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19.10.1990 - 

160 000 Briefe pro Stunde automatisch verteilt

Prozeßrechner steuert die Briefverteilanlagen im Postdienst

Zu den wichtigsten Aufgaben der Postverwaltungen in aller Welt gehört der Briefdienst. Tag für Tag nehmen über 160 nationale Postorganisationen rund 1 Milliarde Briefsendungen vom Absender entgegen, bearbeiten sie und stellen sie den Empfängern zu. Große Postverwaltungen kommen daher ohne Automationstechnik schon längst nicht mehr aus.

Die Postdienste der Deutschen Bundespost hat jährlich über 13 Milliarden Briefsendungen zu bearbeiten; das sind im Durchschnitt über 43 Millionen je Arbeitstag. 30 Millionen davon sind Briefe, Postkarten und Briefdrucksachen, die für die maschinelle Bearbeitung geeignet sind. Eine Menge, die flach aufeinandergeschichtet, die dreifache Höhe des Mount Everest erreichen würde. So steht die DBP wie auch die anderen großen Postverwaltungen vor einer schweren Aufgabe, zu deren Bewältigung eine flächendeckende Organisation, eine moderne Betriebstechnik sowie zahlreiche Transportmittel notwendig sind. Der Kontakt zum Kunden wird über eine Vielzahl von Annahmeschaltern 100 000 Briefkästen, Ausgabestellen, und 60 000 Briefzustellern hergestellt. Zwischen Annahme und Ablieferung liegt die Aufgabe, die riesigen Briefmengen nach Postleitzahlen (Bestimmungsorten) und nach Zustelladressen zu verteilen und dabei dem Anspruch der Kunden nach schneller Erledigung und niedrigen Gebühren zu entsprechen. Über den Einsatz von Maschinen für die Briefverteilung wurde daher schon recht früh nachgedacht.

Bereits Ende der 20er Jahre sind in den Niederlanden erste Versuche unternommen worden, Maschinen für die Verteilung von Briefen einzusetzen. Die Handverteilung hatte unter anderem den Nachteil, daß in Reichweite einer Arbeitskraft nur etwa 60 Verteilfächer angeordnet werden konnten. So waren mehrere Verteilstufen notwendig, um die Briefe nach der Vielzahl der Bestimmungsrichtungen zu trennen. Als Verbesserung schwebte den Posttechnikern ein Verteilapparat mit 100 oder mehr Ablagefächern vor. Es entstand eine Verteilmaschine mit Fachgestell und einem damit fest verbundenen Eingabeplatz. Der Eingabeplatz war mit einer Zifferntastatur ausgerüstet. Die Bedienkraft, der Operator, hatte die Briefe aus einem bereitgestellten Behälter zu entnehmen, den Bestimmungsort abzulesen und die zugehörige Fachnummer in die Tastatur einzugeben. Die Zuordnungsliste von Fachnummern und Bestimmungsorten mußte der "Operator" im Kopf haben. Nach dem Eintasten der Fachnummer war der Brief in den Zuführmechanismus der Maschine zu stecken.

Alles in allem eine Aufgabe für Spezialisten, die sich bei mäßigem Arbeitstempo voll konzentrieren mußten, um keine Fehler zu machen. Die Verteilleistung der Mechanik wurde durch das niedrige Arbeitstempo des Bedieners bestimmt.

Viele Schwachstellen der frühen Tastaturmaschinen sind im Laufe der Jahre durch technische und organistorische Maßnahmen behoben worden, der grundsätzliche Nachteil einer engen Abhängigkeit von Mensch und Maschine ist geblieben und führte schließlich zur automatischen Briefverteilung, die mit ihrer hochentwickelten Technik das Geschehen in modernen Postämtern bestimmt.

Nachdem der Zweite Weltkrieg die Aktivitäten für eine maschinelle Briefverteilung weitgehend zum Erliegen gebracht hatte, wurde schon bald nach Kriegsende das Thema wieder aufgenommen. Hierbei fiel der Deutschen Bundespost bald eine Schrittmacherrolle zu. Ziel war eine Briefverteilmaschine für Standardbriefe, die, ohne von der Eintastarbeit einer Bedienkraft direkt abhängig zu sein, autonom mit hoher Leistung und Zuverlässigkeit funktionieren sollte. Ein solcher Automat mußte die Fähigkeit haben, das Verteilkriterium direkt vom Brief abzulesen. Da das direkte maschinelle Lesen einer Adresse noch nicht möglich war, entschied sich die Deutsche Bundespost für eine maschinenlesbare Codierung der Briefe. Gleichzeitig fiel auch die Entscheidung

für eine vom Postkunden zu benutzende vierstellige Postleitzahl als Ziffernschlüssel für den Bestimmungsort. Diese bot unter anderem auch beste Voraussetzungen für das Umsetzen in einen maschinenlesbaren Binärcode.

Für die Realisierung des neuen Konzeptes übernahm 1958 Telefunken in Konstanz, damals eine Tochtergesellschaft der AEG, einen Entwicklungsauftrag, der zu einer großen Zahl von technischen Neuerungen führte und Grundlage für die Position war, die

die AEG auf diesem Gebiet heute weltweit einnimmt. Kernstücke der 1960 in Darmstadt installierten Versuchsanlage waren ein schnelllaufender, asynchroner Verteilautomat mit 100 Ablagefächern und ein mechanischer Codierarbeitsplatz. Mit einer Leistung von 20 000 Sendungen pro Stunde bot die Verteilmaschine günstige Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Einsatz. An dem Codierarbeitsplatz wurde die Adressenseite der Briefe automatisch zum Ablesen und Eintasten der Postleitzahlen präsentiert. Ein räumlich und zeitlich getrennter Betrieb von Verteilmaschine und Codiereinrichtungen war mit dieser Technik möglich geworden. Ein einmal codierter Brief konnte jetzt ohne weitere Handarbeit mehrfach automatisch verteilt werden. Die Arbeitsplatzbedingungen an den Codierplätzen konnten optimal gestaltet und dadurch die Arbeitsqualität gesteigert werden. Bis 1978 lieferte die AEG 15 Briefverteilanlagen in das In- und Ausland, die auf dem Konzept der Versuchsanlage aufbauten. Die Anlagen haben sich bewährt und sind zum Teil noch heute in Betrieb. 1978 kam mit der Inbetriebnahme der Briefverteilanlage im Postamt Wiesbaden durch die AEG eine neue Gerätegeneration zum Einsatz und mit ihr der Anschriftenleser, der für die Automatisierung im Briefdienst einen

Durchbruch bedeuten sollte.

Das Umsetzen der Postleitzahl in einen maschinenlesbaren Code durch Codierpersonal war von Anfang an als eine vorläufige Lösung angesehen worden. Gab es doch bereits erprobte Verfahren, die ein maschinelles Lesen von speziellen Schriftzeichen gestatten. Weiterentwicklungen waren vor allem in den USA im Gange. Briefanschriftenleser sollten wenigstens in der Lage sein, alle Maschinenschriften zu erkennen, mit denen in Deutschland etwa achtzig Prozent der Standardsendungen adressiert sind. Leistungsfähige Multifont-Leser (font = Schriftart) waren gefragt. Solche Geräte hatte der Markt 1972 nicht zu bieten, als das Thema für die Deutsche Bundespost aktuell wurde.

In diesem Jahr erhielt die AEG von der Deutschen Bundespost den Auftrag, das Funktionsmuster eines Anschriftenlesers für maschinenadressierte Standardbriefe zu entwickeln. Die AEG hatte mit ihren Arbeiten auf dem Gebiet der Zeichenerkennung im Forschungsinstitut Ulm zukunftsweisende und erfolgversprechende Ansätze entwickelt.

Individuelle Schriftarte und Schreibgewohnheiten

Zielsetzung war jetzt die Realisierung eines Briefanschriftenlesers mit einem Zeichenerkennungsverfahren, das, unter Nutzung von Methoden der statistischen Mathematik, in besonderer Weise auf der Programmierbarkeit und Leistungsfähigkeit neuester Datenverarbeitungstechnik aufbaute. Dabei war die flexible Anpassung an unterschiedliche Adressiergewohnheiten und Schriftarten wichtig. Um dieses Ziel zu erreichen, mußte in der Hardware- und Software-Entwicklung Neuland betreten werden. Umfangreiche Erhebungen durch die Deutsche Bundespost über die bei Briefanschrifte üblichen Schriftarten und Schreibgewohnheiten waren erforderlich.

1975 waren die Arbeiten am Funktionsmuster abgeschlossen; 1978 konnte die Deutsche Bundespost im Postamt Wiesbaden eine Briefverteilanlage mit dem Prototypen des neuen Briefanschriftenlesers in Betrieb nehmen. Für Sendungen, die als nicht lesbar vom Anschriftenleser zurückgewiesen wurden und manuell codiert werden mußten, war eine neuentwickelte Videocodieranlage mit Bildschirmarbeitsplätzen vorhanden. Auch diese Anlage, bei der die Briefadressen an Bildschirmen präsentiert wurden, stellte mit ihren nahezu idealen Arbeitsplatzbedingungen einen bedeutenden Fortschritt in der Briefverteiltechnik dar.

Vorbild für viele Installationen

Die Briefverteilanlage in Wiesbaden war mit den neuen Codiereinrichtungen und ihren Maschinen für die Grob- und Feinverteilung wegweisend für zahlreiche Installationen im In- und Ausland. Der technische Fortschritt zeigt sich besonders beim Briefanschriftenleser, der von der schnellen Weiterentwicklung der elektronischen Datenverarbeitung profitiert. Die Leistungsfähigkeit beim Lesern von Anschriften, dabei besonders beim Lesen von handgeschriebenen Postleitzahlen, ist erheblich gesteigert worden. Während bei der Anlage in Wiesbaden nur die Zeile mit Postleitzahl und Bestimmungsort ausgewertet wurde, können jetzt mehrere Zeilen einer Anschrift nutzbar gemacht werden. Der Briefanschriftenleser ist vom Multifont- nun auch zum Multiline-Leser

geworden. Damit können alle für die Briefzustellung wichtigen Teile der Anschrift, wie Straße, Hausnummer oder Postfachnummer, in den automatischen Verteilprozeß einbezogen werden.

Anschriftenleser werden heute auch mit Bildschirmarbeitsplätzen zu einem einzigen hocheffektiven Aggregat verbunden, in welchem vom Anschriftenleser nicht erkannte Sendungen automatisch während des Briefdurchlaufs dem Codierpersonal am Bildschirm präsentiert werden. Schließlich hat die hohe Effektivität der Anschriftenleser auch dazu geführt, daß in bestimmten Anwendungsfällen Briefe automatisch verteilt werden und auf Codierung völlig verzichtet wird. Bis heute sind bei der Deutschen Bundespost, im Rahmen eines noch nicht abgeschlossenen Ausrüstungsprogramms, 55 Briefverteilanlagen installiert. Bis zum Jahr 2000 wird mit etwa 90 automatisierten Zentren gerechnet. Die größten Verteilzentren der Deutschen Bundespost sind zur Zeit: das Postamt 3 in Frankfurt mit einer Verteilleistung von 160 000 Briefen pro Stunde, das Postamt Stuttgart 1 mit einer Leistung von 130 000 Briefen pro Stunde sowie das Postamt München 4 mit einer Leistung von 120 000 Briefen pro Stunde.

Auf dem Weltmarkt hat AEG seine führende Position vor allem gegen japanische Hersteller behauptet. Größter Kunde ist die US-Post, die allein 753 Anschriftenleser und 681 Verteilmaschinen des Typs HEG für die Bearbeitung von Standardbriefen beim amerikanischen Lizenznehmer in Auftrag gegeben hat.

Im Zuge des allgemeinen Fortschritts entwickelt sich auch dieTechnik. Zur Verteilung von Briefen immer weiter. Sie wird intelligenter, wird vom Menschen unabhängiger und damit effektiver. Das beim Standardbrief erworbene Wissen wird zunehmend

auch auf das maschinelle Verteilen von nicht standardisierten Briefsendungen angewendet. Im Zusammenhang mit den beträchtlichen Investitionen der Postverwaltungen für die automatische Briefverteilung wird immer wieder die Frage laut, ob neue Arten der Telekommunikation den Brief verdrängen können.

Dazu ist interessanterweise festzustellen, daß das Briefvolumen weltweit wächst, teilweise sogar erheblich. Offensichtlich wird die Abnahme im Bereich bestimmter Sendungsarten ausgeglichen oder gar übertroffen durch die Zunahme in anderen Bereichen. Die Vermutung liegt nahe, daß in den Industrieländern eine auf die Einzelperson gerichtete Werbung oder briefgebundene Serviceleistung eine wesentliche Rolle spielen. Nicht nur in den USA wird für die kommenden Jahre sogar ein deutlicher Anstieg der Briefmengen diagnostiziert. Es sieht so aus, als bliebe Automatisierung im Briefdienst auch in Zukunft ein interessantes Thema.

*Bernhard Hoehl ist freier Mitarbeiter der AEG, Telecom Obenstehender Anwenderbericht wurde dem AEG Technik Magazin, 1/90 mit freundlicher Genehmigung des Unternehmens entnommen. Er beruht nicht auf Recherchen der CW-Redaktion.

Problemlösung aus dem Bereich Sortiersysteme

Anwendungsunternehmen:

Postverwaltung der Deutschen Bundespost

Ansprechpartner:

Herr Blücher, Posttechnisches Zentralamt, Referat 3242

Ansprechpartner im Lieferunternehmen:

Herr Unmüßig, Systembereich Sortier- und Verteilsysteme

Hardware-Ausstatung:

Steuerrechner: Vax-Rechner von Digital, Leseelektronik von AEG

Software-Ausstatung:

Projektbezogene Individualsoftware von AEG