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10.10.1997 - 

Thema der Woche

Progress-Chef: Client-Server hat Erwartungen nicht erfüllt

CW: Zu Beginn der 90er Jahre sah es so aus, als könne Progress im Konzert der großen Datenbankanbieter mitspielen. Dann überließen Sie den Markt Oracle und wandten sich noch stärker als zuvor dem Geschäft mit Entwicklungs-Tools zu. Warum?

Alsop: Wir gründeten die Firma etwa fünf Jahre nach Oracle mit der Idee, Entwicklern das Leben zu erleichtern. Wir woll-ten ihnen vor allem Werkzeuge geben, mit denen sie auf einfache Weise Geschäftsanwendungen schreiben können sollten.

CW: Sie haben demnach bessere Perspektiven im 4GL-Business gesehen?

Alsop: Richtig, und wir haben unsere Meinung nicht geändert. Der Einsatz von Entwicklungs-Tools wird in Zukunft mit darüber entscheiden, ob eine Firma erfolgreich ist oder nicht. Nicht so sehr die Datenbanktechnik.

CW: Ist das Datenbankgeschäft ausgereizt?

Alsop: Das habe ich vor ein paar Jahren vorhergesagt. Ich hatte unrecht. Aber ehrlich gesagt denke ich immer noch so. Man sieht, mit welchen Schwierigkeiten Firmen wie Informix und Sybase kämpfen oder gekämpft haben. Innovation entsteht durch den Einsatz von Werkzeugen, nicht von Datenbanken.

Es war aber wohl ein Fehler, das Datenbankgeschäft zu drosseln. Wir hätten hier ein großer Anbieter werden und technisch sehr gut mithalten können. Die Gründer von Progress kamen aus einer Mainframe-Softwarefirma und hatten profunde Datenbankkenntnisse. Wir haben aber gedacht, in einer Datenbank legt man nur die Daten ab. Um sie zu manipulieren, braucht man Tools.

CW: Das Datenbankgeschäft ist doch von den Werkzeugen kaum zu trennen.

Alsop: Früher traf das vielleicht zu. Doch in dem Maße, wie sich die Netzwerke weiterentwickelt haben - jetzt vor allem das Internet -, werden die Unterschiede zwischen der Datenbank und den verarbeitenden Tools deutlicher. Besonders wenn man mehr als eine Datenbank einsetzt, etwa Oracle auf dem Zentralrechner und Microsofts SQL Server auf den Abteilungsrechnern.

CW: Progress hatte stets ein moderates, aber stabiles Wachstum. Im letzten Jahr gab es einen kleinen Knick ...

Alsop:... einen großen. Sie sind zu höflich. Das Geschäftsjahr 1996 war das schlimmste, das wir je hatten - auch wenn wir immer noch einen Gewinn verbuchten. Jetzt geht es wieder aufwärts. Schließt man den negativen Einfluß der Wechselkurs-Schwankungen aus, lag das Wachstum im Produktumsatz im abgelaufenen dritten Quartal 1997 bei 20 Prozent.

CW: Wie kam es zu der Flaute?

Alsop: Hauptsächlich aus zwei Gründen: Wir haben den Fehler gemacht, am Anfang des letzten Geschäftsjahres unsere Preise zu ändern und ein Per-User-Pricing einzuführen. Das hatte einen negativen Einfluß auf unseren Umsatz.Der zweite Grund liegt im Versagen des Client-Server-Modells für Anwendungen mit großer Benutzeranzahl. Die Anwender haben sich daraufhin mehr für Alternativen interessiert - vor allem für den Einsatz von Internet-Technologien.

CW: Sie sprechen von einem Versagen der Client-Server-Technik...

Alsop:...wie viele Firmen mit großen Anwenderzahlen sind denn mit ihren selbstgeschriebenen Client-Server-Applikationen wirklich zufrieden? Nur sehr wenige.

CW: Wie viele Ihrer Kunden stammen denn aus solchen Unternehmen? Die meisten sind doch Softwarehäuser.

Alsop: Ungefähr zwei Drittel stammen aus der Software-Industrie, ein Drittel aus Anwenderunternehmen. Wir haben etwa 2300 Applikationspartner, die Geschäftsanwendungen schreiben - vor allem für verschiedene vertikale Märkte. Rund zwei Drittel unseres Umsatzes machen wir mit diesen Häusern. Der Rest kommt aus dem Endkundengeschäft: DV-Abteilungen, die ihre Anwendungen selbst schreiben.Allerdings lassen immer mehr Anwender ihre Programme nicht in der eigenen IT-Abteilung, sondern von Softwarehäusern entwickeln. Der DV-Leiter ist mehr und mehr für den Einkauf von Anwendungen zuständig, nicht mehr so sehr für das Programmieren.

CW: Nehmen Ihnen große Anbieter von Standardsoftware wie SAP oder Oracle nicht Marktanteile weg? Sie stoßen mit Fertigprodukten in den Front-office-Bereich vor - in den Markt also, in dem bisher Individualanwendungen mit Hilfe von Entwicklungswerkzeugen wie Progress erstellt wurden.

Alsop: Das ist nicht der Fall, wenn die Anwendung strategische Bedeutung für den Erfolg einer Firma hat. Glauben Sie im Ernst, American Airlines würde Sabre Software verkaufen? Dieses Produkt ist zu wichtig für den Erfolg der Firma. Jeder IT-Manager muß die Frage stellen: Ist die Anwendung von strategischer Bedeutung, und schafft sie die Möglichkeit, der Konkurrenz überlegen zu sein? Standardsoftware kann sich auch jeder Wettbewerber anschaffen - von SAP oder sonstwem.

CW: Customizing-Tools bieten weitreichende Möglichkeiten, diese Applikationen zu individualisieren...

Alsop: Richtig, und dieser Trend wird sich fortsetzen. Er eröffnet Softwarehäusern wie uns Perspektiven. Der Anwender kauft die Applikationsbasis und schreibt mit modernen Tools die Erweiterungen beziehungsweise läßt sie von Dritten schreiben. So bleibt im Unternehmen, was als Konkurrenzfaktor identifiziert wurde.

CW: Die Standardsoftware-Anbieter offerieren zumeist auch entsprechende 4GL-Tools für die Individualisierung.

Alsop: Langfristig wird der Kunde aber nicht alles von einer Firma kaufen. Das hat das Beispiel IBM gezeigt. Vor 20 Jahren konnte man dort alles bekommen - nichts war besonders gut, nichts besonders schlecht. Doch man hatte einen Ansprechpartner, eine Firma, die für alles sorgte.

CW: Und so entstand eine durchschnittliche DV-Landschaft, die recht und schlecht funktionierte und sich von anderen kaum unterschied...

Alsop: Genau. Man hatte keinen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. SAP ist ein gutes Beispiel. Die gehen zu einem DV-Leiter oder Geschäftsführer und argumentieren: "Jeder Ihrer Konkurrenten hat R/3 gekauft." Für mich wäre das ein Grund, diese Software nicht zu kaufen. Nur so kann man sich differenzieren.Die Zeiten, in denen man alles von einem Hersteller beziehen konnte, ohne andere Produkte in Betracht zu ziehen, sind endgültig vorbei. DV-Leiter, die sich noch immer auf diese Weise die Arbeit erleichtern wollen, machen ihren Job nicht.

CW: Große Anbieter wie SAP bieten heute Frameworks an oder definieren ihre Produkte als Frameworks neu - auch um deutlich zu machen, daß größtmögliche Veränderungsoptionen bestehen und die Software beliebig mit anderen Produkten kombinierbar ist.

Alsop: Wenn es vier Jahre dauert, bis so ein Framework installiert ist, und noch ein oder zwei Jahre, bis es soweit modifiziert wurde, daß sich Geschäftsvorteile einstellen, dann kommt man ins Grübeln.

CW: Für Großunternehmen führt aber kein Weg an Standardsoftware vorbei.

Alsop: Die Hersteller müssen aber die Software so entwerfen, daß sie für den Kunden viel leichter zu verändern ist. Das muß sich ändern. Unbedingt.

CW: Liegt es nicht in Ihrem Interesse, Ihre Tools im Umfeld großer Standardsoftware-Lösungen anzubieten? Hängt davon nicht sogar die Überlebensfähigkeit Ihrer Firma ab?

Alsop: Nicht die Überlebensfähigkeit, aber es würde uns natürlich helfen, wenn wir größere Standardsoftware-Anbieter überzeugen könnten, unsere Tools zu benutzen. Die Frage für solche Firmen ist immer, ob sie ihre eigenen Entwicklungs-Tools mit großem Aufwand weiterentwickeln und viel Geld hineinstecken wollen oder ob sie lieber mit uns zusammenarbeiten.

CW: Reden wir von Ihrer Produktstrategie. Vor einem Jahr sind Sie mit dem HTML- basierten Entwicklungswerkzeug "Webspeed" auf den Markt gekommen. Wie hat sich das Geschäft bisher entwickelt?

Alsop: Es hat sich in jedem Quartal fast verdoppelt. Im abgelaufenen Vierteljahr machte es zirka vier bis fünf Prozent unseres Umsatzes aus. Die meisten Kunden benutzen das Produkt zur Kreation neuer Anwendungen. Existierende Applikationen bleiben davon unberührt. Kunden wollen mit Webspeed bestehende Applikationen für das Internet öffnen oder ganz neue Anwendungen schreiben. Weil Internet-Technologie als Alternative zu Client-Server gesehen wird, gilt Webspeed als Alternative zu Produkten wie Powersoft oder Progress.

CW: Wie kommt angesichts des noch sehr kleinen Internet-Geschäfts ihr 20prozentiger Umsatzsprung zustande?

Alsop: Teilweise mit Client-Server-Tools, aber auch, weil Webspeed so schnell gewachsen ist. Unser neues Produkt Apptivity für die Java-Entwicklung wirft noch kaum Umsatz ab. Es macht weniger als ein Prozent der Einnahmen aus. Diese Firma haben wir erst vor drei Monaten gekauft, als sie gerade ihr erstes Produkt ausgeliefert hatte.

CW: Die Übernahme wird in der Branche als Glücksgriff für Progress beurteilt. Was sagen Ihre Kunden dazu, die ja große Anwendungen mit der Progress-4GL gestrickt haben? Fürchten sie, in die Java-Welt gezwungen oder mit ihrer Client-Server-Entwicklungsumgebung vernachlässigt zu werden?

Alsop: Natürlich haben wir uns mit dieser Frage beschäftigt. Manche sagen, wunderbar, es geht weiter mit Progress, die sind auf dem Java-Dampfer. Andere sagen, solange Progress noch in die existierenden Produkte investiert, sind wir damit zufrieden, daß es noch eine Alternative gibt, wenn wir die Entscheidung treffen, neue Tools anzuschauen. Dann gibt es eine kleine Gruppe, die sagt, wenn Progress auch nur zehn Leute mit dem Java-Projekt betraut, dann sind das zehn Leute, die aus der Progress-Entwicklung abgezogen werden. Das ist schlecht für uns. Die Kunden sind aber zu 80 bis 90 Prozent positiv oder neutral.

CW: Ist Progress jetzt eine Java-Company, oder wollen Sie nur einen Fuß in die Tür setzen und abwarten, wie sich der Markt entwickelt?

Alsop: Wir werden uns sehr stark auf Java und das Internet konzentrieren. Java ist ein Kompromiß aus C++ und Smalltalk. Mit beiden Sprachen arbeiten wir seit Jahren in unserer Entwicklungsabteilung. Für uns kommt es darauf an, Tools zu entwickeln, mit denen die Java-Programmierung erleichtert wird. Als Drittgenerations-Sprache - und das ist Java in seiner gegenwärtigen Ausprägung - interessiert uns die Sprache dagegen weniger.

CW: Es gibt im Moment Streitigkeiten darüber, ob und unter welchen Vorzeichen Java von der International Standards Organization (ISO) standardisiert wird und welche Mitspracherechte Sun Microsystems erhält. Beeinflußt das Ihre Strategie?

Alsop: Viele Streitigkeiten in dieser Branche sind für unsere Kunden völlig belanglos, und trotzdem werden sie an die große Glocke gehängt. Diese Diskussion gehört dazu. Ich versuche mir manchmal vorzustellen, was es für Auseinandersetzungen in der Automobilbranche gibt, von denen wir als Verbraucher überhaupt nichts bemerken.Fest steht: Java ist eine gute, objektorientierte 3GL. Portierbarkeit ist der zweite Vorteil, drittens hat man im Zusammenhang mit Java die Möglichkeit, Teile einer Anwendung automatisch auf den PC oder NC herunterzuladen. Das macht die Wartung von Anwendungen in Java viel leichter als die von Anwendungen in anderen Sprachen. Darum geht es.

CW: Mangelnde Performance wird Java immer wieder vorgeworfen.

Alsop: Das ist nicht so schlimm. Intel und andere Hardwarehersteller werden dieses Problem lösen. Gegen 4GLs wurde immer argumentiert, sie seien nicht schnell genug, Anwendungen in Cobol liefen schneller. Das hört man heute nicht mehr. Skalierbarkeit ist wichtig, Performance nicht so sehr. Genügend Leute arbeiten daran, Virtual Machines und Just-in-time-Compiler schneller zu machen.

CW: Ihnen als Hersteller, der Investitionsentscheidungen zu treffen hat, kann es doch nicht egal sein, ob Java aufgrund politischer Querelen in den Kinderschuhen steckenbleibt.

Alsop: Das hat gar nichts mit der Sprache zu tun, nur mit der Umgebung und den Standards um Java herum. Standards wie Corba und IIOP stehen gegen Microsofts DCOM - das ist das Thema. Es geht um die Umgebung und um die Strukturen, die mit Java verbunden sind. Um Standards für die Kommunikation zwischen Softwarekomponenten, nicht um Java als Programmiersprache. Weil die Computerwelt außerhalb des PCs noch nicht von Microsoft kontrolliert wird, glauben wir daran, daß sich offene Standards wie Corba auf breiter Front durchsetzen werden...

CW:...obwohl große Teile der Industrie mit Microsoft assoziiert sind?

Alsop: Wenn Anwender die Wahl haben und ihnen keine Nachteile entstehen, werden sie lieber offene Standards benutzen als herstellerspezifische.

CW: Sie stehen also auf der Seite von Sun Microsystems?

Alsop: Wir brauchen nicht für oder gegen Microsoft zu sein, um Erfolg zu haben. Wenn Bill Gates gewinnt, verliert Scott McNealy. Dieses Problem hat er, nicht wir. Wir können auch in einer Welt zurechtkommen, in der Microsoft-Standards dominieren. Aber für die Kunden ist das letztlich uninteressant, sie wollen funktionierende Lösungen.

CW: Wieviel Umsatz möchten Sie in nächster Zeit mit den Java-Produkten erzielen?

Alsop: Wir wären enttäuscht, wenn unsere Java-Produkte in den kommenden zwei bis drei Jahren nicht mehr als zehn Prozent unserer Einnahmen ausmachen würden. Wir erwirtschaften ungefähr 200 Millionen Dollar und erwarten, daß die neuen Produkte in zwei bis drei Jahren mindestens 20 Millionen Dollar Umsatz einbringen.