sie in unseren Unternehmensbereichen angewandt werden, auch auf unsere DV-Produkte zu übertragen.

- Kann man denn ein DV-Produkt - sei es ein fertiggestelltes Programm oder die Abarbeitung eines Jobstreams - durchchecken, so wie man einen Satelliten auf Qualität prüft?

Das ist genau das Problem, mit dem wir uns in der DV - Produktsicherung beschäftigen, wobei wir jedoch noch keine endgültige Lösung anbieten können, wohl aber einiges an neuartigen Denkansätzen haben.

- Also zur Kernfrage: Was sind Qualitätskriterien für DV-Produkte?

Wenn wir dabei zunächst nur an das Gebiet der Entwicklung von DV-Systemen denken, so haben wir drei Gebiete von Qualitätskriterien gefunden, nämlich erstens den "Erfüllungsgrad" - und zwar nicht nur aus der Sicht des Anforderers, sondern auch aus der Sicht des Organisators des Unternehmens beziehungsweise des Systemkoordinators. Ein zweites Gebiet wäre die "Handhabbarkeit" des Systems - das bedeutet handliche Organisation, handliche Eingabe und Ausgabe, zweckmäßige Verteilung und verständliche Fehlernachrichten. Ein drittes Gebiet wäre die "Wartbarkeit" bei Systemänderungen und -verbesserungen.

- Man kann Systeme natürlich auch vergolden, die genannten Kriterien also maximal erfüllen. Dann kommt aber die Frage nach der Wirtschaftlichkeit.

Es ist nicht die Aufgabe einer Produktsicherung, die Qualität zu maximieren. Vielmehr soll die notwendige bzw, die geforderte Qualität gesichert werden. Das heißt, wir müssen ausreichende Qualität sicherstellen, und zwar natürlich gerade unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit.

- Haben Sie von den Verfahren der Produktsicherung für industrielle Produkte - und es gibt sicherlich viele dafür zuständige Herren hier bei MBB - profitieren können?

Was Denkansätze und Philosophie angeht - sicherlich. Jedoch wenn es ins Detail geht, dann machen sich die Unterschiede zwischen den Produkten bei unseren Unternehmensbereichen einerseits und dem Bereich Datenverarbeitung und Organisation andererseits doch sehr bemerkbar.

- Das klingt, als ob dort nicht sehr viel für die DV-Problematik zu lernen wäre?

Das ist im gegenwärtigen Zeitpunkt in der Tat so. Nachdem wir uns anfangs mit den Produktsicherern darüber unterhalten haben, welche Teile aus den Konzepten übernommen werden können, müssen wir jetzt einmal ein DV-Konzept vorlegen. Danach ist es denkbar, daß wir weitere Details von den Produktsicherern übernehmen werden können.

- Das hört sich zwar ganz vorzüglich an, aber wie soll das in der Praxis aussehen?

Wir haben natürlich unsere Vorstellungen bezüglich eines DV-Projektmanagements, innerhalb dessen mehrere Phasen - von der Problemanalyse bis zur Einführung eines Systems - durchlaufen werden müssen. Es ist uns klar geworden, daß wir innerhalb dieses Projektmanagements unsere DV-Produktsicherungs-Checkpunkte zu setzen haben. Wir müssen uns jetzt erst einmal darüber klar werden, wo diese Checkpoints liegen, was dort produktsicherungsmäßig zu prüfen ist, und dann können wir an die Produktsicherer wieder herantreten, um uns Rat zu holen, wie diese Checkpoints abzuarbeiten sind.

- Und Sie meinen, dann gibt es tatsächlich Parallelen zum Durchchecken eines Satellitensystems?

Das hoffe ich sehr weil wir auf diesem Gebiet ja besonders große Erfahrungen haben.

- Das Stichwort Projektmanagement ist bereits gefallen. Könnte man nicht einwenden, daß

das, was Sie vorhaben ohnehin Bestandteil eines geordneten Projektmanagement-Verfahrens ist?

Was heißt denn Produktsicherung und Qualitätssicherung anderes als das Erfüllen von

spezifizierten Projekt-Vorgaben?

Wir haben von den Produktsicherern bereits gelernt, daß die Produktsicherung vom Projektmanagement unabhängig sein muß, weil der Projekt-Manager nicht nur auf die Spezifikationen seines Projektes, sondern vor allem auf Kosten und Termine zu achten hat. Wenn also, was ja häufig vorkommt, ein Projekt in Verzug gerät, kommen allzuleicht Verfahren, die nicht unbedingt mit dem Projektmanagement direkt zusammenhängen, unter die Räder - ganz einfach, weil es lnteressenkonflikte gibt.

- Damit definieren Sie Ihre Tätigkeit als die Kontrolle der Kontrolleure.

Davon kann keine Rede sein. Man muß sich vielmehr den DV-Produktsicherer neben dem Projektmanager vorstellen, wobei der Projektmanager hierdurch vor den Aufgaben der Produktsicherung entlastet werden soll.

- Wäre Ihre Aufgabe mit dem Durchgehen von Checklisten bereits erfüllt oder kann man Qualität womöglich gar quantifizieren?

Ich meine, das Durchgehen von Checklisten ist eine mögliche Form der Quantifizierung eines Qualitätskriteriums. Eine unserer Aufgaben wird auch sein, die Checklisten zu formulieren und sie am jeweiligen Projektgeschehen upzudaten. Freilich sollte man noch versuchen, außer der Aufstellung und Abarbeitung von Checklisten weitere Quantifizierungsmöglichkeiten zu finden. Zum Beispiel die Wartungskosten im Vergleich zu den Erstellungskosten eines Systems.

- Haben Sie Kontakt zu Kollegen in ähnlicher Funktion bei anderen Unternehmen?

Leider nein. Wenn es hierzulande so etwas gibt, so wurde entweder darüber nicht berichtet oder es wurde mir nicht bekannt. Vielleicht ändert sich dies durch dieses Interview. Was ich über DV-Produktsicherung in den USA erfahren konnte, läßt sich allerdings nur bedingt bei uns anwenden.

- Meinen Sie, daß sich aus Ihren Tätigkeiten und Plänen auch Konsequenzen für den Anwender

mittlerer oder gar kleinerer DV-Systeme ergeben?

Es ist ja auch eine Produktsicherung, wenn man Abhilfe schafft in den Fällen, wo sich die Leute über einen Dienstleistungsbetrieb übermäßig viel beschweren. Das ist dann Post Facto-Produktsicherung, welche bei kleineren Betrieben oder bei kleineren Dienstleistungsfunktionen akzeptiert werden kann. Das gilt sicher für beispielsweise sehr viele Fotokopierstellen. In der DR ist aber der Punkt bald erreicht, wo dieses Verfahren unerträglich wird. Ich meine deshalb, daß man auch in kleineren Betrieben die DV-Produktsicherung als separate Funktion und nicht als Aspekt des Projektmanagements sehen sollte. Hieraus folgt, daß die Produktsicherung, welche in Großbetrieben durch Fulltime-Gruppen betrieben wird, auch in kleineren Betrieben verselbständigt werden sollte. Und sei es als zusätzliche Aufgabe eines unabhängigen Mitarbeiters des DV-Bereiches.

- Ist nicht jeder EDV-Chef Part-Time für Produktsicherung zuständig?

Aber selbstverständlich! Bei kleineren DV-Abteilungen wird vielleicht gerade er diese Funktion übernehmen. Bei etwas größeren wird er diese Aufgabe delegieren und sich auf die Kontrolle beschränken.

Dr. Alex Ehrismann (50)

ist "Leiter DV-Produktsicherung" bei der Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH in Ottobrunn bei München. Seine Drei-Mann-Abteilung berichtet direkt an den MBB-Bereichsleiter für Organisation und Datenverarbeitung.

Nach dem Studium der Physik (Dr. rer. nat. 1954) arbeitete Ehrismann zunächst fünf Jahre auf dem Gebiet Hochdruck-Gasentladung bei Osram. 1959 ging er zur Firma Messerschmitt und bekam dort Anfang der 60er Jahre ersten Kontakt mit der technisch-wissenschaftlichen Datenverarbeitung.

1966 übernahm Ehrismann DV-Koordinierungsaufgaben - vor allem zum Projekt -Partner Boeing - und wurde 1969 nach dem MBB-Firmen-Zusammenschluß für DV-Koordination im Konzern zuständig.

Seit 1974 ist er für DV-Produktsicherung verantwortlich, wozu er selber sagt, daß ihm für diese Aufgabe bisher noch zu wenig Zeit zur Verfügung stand, weil er gleichzeitig auch für die Koordinierung der

DV-Schulung zuständig ist.