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29.10.1993

R/3-Einsatz im Stammhaus der Wuerth-Gruppe: Trotz dezentraler Loesung die Buchhaltung im Griff behalten Von Ulf Bauernfeind*

Seit Mitte April 1993 setzt die Wuerth-Gruppe im Stammhaus Kuenzelsau-Gaisbach ein R/3-System fuer das Finanzwesen ein. Mit dieser Client-Server-Applikation wurde eine klassische Host- Anwendung abgeloest.

Die Wuerth-Gruppe ist ein expandierendes Unternehmen mit 82 operativen Firmen in 36 Laendern, das sich mit dem Handel von Teilen aus der Befestigungstechnik befasst. Kernmaerkte fuer die Produkte sind das holz- und das metallverarbeitende sowie das Kfz- Handwerk. Die Zahl der Beschaeftigen liegt bei rund 12600. Fuer 1993 wird ein Gesamtumsatz von 3,3 Milliarden Mark angepeilt (nach 3,1 Milliarden DM im Jahr 1992).

Das Unternehmen ist nach dem Matrix-Prinzip organisiert. Es besitzt eine strikt dezentrale Fuehrungsstruktur. Die Gesellschaften in den einzelnen Laendern operieren und bilanzieren selbstaendig. Sie unterscheiden sich in der Groesse und der betrieblichen Ablauforganisation. So reicht das Spektrum vom Zwei- Mann-Betrieb bis zur Adolf Wuerth GmbH & Co. KG mit rund 3000 Mitarbeitern. Das kleinste Unternehmen der Gruppe bedient etwa 500 Kunden, das Stammhaus verfuegt ueber mehr als 350000 Kunden. Je nach Firma liegt das Artikelangebot zwischen 2000 und 70000 Varianten, wobei pro Tag 20 bis 12000 Auftraege abgewickelt werden.

Das streng dezentralistische Konzept der Wuerth-Gruppe praegt auch die Struktur der Informationsverarbeitung. Ausgerichtet auf die jeweiligen Beduerfnisse sind an den einzelnen Standorten stark divergierende Systeme eingesetzt. Das Spektrum reicht heute vom MVS-Host ueber 8870- und AS/400-Abteilungsrechner sowie eine zunehmende Anzahl von Unix-Systemen verschiedener Hersteller bis hin zu MS-DOS-basierten PC-Netzen.

1978 hat Wuerth eine Arbeitsgruppe fuer die Koordination der DV- Aktivitaeten in den auslaendischen Gesellschaften gegruendet. Ziel war es, moeglichst ueberall die gleiche Software einzusetzen. Harald Unkelbach, Geschaeftsfuehrer der Adolf Wuerth GmbH & Co. KG, erinnert sich: "Das war damals natuerlich ein frommer Wunsch, besonders bei einem Unternehmen, das von der Massenbuchhaltung eines Grossunternehmens bis zur Einzelbuchhaltung eines Kleinbetriebes alle Arten und Auspraegungen des Rechnungswesens per DV zu unterstuetzen hat." Mit der betriebswirtschaftlichen Software "Comet", die in vielen Auslandsgesellschaften von Wuerth seit Mitte der 80er Jahre eingesetzt wurde, gelang es dem Unternehmen erstmals, ein Anwendungspaket zu internationalisieren und mit Standard-Schnittstellen zu den lokalen Finanzbuchhaltungen zu versehen.

Im Lauf der letzten Jahre wurde von verschiedenen Seiten immer wieder der Einsatz des R/2-Finanzpaketes gefordert. Doch waere mit dieser Software wegen ihres Ressourcenbedarfs keine einheitliche DV-Unterstuetzung des Rechnungswesens fuer die unterschiedlich grossen Wuerth-Gesellschaften zu realisieren gewesen. Geschaeftsfuehrer Unkelbach ergaenzt: "Zudem haette dies ein Verbleiben in einer geschlossenen DV-Welt bedeutet. Das Unternehmen wollte jedoch weg von einer Herstellerbindung und damit auch weg vom Betriebssystem MVS."

Bereits 1986 entschied sich die Wuerth-Gruppe grundsaetzlich fuer den Einsatz von offenen Systemen. 1988 installierte die niederlaendische Landesgesellschaft den ersten Unix-Rechner, ein Targon-System. Bis Maerz 1991 haben sich insgesamt zwoelf Auslandstoechter solche Nixdorf-Systeme angeschafft.

Ein einheitliches Finanzbuchhaltungspaket fuer die gesamte Firmengruppe ist schon seit Jahren ein erklaertes Ziel des DV- Einsatzes von Wuerth. Als die SAP AG Details des neuentwickelten R/3-Paketes offenlegte, sahen die Fachleute in dieser Software eine Chance, diese einheitliche Infrastruktur fuer ihre Finanzbuchhaltungssysteme zu realisieren. Juergen Haeckel, als Leiter Informationssysteme fuer den DV-Betrieb zustaendig: "Durch die Einsatzfaehigkeit der Programme in Client-Server-Umgebungen bot sich uns erstmals die Moeglichkeit, eine identische Anwendung auf Hardwareplattformen unterschiedlicher Groesse, vom PC bis zum Mainframe, in den verschiedenen Gesellschaften einzusetzen. War bisher die Finanzbuchhaltung immer Teil einer mehr oder minder geschlossenen DV-Welt mit proprietaeren Betriebssystemen, so bedeutet R/3 den ersten Schritt in die Welt der offenen Systeme."

Ausloeser fuer die Wahl von R/3 war unter anderem die Notwendigkeit, die Controlling-Funktion zu vereinheitlichen und damit effektiver zu gestalten. Das Unternehmen hat diese Aufgabe fuer alle Gesellschaften weltweit einer einzigen Wirtschaftspruefungsgesellschaft uebertragen. Damit diese ihre Aufgaben wirkungsvoll erfuellen kann, sind fuer ein einheitliches Reporting vergleichbare Datenstrukturen erforderlich. Durch den geplanten R/3-Einsatz in allen operativen Wuerth-Unternehmen bietet sich den Controllern kuenftig eine ueberall gleiche Benutzeroberflaeche und ein mit identischen Algorithmen arbeitendes Buchhaltungssystem.

Nachdem sich Wuerth entschlossen hatte, als Pilot- anwender fuer den R/3-Einsatz auf Unix-Systemen von Hewlett-Packard zu fungieren, wurde ein Projektteam aus DV-Spezialisten und Anwendern gegruendet, das eng mit einem Lenkungsausschuss zusammenarbeitete, dem auch Vertreter von SAP und HP angehoerten. Es fanden woechentliche Projektsitzungen statt. In Abstaenden von etwa sechs Wochen wurden zusaetzliche Status-Meetings einberufen.

Parallel zum Aufbau der Projektinfrastruktur wurde ein Ausbildungsplan fuer die Mitarbeiter der DV und der Finanzabteilung aufgestellt. Im Januar 1992 veranstaltete Wuerth ein sogenanntes Kick-off fuer das "Confibu-200" genannte Projekt. Im April des gleichen Jahres erfolgte die Installation der Hardware, speziell um die Massendatenuebernahme vom Grossrechner zu testen.

Tuning von R/3-Funktionen

Gestartet wurde mit der Parametereingabe anhand des R/3-Vorab- Releases 1.0. Der urspruenglich fuer Februar 1993 vorgesehene Produktivstart war nicht moeglich, da sich die Lieferung der Datenbank-Server verzoegerte. Sie sollten im Oktober 1992 installiert werden - es wurde jedoch Januar 1993.

Diese Client-Server-Konfiguration verband man dann mit dem bestehenden Wuerth-Netz. Um die Datenuebernahme an einem einzigen Wochenende durchfuehren zu koennen, war das Tuning bestimmer R/3- Funktionen erforderlich. Dies galt vor allem fuer die Batch-Input- Prozedur, ein SAP-Tool, das nach den Erkenntnissen aus dem Wuerth- Projekt generell in Richtung einer Parallelisierung der Batch- Prozesse verbessert worden ist.

Wuerth bildete fuer die Debitoren zwoelf parallele Batch-Prozesse. Durch dieses Vorgehen konnte das Verfahren wesentlich beschleunigt werden. Die eigentliche Datenuebernahme erfolgte waehrend der Osterfeiertage. Am Dienstag, den 13. April 1993, war es dann soweit, das R/3-System ging in den Produktivbetrieb.

Das dreistufige Systemkonzept fuer die R/3-Anwendungen der Adolf Wuerth GmbH & Co. KG besteht aus den Ebenen Datenbank, Anwendung und Praesentation. Bei der R/3-Konfiguration in Kuenzelsau erfolgt die Kopplung zwischen der Datenbank- und Applikationsebene ueber FDDI-Lichtwellenleiter. Die Verarbeitungskapazitaeten und Datenhaltungen sind dabei auf verschiedene Rechner verteilt. Dadurch laesst sich ein mit Host-Konfigurationen vergleichbarer hoher Durchsatz erzielen. Ausserdem wurde in Kuenzelsau aus Kostengruenden fuer nichtkritische Anwendungen ein Ethernet-Segment bereitgestellt.

Die Datenbank- und Applika- tions-Server bilden den Anwendungskern. Installiert sind Rechner der Serie 9000 von HP, die unter dem Betriebssystem HP-UX 9.0 laufen. Als Praesenta- tions-Server wurden ebenfalls HP-9000-Anlagen ausgewaehlt. Der Systemkern ist so von den Benutzermaschinen getrennt, die auf der Praesentationsebene angesiedelt sind. Die Kommunikation zwischen der Applikations- und der Praesentationsebene erfolgt in einer Token-Ring-Verbindung. Die bei Wuerth erforderliche Host-Kopplung wird ebenfalls von diesem LAN aus vorgenommen. Aus Sicherheitsgruenden wurden an dieses Netz auch die Datenbankrechner redundant angeschlossen.

Der Vorteil gegenueber einer Mainframe-Loesung liegt in der flexiblen Konfigurierbarkeit und Lastverteilung. IS-Chef Haeckel bilanziert: "Bei der heterogenen Struktur der Wuerth-Gesellschaften und vor dem Hintergrund eines weiterhin starken Umsatzwachstums liegt der besondere Nutzen der Client-Server-Architektur in der Skalierbarkeit der Hardware. So kann die Weiterentwicklung der Wuerth-Gruppe harmonisch in der DV nachvollzogen werden. Auch Strukturaenderungen lassen sich leichter umsetzen."

Die Abloesung der Finanzbuchhaltungssysteme in den einzelnen Wuerth- Gesellschaften durch R/3 soll ueberall mit einer Client-Server- Loesung nach dem Drei-Ebenen-Konzept erfolgen. Dabei kann in einem kleinen Unternehmen ein einziger Rechner sowohl als Datenbank- als auch als Applikations-Server fungieren.

In der Ausstattung der Arbeitsplaetze hat sich das Unternehmen grundsaetzlich fuer grafische 19-Zoll-Terminals entschieden. Die Endgeraete verfuegen ueber Anschluesse fuer Ethernet, Token Ring und FDDI und lassen sich so flexibel in die vorhandene Rechnerwelt einfuegen. Derzeit sind rund 100 Praesentations-Arbeitsplaetze installiert. Bis Ende 1993 sollen es etwa 250 sein.

Die Investitionen in die fuer R/3 erforderliche Hardware und kommunikationslogistische Infrastruktur liegen bei 6,6 Millionen Mark. Geschaeftsfuehrer Unkelbach relativiert diese Aufwendungen: "Um im Host-Umfeld eine vergleichbare zusaetzliche DV-Power bereitstellen zu koennen, haetten wir wesentlich mehr Geld ausgeben muessen."

Die auf allen Endgeraeten identische grafische Benutzeroberflaeche ist datenbankunabhaengig. Das reduziert in diesem Bereich die Herstellerbindung. So wird in wenigen Wochen in Kuenzelsau ein Austausch der Datenbank erfolgen. Wuerth hatte sich grundsaetzlich fuer Informix entschieden. Diese Datenbank war jedoch zunaechst fuer R/3 nicht verfuegbar. Um den Wechsel problemlos vollziehen zu koennen, wurde fuer eigene Entwicklungen eine klar definierte Datenbank-Schnittstelle festgelegt. Schaetzt DV-Leiter Haeckel: "Vom Austausch der Datenbanken werden etwa 20 bis 25 Prozent der Anwendungen betroffen sein."

Der Systemwechsel verlief planmaessig, nachdem noch als letzte Huerde der Scheckdruck ueberwunden worden war. Die in Kuenzelsau benoetigten Schecks wurden bisher auf einem Xerox-Laserdrucker erstellt, der an dem MVS-Host angeschlossen ist. Um die auf dem R/3-System durch Unix-Rechner generierten Schecks weiterhin auf dem Laserdrucker ausgeben zu koennen, waren komplizierte Schnittstellen-Adaptionen erforderlich. Durch den Einsatz von R/3 auf einer eigenen Systemplattform haben sich auf dem MVS-Host die CICS-Transaktionen um 25 Prozent reduziert. Bei den IMS-Zugriffen im Online-Betrieb ist ein Rueckgang von zehn bis zwoelf Prozent zu verzeichnen. Keine Einsparungen haben sich jedoch bei der Batch-Verarbeitung ergeben.

Bei einem Handelsunternehmen wie der Wuerth-Gruppe wird es auch in Zukunft ein funktionales Nebeneinander zwischen Individual- und Standardsoftware geben. Unkelbach: "Ueberall dort, wo eine strategische Positionierung erforderlich ist und strategische Vorteile angestrebt werden, haben Eigenentwicklungen auch weiterhin erste Prioritaet.".