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11.03.1994

Prozesse des Kerngeschaefts sind zu automatisieren Die Prozessoptimierung wird erst durch moderne SW-Tools moeglich

Unternehmen aller Branchen stehen vor dem Zwang zur Verbesserung der eigenen Aufbau- und Ablauforganisation, um die derzeitige wirtschaftliche Krisensituation zu meistern. Re-Engineering oder allgemeiner "Business Process Management" beziehungsweise "Business Transformation" gilt in den USA laut "Business Week" bereits als "the hottest management concept since the quality movement". Wie Andreas Lenz* beschreibt, ist die Nutzung moderner Softwaretechniken und Methoden Voraussetzung dafuer.

Die Weiterentwicklung von Techniken wie Objektorientierung, wissensbasierte Systeme, grafische Benutzeroberflaechen, Client- Server und CASE haben zu dem BPA-Konzept (Business Process Automation) gefuehrt. BPA verfolgt die Automatisierung der Kernprozesse in einem Unternehmen. Das Beratungsinstitut Gartner Group geht davon aus, dass 1997 der Anteil von BPA an der Neuentwicklung von Anwendungen zirka 40 Prozent betragen wird (Abbildung 1).

Diese Prognosen versprechen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil fuer Unternehmen, die BPA nutzen. Derzeit schaetzen aber noch zu wenige Firmen die Bedeutung moderner Softwaretechniken fuer das Business Process Re-Engineering (BPR) richtig ein. Die genannten Techniken etablieren sich allzu haeufig lediglich als Nischenloesungen. Allenfalls das Client-Server- Konzept wird in uebergeordnete Sichtweisen eines Down- oder Rightsizing eingebettet; dies geschieht jedoch in erster Linie mit der Motivation, DV-Kosten zu sparen.

Das Kerngeschaeft steht im Mittelpunkt

Mit BPR wird eine Gestaltung von Geschaeftsprozessen verfolgt, die an den Unternehmenszielen ausgerichtet ist. Ein Geschaeftsprozess kann hierbei ganz allgemein als eine Aktion definiert werden, die durch einen Aufgabentraeger - dies kann ein Mensch oder eine Maschine sein - abgewickelt wird, und aus der Eingabe eines "Lieferanten" eine Ausgabe fuer einen "Kunden" erzeugt. Die Begriffe Lieferant und Kunde sind hierbei nicht woertlich zu nehmen; neben der damit angesprochenen Schnittstellenfunktion am Markt bezeichnen sie insbesondere das innerbetriebliche Zusammenspiel.

BPR stellt das Kerngeschaeft in den Mittelpunkt der Betrachtungen, das den eigentlichen Unternehmenszweck begruendet. Das kann in der Versicherungswirtschaft der Vertragsabschluss und die Schadenersatzleistung oder in der Fertigungsindustrie die Entwicklung, Produktion und der Vertrieb von Guetern sein.

Die informationsbezogenen Aktivitaeten, die im Zusammenhang mit diesem Kerngeschaeft anfallen, koennen grundsaetzlich von der Informationstechnik profitieren. Datenbanken ermoeglichen den Zugriff auf relevante Daten, Anwendungsprogramme unterstuetzen transaktionsorientierte Taetigkeiten, Executive Information Systems verdichten Informationen zur Entscheidungsunterstuetzung bei Planungs- und Kontrollfunktionen, Netzwerke liefern die kommunikationstechnische Infrastruktur, Buerokommunikationssysteme erleichtern die Bearbeitung von Dokumenten und Multimedia-Systeme erweitern das Spektrum der Darstellungsformen bis in den Video- und Audio-Bereich. Dieser Ueberblick macht deutlich: Traditionelle Software-Anwendungen sind darauf ausgelegt, das Datengeruest der Geschaeftsprozesse abzubilden, zu verdichten und aufzubereiten. Ein Re-Rngineering von Geschaeftsprozessen stellt jedoch komplexere Anforderungen an die unterstuetzende Software.

Um die Effizienz des Kerngeschaeftes zu erhoehen, die Produktqualitaet zu verbessern und die Kosten zu senken, muss die Durchfuehrung von Geschaeftsprozessen automatisiert werden. Fuer diesen Vorgang hat die Gartner Group den bereits erwaehnten Begriff "Business Process Automation" gepraegt. Mit BPA wird das Ziel verfolgt, Geschaeftsstrategien und -prozesse zu automatisieren, um relevante Entscheidungen in die Geschaeftsfunktionen einzubinden und auf diese Weise ihre Durchfuehrung und Kontrolle zu ermoeglichen. BPA ist somit ein wesentlicher Traeger von BPR, da es die informationstechnische Infrastruktur liefert. An BPR ist das Globalziel geknuepft, die organisatorische Zergliederung nach dem Prinzip der Arbeitsteilung aufzuheben und zu schlankeren Unternehmensstrukturen zu gelangen. Abteilungsgrenzen, die durch Taylorismus entstanden sind, sollen ueberschritten und Querschnittsfunktionen aufgebaut werden, die Synergien schaffen. Als treibende Kraft hinter BPR stehen nach einer Analyse der Gartner Group folgende Prinzipien:

- die Organisation nach Ergebnissen und nicht nach Aufgaben;

- die Verlagerung der Durchfuehrung von Geschaeftsprozessen an den Ort der Verwendung von Ergebnissen;

- die Einordnung der automatisierten Informationsverarbeitung in die realen Geschaeftsprozesse, die die Information produzieren;

- die Behandlung dezentraler wie zentraler Ressourcen;

- die Kombination paralleler Aktivitaeten und nicht die Zusammenfuehrung der Ergebnisse;

- die Verlagerung von Entscheidungen an den Punkt der Durchfuehrung von Geschaeftsprozessen und die Einbindung der Kontrollfunktionen in diese Prozesse;

- die Erfassung von Information an der Quelle.

Beispiele fuer erfolgreiche Anwendungen, die die genannten Kriterien beruecksichtigen, lassen sich in allen Branchen finden.

In der Versicherungswirtschaft ist dies zum Beispiel die Risikobeurteilung eines Antragstellers. Hier prueft der zustaendige Sachbearbeiter direkt bei der Erfassung eines Antrags die relevanten Daten und gleicht sie mit der Schadenserfahrung ab. Die Koelnische Rueck hat diesen Ansatz bereits im Bereich Leben verwirklicht, eine Erweiterung fuer den Bereich Krankenversicherung wird gerade fertiggestellt. In der Industrie waere hier die Generierung von Arbeitsplaenen in der Arbeitsvorbereitung anzufuehren, die die Erzeugung von Fertigungsstuecklisten integriert. Ein solches System wird bei der Deutschen Aerospace AG (DASA) eingesetzt.

Die beiden Beispiele sind als Schritte auf dem Weg zu einem umfassenden Point-of-Sale-System beziehungsweise einer automatisierten Fabrik zu verstehen. Sie zeigen damit eine weitere Zielsetzung auf, die mit BPA - und auch mit BPR - verbunden ist: Es soll nicht nur eine Stufe im Wertschoepfungsprozess eines Unternehmens monolithisch unterstuetzt, sondern es sollen mehrere Stufen des Wertschoepfungsprozesses miteinander verknuepft werden.

Eine Automatisierung derartiger dispositiver Taetigkeiten bei der Durchfuehrung des Kerngeschaefts fuehrt zu nachstehenden Leistungsmerkmalen, die von der eingesetzten Software abzudecken sind:

- Komplexitaet von Geschaeftsmodellen und Verarbeitungsprozessen,

- Ereignissteuerung fuer die Abarbeitung,

- Einbezug zahlreicher Datenquellen,

- teamorientierte Entwicklung und Wartung durch mehrere Abteilungen,

- Flexibilitaet und leichte Erweiterbarkeit.

Diese Leistungsmerkmale koennen nur moderne Softwaretechniken erfuellen, wie sie in Abbildung 2 dargestellt sind. Die regelbasierte Programmierung der Wissensverarbeitung ist darauf ausgerichtet, komplexe Logik abzubilden; wird sie mit der objektorientierten Programmierung kombiniert, koennen umfangreiche Geschaeftsmodelle implementiert werden. Ereignisgesteuerte Prozesse sind durch objektorientierte Programmierung auf natuerliche Weise zu realisieren; eine besondere Bedeutung kommt hierbei einer grafischen Benutzeroberflaeche zu. Verteilte Daten in einem Unternehmen zusammenzufuehren, ist die Domaene der Client-Server- Technik. CASE-Werkzeuge erleichtern teamorientierte Entwicklung und Wartung. Flexibilitaet und Erweiterbarkeit sind wiederum elementare Staerken wissensbasierter und objektorientierter Anwendungsentwicklung.

Softwaretechniken muessen zusammenwachsen

Die Gartner Group schreibt in diesem Zusammenhang der wissensbasierten Programmierung eine besondere Bedeutung zu. Dieser Ansatz, der als "Expertensystem-Technik" aufgrund des Beigeschmacks von "Kuenstlicher Intelligenz" vielfach geschmaeht wurde, hat schon immer die Analyse und Implementierung komplexer, logikintensiver Geschaeftsprozesse in den Mittelpunkt der Entwicklungsarbeit gestellt. Die Zielsetzungen, die mit BPA jetzt verfolgt werden, entsprechen auf idealtypische Weise den Intentionen der Wissensverarbeitung: die Verlagerung von Entscheidungen durch die Unterstuetzung von Mitarbeitern mit Querschnittskompetenz. So muss zum Beispiel in einem Vertriebssystem, das Leistungsangebote erstellen soll, nicht nur das Wissen fuer alle Leistungssparten enthalten sein, sondern darueber hinaus auch fuer die vertragsgestalterischen Aspekte, um einen Abschluss beim Kunden zu beschleunigen.

Typische Funktionen fuer das Kerngeschaeft im Finanzdienstleistungsbereich sind die Klassifikation von Risiken, die Ueberwachung von Datenmustern bei der Kreditkarten-Benutzung oder die Konfiguration von Leistungen als Portfolio, um nur einige zu nennen. Im industriellen Bereich sei an die Planung von Maschinenbelegungen oder die Konfiguration von Baukastenprodukten erinnert. Mit dieser Charakterisierung sind genau die Funktionen angesprochen, die wissensbasierte Systeme klassischerweise leisten.

Wissensbasierte Systeme werden bei der BPA-Realisierung jedoch nicht mehr aus einer gewissen Technologieverliebtheit heraus betrieben, wie es in der Vergangenheit bei der Erprobung dieser Technik haeufig der Fall war. Ihr Einsatz wird ausschliesslich durch den betrieblichen Beitrag im Sinne des BPR motiviert. Bedingt durch die Schluesselfunktion, die der Wissensverarbeitung fuer das BPA-Konzept zukommt, sieht die Gartner Group all jene Anbieter von BPA-Software im Vorteil, die in diesem Bereich ihren Ursprung haben. Die Wissensverarbeitung deckt jedoch nur ein Leistungsmerkmal ab. Daher ist darueber hinaus ein Zusammenwachsen der isoliert entstandenen modernen Softwaretechniken vonnoeten. Der Diebold Management Report 1993 kommt zu dem Schluss, dass die meisten Anbieter aus diesem Softwarezweig bereits diesem Trend folgen.

Um den BPA-Gedanken erfolgreich umzusetzen, sind nachfolgend aufgezeigte Entwicklungen zur Verbindung von objektorientierter und regelbasierter Programmierung, grafischen Benutzeroberflaechen, Client-Server- und CASE-Techniken in integrierten Entwicklungsumgebungen zwingend erforderlich.

Grosses Potential am Markt vorhanden

Fuer die wissensbasierte und objektorientierte Programmierung sind im einzelnen, aber auch in Kombination sicherlich nur noch Detailverbesserungen in ihrer Funktionalitaet zu erwarten. Sie haben sich als ausgereifte, stabile Programmierparadigmen bewaehrt, die auf einer Vielzahl von Plattformen portabel, performant und systemtechnisch integriert eingesetzt werden koennen. Wesentlich wichtiger sind die Definition und Etablierung von Standards durch die gestarteten Initiativen.

Im objektorientierten Bereich stellt sich als Zukunftsaufgabe die Definition von branchenspezifischen Geschaeftsprozessen als Klassenbibliotheken. Hier ist ein grosses Marktpotential fuer wieder-verwendbare Softwaremodule als neue Basis von Standardsoftware vorhanden. Erste Anwender der Objektorientierung haben mit der Analyse und Definition unternehmensspezifischer Module begonnen.

Branchenprozesse als Libraries definieren

Die Technik grafischer Benutzeroberflaechen hat bereits Einzug in integrierte Entwicklungsumgebungen gehalten. Die mitgelieferten Klassenbibliotheken koennen sich vom Leistungs- und Funktionsumfang her mit dedizierten GUI-Werkzeugen messen und erfuellen auch die zentrale Anforderung der Portabilitaet.

Die Zugriffsmoeglichkeit integrierter Entwicklungsumgebungen auf verteilte Daten durch Nutzung der Client-Server-Technik ist in einigen Faellen schon realisiert. Wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch das Vermeiden proprietaerer Loesungen zugunsten einer Ausrichtung an Industriestandards, wie er im PC-Bereich zum Beispiel durch ODBC (Open Database Connectivity) von Microsoft gesetzt wird. Darueber hinaus gewinnt die Kopplung mit der neuen Schicht der Client-Server-Middleware wachsende Bedeutung, um Anschluss an diese im Entstehen befindliche Welt der flexiblen Programmierung des Datenverkehrs zu erhalten.

In CASE-Werkzeuge haben objektorientierte Modellierungsmethoden Eingang gefunden, eine Client-Server-Funktionalitaet ist teilweise gegeben. Zusaetzlich laesst sich eine weitergehende Integration mit objektorientierten und wissensbasierten Entwicklungsumgebungen in der Form beobachten, dass ueber definierte Schnittstellen Elemente und Strukturen aus dem Repository eines CASE-Tools uebernommen und in spezifische Konstrukte der jeweiligen Entwicklungsumgebung ueberfuehrt werden koennen. Diese Transformation sollte zwar weitgehend automatisch erfolgen, jedoch zusaetzlich die Moeglichkeit einer flexiblen Anpassung bieten. Die CASE-Technik unterstuetzt die BPA-Orientierung ausserdem durch die Tatsache, dass zunehmend Softwarewerkzeuge auf den Markt kommen, die eine Modellierung auf der Ebene der Geschaeftsprozesse ermoeglichen.

Neben diesen softwaretechnischen Trends sind auch begleitende Entwicklungen in der Methodik fuer einen erfolgreichen BPA-Ansatz unabdingbar. Hierzu muessen die primaer systemanalytisch orientierten Vorgehensmodelle des Software-Engineerings jedoch erweitert werden, damit die Einbettung in ein BPR-Konzept sichergestellt werden kann. Abbildung 3 zeigt ein spezifisches Vorgehensmodell fuer BPA-Projekte. Wie im reinen Software- Engineering kommt hier den fruehen Phasen eine besondere Bedeutung zu, die in dem abgebildeten Modell in Analogie zur BPR- Bauherrentaetigkeit als Absicht und Architektur bezeichnet werden. Ausgangspunkt aller Aktivitaeten sind die von der Unternehmensleitung verfolgten Ziele (zum Beispiel Kostenminimierung, Qualitaetsverbesserung, Durchlaufzeitreduzierung), die die kritischen Erfolgsfaktoren bestimmen. Ihre Erfassung und Strukturierung in der Phase "Absicht" kann ueber den aus der Personalwirtschaft bekannten GOSPA-Ansatz (Goals, Objectives, Strategies, Plans, Activities) erfolgen. GOSPA ist ein Top-down-Verfahren, das von den Zielen (goals) ausgeht, die als Messlatte fuer den Erfolg definierten Aufgaben (objectives) vorgibt, und hierzu wiederum jeweils die zu verfolgenden Strategien, Plaene und Aktivitaeten ermittelt.

In der Phase "Architektur" hat es sich bewaehrt, ebenfalls auf Erkenntnisse aus dem Bereich moderner Softwaretechniken zurueckzugreifen. Auf Basis einer objektorientierten Erweiterung der Entity-Relationship-Methode kann mit einer einheitlichen Darstellungstechnik ein Geschaeftsbereich auf verschiedenen Ebenen abgebildet werden. Hierbei ist es moeglich, sowohl bottom-up vom Objektmodell ausgehend ueber die Ableitung des Taetigkeitsmodells das Prozessmodell zu gewinnen, als auch top-down von den Prozessen startend das Objektmodell zu konstruieren. Die in der gleichen Darstellungstechnik erarbeiteten Fall- und Ereignismodelle dienen jeweils dazu, das zentrale Prozessmodell zu verifizieren.

* Dr. Andreas Lenz ist Senior Consultant bei der Trinzic (Deutschland) GmbH in Koeln