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09.12.1994

Prozessor soll auch unter Excel falsch rechnen Intel will den Pentium-Chip nur in Ausnahmefaellen umtauschen CW-Bericht, Juergen Hill

MUENCHEN - Intel wehrt sich gegen eine breitangelegte Umtauschaktion der bemaengelten Pentium-Prozessoren. Ob der Chipgigant diesen Milliarden Dollar teuren Schritt vermeiden kann, ist fraglich geworden.

Entgegen ersten Angaben rechnet das CPU-Flaggschiff nicht nur in seltenen Faellen bei komplizierten Primzahldivisionen ab der neunten Dezimalstelle falsch, sondern zeigt auch bei manchen einfachen Divisionen (Beispiel: 5 505 001 : 294 911) an der vierten Stelle nach dem Komma Fehler.

Waehrend es urspruenglich bei Intel hiess, der FPU-Fehler (Floating Point Unit) der Pentium-CPU trete nur bei der Division der von Mathematikprofessor Nicely (vgl. CW Nr. 48 vom 2. Dezember 1994, Seite 12) gefundenen Primzahlen auf, kommen jetzt sogar bei einfachen Excel-Kalkulationen Maengel vor. Einem via Compuserve verbreiteten Spreadsheet zufolge soll der "P5" bei Renditeberechnungen von Aktien - Yield to Maturity (YTM) - mit der amerikanischen Excel-Version in 27 von 44 Faellen das falsche Ergebnis liefern.

Immer mehr Anwender beginnen an der urspruenglichen Intel- Behauptung zu zweifeln, wonach "der typische User von Tabellenkalkulationen nur alle 27 000 Jahre eine minimale Abweichung bemerkt". Inzwischen raeumt die Grove-Company selbst in einem offiziellen Schreiben vom 1. Dezember 1994 ein, dass der Benutzer gaengiger Finanzapplikationen auf Workstation-Rechnern gemaess der statistischen Wahrscheinlichkeit bereits alle 270 Jahre mit einem Fehler zu rechnen habe.

Ein CW-Redakteur, selbst im Besitz eines Pentium-Rechners, wandte sich als Privatperson an die deutsche Intel-Niederlassung in Feldkirchen bei Muenchen. Die Bemuehungen, korrekt rechnende CPUs zu bekommen, gerieten zu einer Art Spiessrutenlauf. Von Mitarbeiter zu Mitarbeiter weitergereicht, landete der Anrufer schliesslich bei der Rechtsabteilung der deutschen Intel-Niederlassung.

Dort versicherte ein Intel-Mitarbeiter dem Fragesteller zum wiederholten Male, dass der Fehler nur bei den Berechnungen von Professor Nicely auftrete, nicht aber bei anderen Zahlen. Zudem habe jeder Chip, so der Rechtsexperte weiter, kleine Fehler, aber im Augenblick gebe es gar keine Standardsoftware, die eine Genauigkeit bis zur siebten oder neunten Dezimalstelle verlange.

Darueber hinaus habe Intel nach Ruecksprache mit Microsoft und Lotus momentan nicht den geringsten Anhaltspunkt dafuer, dass es bei Spreadsheets wie Excel durch den Pentium zu irgendeiner Ungenauigkeit kommen koenne, da das MS-Produkt die FPU bei Divisionen nicht nutze. Auf den Einwand des Kunden, Intel koenne wohl kaum ausschliessen, dass der User in Zukunft mit einer Software arbeite, die diese Genauigkeit erfordere, erklaerte sich der Jurist bereit, die "Intel Lifetime Replacement Policy" zu faxen.

Nun hat der Anwender die Position Intels schwarz auf weiss:

"Wenn es die Genauigkeit einer Applikation waehrend der PC- Lebensdauer erfordert, wird Intel den Orginalprozessor kostenfrei gegen eine verbesserte (Orginaltext: updated) Version der Pentium- CPU austauschen."

Excel nutzt FPU als Turbolader

Ein Microsoft-Mitarbeiter, der anonym bleiben moechte, bestaetigte auf Anfrage der COMPUTERWOCHE, dass Excel sehr wohl die FPU nutze, denn warum solle man auf die Eigenschaften eines Bestandteiles verzichten, das auf Tabellenkalkulationen wirke wie ein Turbolader im Auto.

Zudem ergibt die Division von 5 505 001 : 294 911 unter Excel auf dem Pentium bereits bei der vierten Stelle hinter dem Komma ein falsches Ergebnis, waehrend der als Referenz benutzte 486er PC richtig rechnet. Mit diesem Beispiel konfrontiert, erklaert sich der Mitarbeiter der Intel-Rechtsabteilung bereit, den Austausch der CPU zu veranlassen, wenn der Kunde unbedingt Wert auf eine Rechengenauigkeit an der vierten Stelle hinter dem Komma lege.

Der Jurist versichert, den Anrufer auf eine Liste mit den Namen zu setzen, die nach Intel-Vorstellung Anspruch auf einen neuen Prozessor haben. Eine entsprechende Bestaetigung erfolge innerhalb der naechsten zehn Tage. Bis zum Austausch der CPU koennen, so der Intel-Jurist, ein bis drei Monate vergehen, da sich sechs Millionen CPUs nicht innerhalb weniger Tage auswechseln liessen.

Die Intel-Praxis, wonach der Kaeufer eines Pentiums nachweisen muss, dass er die Rechengenauigkeit des Prozessors in der Praxis auch wirklich benoetigt, stoesst bei Sigrid Lanzenberger, Rechtsreferentin bei der Verbraucherzentrale Bayern in Muenchen, auf Unverstaendnis. Lanzenberger zufolge hat der Kunde gemaess den Paragraphen 459 und 462 Buergerliches Gesetzbuch innerhalb von sechs Monaten nach Kauf Anspruch auf eine mangelfreie Ware, wobei es gleichgueltig sei, ob es sich um neue Schuhe, eine Waschmaschine oder komplexe Dinge wie Mikroprozessoren handle.

Ebensowenig sei es von Belang, ob der Fehler alle 27 000 Jahre auftrete. Wenn der Kunde im konkreten Fall einmal ein falsches Ergebnis nachweisen koenne, so reicht dies nach Auskunft der Rechtsreferentin, um davon auszugehen, dass das Produkt schadhaft sei.

Abschliessend raet die Verbraucherschuetzerin, sich nicht auf einen allzu langwierigen Briefwechsel einzulassen, da der Gewaehrleistungsanspruch nach sechs Monaten verjaehre. Deshalb sei es empfehlenswert, im Schadensfalle dem Anbieter eine konkrete Frist fuer die Mangelbehebung zu setzen.