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01.03.1996 - 

Client-Server-Technologien/Gravierender Kenntnismangel wird deutlich

Qualifikation: Die Anwender stehen bald selbst im Obligo

Nicht zuletzt die Client-Server-Technologie hat die Benutzer der Vormundschaft durch die IV-Abteilung (Informationsverarbeitung) entrissen. Der kaum muendige Geist sucht Halt in den Urteilen der Spezialisten, in Kriterienkatalogen von Anbietern und den ausgetretenen Trampelpfaden von bis ins letzte Detail organisierten Anwendungen. Damit bleibt der Benutzer aber fremdbestimmt: frueher durch die DV-Abteilung, heute durch die Software-Anbieter (vgl. Abbildung 1).

Nach langer Industrieerfahrung haben die Autoren versucht, einen neuen Ansatz fuer den Benutzer zu finden, und haben Allgemeine Individuelle Anwendungssoftware ("Aibas") entwickelt, ein Rapid Application Development Tool (RADT) fuer technische und kaufmaennische Anwendungen wie Entscheidung, Planung, Steuerung, Ueberwachung und Analyse mit Referenzmodellen fuer PPS (Produktionsplanung und -steuerung), Leitstand, KPS (Kaufmaennsische Planung und Steuerung), Oekobilanzen etc. Ueber Masken-, Methoden und Menuegeneratoren kann der Benutzer die Referenzmodelle ohne jede Programmiersprache an seine Vorstellungen anpassen. Im folgenden sollen die Ergebnisse der Projekte von zehn Firmen aufgezeigt werden. Doch zunaechst eine Charakterisierung dieser Unternehmen (vgl. Tabelle 1 auf Seite 82):

Alle Unternehmen konnten das Konzept an ihren eigenen Anwendungen erproben oder zumindest kennenlernen. Die Reaktion in der Einstiegsphase war durchgehend enthusiastisch. Das bisherige Defizit in puncto Mitgestaltung und das neue Angebot, an der Entstehung der Anwendungen mitzuwirken, wurde voll erkannt.

Bei der Entscheidung ueber einen entsprechenden Einsatz sah die Reaktion allerdings ganz anders aus; auf den verschiedenen Unternehmensebenen laesst sie sich wie folgt zusammenfassen (vgl. Tabelle 2):

(In E, F, M ist das Tool eingesetzt, bei A ist die Software voruebergehend installiert.)

Diese Erfahrung macht auf erschreckende Weise deutlich, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen. Abgesehen davon, dass sich viele IV-Abteilungen nach wie vor an Grossrechnern und klassischer, weitgehend starrer Standardsoftware orientieren, liess sich beim Endbenutzer nirgendwo wirkliches Engagement feststellen.

Beurteilungsunsicherheit, Furcht vor der moeglicherweise entstehenden Verantwortung und vielfaches Desinteresse an jeglicher Mitgestaltung dominierten das Bild. Auf der Fuehrungsseite fehlen wichtige Impulse, um diesen Zustand zu aendern. Einige Auszuege aus den Gespraechsprotokollen:

-"Wir kennen unsere Ablaeufe nicht, wir wollen sie auch nicht gestalten. Die Software muss alle Moeglichkeiten abbilden, dann kann nichts passieren."

-"Wir vom Vorstand verstehen davon nichts, wir muessen uns an der IV-Abteilung orientieren."

-Zwei andere, hier nicht weiter aufgefuehrte Firmen, eine mit 100, eine mit 1000 Mitarbeitern: "Wir kennen unsere Anwendungen genau. Die Aufgaben von PPS und KPS wollen wir mit Excel und Word loesen."

Die ernuechternde Analyse legt die Fragestellung nahe, wo die Fehler fuer dieses Verhalten liegen, wie ein C/S-gerechtes Bild der Benutzer aussehen koennte und wie es zu realisieren ist.

Aufgrund der Moeglichkeiten, die C/S eroeffnet, wird die Auswahl von Software durchaus von den Fachabteilungen betrieben. Kriterienkataloge sind eine nuetzliche Hilfe fuer die Auswahl - soweit ihre Aussagefaehigkeit richtig eingeschaetzt wird. Was sagen schon 2000 oder 4000 Kriterien ueber ein komplexes Planungs- und Steuerungssystem. Zum einen ist eine solche Vielzahl von Kriterien fuer die Anwender nicht ueberschaubar, zum anderen ist das Ganze mehr oder unter Umstaenden auch weniger als die Summe seiner Details. Ein System mag sich ueber die einzelnen Kriterien sehr gut darstellen, und doch kann es in der Handhabung, der Wartung und dem zeitlichen Durchsatz unbefriedigend sein. Eine gewisse Abhilfe laesst sich mit mehreren Verdichtungsstufen der Kriterien schaffen. Letztendlich bleibt doch das Gespraech mit den Systemlieferanten der wichtigste Teil im Auswahlprozess.

Kriterienkataloge setzen haeufig Schwerpunkte in bestimmten anwendungsneutralen oder -spezifischen Feldern. Jedes Kriterienangebot beinhaltet eine Vorpraegung der Auswahl. Deshalb muss sich der Anweder vor dem Erwerb eines Katalogs darueber orientieren, wo dessen Schwerpunkt liegt und ob er seinen Beduerfnissen entspricht. Wir koennen hier den PPS-Katalog des Fachgebiets "Produktionsorganisation" der Uni Kassel als Beispiel nennen (da wir ihn selbst erstellt haben). Diese Kriteriensammlung besitzt zwei Schwerpunkte: die Integration beziehungsweise die Schnittstellen und die Werkzeuge. Ausrichtungsfeld sind die Anwender in Klein- und Mittelbetrieben.

Manche Kataloganbieter stellen gar ein Ranking der Anbieter auf und ermitteln so Sieger und Verlierer. Das duerfte verfehlt und irrefuehrend sein: Die Bewertung kann nur der Anwender selbst vornehmen. Was fuer das eine Unternehmen gut ist, kann fuer das andere schlecht sein (vgl. Tabelle 5).

Die Kriterienkataloge sollen nur als Anregung dienen und dem Anwender zeigen, welche Teilgebiete fuer ihn interessant sein koennten. Er muss selbst entscheiden, was fuer ihn wichtig ist. Ueberfluessige, nicht anwendbare Eigenschaften der Software und aktuell diskutierte Modetrends sind eher Ballast.

Der Anwender muss ebenso wie der Kataloganbieter darauf achten, dass er weder zu pauschal noch zu detailliert vorgeht. Die Verdichtungsstufen des Katalogs sind ein guter Ansatz fuer ein schrittweises Vorgehen. Voellig falsch waere es, in diesem Zusammenhang schon einzelne oder gar alle Dateien und Felder festzulegen. Das schraenkt die Auswahl unnoetig ein, abgesehen davon, dass sich solche Details mit der Zeit aendern. Darauf muss der Anwender achten: auf die Flexibilitaet des Systems. Er darf nicht nur den heutigen Zustand seines Unternehmens zugrunde legen. Er muss die absehbaren und moeglichen Aenderungen der naechsten zehn Jahre einbeziehen (vgl. Tabelle 4).

Fuer eine fundierte und erfolgreiche Auswahl und Anwendung von rechnergestuetzten Systemen muss mindestens jeder Mitarbeiter mit Fuehrungsfunktion die Aufgaben seines Arbeitsgebiets in die Systematik einer Planung, Steuerung, Ueberwachung und Analyse uebersetzen und mit den Grundfunktionen der Informationsverarbeitung verbinden koennen. Er muss auch die Schnittstellen-Anforderungen zu den Nachbarabteilungen kennen. Das setzt eine entsprechende Kompetenz auf diesem Gebiet voraus, die allerdings nur die wenigsten Mitarbeiter mitbringen.

Die Qualifikationsluecke wird um so offensichtlicher, je mehr die Verantwortung fuer die Informationsverarbeitung auf den einzelnen Mitarbeiter zukommt. War die Verantwortung frueher wegen der zentralistischen Techniken der Informationsverarbeitung stark auf die spezialisierten Personen dieser Abteilung konzentriert, denen allerdings die Aenderungserfahrung fehlt, so fordern die verteilten Konzepte einer Client-Server-Architektur heute einen kompetenten oder zumindest einen an der Gestaltung seiner eigenen Aufgaben interessierten Endbenutzer. Dabei geht es weniger um spezielle Programmierkenntnisse, diese sind mit den neuen Rechnerumgebungen ueberfluessig geworden oder zumindest von untergeordneter Bedeutung. Es geht vielmehr um ein allgemeines Verstaendnis, um die Faehigkeit, die eigenen Ablaeufe und Vorstellungen beschreiben zu koennen.

Die in den vergangenen Jahren immer wieder vorgebrachte Klage ueber die "Softwareluecke" ist aus den Journalen der Informationsverarbeitung verschwunden. Konnten die Endbenutzer frueher mit dem Finger auf die Informationsverarbeitung deuten und von ihr mehr Benutzernaehe, bessere Programmfunktionen etc. verlangen, sind heute die Endbenutzer selbst gefragt: Die Softwareluecke ist eine Qualifikationsluecke geworden. Nur wenn sie geschlossen wird, kann das gewaltige Rationalisierungspotential, das in rechnergestuetzten Planungs und -steuerungssystemen steckt, erschlossen werden. In bezug auf die Informationsverarbeitung sehen die Qualifikationsanforderungen fuer die Fuehrungskraft eines Anwendungsbereichs folgendermassen aus:

-Erfahrungen mit einer Programmiersprache sind ausdruecklich nicht erforderlich. Neuere Werkzeuge eruebrigen solche Anforderungen, und diese Tendenz wird sich sicherlich noch verstaerken. Allerdings sind derlei Kenntnisse ein guter Ansatz, um die Logik der Informationsverarbeitung zu verstehen. Es geht dabei nicht um Wissen, sondern um ein Verstehen, ein Gefuehl fuer das Metier. Von Vorteil sind das Wissen um:

-Hard- und Softwarekonzepte wie zentrale Verarbeitung, Client- Server, PC-Inseln etc.;

-Datenbanken und Netze, deren Grundfunktion und Nutzen;

-Sicherungs- und Schutzmechanismen;

-ergonomische Forderungen an Hardware (Arbeitsplatz) und Software und

-endbenutzergeeignete grafische Oberflaechen wie Windows sowie entsprechende Erfahrungen.

Aus seinem Aufgabengebiet muss der Fuehrungskader, um die Kriterien einer Anwendung richtig interpretieren zu koennen, folgendes einbringen:

-genaue Kenntnisse ueber den Arbeitsablauf in seinem Arbeitsbereich und seine diesbezueglichen Erfahrungen;

-Kenntnisse ueber die Auswirkung seiner Aufgaben auf benachbarte Bereiche;

-Kenntnisse ueber gaengige Verfahren zur Erledigung seiner Aufgaben inklusive seiner diesbezueglichen Erfahrungen.

-die Faehigkeit, seinen Informations- und Belegfluss zu strukturieren und abzubilden, sowie

-die Faehigkeit, die Verarbeitungsschritte fuer seine Daten zu beschreiben und abzubilden.

Das fuer die einzelnen Funktionsbereiche jeweils erforderliche Wissen laesst sich folgendem Schema entnehmen (vgl. Tabelle 3):

Je weiter dieses Wissen zum Endbenutzer vordringt, desto besser. Dann kann er seine Ablaeufe selbst bestimmen und braucht sich weder von der IV-Abteilung noch von einem Software-Anbieter bevormunden lassen. Allerdings ist Halbwissen noch gefaehrlicher als gar kein Wissen. Anbieter und industrienahe Schulungseinrichtungen, vor allem die Anwender selbst, sind aufgefordert, die Qualifikationsluecke zu schliessen, um weiteren vom Ausland bescherten Fuehrungskrisen wie die durch Kanban oder Lean Production kuenftig vorzubeugen (vgl. Abbildung 2).

(1) Der Fachbereich Produktionsorganisation der Uni Kassel wird im Wintersemester einen Versuch starten, Lehrveranstaltungen fuer die Industrie zu oeffnen.

*Prof. Dr.-Ing. Dr. oec. Refa-Informatiker Uwe Geitner, Universitaet, Gesamthochschule Kassel; Eberhard, Keller, SBG GmbH, Duernau.

Kurz & buendig

In der Einstiegsphase durchgehend enthusiastisch gaben sich Mitarbeiter aus zehn von der Universitaet Kassel befragten Unternehmen, als sie eingeladen wurden, an der Entwicklung von Client-Server-Anwendungen mitzuwirken. Als ueber den konkreten Einsatz entschieden werden sollte, war aber Zurueckhaltung angesagt: Man fuehlte sich nicht betroffen. Unsicherheit, Furcht vor der moeglicherweise entstehenden Verantwortung und Desinteresse an jeglicher Mitgestaltung bestimmten das Bild.