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Unix-Alternative aus Frankreich


26.07.1985 - 

Prologue: Ein Betriebssystem für Supermikros

Die Welt der Mikro- und Personal Computer tendiert - so hat es zumindest den Anschein - zu einigen wenigen Betriebssystemen (MS-DOS und CP/M), die herstellerübergreifend inzwischen zu einer Art Standard geworden sind.

Die Vorteile, die vor allem in einem breiten Marktangebot an Anwendungsprogrammen liegen, sind bekannt, die Nachteile weniger: Solche Allround-Betriebssysteme nutzen - und das ist vor allem für die EDV-Fachleute und professionellen Anwender wichtig - natürlich nicht die spezifische Hardwarefunktionen und Leistungsmöglichkeiten eines bestimmten Mikrocomputers voll aus. Das fängt bei der Mehrplatzfähigkeit an und hört bei Datenkommunikation und Peripherie noch lange nicht auf.

Und was das Thema Unix betrifft von dem alle Welt redet, aber nur wenig Konkretes speziell im kommerziellen Markt sichtbar ist, so sind die heute am weitesten verbreiteten 16-Bit-Mikrocomputer eigentlich zu klein dafür. Außerdem müßte noch einiges an der Benutzeroberfläche von Unix getan werden, um dieses neue, sich als "Standard" langsam profilierende Betriebssystem für kommerzielle Anwender überhaupt interessant zu machen. Zwar sind alle europäischen Computerhersteller vereint in Sachen Normung aktiv, und erste positive Ergebnisse wurden auch bereits erzielt, aber erst sehr wenige Software- und Systemhäuser entwickeln Anwendungslösungen unter Unix.

In Frankreich 18 000 Installationen

"Prologue" ist ein professionelles Betriebssystem und wendet sich nicht an die typischen Endanwender mit Einplatzmikros, die ein wenig selbst "programmieren" wollen. Zielgruppen sind vielmehr größere Benutzer von Mehrplatzsystemen (Micral 90.50) mit EDV-Kenntnissen sowie Software- und Systemhäuser, die anspruchsvollere Anwendungslösungen für ihre Kunden realisieren wollen.

Prologue, ein echtes Multiuser- und Multitasking-Betriebssystem für die Prozessoren Intel 8086/8088, wendet sich an einen riesigen Markt. Als französische Entwicklung ist es dort sehr bekannt (etwa 18 000 Installationen) und rangiert nach einer Umfrage der französischen Zeitschrift O. P. C. (März 1985) bei kommerziellen Anwendungen nach MSDOS an zweiter Stelle - gefolgt von UCSD und CP/M-86. Xenix und Unix hatten zu diesem Zeitpunkt im französischen Mikromarkt so gut wie keine Bedeutung.

In der Bundesrepublik ist Prologue mit rund 3000 Installationen auch keine ganz Unbekannte mehr, zumal die Mikrocomputer von Olympia (Boss und People) mit Prologue laufen. Eine unabhängige Einheit des Bull-Konzerns vergibt Lizenzen an andere Mikrocomputeranbieter und ist damit recht erfolgreich. So läuft Prologue auch auf französischen Installationen von Olivetti M24,\Victor Sirius, Texas Instruments-Rechnern und anderen.

Prologue basiert auf einer zehnjährigen Entwicklungsarbeit: R2E (Realisations Etude Electroniques), einer der ersten französischen Mikrocomputerentwickler, legte 1975 mit dem Operating-System BAL den Grundstein des heutigen Prologue.

Multiuser-Eigenschaften, ISAM-Datei-Organisation und BSC-Datenübertragung waren vor zehn Jahren in der Mikrocomputerszene noch völlig unbekannte Perspektiven. Auf dieser Basis wurde 1978 die erste Prologue-Version für 8-Bit-Rechner, 1982 die erste für 16-Bit-Rechner vorgestellt, 1983 folgten wesentliche Erweiterungen in Richtung Netzwerkfähigkeit, Datenbanksystem und vor allem Emulation von MSDOS und CP/M (bei Bull "Decor" genannt). 1984 wurde die Datenbank relational (Dialogue II), der Anschluß an öffentliche Netze (X.25) und Grafikfunktionen geschaffen. Prologue Net (ein sich an "Standards" orientierendes PC-Netz), Erweiterung der Programmiersprache BAL (durch strukturierte Programmierung, Grafik und alphanumerische Labels), neue DÜ-Emulationen, Einsatz der Datenbank auch unter dem MS-DOS-Decor, Multiview-Bildschirmschaltung und schließlich Textverarbeitung ergänzen 1985 dieses anspruchsvolle und vielseitige Betriebssystem.

Prologue weist eine Vielzahl von "Highlights" auf, die der Benutzer bei anderen "etablierten" Betriebssystemen auf Mikrocomputern vergeblich sucht. Der Multitasking-Monitor mit 32 Tasks und zwei Kategorien von Prioritäten läuft Interrupt-gesteuert. Das Multiusersystem kann bis zu acht Arbeitsplätze verwalten. Die Prologue-Architektur umfaßt verschiedene Ebenen, um ein Höchstmaß an Portabilität bei unterschiedlichen Hardwarekonfigurationen zu gewährleisten. So ist der Kern des Betriebssystems ("Nueleus")

- überwiegend in Assembler, aber auch teilweise in "C" und "BAL" geschrieben - in jeder Implementierung gleich, und auch die Anwenderprogramme sind innerhalb der Micral-Familie voll portabel. Gleiches gilt für Datenübertragungsprotokolle und ähnliches. Nicht portabel sind natürlich das Ein-/Ausgabe-Handling, Treiber für bestimmte Peripheriegeräte etc. Alle Komponenten sind jedoch in Bausteintechnik in einer Konfigurationsdatei realisiert so daß es sehr leicht fällt, jedes "individuelle" Prologue-Betriebssystem zu konfigurieren und nationale Einheiten gleichfalls zu berücksichtigen.

Mit Prologue lassen sich relativ große Systeme realisieren - mit bis zu einem MB Hauptspeicher (Minimum 128 KB RAM beim Einplatzsystem), acht Arbeitsplätzen und bis zu acht Platteneinheiten mit maximal 512 MB je Laufwerk.

Prologue belegt 60 bis 70 KB Hauptspeicherplatz, das heißt etwas mehr als MS-DOS mit 30 bis 40 KB. Davon entfallen 41 KB auf den Nucleus, je 2 KB auf die System-Partitions und je 4 KB auf die Stacks pro Arbeitsplatz. 1 KB belegt die Interrupt-Bearbeitung, der "Rest" entfällt auf die benutzerspezifischen Module wie Datenmanagement, Treiber, Dü-Prozeduren etc. Die Commo-Partition kann in User-Partitions aufgeteilt werden. Anwendungsprogramme bleiben während der Dauer der Ausführung im Arbeitsspeicher. Die Verwaltung der Hauptspeicherbereiche erfolgt dynamisch. Durch eine Echtzeituhr können Programme zeitgesteuert ablaufen. Eine Spooling-Funktion erlaubt die optimale Nutzung der vorhandenen Drucker.

Datein im ISAM-Zugriff

Eine Datei als Sammlung logisch zusammengehöriger Informationen arbeitet unter Prologue mit den Begriffen Volume, (Datenträger), Track (Spur), Sector (keilförmiger Abschnitt), Granule (Segment = kleinste logische Speichereinheit) und Block (ein oder mehrere aufeinander folgende Granule).

Da der Katalog bei einfachen Dateiverwaltungssystemen oft einen Engpaß darstellt, wurde bei Prologue besonderer Wert auf die Dateideskriptoren gelegt. Das Verzeichnis des Datenträgers wird automatisch durch das Modul NGF (Nueleus des Dateiverwaltungssystems) angelegt und fortgeschrieben.

Was die Zugriffsverfahren betrifft, so beschränken sich die meisten Mikrocomputer-Betriebssysteme auf den direkten (Random) und den sequentiellen Zugriff, während Prologue den besonders komfortabel realisierten Index-sequentiellen Zugriff (ISAM) in den Vordergrund stellt. Die ISAM-Datei besteht aus dem Schlüssel- und dem Datenteil; jeder Schlüssel kann bis zu 51 Stellen haben. Die Satzlänge kann fest oder variabel sein, sie beträgt maximal 32 KB. Pro Anwenderprogramm lassen sich bis zu 64 Dateien einrichten. Ein Zugriffsschutz, wahlweise auf Datei- oder Satzebene, ist für Prologue als Multiusersystem selbstverständlich.

Wohl einzigartig und als Übergang zur Datenbankorganisation zu sehen, ist die sogenannte Mehrfach-Kriteriendatei (MC): Sie umfaßt die vier zusammengehörigen Teile Schlüssel, Daten, Link-Werte und Referenzen, die ein "Wörterbuch" bilden. Der Hauptzugriffsschlüssel kann gleichfalls bis zu 51 Stellen umfassen, außerdem können maximal zehn zusätzliche Zugriffspfade gebildet werden.

Besonders wichtig für den Anwender ist die Möglichkeit, von den ISAM-Dateien über die MC-Dateien zur relationalen Datenbank Dialogue II unter Wahrung der Kompatibilität aufzusteigen. Dialogue II entspricht von Komplexität und Funktionsumfang her in etwa dBase III. Über ein sogenanntes Joint-Statement lassen sich bis zu zehn, pro Datenbank bis zu 255 MC-Dateien verknüpfen. Die Verknüpfungs-Parameter (in Form eines Data-Dictionary) und der Datenbestand sind getrennt organisiert. Das erleichtert die Reorganisation während des Tagesbetriebs, weil es die Trennung von Anwendungsprogrammen und Datenbankorganisation möglich macht.

Es besteht Kompatibilität zu dem Kalkulationsprogramm Multiplan, zum Datenbanksystem dBase II und zur Textverarbeitung mit WordStar. An Programmiersprachen für Anwendungslösungen sind außer BAL von Bull auch Basic, Pascal, "C" und andere einsatzfähig.

BAL statt Basic

Eine der wichtigsten Säulen von Prologue ist die Programmiersprache BAL (Business Application Language). Herausragend ist die Integration aller Befehle zum Beispiel für Datei- und Datenbankmanagement, Grafik, Datenkommunikation, Programmverknüpfung, Maskengenerierung, für die in anderen Sprachen Zusatzroutinen erstellt werden müssen. BAL dürfte alle Anwendungsbereiche kommerziell eingesetzter Mikrocomputer voll abdecken.

Die Sprache beruht auf Basic, stellt einen Superset dar und arbeitet als eine Art Compiliersprache mit einem Zwischencode. Dadurch sind die Programme portabel, und der Zwischencode belegt nur wenig Speicherplatz. Sie ist also wesentlich schneller als gängige Basic-Interpreter.

Weitere Eigenschaften sind: Segmentierte Programmerstellung (bis zu 255 Segmente) und unabhängige Ausführung jedes einzelnen, unbegrenzte Anzahl von Variablen, der vier Datentypen zugeordnet werden vielseitige Datenmanipulationsmöglichkeiten, leistungsfähige Ein-/Ausgabesteuerung und schließlich nützliche Hilfen zur Fehlerfindung und -eliminierung.

Entsprechend dem Ausbau der Micral-Familie und der Verfügbarkeit neuer Betriebssystemfunktionen wird BAL gleichfalls ständig erweitert und angepaßt. Sie ist also stets auf dem neuesten Stand und "kein" zehn Jahre alter ANSI-Standard". Eine wichtige Rolle spielt BAL bei der Realisierung vielfältiger Datenkommunikationsanwendungen, wie sie speziell in größeren Unternehmen immer wichtiger werden. Neben der asynchronen TTY-Prozedur sind die synchronen Protokolle BSC 2780/3780 für Remote-Batch und BSC 3270 für Online-DÜ-Anwendungen mit IBM-Hostrechnern und die VIP-Prozedur für Bull-Zentralcomputer verfügbar.

Offen für Lokale Netze

Ein System Micral 90.50 kann jeweils eine BSC- oder VIP-Leitung und bis zu sieben TTY-Anschlüsse umfassen. Die Schnittstellen für die Datenkommunikation werden softwaretechnisch direkt im Programm, zum Beispiel mit dem Befehl "connect" realisiert. Ein Dateiaustausch zwischen Host und Mikro und umgekehrt ist möglich. Gleichfalls der Anschluß an öffentliche Netze über das X.25-Protokoll.

Lokale Netze nur mit Micral-Systemen sind auch realisierbar. Ein Micral 90.50 kann bis zu zwölf Einplatzmikros Micral 90.20 bedienen. Computer, die nicht auch einmal "fremdgehen" dürfen (und können), taugen heute nicht mehr viel in der Partnerschaft mit dem Anwender. Bei den Systemen Micral 90.20. und 90.50 ist Prologue das Hauptbetriebssystem, CP/M-86 wird gleichfalls als Native Operating System beziehungsweise als Decor angeboten, MS-DOS nur als Decor.

*Angelika Loewenheim ist freie DV-Journalistin in Frankfurt.