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19.01.2001 - 

Interview

"Proprietäre SCM-Systeme sind oft die überlegenen"

Mit Roman Zeller, Vice President bei Bain & Company Deutschland Inc., sprach CW-Redakteurin Karin Quack

CW: In Ihrer jüngsten Studie warten Sie mit einer überraschenden These auf: Ein optimal eingesetztes Supply-Chain-Management würde den deutschen Unternehmen helfen, insgesamt 50 Milliarden Euro einzusparen. Wie kommen Sie auf diese gigantische Summe?

Zeller: Wir haben das Bruttoinlandsprodukt des Jahres 1999 pro Branche als Basis genommen, für jede dieser Branchen ein spezifisches Verbesserungspotenzial errechnet und dann addiert. Übrigens: Die von uns genannte Summe bezeichnet das Verbesserungspotenzial pro Jahr.

CW: Umso höher erscheint dieser Betrag. Damit stützen Sie die Argumentation der Anbieter von SCM-Software, die den Anwendern ihrer Produkte einen extrem schnellen Return on Investment versprechen. Aber wie lässt sich der konkret erreichen?

Zeller: Zum einen durch verminderte Lagerbestände, zum anderen durch günstigere Transaktionskosten, also einen reduzierten Personalbedarf. Hinzu kommen Umsätze, die andernfalls nicht erzielt worden wären: durch das Vermeiden von Stockouts, also Fehlbeständen in den Regalen, aber vor allem durch das Ausschöpfen neuer Absatzmöglichkeiten.

CW: Welcher zum Beispiel?

Zeller: Dazu gehört der Direktvertrieb via Internet. Zudem kann ein Unternehmen mit einer guten Supply-Chain-Performance schneller auf Verbraucherwünsche wie Modetrends reagieren und mit neuen Produkten auch neue Kundensegmente erschließen. Ein Beispiel dafür ist die Handy-Branche, wo Nokia auf diese Weise lange Zeit seine Mitbewerber hinter sich ließ. Beim WAP-Trend allerdings hatte dann Motorola wieder die Nase vorn, weil Nokia zunächst mit Lieferschwierigkeiten kämpfte.

CW: Es heißt immer wieder, künftig würden nicht mehr einzelne Unternehmen miteinander konkurrieren, sondern Supply Chains. Nun sind viele Zulieferer aber in unterschiedliche Lieferketten eingebunden ...

Zeller: ... und spielen dort jeweils unterschiedliche Rollen. Nokia bindet seine Lieferanten ganz anders ein als Motorola.

CW: Also müssen sich die Zulieferer an unterschiedliche Supply-Chain-Systeme anpassen.

Zeller: Das ist leider so - zumindest solange, wie es keine offenen Standards gibt.

CW: Haben solche Standards eine reelle Chance, oder gilt im Supply-Chain-Management das Gesetz des Stärkeren, sprich: des Endfertigers?

Zeller: Vorsicht! Nicht immer ist der OEM der stärkste Partner. Denken Sie beispielsweise an den Prozessorlieferanten Intel, der gemeinsam mit dem Softwareanbieter Microsoft den PC-Markt dominierte. Aber im Prinzip haben Sie Recht: Ein Automobilhersteller kann seinen Zulieferern durchaus sagen: Entweder ihr passt euch an, oder ihr seid draußen. Nur wenige Supplier auf der ersten Zuliefererebene wie zum Beispiel Bosch sind stark genug, Bedingungen zu stellen beziehungsweise selbst Druck auf ihre Lieferanten auszuüben.

CW: Welche Rolle spielen im Zusammenhang mit diesen Zulieferketten oder -netzen die E-Markets im Internet?

Zeller: Sie leisten einen Teil der Standardisierungsarbeit. Die elektronischen Marktplätze, die überleben werden, müssen auch Supply-Chain-Management-Funktionen bereitstellen.

CW: Einige Unternehmen schließen sich solchen Konsortien an, andere bauen lieber ihre eigenen Markplätze. Welche ist die bessere Strategie?

Zeller: Proprietäre Systeme zeichnen sich oft durch eine überlegene Performance aus. Das stellte beispielsweise die Handelskette Wal-Mart mit ihrem sehr erfolgreichen System "Retail Link" unter Beweis. Volkswagen und BMW haben beschlossen, nicht an dem von Daimler-Chrysler, Ford und General Motors initiierten Automobilmarkt "Covisint" teilzunehmen, sondern eigene Lösungen zu entwickeln. Diese Unternehmen definieren ihre Kernkompetenz offenbar anders als andere.

CW: An einer Standardisierung sind demnach vor allem die Zulieferer interessiert. Vielleicht bringt ja das Supply-Chain-Management nur für die starken Marktteilnehmer einen Vorteil?

Zeller: Nein, sicher nicht. Auch die Zulieferer profitieren von der höheren Planungssicherheit, den geringeren Lagerbeständen, den schnelleren Geldflüssen etc. Supply-Chain-Management sollte keinesfalls ein Nullsummenspiel sein. Der Endfertiger darf seinen Lagerbedarf nicht einfach auf seine Zulieferer abwälzen. Eine Win-win-Situation entsteht nur dann, wenn es gelingt, Lagerbestände durch Informationen zu ersetzen und entlang der Lieferantenkette die Transaktionskosten zu senken.