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19.08.1988

Quo vadis UNIX?

Thomas Kraus\Mitarbeiter der Redaktion von Elektronik, München

Verzogen haben sich die Rauchwolken, die Blitze des Feuerwerks sind längst erloschen. Verwundert jedoch steht noch immer der Betrachter und reibt sich die Augen: Was beim heiligen Silicon, ist hier geschehen? Versammelt hatten auf den olympischen Höhen von Genf und New York sich die Computer-Giganten und donnernd kundgetan: ein Ende wollten sie setzen dem Übel der Zersplitterung und gemeinsam wirken für den Betriebssystem-Standard. Und sie hoben ein Kind aus der Taufe, das da hieß "OSF", welches erreichen soll die beschworene Einheit - auf daß es dem Anwender wohlergehe.

Der aber starrt bangen Herzens hinauf zu den Gewaltigen und weiß nicht recht, ob er lachen oder weinen soll. Dämmert ihm doch, daß die Geburtsstunde dieser Koalition namens Open Software Foundation (OSF), auf deren Fahne Gemeinsamkeit steht, auch die Stunde der Abgrenzung von anderen Großen der Branche bedeutet. Wobei pikanterweise fast alle sieben Gründungsmitglieder der OSF (Apollo, Bull, DEC, HP, IBM, Nixdorf und Siemens) einem weiteren Club angehören, nämlich der X/Open-Gruppe, die nahezu die gleichen Ziele verfolgt: Standardisierung der Unix-Umgebung. In diesem Club sind allerdings auch Sun und AT&T Mitglieder, letztere Lizenzgeberin für Unix und seit kurzem mit Sun über eine Beteiligung verbunden.

Seit wann, so fragt sich nun der unbedarfte Computer-Benutzer, erreicht man mehr Einheit dadurch, daß man immer mehr Vereine ins Leben ruft, die die Wege zur propagierten Einheit bereiten sollen? Oder sollen etwa diese Wege gar nicht so schnell geebnet sein? Und wenn, dann zumindest so, daß sie für keinen leichter und schneller begehbar sind als für den letzten auch?

Die in den Augen der anderen anscheinend sündige Vereinigung von AT&T und Sun hat wohl den Verdacht genährt, daß hier Wettbewerbsvorteile entstehen könnten und die Herstellerunabhängigkeit von Unix untergraben würde. Nicht umsonst setzte sich Apollo ñ neben IBM (zu diesem Zeitpunkt) einziges Nicht-X/Open-Mitglied ñ an die Spitze der OSF-Bewegung: schließlich ist Sun Hauptkonkurrent des Workstation-Herstellers.

Doch wohin fährt der unter derart großem Getöse gestartete Zug jetzt? Antwort: In die Gefilde einer so unbeflecktreinen Herstellerunabhängigkeit, daß die Basis des auf geheimnisvolle Weise neu zu schaffenden Betriebssystems AIX von IBM sein soll. Und der blaue Riese kann sich in seine große Faust lachen, begeben sich die anderen doch ganz aus freien Stücken auf diese Grundlage. Was bedeutet, daß auch im Unix-Markt, der bislang alles andere als eine Domäne der IBM war, der rote Teppich für den Branchen-Herrscher ausgerollt wird. Der kann sich damit weiterhin sagen: Wenn schon Standards, dann solche, die wir prägen.

Da aber die Wege der IBM fast so unerforschlich sind wie die Ratschlüsse des Herrn, stürzen Markt-Auguren und Strategie-Analytiker so häufig in Verzweiflung ob der scheinbar unverständlichen Schachzüge. Wen kann es da noch ernsthaft verwundern, daß nur wenige Wochen nach Gründung der OSF die allgewaltige IBM Mitglied bei der X/Open-Gruppe werden will?

Das muß keineswegs heißen, daß die OSF bereits in Siechtum verfallen ist, bevor sie noch aus den Windeln gekommen war.

Da ihr Zweck offenbar ein politischer ist (denn was sollte die OSF können, was die X/Open-Gruppe nicht genausogut hätte leisten können?), ist es für die Initiatoren schlechterdings unerheblich, unter welchem Dach dieser Zweck letztlich erreicht wird. Die Demonstration der geballten Marktmacht dürfte ihre Wirkung kaum verfehlen und Störenfriede früher oder später auch ins Glied zwingen. Einerlei, ob die OSF hierbei substantiell oder nur formal eine tragende Rolle spielt.

Doch was besagten Anwender angeht, seinen Nutzen an diesem Spektakel ñ das steht auf einem ganz anderen Blatt; schließlich kam auch keiner der OSF-Verantwortlichen auf den Gedanken, den Ärmsten nach seiner bescheidenen Meinung zu fragen. So bleibt ihm schließlich nichts außer einer großen Verwirrung. Und die Überzeugung, daß der Erfolg von Unix anhalten wird, wie und wann auch immer die Standardisierungsbemühungen enden mögen. Alle Marktdaten, alle Prognosen geben ihm dabei recht. Und so wendet er seinen Blick zurück von den umwölkten Höhen hinab in die Niederungen des Alltagsgeschäfts und betrachtet, was ihm heute, greifbar schon, geboten wird.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus Elektronik 15 vom

22. 7. 1988