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05.01.1996 - 

Multimediale Lernprogramme legen zuwenig Wert auf Didaktik

Qualitaetssicherung brennt den Verantwortlichen auf den Naegeln

"Wir machen uns um die Qualitaet des Angebotes grosse Sorgen", bilanziert Alexander Felsenberg die bisherige Entwicklung im deutschen Multimedia-Markt. Die sich insbesondere aus Anbietern und Produzenten von Multimedia zusammensetzenden Mitglieder des Dmmv (Deutschen Multimedia-Verbandes) haben erkannt, dass das Durcheinander von unterschiedlichen Produkten und Qualitaetskennzeichen weder den Anbietern noch den Anwendern Orientierung vermittelt. Zudem seien die Qualifikationswege in die Multimedia-Berufe, wie Felsenberg kritisiert, kaum nachvollziehbar.

Die Initiative der Produzenten und Hersteller wie Pixelpark, MacGuffin oder Kabel New Media, einen Verband zu gruenden, wird zunaechst begruesst. Dennoch gibt es Zweifel, ob die von Anbietern zurechtgelegten Qualitaetskategorien die Beduerfnisse der Anwender beruecksichtigen. Denn die nicht nur prognostizierte, sondern auch losgetretene Nachfragelawine nach professionellen Multimedia- Produzenten verlangt nach ueberzeugenden Konzepten insbesondere in der Aus- und Weiterbildung.

"Wie soll innerhalb von zehn Monaten aus einem Elektrotechniker ein Multimedia-Designer werden?" spoettelt zum Beispiel Erich Burmeister ueber das Angebot an recht fragwuerdigen Weiterbildungskursen. Auf solche Durchlauferhitzungs-Modelle mit Mogelpackungen wie dem "Multimedia-Designer" gibt der Geschaeftsfuehrer des in Essen ansaessigen ca.medien.collegs keinen Pfifferling. Wer mit derartigen Verlockungen arbeite, erweise der gesamten Branche einen Baerendienst.

Im Essener Institut haben bislang rund 50 Teilnehmer aus dem Bereich der klassischen Druckvorstufe, aber auch Geistes- und Sozialwissenschaftler das gefragte Multimedia-Handwerkszeug erlernt und dafuer ein Zertifikat erhalten. Burmeister spricht von einer riesigen Nachfrage nach professionellen Anwendungen innerhalb der naechsten fuenf Jahre. Neben technisch versierten Handwerkern wuerden bereits heute Organisatoren, Konzeptioner und Lehrkraefte haenderingend gesucht.

Ein lohnendes Terrain fuer die Multimedia-Schmieden ist der Markt im Umfeld von Entertainment, Infotainment und Edutainment. Einige Produzenten haben sich bereits mit den grossen Spiele- und Schulbuchverlagen verbandelt, die massiv in den CD-ROM-Markt eingreifen. Laut einer vom Dmmv vorgelegten Marktstudie sind in Deutschland bisher 2,5 Millionen CD-ROM-Laufwerke in rund sieben Millionen Rechnern installiert. Nach Angaben des Verbandes kommen etwa 1000 Titel pro Jahr auf den deutschen Markt, die eine durchschnittliche Auflage von 6300 Stueck erreichten.

Waehrend Titel wie das Universallexikon von Bertelsmann oder CDs der Unterhaltungsbranche rund hun-derttausendmal ueber den Ladentisch gehen, muessen sich Angebote wie Stephen Hawkings "Eine kurze Geschichte der Zeit" mit knapp ueber 10000 verkauften Exemplaren begnuegen. Um den neuen lukrativen Markt zu erschliessen, favorisieren die Verlage recht unterschiedliche Strategien. Im Angebot sind Eigen- und Koproduktionen sowie lizenzierte Titel.

"Ein augenfaelliges Qualitaetskriterium", erklaert Ralf Braeuer von der Firma Panvision aus Essen, "ist die individuelle Programmentwicklung, bei der auf den Einsatz von Standard-Toolkits verzichtet worden ist." Sowohl bei den Entwicklern als auch bei der verantwortlichen Projektgruppe des Verlages geben paedagogische Fachkraefte den Ton an. Sie achten darauf, dass eine hohe didaktische Qualitaet gewaehrleistet ist und die kulturelle Identitaet des Umfeldes gewahrt bleibt. "In der Regel werden die Programme aus den USA einfach auf den deutschen Markt uebertragen und angepasst", kritisiert nicht nur Braeuer die Strategie vieler Verlage.

Spass und Lernen muessen sich nicht ausschliessen

Waehrend Panvision mit dem Westermann-Verlag zusammenarbeitet und neben Fremdsprachenprogrammen auch interaktive Lernsysteme fuer Kinder im Vor- und Grundschulalter entwickelt, setzt Ravensburger Interactive, juengster Geschaeftsbereich des gleichnamigen Spieleanbieters, auf die Kooperation mit dem Multimedia-Pionier Pixelpark aus Berlin.

Kaum im Geschaeft, und schon faehrt man die Ernte ein: Mit der CD- ROM "Bitte nicht stoeren!", einem interaktiven Edutainment-Titel fuer die zwoelf- bis 16jaehrigen, verdiente sich Ravensburger Interactive die ersten Lorbeeren. Pubertaet, multimedial aufbereitet, mit der gesamten Themenpalette von Pickel bis Porno, liess die Herzen der Juroren hoeher schlagen. Auf der Frankfurter Buchmesse erhielt man den "Emma Award", der vor allem in der Entwicklerszene sehr angesehen ist, sowie den Preis "digita 95", der vom Berliner Institut fuer Bildung in der Informationsgesellschaft fuer die wertvollste Bildungssoftware verliehen wird.

Spass und Lernen muessten sich nicht ausschliessen, urteilte die Jury aus Industrie, Bildung und Medien. "Bitte nicht stoeren!" biete hohes inhaltliches Niveau und praezise Information. In witziger und unterhaltsamer Weise kaemen Charaktere zu Wort, die aussehen und sprechen wie die Kids von heute. Befluegelt von diesem Superstart, schlossen die Wuerttemberger gleich drei Lizenzvertraege mit amerikanischen Unternehmen. Um sich langfristig im boomenden CD- ROM-Markt zu etablieren, werden erfolgreiche Titel von Headbone Interactive, Humongous Entertainment und Logo Computer Systems an den deutschsprachigen Markt angepasst.

Unlaengst wurde von Kommunikationswissenschaftlern und Medienpaedagogen die Lernwelt "World on screen" ins Leben gerufen, eine Initiative der Muenchner Stiftung Lernen. Vorstand Dieter Kamm, zugleich Direktor der Gruenwalder FWU (Film in Wissenschaft und Unterricht) und Mitinitiator mehrerer Multimedia-Projekte in der Bundesrepublik: "World on screen zeigt die Verknuepfung des computergestuetzten mit dem traditionellen Lernen. Besucher koennen sich Lernsoftware an einzelnen PCs anschauen, in Workshops live an Projekten mitarbeiten oder mit Lehrern darueber diskutieren, welche Lernprogramme paedagogisch zu empfehlen sind."

Kamm will "World on screen" zu einer Bildungseinrichtung machen, die spaeter in Schulen und Museen ihren festen Standort haben soll. "Wir wollen heute das Lernen von morgen zeigen, Angst nehmen vor der Veraenderung des Bildungssystems und paedagogisch durchdachte Modelle aufzeigen."

"Lernwelt Schule"empfiehlt Programme

Eine vergleichbare Einrichtung ist das Software-Dokumentations- und Informationssystem Sodis. Mit Unterstuetzung dieser Datenbank, die beim Landesinstitut fuer Schule und Weiterbildung in Soest eingerichtet ist, kann eine umfassende Bewertung des deutschen Lernsoftware-Marktes vorgenommen werden. Sie richtet sich insbesondere an Lehrer, die zur Unterstuetzung des Unterrichts und vor allem des Lernens in Projekten auf das mediale Angebot zurueckgreifen moechten. "Noch wird von dem Angebot allerdings zuwenig Gebrauch gemacht", berichtet Sodis-Mitarbeiter Willi van Lueck. Denn die Integration der neuen Medien in deutschen Schulen sei eben mangelhaft.

Insgesamt gibt es nur vereinzelte Informationen darueber, welche Angebote paedagogisch sinnvoll sind, kritisiert Kamm. Fuer den Bereich der Medienpaedagogik wurde deshalb die Monatszeitschrift "Lernwelt Schule" ins Leben gerufen, die regelmaessig ueber empfehlenswerte Programme berichtet. Die Publikation versteht sich als Dialogplattform zwischen Schuelern, Eltern und Lehrern und soll, wie Herausgeber Kamm hofft, "bald auch online gehen". Bei den meisten Initiativen befindet sich die berufliche Bildung erst noch in Warteposition. Kamm sieht vor allem eine sinnvolle Verknuepfung mit der Erwachsenenbildung. Ende November erst nutzte er ein Treffen der deutschsprachigen Volkshochschulen in Zuerich, um auf das notwendige Engagement im multimedialen Bereich aufmerksam zu machen. Als Ergebnis der Tagung tuefteln derzeit die Direktoren der Berliner Volkshochschulen an einem interaktiven Projekt.