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SNI-Mitarbeiter zur Ausbildungssituation in der Ex-DDR


28.06.1991 - 

Ralf Karabasz: "Weiterbildung ist die einzige Zukunftschance"

Ein Großteil der Datenverarbeiter in der ehemaligen DDR kann eine solide Ausbildung vorweisen. Um allerdings den Wissensstand auf westliches Niveau zu bringen, ist noch viel Weiterbildung vonnöten. Diese Förderung zahlt sich aus, denn gut ausgebildetes Personal stellt immer noch eines der wichtigsten Standortkriterien für die in Ostdeutschland so dringend gebrauchten Investitionen dar. CW-Redakteurin Hiltrud Puf sprach mit Ralf Karabasz, dem Leiter Qualifizierungsprogramme Deutschland und Europa bei der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) über die Ausbildungssituation in den neuen Bundesländern.

CW: Wie schätzen Sie die Qualifikation in der ehemaligen DDR ein?

Karabasz: Auf dem europäischen Weiterbildungskongreß in Berlin war zu hören, daß drei Viertel der Mitarbeiter in den neuen Bundesländern eine Weiterbildung benötigen.

CW: Aber es ist doch so, daß die theoretische Ausbildung in Ostdeutschland nicht schlecht war.

Karabasz: Das ist richtig. Man kann nicht so tun, als ob es in der ehemaligen DDR Oberhaupt keine DV gegeben hätte. Die Grundausbildung bei den Kernberufen war sicher in den meisten Fällen sehr solide. Auch das theoretische Wissen der Facharbeiter für Datenverarbeitung, die in großer Zahl vorhanden waren, darf man nicht unterbewerten. Hier bedarf es Schulungen, in denen das Wissen an den technischen und organisatorischen Standard im Westen angepaßt wird.

CW: Bei den, Schulungen in der ehemaligen DDR kooperiert SNI mit der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA) und der TÜV-Akademie Ostdeutschland GmbH, Mitglied der Rheinlandgruppe. Warum?

Karabasz: In den neuen Bundesländern gibt es einen großen Anteil von Mischberufen. SNI hat ihr Spezialgebiet im Bereich der DV-Kernberufe. Wir arbeiten mit den beiden Partnern zusammen, um damit ein breiteres Feld abdecken zu können, wobei die DAA Schulungen im kaufmännischen sowie betriebswirtschaftlichen Bereich übernimmt, während sich die TÜV-Akademie auf die technischen Berufe konzentriert. Zusammen mit der DAA und der TÜV-Akademie wollen wir Qualitätsstandards definieren, die den Betroffenen als Auswahlkriterien dienen sollen. Ein weiterer Grund für die Kooperation ist die gemeinsame Nutzung von Ressourcen wie Schulungsräumen.

CW: Was beinhalten die Qualitätsstandards?

Karabasz: Sie ergeben sich aus dem AFG, aus den Anforderungen der Gesellschaft für Informatik und aus den Erfahrungen der drei Träger. Die Anforderungen betreffen Ausstattung, Personal, Lehr- und Lernmittel, Inhalte sowie Organisation. So sollte der Träger beispielsweise seine Leistungen durch entsprechende Vermittlungserfolge nachweisen.

CW: Gibt es genügend Dozenten?

Karabasz: Personal zu finden ist sehr problematisch. Deshalb können wir nicht so schnell expandieren, wie die Nachfrage wächst. Eingesetzt werden zunächst unsere eigenen Mitarbeiter. Inzwischen haben wir auch schon an die 50 Mitarbeiter in den neuen Bundesländern ausgebildet, die jetzt dort als Dozenten arbeiten.

CW: Welche Kurse werden bevorzugt?

Karabasz: Das ist regional unterschiedlich. In der Dresdner Gegend, wo Robotron ansässig war, sind es besonders Ausbildungen zum Programmierer und Organisator. In Thüringen gibt es vor allem kleinere und mittelgroße Unternehmen mit Mittlerer Datentechnik. Hier sind demzufolge Unix-Spezialisten gefragt und keine BS/2000-Programmierer.

CW: Wo sehen Sie Qualifizierungsdefizite?

Karabasz: Sie liegen meiner Meinung nach nicht nur im technischen Bereich, sondern auch bei Schlüsselqualifikationen. Denn es ist wenig sinnvoll, wenn ein Kommunikationsorganisator zwar mit neuer Technik umgehen kann, aber bis jetzt noch nicht gelernt hat, Entscheidungen vorzubereiten und zu treffen.

Die Fähigkeit, sich in modernen Unternehmensformen zurechtzufinden, halte ich für ganz entscheidend. Wenn einer in Ostdeutschland einen Betrieb aufbauen will, kommt es nicht nur darauf an, daß er technische Kenntnisse mitbringt, sondern daß er sie auch vermitteln kann.

CW: Dann müssen die Lerninhalte doch auch ganz anders aufgebaut sein als im Westen.

Karabasz: Das ist auch unsere Erfahrung. Man kann nicht einfach Qualifizierung von West nach Ost portieren. Deshalb ist verhaltensorientiertes Training ein wesentlicher Bestandteil bei den Schulungen in den neuen Bundesländern. Hierzu gehören Entscheidungstechniken, Kreativitätstraining und Teamarbeit.

CW: Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Training gemacht?

Karabasz: In der ehemaligen DDR besteht eine große Bereitschaft, neue Inhalte aufzunehmen und dies in vielen Fällen allzu unkritisch. Gerade beim verhaltensorientierten Training wird versucht, bestehende Vorbilder zu kopieren.

Das ist natürlich nicht das angestrebte Ziel. Speziell in der DV ist Kopieren ja nicht gefragt. Hier kommt es vor allem auf das Problembewußtsein an. Deshalb halte ich auch reine Produktschulungen für sehr fragwürdig.

CW: Die Arbeitssituation in Ostdeutschland ist katastrophal. Wie wirkt sich das auf die Bereitschaft zur Weiterbildung aus?

Karabasz: Viele resignieren. Auch wenn einer den Entschluß gefaßt hat, sich weiterzubilden, ist es für die Betroffenen sehr schwierig, sich bei der großen Auswahl von Kursen zu entscheiden. Dazu kommt, daß viele unseriöse Schulungsanbieter, die nach der Novellierung des AFG in den alten Bundesländern keine Chancen mehr haben, versuchen, in Ostdeutschland "eine schnelle Mark zu machen".

CW: Wäre es nicht die Aufgabe des Arbeitsamts, hier einzugreifen?

Karabasz: Das ist schwierig, solange es noch keine feststehenden Berufsbilder gibt. Aber ich bin der Meinung, daß hier verstärkte Prüfungen notwendig sind. Wenn einer Produkte anbietet, die nicht marktgerecht sind, dann steht er bald auf verlorenem Posten.

Dies sollte bei Weiterbildungsinstituten auch der Fall sein. Eigentlich müßte hier noch gründlicher vorgegangen werden, weil ein Arbeitsloser ja normalerweise nur einmal die Chance hat, an einem Kurs teilzunehmen.

CW: Wie schätzen Sie die Chancen für Ihre Kursteilnehmer ein?

Karabasz: Wir gehen davon aus, daß wir nicht dieselben Vermittlungsquoten erzielen können wie im Westen. Aber Qualifizierung ist die einzige Chance für die eigene Zukunft - auch wenn der Arbeitsplatz hinterher nicht 100prozentig gesichert ist.

Es gibt meines Erachtens keinen anderen Weg, und darin sind sich ja auch die Politiker jeglicher Couleur einig.