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18.12.1981

Pubertäre Begleiterscheinungen der EDV

Dr. Werner Rückriegel, Leitender Ministerialrat im Innenministerium von Nordrhein-Westfalen

Ist es vielleicht eine progressive oder sogar revolutionäre Geisteshaltung, die die Datenverarbeiter zur sprachlichen Absonderung von der Allgemeinheit und zu Abkürzungsexzessen veranlaßt? Während Konservative in Wortwahl und Grammatik die Tradition hochhalten, neigen Progressive zu einer Sprachauffassung, die die Sprache auf ihre instrumentelle Bedeutung, auf ihre Funktion, zurückführt, Träger von Information zu sein.

Revolution

Sind die Datenverarbeiter Progressive in diesem Sinne? Oder gar Revolutionäre? Revolutionäre verraten sich durch eine besondere, mit Fremdwörtern durchsetzte Sprache, sagt man. Dekuvrieren sich also die Datenverarbeiter durch ihre Fachsprache? Entspringt ihre Sprache einer revolutionären Grundhaltung, oder ist sie nur die logische Folge der umstürzlerischen Materie, mit der Datenverarbeiter umgehen, einer Materie, die herkömmliche Organisationsformen, Verfahren, Denkweisen nicht nur in Frage stellt, sondern gezielt ablösen, durch Neues ersetzen will. (Wohlgemerkt: Nicht nur beseitigen - dies rückte die Datenverarbeiter in die Nähe von Anarchisten - sondern ersetzen.) Und wenn Sprache Trägerin von Informationen ist: Wie sollte man denn wohl neue, "revolutionäre" Informationen in alte traditionelle Worte fassen?

Ähnliches ließe sich von der Sprache der Datenschützer sagen: Auch sie "transportiert" neues Gedankengut, gibt Erkenntnisse von einer neuen Sicht der Persönlichkeitsrechte weiter.

Sieht man das Phänomen dieser Fachsprachen so, dann sind ihr Entstehen und ihre Weiterentwicklung unausweichlich.

Gewisse sprachliche Eigenheiten mögen den Schluß nahelegen, in der Fachsprache der Datenverarbeiter als einer für die moderne Leistungsgesellschaft besonders typischen Gruppe würden in besonderer Weise die Zwänge dieser Leistungsgesellschaft sichtbar: vor allem der Zwang, sich durchzusetzen, sich um Gottes Willen nicht von einem anderen übertreffen zu lassen - sei es auch nur in der sprachlichen Ausdrucksweise. Und so neigen sie zu "Überzeichnungsetiketten", wie sie in den USA sogar in der Umgangssprache Eingang gefunden haben ("that's beautiful, just great, gorgeous!").

Auch andere Deutungen sind möglich:

So könnte vermutet werden, der Datenverarbeiter habe zu seinem Fachgegenstand eine geradezu erotische Beziehung; viele Wortschöpfungen der DV-Sprache (wie zum Beispiel Hardware, Software) könnten nur aus einer erotisch überhitzten Phantasie entstanden sein, wie sie sonst allenfalls zu Meisterwerken erotischer Literatur inspirieren.

Solche Deutungen sind freilich fern jeder Realität. Zu ihnen neigen am ehesten diejenigen, die ohnehin alles, was nach Erklärung verlangt, auf den Geschlechtstrieb zurückführen. Und außerdem diejenigen, die - mit mäßiger Kenntnis der englischen Sprache und völliger Unkenntnis der Datenverarbeitung ausgestattet - zum Beispiel "on-line" mit "auf dem Strich" übersetzen und sich dementsprechend unter einem "Online-Anschluß" die Kontaktaufnahme eines Strichmädchens (und unter "Job-Control" in diesem Zusammenhang wahrscheinlich eine Razzia der Sittenpolizei) vorstellen.

So unsicher und wissenschaftlich unbestätigt solche Deutungen sind, so sicher und "auf der Hand liegend" sind die Folgeerscheinungen der Fachsprache:

Je mehr die Sprache der Datenverarbeiter zur fachspezifischen, sozialgebundenen Gruppensprache wird, je mehr sie sich zum umfangreich aus gebauten, ständig gebrauchten Fachjargon verfestigt, um so unfähiger werden Datenverarbeiter, sich mit ihren Problemen Nicht-Datenverarbeitern gegenüber verständlich zu machen. Mag dies auf einer Stehparty noch angehen, auf der ein Datenverarbeiter, ein paar Fachsprachsätze über seine Arbeit lässig unter das gewöhnliche Volk streuend, als geheimnisumwitterter Magier unserer modernen Informationsgesellschaft bewundernde Blicke auf sich zieht. Gefährlich, ja manchmal tödlich wird es da, wo der Datenverarbeiter auf die Verständigung mit Nicht-Datenverarbeitern angewiesen ist, wo etwa -

zum Beispiel bei der Zusammenarbeit zwischen Fachabteilung und DV-Abteilung - von der Verständigung das Gelingen eines DV-Projektes ab hängt.

Als besonders gefährlich erweist sich in diesem Zusammenhang die oben beschriebene "Akne" (Abkürzungsneigung) der Datenverarbeiter. Die Erwartung der Datenverarbeiter (wenn sie überhaupt vorhanden sein sollte), ihr Metier und ihre Produkte bekämen durch phantasievolle Anlehnungen an bekannte Begriffe etwas Allgemeinverständliches, Menschlich-Warmes, trügt. In Wahrheit verstärkt der Hang zu Abkürzungen den Verschlüsselungscharakter der Fachsprache: Die Datenverarbeiter werden noch unverständlicher, und die Verständigungsschwierigkeiten durch selbstgeschaffene, kaum konsensfähige und aus sich heraus nicht verständliche Ankürzungen beeinträchtigen sogar die Kommunikation innerhalb der Gruppe der Datenverarbeiter.

Das für die DV-Sprache beschriebene Problem geht nahtlos über in die Problematik der Datenschutz-Sprache.

Ein wesentliches Anliegen der Datenschützer ist bekanntlich die "Transparenz" der Datenverarbeitung. Nun läßt sich möglicherweise sagen, daß die automatisierte Datenverarbeitung ein kompliziertes Gebiet sei; doch: Sie ist nicht undurchschaubar! Es sind die Datenverarbeiter selbst, die ihr Gebiet

für den Außenstehenden undurchschaubar machen: durch ihre Fachsprache und den Verschlüsselungscharakter ihrer Abkürzungen.

Um so erstaunlicher ist das Phänomen, daß die Personengruppe, die angetreten ist, die Intransparenz der Datenverarbeitung zu bekämpfen, ihrerseits Intransparenz schafft - durch ihre eigene Fachsprache.

Man könnte geneigt sein abzuwarten. In der Annahme, daß die DV-Sprache (insgesamt, zumindest aber in ihren Exzessen - und insbesondere in der "Akne") nur die pubertäre Begleiterscheinung einer jungen Phase moderner Technologie sei, könnte man zu der Nachsicht und Geduld raten, die man Jugendlichen entgegenbringt - hoffend, daß sich mit zunehmender Reife alles von selbst erledige. Aber diese Hoffnung trügt! "Das gibt sich", sagen manche Eltern von den Fehlern ihrer Kinder. Nein: Das gibt sich nicht, das entwickelt sich!

Extravaganz

Es bleibt in Wahrheit nur ein Weg: In einem bewußten Prozeß, einer mühsamen Daueranstrengung muß der Teil der Intransparenz wieder beseitigt werden, der nicht zwangsläufig Folge technischer Komplexität, sondern selbstverschuldete Konsequenz sprachlicher Extravaganz ist.

Diesen Weg zu gehen, ist nicht einfach. Es bedarf gewiß einer strengen Selbstdisziplin der Datenverarbeiter und eines langwierigen "Erziehungsprozesses". Wie zum Beispiel des folgenden:

Von einem hohen Verwaltungsbeamten wird berichtet, er sei zwar Jurist, aber dennoch für Fragen des Technik-Einsatzes und der ADV in der Verwaltung durchaus aufgeschlossen gewesen. Obwohl er selbst des einschlägigen Vokabulars hinreichend mächtig war (und "Teleprocessing" keineswegs für die neue Bezeichnung eines telefonischen Streitgesprächs mit dem Anwalt eines Prozeßgegners hielt), erwartete er von allen Mitarbeitern doch, daß sie sich auch bei der Darstellung von Problemen ihres Technik-geprägten Arbeitsbereiches allgemein-verständlich ausdrücken konnten. Eines Tages habe er zu einem längeren Vortrag einen Verwaltungsdatenverarbeiter empfangen, der zur Beförderung vorgeschlagen worden war. Fast eine Stunde lang habe er stirnrunzelnd die Fach- und Fremdwörter auf sich herabprasseln lassen, ab und zu zusammenzuckend, wenn ein gestelzter Satz in einer haarsträubenden Mischung aus Datenverarbeitungs- und Verwaltungsdeutsch ihm fast körperlich spürbare Leiden verursachte. Dann habe er den (mit sich selbst sehr zufriedenen) Vortragenden eine Weile bedauernd angeschaut und schließlich gesagt:

"Junger Mann, aufgrund Ihrer heutigen suboptimalen Präsentation bleibt Ihre Verwendung in höherer Position neuer Problemanalyse und weiterer Entschließung vorbehalten."

Was nichts anderes bedeutete ab: "Ob ich Sie befördere, muß ich mir noch sehr überlegen!"

Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und ist im Original im ÖVD 7-8/81 erschienen.