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01.12.1995

Projekte in den Sand gesetzt Hausgemachte Banyan-Probleme veraergern ueberzeugte Vines-User

MUENCHEN (jha) - Banyan Deutschland steht im Kreuzfeuer der Kritik. Anwender werfen der Muenchner Dependance des WAN-Spezialisten gravierende Fehler in der Kundenbetreuung und beim technischen Support vor. Ausserdem bangt die User-Gemeinde um die Zukunft des Netz-Betriebssystems "Vines" das im Marketing des Anbieters nur noch eine geringe Rolle spielt.

Das Verhaeltnis der Anwender zu Banyan ist zwiespaeltig. Alle angesprochenen User, die entweder das Netz-Betriebssystem Vines, den elektronischen Postdienst "Beyond Mail", den Verzeichnisdienst "Streettalk" oder die "Enterprise Network Services" (ENS) einsetzen, aeussern sich durchweg positiv ueber deren technische Funktionalitaet. "Im WAN-Bereich ist Vines konkurrenzlos", schwaermt etwa Jens Knoeppke, Systemberater bei der Systematics Integrations GmbH, Hamburg. Knoeppke war zuvor bei Warner Music beschaeftigt und installierte dort in leitender Stellung ein Banyan-Netz. "Es gibt kein anderes System, das mit einer derart umfangreichen Funktionalitaet so einfach zu administrieren ist."

Kritikpunkte betreffen lediglich einige Features. So wird am Verzeichnisdienst Streetalk die ASCII-orientierten Oberflaeche und das Fehlen einer deutschen Ausgabe bemaengelt. "Das ist nicht mehr State of the art", ruegt Hans Hermann Jaeger, Systemadministrator beim Springer Verlag in Hamburg, der sich ansonsten auch sehr zufrieden mit seiner Vines-Installation zeigt. Knoeppke fordert zudem fuer das Netz-Betriebssystem Vines endlich Dial-on-demand- Funktionen, mit denen sich zu vordefinierten Zeiten automatisch Verbindungen aufbauen lassen. Die Wuensche sind Baynan bereits bekannt, ihnen soll entsprochen werden.

Aber trotz ueberwiegender Anerkennung, was die Technik betrifft, brodelt es in der Anwenderschar. Der Unmut macht sich an der Vermarktungspolitik des Herstellers fest. "Banyan ist eine Firma, die nicht wahrgenommen wird", schliesst sich Hans-Rainer Mannhaupt, Vorsitzender der Banyan Anwender Gruppe Deutschland e.V. (BAG) und hauptberuflich DV-Leiter der TUEV Product-Service GmbH, Muenchen, diesen Vorhaltungen an. Er beschreibt Banyan als ein Haus voller Techniker, aber ohne schlagkraeftiges Marketing.

"Den Vorwurf akzeptiere ich voll und ganz", uebt Harald Weimer, Geschaeftsfuehrer der Banyan Deutschland GmbH, Muenchen, Selbstkritik. Vorgaben der Muttergesellschaft werden von den nationalen Niederlassungen nicht eingehalten, in der Folge gebe es keine einheitliche Vermarktung. Banyan USA habe bereits reagiert und den Vice-President Marketing mit einer neuen Aufgabe betraut.

Unter seiner Aegide scheiterten die Werbefachleute in den vergangenen Jahren daran, Banyan in den USA wie in Europa bekannter zu machen. Damit einher ging die alles andere als berauschende Praesenz Banyans im Markt fuer Netz-Betriebssysteme (siehe Grafik).

Warum diese geringe Quote den Anwendern nicht gleichgueltig sein kann, beschreibt ein Netzverantwortlicher aus Norddeutschland, der mehrere tausend Clients und 80 Server mit einer Vines-Installation vernetzt. Soft- und Hardwarehersteller von Zusatzkomponenten entwickeln, so seine Meinung, erst fuer die Netz-Betriebssysteme Netware und Windows NT und dann vielleicht fuer Vines.

"Das fuehrt bei Anwendern, die in der Regel keine einfachen und homogenen Strukturen zu unterstuetzen haben, zu Integrationsproblemen", schimpft der Manager. Er vermisst Produkte von Drittherstellern zur Verbindung seines Vines-Netzes mit Fremd- oder selbstentwickelten Loesungen.

Aufgrund dieser Probleme reift bei dem Netzverwalter die Bereitschaft zur Migration. "Windows NT ist eine vorstellbare Alternative", gesteht er, obwohl er es als erschreckend empfindet, das sich Microsoft im IT-Markt immer breiter macht. "Die Vorteile einer homogenen Microsoft-Installation sind aber nicht von der Hand zu weisen", rechtfertigt er seine Ueberlegungen. Fuer so grosse Netze, wie er sie betreut, gilt das Microsoft-Betriebssystem allerdings unter Insidern als nicht reif genug.

"Windows NT ist sicherlich ein guter Applikations-Server", bestaetigt Banyan-Geschaeftfuehrer Weimer die Ueberlegungen verunsicherten Kunden teilweise. "Grosse Installationen kommen an Banyan jedoch nicht vorbei." Das Integrationsproblem des Anwenders kann Weimer nur teilweise nachvollziehen. Er raeumt ein, dass Third- Party-Hersteller zunaechst fuer andere Netz-Betriebssysteme entwickeln und dann erst fuer Vines. Doch aus den USA, wo Banyan mit rund 15 Prozent eine bessere Marktposition hat, kaemen zunehmend Komponenten auf den europaeischen Markt. Zudem entwickle Banyan selbst neue Produkte.

So arbeitet das Unternehmen derzeit im Rahmen seines "Demarc"- Konzepts an einer Funktion fuer die Softwaredistribution im Netz. Mit Demarc sollen sich Banyan-Loesungen von Management-Plattformen wie Hewlett-Packards (HP) "Openview", IBMs "Netview" und "Sunnet Manager" von Sun verwalten lassen. Die Architektur ist bisher noch nicht vollstaendig realisiert (siehe Lexikothek).

Das Know-how fuer die Demarc-Komponenten will Banyan einkaufen oder in Lizenz nehmen. Aehnliches hat das Unternehmen bereits mit Beyond Mail praktiziert. Das elektronische Postsystem wurde Anfang 1994 samt der Beyond Inc. uebernommen und bereits mehrfach installiert, etwa bei dem zweitgroessten privaten franzoesischen Autobahnbetreiber SAPRR, Paris. Dort verteilt es Informationen der internen EIS- Plattformen nach bestimmten Vorgaben an die landesweit taetigen Mitarbeiter. Meldungen wie Wetterverhaeltnisse, Unfaelle und Staus, die aus den Messstationen entlang der Strekke zusammengetragen werden, gibt Beyond Mail ebenfalls nach definierten Regeln weiter.

Grosse ENS-Installationen gibt es bei Daimler-Benz in Stuttgart und bei der Hannoverschen Rueckversicherung. Die Vermarktung der in diesen Projekten eingesetzten Produkte lassen aber den Eindruck enstehen, das Unternehmen konzentriere sich nur noch auf Beyond Mail sowie ENS und vernachlaessige dagegen mit Vines ihr umsatzstaerkstes Produkt.

"Die geringen Marketinganstrengungen der letzten zwei Jahre haben gezeigt", so Systematics-Mitarbeiter Knoeppke, "dass sie Vines unter den Tisch fallen lassen wollen." Diesen Eindruck liess Weimer so jedoch nicht stehen. Das Betriebssystem, so betont er, sei nach wie vor das Kernprodukt Banyans, alle neuen Funktionen werden zunaechst dafuer entwickelt und erst dann in andere Produkte wie ENS implementiert. "Unser Fokus liegt ganz klar auf Vines", erklaert der Manager und ergaenzt: "Diese Strategie werden wir noch eine ganze Zeitlang fortfuehren."

Dazu will der Banyan-Chef die Aktivitaeten seiner Mannschaft ausbauen. Sein Vorhaben wird allerdings durch die finanziellen Schwierigkeiten der amerikanischen Muttergesellschaft beschraenkt. Das Headquarter schrieb in den vergangenen zwei Quartalen erstmals rote Zahlen und muss 100 Mitarbeiter entlassen. Die Neueinstellungen in Deutschland koennen aufgrund der schlechten Nachrichten aus den USA nicht so ueppig ausfallen, wie geplant. Dringend notwendig ist die Erweiterung des technischen Supports, denn der bekommt bei Anwendern haeufig schlechte Noten.

Den technische Support uebernehmen die Haendler

"Banyan Deutschland ist eine reine Vertriebsgesellschaft, technischen Support gibt es dort nicht", urteilt etwa BAG- Vorsitzender Mannhaupt. Plagen ihn Probleme, sucht er den direkten Kontakt zur amerikanischen Anwendergruppe oder zu Banyan USA. Beiden bescheinigt Mannhaupt gute Dienstleistungen. "Bisher haben wir diese Option allerdings selten in Anpruch genommen, weil der Kontakt auch sehr teuer ist." Bestaetigt wird der BAG-Vorsitzende vom norddeutschen Netzverwalter: "Alle anfallenden Fragen, die man in Muenchen stellt, nehmen den endlos langen Weg ueber Amerika." Auf dem Umweg ueber Bayern bleiben Bitten dann haeufig unbeantwortet.

Der direkte Kundenkontakt in technischen Fragen ist allerdings auch nicht in der Strategie der Muenchner verankert. Zwar baute die deutsche Dependance Weimer zufolge die technische Abteilung aus, doch der Fokus liegt eindeutig auf Vertrieb und Pre-sales-Support. Fuer technische Fragen, so das Konzept der deutschen Niederlassung, sind Partner wie Bull, Wang oder das LAN Team in Duisburg verantwortlich. "Nur wenn es hart auf hart kommt", so Weimer, "leisten wir auch Support."

Wohin diese Strategie jedoch fuehren kann, zeigt das Beipiel des TUEV Product-Service in Muenchen. Seit sechs Jahren nutzt die IT- Abteilung unter Leitung Mannhaupts die Vines-Umgebung und muss mittlerweile mit dem dritten Haendler kooperieren: "Der erste meldete Konkurs an, mit dem zweiten war die Zusammenarbeit nicht einwandfrei. Erst mit dem jetzigen sind wir zufrieden."

Auf diese Probleme will Weimer mit einer Reduzierung der Partnerschaften reagieren. Gab es vor rund zwei Jahren noch knapp 90 autorisierte Banyan-Haendler, sind es derzeit nur noch 20, und es sollen noch weniger werden. Ziel ist, Banyan-Produkte in Deutschland lediglich ueber zehn grosse Partner und sechs kleinere Haendler zu vertreiben. Die verbleibenden authorisierten Dienstleister sollen intensiv geschult werden, um Supportprobleme zu vermeiden. "Wir konzentrieren uns auf grosse Installationen. Das muss auf eine ueberschaubare Anzahl von Partnern begrenzt sein," umreisst der deutsche Banyan-Chef sein Vorhaben, mit weniger Partnern mehr Projekte abwickeln zu wollen.

Die Ausduennung der Haendler-Partnerschaften und die Konzentration auf wenige, gut geschulte Vertreter ist jedoch kein Allheilmittel. Banyan Deutschland hat auch schon selbst bei Projekten gepatzt, etwa bei der Landespolizeiverwaltung LPV 5 in Hamburg. Die dortige IT-Abteilung hatte sehr spezielle Probleme beim Zugriff von NT- Clients auf Unix-Server. Da den Netzfachleuten die Kommunikationsmoeglichkeiten des Microsoft-Betriebssystems mit HP- UX nicht ausreichend erschienen, sollte Vines helfen.

Allerdings konnte weder Banyan noch der eingeschaltete Haendler rechtzeitig die notwendigen NT-Treiber besorgen, so dass das Projekt eingestellt wurde und die oeffentliche Behoerde nun auch beim Netz-Betriebssystem Microsoft mit seinem Windows-NT-Server vertraut. Wer letztlich fuer das Scheitern verantwortlich war, mag der zustaendige Leiter der IT-Abteilung Steffen Schmahl, nicht eindeutig bewerten. Fest steht lediglich, dass Banyan und Partner trotz verlaengerter Testphase keine Loesung praesentieren konnten.

"Banyan war ein Versuch, Microsoft von den lokalen Servern fernzuhalten", beschreibt der Netz-Manager die Situation. Banyan- Geschaeftsfuehrer Weimer ist dieser Fall bekannt. Das Projekt sei in seinen Augen sehr zeitkritisch gewesen, weil die technischen Aufgaben nicht einfach zu erfuellen waren. Der Hersteller haette dazu eigens ein Zusatzprodukt entwickeln muessen. Letztlich habe Banyan erkannt, dass man nicht allen Anforderungen haette gerecht werden koennen.

Trotz dieser Pleite gibt sich Weimer optimistisch: "Grundsaetzlich glaube ich, dass wir dort immer noch gute Chancen haben." Doch die Behoerde plant anderweitig. Derzeit sind bei der Landespolizeiverwaltung bereits 450 Clients ueber Windows NT vernetzt, im Endausbau sollen es einmal rund 2000 Clients mit etwa 100 Servern werden. Hinzu kommen noch einige Multiprozessor- Maschinen mit Sequents Unix-Derivat. Fuer Banyan scheint kein Platz mehr zu sein.

Falsche Beratung soll Banyan Deutschland bei einem Beratungsunternehmen in Muenchen ein Projekt gekostet haben. Dort war ein Appletalk-Netz mit Macintosh-Clients und einigen Servern unter HP-UX in Betrieb. Die IT-Abteilung registrierte jedoch immer wieder Performance-Probleme der Installation. Der angesprochene Banyan-Partner entwickelte fuer das Haus daraufhin ein Vines- basiertes Konzept. Doch die deutsche Banyan-Dependance schlug vor, ENS auf HP-UX einzusetzen, uebersah angeblich aber, dass es keine Macintosh-Clients fuer ENS auf HP-UX gibt.

Banyan patzte bei Maschinenbaufirma

"Nein, wir haben schon empfohlen, was technisch machbar ist", wehrt sich Weimer. Seine Leute legten demzufolge dem potentiellen Kunden eine TCP/IP-basierte Installation nahe, da nahezu jeder Anwender im Unix-Umfeld dieses Protokoll benutze. Der Kunde wollte dagegen ENS und Appletalk verwenden, was von Banyan nicht unterstuetzt werde. Der Sachverhalt konnte bis Redaktionsschluss bei dem Beratungsunternehmen nicht verifiziert werden. Ein Mitarbeiter bestaetigte lediglich, dass Banyan nur wenig Interesse gezeigt habe, obwohl ein lukrativer Auftrag gewunken habe.

Eindeutige Schuldzuweisungen gibt es jedoch im Falle einer Maschinenbau-Firma aus Norddeutschland. Dort laeuft derzeit ein Netware-Netz mit HP-UX-Servern, das der zustaendige IT-Manager um Banyans ENS erweitern wollte. Ein eingeschalteter Haendler riet dem Interessierten zu drei neuen Vines-Servern, obwohl der IT-Manager der Maschinenbaufirma bereits im Vorfeld erklaert hatte, kein weiteres Netz-Betriebssystem einfuehren zu wollen. Dennoch wurde eine Teststellung vereinbart, um die Moeglichkeiten einer ENS- Umgebung mit Vines auszuloten. Sechs Wochen gingen ins Land, ohne dass etwas passierte. Zwei Werktage vor dem vereinbarten Termin erhielt der potentielle Kunde die Nachricht: Der Test sei geplatzt, Banyan koenne die notwendige Software nicht besorgen.

Waehrend sich der betroffene Kunde nur verhalten ueber das Scheitern des Projektes aeussert, redet Banyan-Geschaeftsfuehrer Weimer Tacheles: "Ja, das war ein Hammer", gesteht er. Die notwendigen Produkte seien vorraetig gewesen, das Projekt allerdings an persoenlichen Fehlern eines Mitarbeiters gescheitert. Waehrend im letzteren Fall die Versaeumnisse also eindeutig hausgemacht sind, glaubt Weimer, mit qualifizierten Partnern Schwierigkeiten wie bei der Landespolizeiverwaltung und dem Muenchner Beratungsunternehmen kuenftig vermeiden zu koennen.

Verbesserungen sind dringend notwendig. Denn mit Windows NT sitzt Vines ein Konkurrent im Nacken. Zwar wird das Microsoft-Produkt derzeit noch nicht als vollwertiger Ersatz gehandelt, doch ist abzusehen, dass die Alleinstellungsmerkmale von Vines in unternehmensweiten WAN-Installationen keinen Bestand haben werden. Pleiten, Pech und Pannen wie in der vergangenen Zeit kann sich Banyan dann nicht mehr erlauben.