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20.07.1979

Rationalisiert sich der EDV-Chef durch DDP selbst weg?

Wird bei konsequenter Realisierung des Distributed Data Processing (DDP) die Position des EDV-Leiters überflüssig? Dieses Thema behandeln drei Statements, die an Offenheit nichts zu wünschen übrig lassen. Fritz Voigt (Cendata, Bielefeld), gibt als Betroffener den ungewöhnlichen Rat, sich - wenn die Pro-DDP-Entscheidung nicht mehr abzuwenden sei - nach einem neuen Job umzusehen.

Fritz Voigt, Cendata Gesellschaft für Datenverarbeitung und Organisation mbH, Bielefeld

Beim Gebrauch des Begriffes "Distributed Processing" sollte man erst einmal definieren, was denn überhaupt verteilt werden soll. Ist es die Datenerfassung und vielleicht noch eine Vorverarbeitung, dann sieht das Problem anders aus als wenn "vor Ort" die volle Verarbeitung stattfindet. Im ersten Fall kenne ich einige Kollegen, die mit der Formel "Distributed Processing" ihre Probleme der Datenerfassung und Datenkontrolle beziehungsweise Datenverantwortung gelöst haben. Dabei kann man sogar noch das Ausdrucken der lästigen Listen dezentralisieren. Voraussetzung ist natürlich, daß die Stammdaten sowie alle Bewegungsdaten zentral verarbeitet werden und durch Datenfernübertragung aktuell und schnell mit den Endverbrauchern ausgetauscht werden können. Unter diesem Gesichtspunkt ist dies eine positive Entwicklung für den EDV-Leiter.

Kritisch wird es, wenn die echte Tagesarbeit dezentralisiert wird. Das geht an die Substanz, die Wertigkeit des zentralen EDV-Leiters. Hierzu kann ich einige Ratschläge geben, die teilweise auf persönlichen Erfahrungen oder auf Erkenntnissen im nachhinein basieren.

So eine Entwicklung kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern zeichnet sich langsam ab. Man weiß, ab wann es wirtschaftlicher ist, Daten dezentral zu verarbeiten statt zentral. Geht das Pendel zum "Distributed Processing", dann hat es keinen Zweck, sich gegen diese Tatsache zu wehren oder sie zu vertuschen. Es gibt genug Argumente, um die Entscheidung noch ein bis zwei Jahre hinauszuschieben, aber irgendwann kommt dann doch die Stunde der Wahrheit. Wenn nämlich ein Basis-Datenverarbeitungs-VB, ein Unternehmensberater oder ein Wirtschaftsprüfer an der richtigen Stelle bohrt. Dazu sollte man es aber gar nicht erst kommen lassen. Ist die sachliche Notwendigkeit vorhanden, dann muß man die zukünftige Entwicklung für sich selbst analysieren und folgende Fragen stellen:

1. Wird die eigene Position nach der Umverteilung noch die gleiche Wertigkeit haben? Sind die dezentralen EDV-Leiter überhaupt zentral zu führen? (Anzahl und räumliche Entfernung spricht oft dagegen.)

2. Welche Aufgaben bleiben noch zentral, und haben sie für das Unternehmen in bezug auf den EDV-Leiter noch den annähernd gleichen Stellenwert? (Oft bleibt nur Zentraldatenführung, Schulung, Programmierung, Organisation und Richtlinienerarbeitung übrig.)

3. Wann will man das Unternehmen verlassen? Da gibt es mehrere Zeitpunkte:

a) Bei Feststellung der Tatsache als solcher;

b) man fuhrt noch Auswahl, Test, Programmierung und Implementierung der Distributed-Processing-Systeme durch;

c) oder man steht die Entwicklung bis zum bitteren Ende durch.

Dazu einige Erkenntnisse, die nicht mit meiner persönlichen Erfahrung übereinstimmen müssen, sondern aus der Diskussion mit einem Kollegen gewonnen wurden.

Zu a): Dieser Zeitpunkt ist der problemloseste. Man nutzt die vereinbarte Kündigungszeit und sieht sich in Ruhe um.

Zu b): Zu dieser Lösung sollte man greifen, wenn man zum Beispiel die Erfahrung für den nächsten Job benötigt. Die Nachfrage nach Mitarbeitern mit solchen Umstellungserfahrungen wird bei Herstellern und Unternehmensberatern bestimmt noch steigen, da aufgrund der fallenden Preise bei den Mini-Systemen bestimmt noch weitere Unternehmen für das "Distributed Processing gewonnen werden können.

Zu c): Das wäre der schlechteste Ausstieg, da man den eigenen Abbau betreiben müßte. Allein die Probleme mit den Mitarbeitern und ehemaligen Kollegen durchzustehen, mit denen man jahrelang zusammengearbeitet hat, kostet bestimmt viel Nervenkraft. Was das Negativste meiner Meinung nach ist: Man kommt unter Umständen in Zugzwang bei der Auswahl des neuen Jobs. Wenn dies bei der Vorstellung noch sichtbar wird, dann kann dies um Jahre in der beruflichen Entwicklung zurückwerfen. Folglich nicht empfehlenswert.

Abschließend: Auf jeden Fall sollte man darauf hinarbeiten, daß die dritte Stufe der Einführung von "Distributed Processing" von einer Unternehmensberatung durchgeführt wird. Ein EDV-Leiter sollte sich auch durch Prämien oder Tantiemen nicht in die letzte Phase hineinlocken lassen; er ist auf jeden Fall der Dumme, da allein schon die Zeit gegen ihn arbeitet. Des weiteren muß man sich die Tatsache vor Augen halten, daß eine Entscheidung zur Dezentralisierung oft eine einseitige Änderung der Aufgabenstellung des vereinbarten Angestelltenvertrages zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer darstellt. Dies gibt dem EDV-Leiter rein juristisch die Möglichkeit, auch bei langfristigen Verträgen Chancen am Arbeitsmarkt früher wahrzunehmen. Das heißt nicht daß es zu einer Konfrontation kommen muß aber es ist wichtig, mit dieser Erkenntnis gütliche Gespräche zu führen, um zu einer für beide Teile vernünftigen Lösung zu kommen. Diesen Aspekt halte ich für den wichtigsten.

Karl Bretz Leiter Zentralbereich Organisation und Datenverarbeitung

der Hussel-Holding AG, Hagen/Westf.

Sicherlich kann sich schon heute im Zuge moderner Hardware-Technologien ein Organisations- beziehungsweise DV-Leiter selbst wegrationalisieren. Nur ist das mitunter keine Frage der Hardware-Konzeption, sondern berührt allgemein die Aufgabenstellung des Organisationsbeziehungsweise DV-Bereiches im Gesamtunternehmen und seine Eingliederung in die Unternehmenshierarchie. Da jedes Unternehmen seine eigenen Zielvorstellungen hat, möchte ich hier auf die Darstellung von Modellfällen und Möglichkeiten der Zentralisierung und Dezentralisierung von EDV-Funktionen verziechten.

Lassen Sie mich vom Beispiel des Zentralbereiches Organisation und Datenverarbeitung der Hussel-Gruppe ausgehen. Bei uns erfordern neue Tochtergesellschaften aus verschiedenen Branchen mit unterschiedlichster Organisationsstruktur schnelle und gleichzeitig maßgeschneiderte Lösungen. Wir brauchen kurzfristig vergleichbare Führungszahlen zur Koordination aller Tochtergesellschaften. Dabei haben wir im Laufe der Jahre ein bestimmtes Know-how in der Führung von Filialunternehmen entwickelt, das sich unter anderem in unseren Vorgehensweisen und Organisationskonzepten niederschlägt.

Bei der Entwicklung jeder Soll-Konzeption wirken Führungskräfte der Tochtergesellschaften mit, wobei unter Berücksichtigung auch branchenspezifischer Gesichtspunkte geprüft wird, ob einer zentralen oder dezentralen Lösung und auf welchen Anwendungsgebieten der Vorrang gegeben werden soll. Lohn- und Gehaltsabrechnungen bieten sich immer für eine zentrale Verarbeitung an. Für die Auftragsabwicklung eines Versandhausunternehmens dürfte eine zentrale Lösung kaum geeignet sein. Damit meine ich, daß wir hier in Hagen nicht zentral ein Versandhaus abrechnen, sondern dezentral bei der Firma vor Ort einen Rechner installiert haben, der wiederum Online-Anwendung im Hause bietet.

Dabei kann und muß ein Organisations- und DV-Leiter durchaus Arbeit und Verantwortung delegieren können. Das bedeutet aber nicht die gleichzeitige Abgabe oder den stufenweisen Verzicht auf seine Gesamtführungsverantwortung.

Dieses bedingt wiederum Informationen und Kontrollen, und damit schließt sich der Regelkreis. Was könnte sich an dieser Vorgehensweise in den nächsten fünf beziehungsweise zehn Jahren ändern, wenn jeder Sachbearbeiter seinen Bildschirm am Arbeitsplatz selbst programmiert? Die Position des Organisations- beziehungsweise DV-Leiters von heute wird meiner Ansieht nach nur eine Umstrukturierung erfahren: Er wird sich nicht mehr DV-Leiter nennen, sondern wird "Informations-Manager"- sein.

Die Anforderung an das Verständnis betriebswirtschaftlicher Inhalte dürfte größer werden. Auch unter Berücksichtigung von schwerpunktmäßigen Verlagerungen werden seine Funktionen der Planung, Kontrolle, Information und Koordination bestehenbleiben. Schließlich können immer Rationalisierungsreserven mobilisiert werden mit dem Ziel, das Management zu entlasten. Lassen Sie mich abschließend sagen: Ein Organisations- beziehungsweise DV-Leiter, der diese Beweglichkeit nicht besitzt und nicht heute schon in größeren organisatorischen Zusammenhängen denkt und seine Aufgabenstellung nur hardwarebezogen sieht, könnte dann allerdings ins Gedränge kommen.

Professor Dr. August-Wilhelm Scheer

Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes, Saarbrücken

Mit der Verlagerung von personalintensiven EDV-Arbeiten auf dezentrale Organisationseinheiten im Rahmen der Einführung des Distributed Processing sinkt naturgemäß der Personalbedarf in der früheren zentralen EDV-Abteilung. Distributed Processing bedeutet aber keineswegs, daß die dezentralen Organisationseinheiten unabhängig voneinander arbeiten können. Vielmehr bleiben sie durch das Arbeiten an den gemeinsamen Aufgaben durch Datenübertragungen miteinander verbunden. Dies bedeutet aber, daß die EDV-Leistungen in den Knoten des Rechnernetzes koordiniert und dafür Standards erarbeitet werden müssen. Diese Arbeiten prinzipiell Kommissionen zu überlassen, die ad hoc aus dezentralen Abteilungen gebildet werden, würde zu einem Chaos führen. Das gilt insbesondere für Entwicklungsarbeiten, aber auch für die Lösung der bei den laufenden Arbeiten auftretenden Probleme.

Auf eine zentrale EDV-Stelle kann deshalb auch bei Distributed Processing nicht verzichtet werden. Nur so können die Vorteile der benutzernahen dezentralen Datenerfassung und -verarbeitung mit den Vorteilen zentraler Entwicklung und Planung verbunden werden. Nur eine zentrale Instanz kann die dezentralen Abteilungen hindern, unverbundene Insellösungen aufzubauen. Dies gilt auch für den Bereich der öffentlichen Verwaltung. Hier werden zur Zeit kommunale Einrichtungen von EDV-Anbietern bedrängt, an den Datenzentralen vorbei isolierte EDV-Systeme zu installieren.

Die zentrale EDV-Stelle kann einmal aus der personell abgemagerten ursprünglichen zentralen EDV-Abteilung gebildet werden oder aber es kann dem Geschäftsbereich Verwaltung eine Stabsstelle angegliedert werden. Die Anforderungen an den Leiter dieser "zentralen" EDV werden sich aber gegenüber der früheren Organisation andern: Weniger administrative Tätigkeit und Personalverantwortung - mehr Anforderungen an Entwicklungskonzeptionen und Koordinationsfähigkeit. Diese Anforderungsänderungen können in Einzelfällen eine personale Neubesetzung erforderlich machen.

Die Einführung des Distributed Processing aber gleichzusetzen mit der völligen Auflösung von zentral für die Datenverarbeitung zuständigen Abteilungen, hieße das Kind mit dem Bade ausschütten.