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31.07.1987 - 

IBMs neues Betriebssystem noch mit vielen Unwägbarkeiten behaftet:

PS/2 reißt MS-DOS-Anwender nicht vom Hocker

MÜNCHEN- Im Rummel um das noch nicht verfügbare Betriebssystem OS/2 üben sich DV-Anwender in Zurückhaltung. Zwar können IBM-Händler nach eigenen Angaben über eine rege Nachfrage nach den neuen PS/2-Modellen nicht klagen, doch stellen Betriebssystem, Software wie auch Kommunikationsmöglichkeiten die DV-Profis noch vor viele Rätsel. Deshalb bleiben viele Anwender vorerst beim bewährten MS-DOS-Standard.

Für viel Wirbel hatte hierzulande im April die Ankündigung von IBM gesorgt, mit der neuen System-Generation PS/2 nicht nur die "alten" PCs abzulösen, sondern auch einen neuen Betriebssystem-Standard einzuführen (vergleiche dazu auch "Thema der Woche" in CW Nr. 30, Seite 7). OS/2, das allerdings erst Anfang 1988 verfügbar ist, soll die neuen Rechner vor Nachbau schützen, dem Clone-Clan den Garaus machen und dem Marktführer verlorengegangene Marktanteile im PC-Geschäft zurückbringen. Für die Anwender erhebt sich seitdem die Frage, ob IBM die neue Rechnergeneration mit OS/2 tatsächlich gegenüber dem gängigen PC-Betriebssystem-Standard abschotten will. Dann nämlich säßen die Anwender zwischen zwei Stühlen und müßten sich definitiv für einen Standard entscheiden.

Doch unter Druck setzen lassen wollen sich hiesige DV-Anwender nicht. Denn, so winkt ein norddeutscher DV-Leiter ab, "nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird". Eher gelassen warten somit viele DV-Profis ab, bis der Tag X gekommen, sprich: das neue Betriebssystem und die Anwendungssoftware auf dem Markt, ist. Erst dann, so der einhellige Tenor, sei abzusehen, inwieweit die IBM ihre Absichtserklärungen vom April realisiert habe, und ob man tatsächlich das Betriebssystem wechseln müsse. Dann erst ließe sich auch feststellen, welche Entscheidungen hinsichtlich des neuen Betriebssystems zu treffen seien. Derzeit jedoch, so Walter Pröbe, DV-Leiter bei der Herta Artland Dörffler GmbH & Co. KG, Herten, lohne es sich nicht, intensiver über das neue Betriebssystem nachzudenken.

Millionen Anwender können nicht irren

Das Abwarten fällt natürlich vor allem jenen Anwendern leicht, bei denen derzeit keine neuen PC-Installationen anstehen. Aber auch DV-Verantwortliche, die jetzt PCs anschaffen müssen, sehen sich keineswegs in einem Entscheidungsnotstand. Nach dem Motto "Millionen MS-DOS-Anwender können sich nicht irren" werden zur Zeit nach wie vor PC-Installationen realisiert, die unter dem bewährten Betriebssystem MS-DOS laufen. So geschehen bei der Heilbronner Fiat Automobil AG, die derzeit rund 1000 MS-DOS-Rechner in ihrem Händlerverbund installiert. "Diese Entscheidung", betont DV/Org.-Leiter Jörk Spranger, "wurde uns leichtgemacht, weil IBM die neuen Systeme noch nicht liefern kann und bei Betriebssystem und Software noch viele Fragen offen sind."

Auch hinsichtlich der gerne ins Feld geführten APPC-Unterstützung im Rahmen der PS/2-Ankündigung (APPC: Advanced Program-to-Program Communications) müssen sich die Anwender in Geduld fassen. Unter dem derzeit nur verfügbaren DOS-Betriebssystem kann die von Big Blue geprägte Netzwerk-Norm - auch als LU 6.2 bekannt - nämlich nicht voll zum Tragen kommen. Teilweise sind die Benutzer nach Angaben von Brancheninsidern allerdings auch gar nicht so scharf auf dieses Feature. Diese Haltung trifft man sowohl auf dem deutschen als auch auf dem amerikanischen Markt an.

"Zwar interessieren sich die US-Benutzer ganz generell für APPC, aber bisher setzen es nur wenige ein. Dies liegt zum einen daran, daß lediglich ein kleiner Teil der Händler Support für die 1985 eingeführte Norm bieten kann. Andererseits untersucht man in den Firmen erst einmal, wie sich APPC am besten ausnutzen läßt", meint der Kommunikationsplanungs-Experte Dennis Gray von der Aetna Life Insurance Co. aus Hartford/Connecticut. Es handele sich um eine erst im Durchbruch befindliche Norm, auf deren Basis man noch neue Anwendungen realisieren müsse. Aber es bedürfe wohl noch geraumer Zeit bis zur Entwicklung solcher Applikationen. Unterdessen erfreut sich die 3270-Emulation weiterhin großer Beliebtheit. Laut Infoworld wollen viele Anwender auch gar nicht von diesem einseitigeren Datenaustausch-Strickmuster auf die Logical Unit (LU 6.2) umsteigen.

Als APPC-Benutzer kämen in erster Linie Unternehmen mit einer dreistufigen DV-Konzeption - bestehend aus PCs, Minicomputern und Mainframes - oder aber mit PS/2-Anlagen in Frage. Solche Anwendungen führten zu Kostenersparnissen, da man unter Umgehung des Großrechners direkt mit den Abteilungs-Systemen kommunizieren könne.

Um auf der Workstation-Seite in den vollen Genuß des Datenaustausches im "Peer-to-Peer-Verfahren" zu kommen, ist ein Umschwenken auf PS/2 und dessen Multitasking-Betriebssystem erforderlich. Momentan laufen sämtliche PS/2-Versionen unter DOS. Auch deutsche Anwender bewerten dies als Manko und tasten sich darum vorsichtig an den "Neuling" heran oder aber begnügen sich mit den DOS-Versionen des Systems. Entsprechend schwer tut man sich bei offiziellen Stellungnahmen.

Vielseitigkeit noch nicht gefragt

"Für mich sind das noch umgelegte Eier. Ich gehe aber davon aus, daß IBM sich an seine Ankündigungen hält", erklärt Alfred Lettmair, Org./DV-Leiter bei der Bayerischen Bau-Berufsgenossenschaft. Geordert wurden hier zwei Modelle 30 und ein Modell 50. Auf die Vielseitigkeit des Betriebssystems kommt es ihm gegenwärtig noch nicht so sehr an. Für die Entscheidung zugunsten von PS/2 sprachen bei ihm vielmehr die 3 1/2-Zoll-Diskette und die Anschlußmöglichkeit eines EKG-Programms im arbeitsmedizinischen Bereich, das auch mit 3 1/2-Zoll-Disketten arbeitet.

Bei der Rewe-Zentrale des gleichnamigen Verlages hingegen wird man in seiner Kritik schon etwas deutlicher. DV-Leiter Gerhard Lahr: "Es geht bei uns weniger um die Kommunikations-Software als um die durchgängige Software." So müsse ein auf dem Großrechner entwickeltes Programm auch auf einem kleineren Rechner laufen und umgekehrt. Die IBM habe dies zwar angekündigt, aber die Realität mit ihren vorhandenen Schnittstellen und Betriebssystemen sehe anders aus. Es gelte daher, abzuwarten und vorerst mit den bestehenden Anlagen weiterzuarbeiten.

Ein anderer Anwender aus dem hessischen Raum setzt in Hinblick auf kommende Updates und Veränderungen auf den vielberufenen Investitionsschutz der IBM. Demzufolge ließen sich bereits bestehende Applikationen unter MS-DOS auch mit dem noch ausstehenden Release weiter betreiben. Für die momentan anfallenden Aufgaben genüge aber die jetzige Systemausstattung. Die Anbindung des Modells 60 an den Großrechner habe man ins Auge gefaßt, jedoch "ist die Anschließerei im Moment noch nicht so dringend". Das System arbeite gegenwärtig "nur" als dedizierte kleine Maschine. Im übrigen habe ja schon festgestanden, daß höherwertige Betriebssysteme erst Anfang 1988 verfügbar sind.

Beim letzten von der COMPUTERWOCHE befragten Betrieb - hier möchte man ebenfalls inkognito bleiben - will man sich mit den DOS-Versionen des PS/2 nicht zufriedengeben, sondern hat die Einführung von BS/2 beziehungsweise OS/2 und ebenfalls die Nutzung von APPC bereits konkret ins Auge gefaßt. "Wir möchten mit BS/2 die Möglichkeiten des erweiterten Speichers nutzen und auch die Software, die für dieses Betriebssystem entwickelt wird." Die jetzige 640-Kilobyte-Grenze stelle in der Tat eine Einschränkung dar.

Man merke dies auch bei den Anwendungsprogrammen, weil sich bestimmte Funktionen eben nicht realisieren ließen. Bemängelt wird von diesem Unternehmen auch die fehlende Btx-Fähigkeit von PS/2 ab Modell 50 und die nicht gegebene Unterstützung beziehungsweise Emulation des 3270-Bildschirms, Modell 3 mit 32 Zeilen. Aufgrund der konstatierten Mängel bewertet dieser Anwender "die Neuankündigungen noch ein bißchen zurückhaltend" und wartet erst einmal ab.

Trotz 3270-Defizit große Stückzahlen

Ungeachtet des noch begrenzten Funktionsumfangs herrscht eine rege Nachfrage nach den neuen Systemen, was wiederum die IBM-Händler vor Probleme stellt. Vertriebsleiter Wolfgang Fries von Polisoft aus Hamburg: "Wir können gar nicht genügend Systeme bekommen. Wir verkaufen wesentlich mehr, als uns zur Verfügung stehen." Zögern konnte er auf der Kundenseite nur die ersten zwei bis drei Wochen nach der IBM-Ankündigung im April feststellen. Bei ihm bissen gleichermaßen Großkunden als auch kleinere Firmen an, wobei letztere das Modell 30 bevorzugten. Es seien auch viele kleinere Kunden, die vorher 10000 Mark für eine Systemeinheit mit Drucker plus Software für die Finanzbuchhaltung ausgeben mußten, mit den neuen Anlagen aber wesentlich billiger wegkämen. Im mittelständischen Bereich setze man PS/2 in erster Linie als Standalone-Lösung ein. Fries kommt weiterhin zu dem Schluß, daß größere Unternehmen oft zweigleisig fahren: "Betriebe, die mehrere hundert PCs mit entsprechender Großrechnereinbindung einsetzen, werden in den Zentralbereichen natürlich erst mal bei den alten Systemen bleiben." Solange kein 3270-Equipment für die Kommunikation zur Verfügung stünde, käme seiner Erfahrung nach auch ein Austausch nicht in Frage. So ließen sich die herkömmlichen Adapter nicht ohne weiteres in die neuen Anlagen "hereindrücken", weil hier eine andere Busstruktur - das sogenannte Microchannel-Prinzip - vorliege. Big Blue müsse an ausgesuchte Firmen Lizenzen zur Entwicklung einschlägiger Karten vergeben oder diese selbst herstellen. Trotz des 3270-Defizits orderten die Großkunden aber in großen Stückzahlen.

Angespannte Liefersituation

Eine angespannte Liefersituation bemerkt auch Hans-Ludwig Tillner vom Datenservice Hartmann aus Landau. Man habe bis zum "Eintrudeln" der Systeme ziemlich lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. So gebe es das Modell 50 erst seit drei und das Modell 60 erst seit gut einer Woche. Auch er bemängelt die noch fehlenden Funktionsmerkmale beim PS/2-System, wie zum Beispiel ein 5250-Adapter zum Anschluß an die IBM-Schrägstrichmodelle /36 und /38, sieht darin aber keine Besonderheit. "Der ganze Markt soll ja nicht kurzfristig umgekrempelt werden, sondern unsere Philosophie geht von einem langsamen Übergang aus. Auch die bisherige Haltung der IBM gibt uns recht." Üblicherweise seien nicht alle angekündigten Systemkomponenten und Funktionsmerkmale gleich verfügbar. Tillner: "Das wäre das erste Mal, daß die Aussage der IBM gestimmt hätte."