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15.01.1993 - 

ICL-Symposium Informationsergonomie

"Programmierer denken anders als der Durchschnittsanwender"

"Software-Ergonomie ist nur ein kleiner, wenn auch komplexer Teil der Informationsergonomie, die von enormer Bedeutung fuer das Wohlbefinden des Einzelnen am Arbeitsplatz ist, was sich unmittelbar auf den Erfolg eines Unternehmens auswirken kann", lautet die These von Juergen Olschewski, Geschaeftsfuehrer der ICL Technology GmbH.

Schlechte Noten fuer Dokumentationen

Offene Systeme koennten in grossen Unternehmen eine Plattform fuer die Durchsetzung von Informationsergonomie werden, erklaerte Guenter Kellner, Leiter des ICL-Software-Marketing. Verbunden damit sind in seinen Augen enorme Vorteile fuer alle Beteiligten: Hardwarehersteller vermindern ihren Aufwand und dem Anwender garantieren offene Systeme einen hohen Investitionsschutz.

Informationsergonomie besteht nach den Ausfuehrungen Kellners, aus vielen unterschiedlichen Komponenten, von denen die Buerokommunikation eine der wichtigsten ist, da sie nahezu jeden Unternehmensbereich tangiert. Hier sei eine einheitliche Oberflaechengestaltung wichtig, die das Wiedererkennen erleichtert. Gefragt sei aber auch eine sinnvolle Tastaturbelegung, die die Akzeptanz einer Anwendung entscheidend beeinflussen koenne, denn im Bueroverbund arbeitet der Gelegenheitsnutzer ebenso wie der Profianwender.

Ueber die Probleme der Designer, ein anwenderfreundliches "Human Interface" zu entwickeln, berichtete Bernhard Buerdek von der Hochschule fuer Gestaltung in Offenbach am Main. Fuer ihn stellt das Design an sich eine fast leere Huelle dar, die den Benutzerbeduerfnissen anzupassen ist. Trotzdem lassen sich moderne Bedienungsfunktionen, so der Designer, vom Anwender kaum noch nachvollziehen.

Ein Grund dafuer sei die Miniaturisierung der elektronischen Bauteile, die verhindern, dass Technikvorgaenge fuer den Anwender durchschaubar werden. Dazu komme, dass die Logik der Chips nicht der menschlichen Logik entspraeche. Buerdek fordert, dass bei zukuenftigen Entwicklungen die Bedienung und die Gestaltung als gleichwertige Komponenten betrachtet werden, um dem Designer eine bessere Grundlage fuer seine Arbeit zu bieten.

Das optimale Human Interface einer Maschine und der darauf laufenden Anwendungen muesse so konzipiert sein, dass der Anwender durch permanenten Gebrauch den Umgang mit der Technik lerne und sich so selbstaendig zum Experten herausbilde, erklaerte der Designspezialist.

Schlechte Noten verteilte der Kommunikationswissenschaftler Klaus Landgrebe an technische Dokumentationen und Betriebsanleitungen. "Wenige Disketten kommen im Paket mit kiloschweren Handbuechern daher, die dem Anwender von vornherein die Freude an der Neuerwerbung nehmen, weil er gar nicht weiss, wie er sich durch diese Papierberge durcharbeiten soll," kritisiert Landgrebe. Dazu komme, dass diese begleitenden Schriften haeufig eine Gemeinschaftsproduktion von Entwicklern und Juristen seien - fuer den Endverbraucher eine "furchtbare Mischung", da er die Gedankengaenge dieser Spezialisten haeufig nicht nachvollziehen koenne.

"Nicht alles, was moeglich ist, ist auch sinnvoll"

Funktionelle Gebrauchsanleitungen dagegen machten den Bediener schrittweise mit den wichtigsten Funktionen einer Anwendung vertraut, indem sie ihn schlicht zum Gebrauch auffordern und damit unmittelbare Erfolgserlebnisse vermitteln. Landgrebe plaediert auch fuer mehr Bescheidenheit bei der Entwicklung von Software. "Nicht alles, was bei Software im Prinzip moeglich ist, ist auch sinnvoll", moniert er. Von einer Gebrauchsanleitung erwartet der Kommunikationsforscher, dass sie sowohl den Anfaenger als auch den Experten anspricht und ihn so durch das Programm fuehrt, dass jeder die fuer ihn relevanten Funktionen schnell findet.

Am Institut fuer Hygiene und Arbeitsphysiologie der Eidgenoessischen Technischen Hochschule Zuerich laufen Langzeituntersuchungen ueber die gesmundheitlichen Auswirkungen von Computeranwendungen auf den Menschen. Nach Aussage des Institutsleiters Helmut Krueger haben die bisherigen Ergebnisse gezeigt, dass die Industrie noch sehr viel tun muss, damit dem Anwender nicht die Freude am Umgang mit der Technik genommen wird. Die Ergonomie im Softwarebereich stellt seiner Ansicht nach sehr viel hoehere Ansprueche, als die Hardware-Ergonomie, die unter Fachleuten auch als Zentimeterergonomie verspottet wird.

Hier sind, so Krueger, auch die Programmierer gefordert, denn Kenntnisse der Informatik allein befaehigen nicht unbedingt zur Entwicklung einer ergonomischen Software. "Programmierer denken einfach ganz anders als der Durchschnittsanwender", fasst der Schweizer zusammen.

Krueger fordert, dass die Navigation durch komplexe Software fuer den Anwender endlich erleichtert wird. Hilfsmittel koennten unterschiedliche Metaphern sein, aber auch eine gesunde Mischung aus Attraktivitaet, Individualitaet und Funktionalitaet.

Durch eine grosse, teils unueberschaubare Zahl von Funktionen zeichnen sich nach einer Untersuchung von Heike Rautenhaus Fremdsprachenprogramme aus, die im deutschen Schulbetrieb eingesetzt werden. Fuer die Paedagogin ist dieses Ergebnis allerdings keine Ueberraschung, denn "ein einzelner Programmierer ist mit der Entwicklung von Sprachlehrprogrammen schlichtweg ueberfordert. Er macht entweder Fehler beim Lernaufbau oder im paedagogischen Bereich", erklaerte sie dem Auditorium.

Lernprogramme fuer Sprachen haben nach Einschaetzung der Oldenburger Professorin nur dann eine Chance, wenn sie den vorgegebenen Richtlinien der Lehrplaene entsprechen oder dem Lehrer die Moeglichkeit bieten, sie ohne grosse Probleme anzupassen. Kaum eines der derzeit vorhandenen Programme erfuelle allerdings diese Forderungen.

Ein Team um Rautenhaus arbeitet seit rund einem Jahr an einem Projekt fuer eine neue Sprachensoftware, die dem Schueler mit Hilfe der Computertechnik das Lernpensum des Englischunterrichts vermitteln soll. Vorausgegangen waren neben Marktuntersuchungen auch intensive Gespraeche mit Lehrern, Schuelern und Eltern, die dazu beitrugen, die Probleme der einzelnen Zielgruppen zu definieren und Loesungsansaetze zu finden.

Die Betaversion des Oldenburger Programms lag in Bad Kreuznach bereits vor. Nahezu spielerisch fuehrt es den Schueler durch die verschiedenen Funktionen und fordert ihn bei den verschiedenen Stufen des Lehrstoffes dazu auf, eigene Entscheidungen zu faellen, um das Lernziel zu erreichen. Ob allerdings das Oldenburger Projekt eine Chance hat, bis zur Marktreife zu gelangen, sei fraglich, berichtete die Professorin, denn die einjaehrige Foerderung durch eine Stiftung sei ausgelaufen und ein neuer Geldgeber noch nicht in Sicht.

Ergonomie ist ein multidisziplinaerer Begriff

"Entwickler muessen akzeptieren, dass Ergonomie ein multidisziplinaerer Begriff ist, der sich aus verschiedenen Komponenten wie Technologie, Biologie, Psychologie, Medizin und Soziologie zusammensetzt", fordert der Software-Experte Kellner. Kompetenz in der Informationsergonomie koenne aber nur erreicht werden, wenn eine enge Zusammenarbeit zwischen Herstellern, Softwarehaeusern, Universitaeten und Spezialisten entstehe. Im Mittelpunkt aller Loesungen muesse immer der Mensch stehen, und offene Systeme boeten die besten Voraussetzungen, um der Informationsergonomie auf breiter Front zum Durchbruch zu verhelfen.

Mit Karl-Heinz Heischmann, Abteilungsdirektor Organisation und DV bei der Bremer Landesbank, kam im Rahmen des Symposions auch ein Anwender zu Wort. Seiner Meinung nach sind die Ansprueche, die ein Benutzer an die Ergonomie stellt, voellig anders, als die von Herstellern und Ergonomen. Langsam wuerden zwar Anstrengungen unternommen, diese Diskrepanz zu ueberwinden, aber die meisten Loesungen entspraechen immer noch nicht den tatsaechlichen Beduerfnissen, monierte Heischmann.

Icons entpuppen sich als Augenpulver

Auch bei den grafischen Oberflaechen gibt es nach Meinung des Bremer DV-Fachmanns noch viel zu verbessern. Auf den Bildschirmen tummelten sich zu viele Icons, die oft erklaerungsbeduerftig seien und sich zudem als "Augenpulver" entpuppten. Ein richtiger Schritt auf dem Weg zu einer anwenderfreundlichen Loesung ist seiner Ansicht nach das Gespraech zwischen Entwickler und Anwender. Nur wenn die Benutzerwuensche das Mass einer Loesung sind und auch Mitspracherecht bei der Projektgestaltung erhaelt, koenne eine praxisnahe Loesung gefunden werden, die das Praedikat "Informationsergonomie" tragen duerfe, erklaerte Heischmann.

*Petra Adamik arbeitet als freie Journalistin in Muenchen.