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26.11.1993 - 

Gastkommentar

Proprietaere Erfahrungen sind auch fuer offene Systeme wichtig

Die meisten Unternehmen, die erfolgreich in Japan taetig sind, sind sich der Tatsache bewusst, dass man die japanische Kultur verstehen muss, um mit den Japanern Geschaefte zu machen. Fuer diese Unternehmen ist es daher wichtig, mehrsprachiges Personal zu beschaeftigen - nicht nur aus sprachlichen Gruenden, sondern auch um Ratschlaege zu erhalten, wie man sich in Japan verhalten muss, um geschaeftlich erfolgreich zu sein.

Fuer diese Unternehmen waere es daher voellig sinnlos, Personal zu beschaeftigen, das zwar (ausschliesslich) Japanisch spricht, aber nicht in der Lage ist, sich mit seinem Arbeitgeber zu verstaendigen - unabhaengig davon, wie gut dieser die japanische Kultur versteht. Fuer die meisten Firmen bedeutet der Schritt von proprietaeren zu offenen Systemen einen aehnlichen kulturellen Schock. Abgesehen davon, dass die Sprache der offenen Systeme anders ist, birgt auch deren Kultur die groessten Herausforderungen und Aenderungen fuer jede DV-Abteilung. Daher koennen sich grosse Investitionen in die neue offene Systemwelt als ein aehnliches Abenteuer (Risiko) wie Investitionen in Personal herausstellen, das nur Japanisch spricht, das also professionell arbeitet, aber nicht in der Lage ist, sich zu verstaendigen. Man kann das mit einem Arbeitsteam vergleichen, das viele Jahre Erfahrung aus proprietaeren Systemumgebungen mitbringt und von dem erwartet wird, dass es sofort die neue Kultur annimmt und ohne Anlaufzeit gute Ergebnisse erzielt.

Was tatsaechlich benoetigt wird, ist die Erfahrung aus beiden Welten - sowohl aus der proprietaeren als auch aus der offenen Systemwelt. So vielseitige Experten sind nicht einfach zu finden. Spezialisierte DV- oder auch Unternehmensberater koennen helfen, sollten aber zuvor sorgfaeltig geprueft werden. So beschaeftigt zum Beispiel eines der groessten Informationssystem-Beratungsunternehmen bei mehr als 100 qualifizierten Beratern lediglich fuenf Spezialisten, die sich mit offenen Systemen befassen. Nur die groessten Unternehmen haben ausreichend qualifiziertes eigenes Personal zur Verfuegung, aber selbst das genuegt nicht, um sicherzustellen, dass ein Anbieter von offenen Systemen auch ein umfassendes Verstaendnis von proprietaeren Technologien mitbringt. Dafuer gibt es zahlreiche Gruende, die nach vier verschiedenen Aspekten geordnet werden koennen: Verstaendnis, Vernetzung, Akzeptanz der bereits vorhandenen Technologie und Migration.

Verstaendnis: Nur wenige offene Systeme werden isoliert installiert. Fuer ein offenes System ist es weitaus typischer, als Alternative eingesetzt zu werden, um ein proprietaeres System aufzuruesten. Die Applikationen werden daher in einer Art und Weise spezifiziert, die fuer proprietaere Implementationen geeignet sind. Nur ein Anbieter von offenen Systemen, der diese Problematik versteht, kann die besten Ratschlaege fuer eine zukunftsweisende Systemstrategie geben.

Vernetzung: Zu den am meisten beschriebenen Vorteilen von offenen Systemen gehoeren ihre Vernetzungsmoeglichkeiten. Gut implementierte offene Systeme sollten in der Lage sein, nicht nur eines, sondern jede beliebige Anzahl von proprietaeren, nicht kompatiblen Systemen in ein Netzwerk einzubinden. Diejenigen Anwender, die planen, offene Systeme einzusetzen, sollten sich im klaren darueber sein, dass die Anforderungen an die Vernetzung von offenen Systemen sehr stark schwanken koennen - von zum Beispiel einer Terminalemulation am einen Ende der Skala bis zu echt verteilter Verarbeitung am anderen Ende. Die Qualitaet der Vernetzung haengt dabei sehr stark von der Erfahrung des Anbieters mit proprietaeren Systemen ab.

Akzeptanz der bereits vorhandenen Technologie: Ein Manko, das viele Technologieanbieter zeigen, ist ihre fehlende Achtung fuer vorhergehende Ansaetze. Das ist nirgendwo so offensichtlich wie im Markt fuer offene Systeme. Es ist sicherlich richtig, dass das neue Informationssystem-Modell dem Anwender herausragende technische und oekonomische Vorteile bietet. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die heutige proprietaere Welt ein Produkt einer fortschreitenden Entwicklung ist und dass diese schliesslich und endlich exzellente Produkte in Bereichen wie der Transaktionsverarbeitung und der Systemverwaltung hervorgebracht hat. Es ist wichtig, dass die Anbieter offener Systeme diese Tatsache verstehen, da nur durch das Verstaendnis und die Achtung vor proprietaeren Produkten offene Systemumgebungen um aehnliche Funktionalitaeten ergaenzt werden koennen.

Migration: Sicherlich stellen viele Anbieter von offenen Systemen die Migration zu einfach dar. Sie wird quasi als ein magischer Prozess betrachtet, bei dem man eine proprietaere Anwendung in ein Ende hineinschiebt und am anderen Ende eine Unix-Anwendung herausbekommt. Das ist nur in wenigen Idealfaellen so. Eine reine Oracle-Anwendung zum Beispiel, die unter VMS laeuft, kann einfach migriert werden. Aber solche Beispiele sind eher die Ausnahme von der Regel. Die Realitaet sieht so aus, dass nur ganz wenige Anwendungen "rein" sind. Oftmals bestehen die Loesungen zum Beispiel zu 60 Prozent aus Oracle- und zu 30 Prozent aus Cobol- Anwendungen mit System-Calls, und die restlichen zehn Prozent wurden in einer Assembler-Sprache geschrieben. In diesem Zusammenhang ist Migration eine Angelegenheit fuer Spezialisten und erfordert ein gutes Verstaendnis von proprietaeren Systemumgebungen.

Obwohl sich die Philosophie der offenen Systeme wesentlich von der der proprietaeren Welt unterscheidet, kann Unix durch seine chamaeleonaehnliche Natur ausgezeichnet fuer den Uebergang eingesetzt werden. Wo immer moeglich, sollten die Anwender bereits bestehende Technologie voll nutzen. Nehmen wir zum Beispiel die Protokolle von Digital Equipment. Wenn dieses System voellig ausgenutzt wird, kann es eine aeusserst leistungsfaehige Netzwerkloesung darstellen. Es gibt keinen Grund, warum eine Organisation, die mit Decnet arbeitet, OSI oder TCP/IP einsetzen sollte, um ein offenes System zu verbinden. Das wuerde einige der Anwendungsportierungs- Aktivitaeten auf einen spaeteren Zeitpunkt verschieben. Das offene System kann einfach hinzugefuegt werden, um die Leistungskraft einer existierenden VAX zu verstaerken, indem es die Verantwortung als Datenbankrechner uebernimmt. Wenn die Vorteile der proprietaeren Technologie in dieser Art und Weise verwertet werden, heisst das, dass Firmen alle Vorteile von offenen Systemen schnell und oekonomisch nutzen koennen, ohne dass der Endanwender durch diese Aenderung merklich betroffen wird.

Auf den ersten Blick erscheint es logisch, dass niemand die Feinheiten eines Wechsels von einer proprietaeren zu einer offenen Systemumgebung besser verstehen kann als die urspruenglichen Anbieter von proprietaeren Systemen. Tatsaechlich bieten zum Beispiel Digital, IBM, HP und ICL jetzt offene Systeme an und vermarkten sie auch sehr aktiv. Ungluecklicherweise sind diese Hersteller jedoch in einem fast als natuerlich zu bezeichnenden Nachteil, wenn man sie mit den Konkurrenten vergleicht, die keine proprietaeren Systeme als Altlasten im Hintergrund haben.

Der wichtigste Grund hierfuer ist sicherlich der oekonomische Aspekt. Offene Systeme bringen den proprietaeren Anbietern nur einen Bruchteil der Gewinnmargen, die sie mit proprietaeren Systemen erzielen konnten. Es ist daher schwer zu glauben, dass ein Hersteller voll und ganz offene Systemphilosophie unterstuetzt, wenn der Verkauf eines proprietaeren Systems im Vergleich dazu zehnmal so profitabel ist. So ist es nicht ueberraschend, wenn trotz intensiver Beteuerungen, dass man sich den offenen Systemen zugewandt habe, deren Verkauf nur einen Bruchteil des gesamten Umsatzes dieser Anbieter ausmacht.

Der zweite Grund ist, dass viele der neuen offenen Systeme mit einer grossen Anzahl von proprietaeren Systemen der verschiedensten Anbieter integriert werden muessen. Waehrend proprietaere Systemanbieter herausstellen moegen, dass sie solche Aufgaben mit voelliger Integration durchfuehren, ist es natuerlich in ihrem eigenen Interesse, dass sie sich mehr auf ihre eigenen proprietaeren Systeme konzentrieren als auf irgendwelche offenen. Die meisten Anbieter von proprietaeren Computersystemen versuchen die Anwender davon zu ueberzeugen, dass sie das beste Know-how ueber proprietaere und offene Systeme im eigenen Unternehmen haben. Die Anbieter von offenen Systemen jedoch sind der Ueberzeugung, dass dies nicht der Fall ist. Lange bevor die grossen Anbieter proprietaerer Systeme erkannt haben (oder gezwungen wurden, es einzusehen), dass den offenen Systemen die Zukunft gehoert, waren die kleineren, spezialisierten Hersteller bereits dabei, die besten technischen Mitarbeiter einzustellen. Damit haben sie auch proprietaere Erfahrung erworben.

Daher gibt es fuer den Endanwender wahrscheinlich keine bessere Alternative, als sich bei einem Spezialisten fuer offene Systeme umzuschauen. Ein weiterer Bereich, in dem sich die Anbieter von offenen Systemen profilieren, ist die Entwicklung einer Vielzahl von Produkten fuer die Unterstuetzung heterogener Netzwerke. Die Anwender haben die groessten Schwierigkeiten, sich einen aktuellen Ueberblick ueber die verfuegbaren Optionen zu verschaffen. Im Gegensatz zu den proprietaeren Anbietern arbeiten die Spezialanbieter von offenen Systemen jeden Tag mit diesen neuen Entwicklungen. Konsequenterweise sollten sie auch in der Lage sein, ihre Kunden auf aehnliche, bereits erfolgte Installationen zu verweisen, um ihnen zu helfen, die fuer sie optimale Loesung auszuwaehlen.

Es gibt heute nur noch wenige Anwender und Anbieter, die die Vorteile von offenen Systemen bezweifeln. Heute diskutiert man nicht mehr darueber, ob offene Systeme gut sind, sondern mehr ueber Methoden und Techniken zur Implementierung der besten offenen Systemstrategien.

Dabei ist es von groesster Bedeutung, offene Systeme zu implementieren, die alle Vorteile der bereits existierenden proprietaeren Technologie voll nutzen koennen. Wenn offene Systeme installiert werden, die optimal mit proprietaeren zusammenarbeiten, kann das die Effizienz der gesamten DV-Infrastruktur verbessern. Diejenigen, die glauben, dass die Leistung und Qualitaet von derartigen eng integrierten Loesungen lediglich das Ergebnis von Produktinnovationen im offenen Systemmarkt sind, sollten noch einmal darueber nachdenken. Sicherlich gehoeren die Innovationen zu den wichtigen Faktoren, stellen aber auch nur einen Teil der zu beruecksichtigenden Aspekte dar.

Ohne die proprietaeren Systeme gaenzlich zu verstehen - wie sie funktionieren und zusammenarbeiten - koennen die Anbieter von offenen Systemen ihre Loesungen nicht optimieren. In einer Welt, wo es immer mehr auf die Qualitaet der offenen Systemloesungen ankommt, zeigt sich, dass die Systemerfahrung aus der proprietaeren Welt unerlaesslich ist.