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17.01.1986 - 

Mikroelektronik als Schlüssel für produktive Arbeitsplätze:

Qualifizierung contra Job-Risiko in der DV-Branche

Weiterhin grünes Licht auf dem DV-Arbeitsmarkt signalisiert die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg den Arbeitnehmern im Marktsegment Informationsverarbeitung. Allerdings: Weiterbildung auf breiter Front tut not, sind sich Bundesregierung, Verbände und Institute einig. Kritisch beurteilt der DGB indes speziell die Rolle der Informatiker: "Sie müssen begreifen, daß sie Fachkräfte für den Abbau gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit sind.

Der gute Geschäftsgang bei Ausrüstungs- sowie technischen Gebrauchsgütern und Einführung technischer Neuerungen läßt auch den Bedarf an Ingenieuren, Datenverarbeitungsfachkräften und Naturwissenschaftlern steigen, kann die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg (BA) zu Beginn dieses Jahres feststellen. Von DV-Herstellern, Softwarehäusern und der Industrie wurden bisher vor allem berufserfahrene Anwendungs- und Systemprogrammierer sowie Informatiker gesucht. Ende Dezember 1985 waren bei den Arbeitsämtern 10 300 offene Stellen gemeldet. Dies sind 51 Prozent mehr als im vorvorigen Jahr. Damit erreichte das Stellenangebot den "hohen Stand" von 1980. Als arbeitslos wurden zu Ende 1985 in diesen Berufen immerhin 24 200 Personen ausgewiesen. Das sind, so die Nürnberger, 2300 - oder neun Prozent - weniger als 1984. Im März gab es in den ingenieur- und naturwissenschaftlichen Berufen insgesamt 410 500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Der Stand von 1984 wurde damit um 8300, also zwei vom Hundert, übertroffen.

Eine einfache Rechnung über zu erwartende neue Stellen in den kommenden Jahren stellt der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Professor Gerhard Fels, auf. Bis Ende dieses Jahrzehnts bezeichnet er einen Zuwachs von einer Million neuen Arbeitplätzen für "sehr realistisch". Voraussetzung sei allerdings, daß das Wirtschaftswachstum weiterhin um die drei Prozent betrage und die Chancen der neuen Techniken, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu verbessern, genützt wurden. Fels geht davon aus, daß dann zunehmend Beschäftigungen wie Planung, Steuerung und Überwachung von Fertigungsprozessen anfallen. Diese höherwertigen Tätigkeiten erforderten zunächst eine solide, berufsbezogene Grundausbildung. Weiterhin sei die ständige Bereitschaft gefragt, neues Fachwissen zu erwerben. Es gehe aber ebenso um flexible Ausbildungsordnungen, so der Direktor des Kölner Wirtschaftsinstituts, die den sich ändernden Berufsbildern angepaßt werden könnten.

Eine positive Beschäftigungsbilanz - vom eigentlichen Herstellungsbereich abgesehen - erwartet Fels neben Domänen, in denen neue Verfahren eingesetzt und Produkte entwickelt werden, auch von der Entfaltung eines modernen Dienstleistungssektors, der Distributions-, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, sowie Software, Beratung, Planung, Kommunikation, aber auch Kunst und Unterhaltung umfasse.

Spätestens bis Anfang der 90er Jahre rechnet der Kölner Wissenschaftler damit, daß sich der Beschäftigungszuwachs auf den Abbau der Arbeitslosigkeit voll auswirken werde. Die Nürnberger Bundesanstalt sieht Land: Das Wachstum werde sich dann - oberhalb des Produktivitätsfortschritts - direkt auf den Arbeitsmarkt auswirken.

"Vorausgreifende Anpassung" notwendig

Auch für Helmut Lohr, Vorsitzender des Zentralverbandes der Elektrotechnischen Industrie (ZVEI) in Frankfurt, gilt die Mikroelektronik weiterhin als der Schlüssel für produktive Arbeitsplätze. Es gäbe keine Option, auf diese Technik ganz oder teilweise zu verzichten. Im Gegenteil, ihre Anwendung sei bis an die Grenzen des technisch, ökonomisch und sozial Möglichen zu beschleunigen; um ihre beschäftigungsfördernde Wirkung voll ausnutzen zu können, muß nach Meinung des ZVEI-Vorsitzenden "vorausgreifende Anpassung" geleistet werden sowohl bei der Produkt- und Verfahrensinnovation von Unternehmen wie auch für die berufliche Qualifikation der Arbeitnehmer.

Lothar F. Sparberg, Vorsitzender der Geschäftsführung der IBM Deutschland GmbH, markiert künftig zusätzliche Beschäftigungsgewinne bei der Softwareherstellung, der

Telekommunikation sowie der Infrastruktur um die Informationstechnik herum. Ein Schub an neuen Arbeitsplätzen könne auch von dem Sektor Bürodienstleistungen - Beratung,

Assistenz und Kommunikation - erwartet werden. Der IBM-Boß konkretisiert notwendige Qualifizierungsmaßnahmen auf breiter Front: Neben Fertigkeiten und Kenntnissen für die Handhabung der Technik sei das Einüben von kommunikativem

Verhalten, die Fähigkeit, Informationen bewerten und auswählen zu können, das Verstehen von Grundzusammenhängen mindestens genauso wichtig. In Zeiten raschen technologischen Wandels sollte deshalb Weiterbildung viel höher als bisher bewertet werden, appelliert Sparberg an die Öffentliche Hand sowie die Tarifvertragsparteien.

Für eine Aus- und Fortbildung sei zu sorgen, so auch - last not least - Heinz Riesenhuber, Bundesminister für Forschung und Technologie, durch die genügend junge Menschen sowie im Berufsleben stehende lernen könnten, mit den neuen Techniken umzugehen.

Heinrich Franke, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, verweist in diesem Zusammenhang auf volle Kassen: Finanzielle Mittel zur Förderung, Umschulung und betrieblicher Einarbeitung für 450 000 Personen sind vorhanden. Denn für 1986 werden, weiß der Chef der Nürnberger Behörde, die arbeitsmarktpolitischen Instrumente wie Fortbildung, Einarbeitung und Umschulung mehr denn je gefordert sein. Die vorgesehenen Bildungs-Maßnahmen beinhalten denn auch, so ein Sprecher der BA, weitestgehend die moderne Technik: "Wir sind bemüht, Umschulung und Fortbildung auf dem neuesten Stand zu halten." Der Aufschwung bei den Arbeitsplätzen vollziehe sich in vielen Fällen nämlich nicht mehr so, daß alte Tätigkeitsbereiche wieder besetzt würden. Häufig seien es neue Arbeitsfelder in zudem anderen Wirtschaftszweigen, die gewandelte Qualifikationen forderten.

Offensive in Theorie und Praxis einleiten

Per Willensakt könne man die realen Tendenzen wohl kaum wegdefinieren, gibt in dem Chor der Meinungen die Gewerkschaftsseite zu bedenken: Als alleinige Lösungskonzeption für den Abbau der Erwerbslosigkeit erkennt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Weiterbildungsanstrengungen von Unternehmen nämlich nicht an. Schließlich müßten vor allem mehr offene Stellen als nachgefragte vorhanden sein. Ansonsten führe Fortbildung und Umschulung lediglich zu einer verschärften Konkurrenz unter den Arbeitnehmern, fördere aber kaum deren Zukunftschancen.

Berufliche Bildung als "Bonbon" verteilt

Die in der Qualifizierungsoffensive auch weiterhin geübte Praxis sei es, so der DGB, berufliche Bildung als "Bonbon" zu verteilen. In der mit neuer Technik gut ausgestatteten Automobilindustrie etwa wären es nur 0,25 Prozent der 600 000 zählenden Belegschaften - also etwa 1500 Arbeitskräfte -, die sich laufend in betrieblicher Weiterbildung befänden, belegt Ulrich Briefs von dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Köln. Jede Form der Weiterbildung in Betracht gezogen, ergäbe sich schließlich eine maximale Teilnehmerzahl von rund 30 000 im Jahr. Der DGB-Wissenschaftler rechnet, auf die Gesamtbelegschaft in dieser Branche bezogen, hoch: "Alle zwanzig Jahre käme also der Mitarbeiter in den Genuß von Weiterbildungsmaßnahmen".

Moderne Techniken machen, dies wird gerade von den Gewerkschaften anerkannt, eine erhebliche Wissensverbreiterung notwendig. Dabei ständen allerdings häufig, kritisiert Briefs, einseitige Reprofessionalisierungskonzepte im Vordergrund. Beispielsweise werde deutlich eine "Wiederentdeckung des Facharbeiters" betrieben. Der verengte Blickwinkel der Bildungsanstrengungen auch bei der Requalifizierung stimme nachdenklich: Diese Gruppe stelle lediglich einen kleinen Teil der Beschäftigten dar.

Qualifikation en masse - und das Faß schwappt über

Eine kurzfristige Angelegenheit, auch darüber sind sich Bundesregierung, Verbände sowie Institute und vor allem Unternehmen einig, bleibt die anstehende Aus-, Fort- und Weiterbildung keineswegs. Die Tendenz zur beruflichen Anpassung der Bewerber im gesamten Feld neuer Techniken wird sich über Jahre hinziehen, meint Briefs. Aktuelle Beispiele dafür, zunächst Kenntnisse über neue Systeme und unbeschrittene Wege zu erschließen, seien etwa die Systementwickler, Datenbankspezialisten oder DFÜ-Instruktoren. Auf lange Sicht indes herrschten die Bedingungen einer Höherqualifizierung allerdings nicht vor. Sei der erforderliche Kenntnisstand einmal erreicht - so bleibe zu fürchten - bildeten sich die Qualifikationsanforderungen wieder zurück und würden Arbeitsplätze abgebaut. Dequalifizierungstendenzen wären derzeit etwa schon bei dem "Industrialisierungsprozeß der Programmierarbeit" zu beobachten.