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21.07.2000 - 

Was tun, wenn mit dem Anbieter die Software stirbt?

Ratlos: die Anwender der Standardsoftware Mega

MÜNCHEN (uo) - Diese Mal trifft es die Anwender der betriebswirtschaftlichen Standardsoftware "Mega". Aber das ist kein Einzelfall. Softwarenutzer müssen sich häufig umorientieren, weil der Anbieter von der Konkurrenz aufgekauft wird, die Türen schließt oder das Geschäftsfeld wechselt. Die Mega-Kunden gehören nun zur Klientel der norwegischen Agresso-ASA-Gruppe, aber längst nicht zu den Usern von Agresso-Software.

Die Kunden hat es kalt erwischt. Das ergab ein Rundruf unter Mega-Referenzkunden. Die Standardsoftware mit den Modulen Finanzbuchhaltung und Kostenrechnung, Anlagen- und Lohnbuchhaltung, Warenwirtschaft und Personalzeiterfassung hat mit Agresso einen neuen Besitzer. Die Produkte des norwegischen Softwarehauses decken weitgehend die Funktionalität der Mega-Anwendungen ab, so dass die deutsche Produktlinie ausläuft. Die Anwender sind ratlos.

Entwickelt wurde Mega von der 1984 gegründeten Dortmunder Softwareschmiede Quantum GmbH. Als das Softwarehaus 1995 zum SAP-Systemhaus avancierte und auch R/3 an sein Mittelstandskundschaft vermarktete, befürchteten schon einige Anwender das nahe Ende der Mega-Produkte.

Im Oktober 1998 kaufte die SER AG, Neustadt/Wied, die Softwareschmiede aus dem Revier auf. Doch die erneut aufgeschreckten Anwender beruhigten sich bald wieder, als klar wurde, dass der Mega-Support sichergestellt war. So änderte sich auch für Johannes Borgmann, der 1994 die Mega-Produkte beim Ratinger Entsorgungsunternehmen Adco eingeführt hatte, wenig in der Zusammenarbeit mit den Softwerkern. Wie alle befragten Mega-Kunden lobt er den stets zuverlässigen Support und die respektablen Reaktionszeiten des Softwarehauses, wenn es etwas zu meckern, zu fragen und ändern gab. Er bemängelt lediglich den Anstieg bürokratischen Aufwands nach der SER-Übernahme.

Für SER allerdings enpuppte sich die Übernahme im Nachhinein als "Fehler", so Tom-Michael Schoenrock, Leiter Finanzen und Investor Relation bei SER. Der Manager bestreitet jedoch, dass die Akquisition seinem Unternehmen finanzielle Nachteile gebracht habe.

Schon immer sei SER an dem funktionierenden Vertrieb des Softwareherstellers interessiert gewesen, so Schoenrock, nicht an seinen Softwareprodukten. Diese sollten bestenfalls als Türöffner für die eigenen Dokumenten- und Archivlösungen dienen. Doch auch das scheint nicht recht funktioniert zu haben. Adco-Mann Borgmann erinnert sich, dass niemand von SER-Quantum jemals eine Lösung für das Dokumenten-Management präsentiert hat.

Nachdem zu Beginn dieses Jahres SER den Quantum-Geschäftsbereich in Einzelgesellschaften aufgeteilt und noch im Januar die Quantum Logistics GmbH an die D. Logistics GmbH verkauft hatte, wurde aus der Organisation rund um die Mega-Produkte die SER Mega GmbH.

Diese ging zum 1. Mai 2000 zu 49,9 Prozent in den Besitz von Agresso über. 50,1 Prozent an dem nun als Agresso Mega GmbH firmierenden Unternehmen gehört noch SER und 0,2 Prozent dem Management. Das Ziel der Geschäftspartner ist es laut Schoenrock jedoch, aus der Firma in eineinhalb Jahren eine hundertprozentige Agresso-Tochter zu machen.

Den Anwendern stellt sich nun die Frage, wie lange die Mega-Produkte noch gepflegt oder gar weiterentwickelt werden beziehungsweise wann sie zu einer Alternative wechseln müssen. Gegenüber der CW versicherte Nico Lemmens, Geschäftsführer der Agresso-Tochter, die Zusage, Wartung und Pflege der Software sei bis 2004 garantiert. Doch davon wissen die gefragten User nichts. Unklar ist ihnen deshalb auch, bis wann sich der Absprung von Mega hinauszögern lässt und wie viel Zeit eine Neuorientierung in Anspruch nehmen darf.

Den Anwendern bietet sich ein Bild der Auflösung. Wichtige Ansprechpartner und Entwickler haben das Softwarehaus verlassen - eine von vorne herein gewollte Entwicklung, wie Lemmens zugibt. Schließlich sei er zu Beginn des Jahres als Geschäftsführer angetreten, um das nicht mehr "ergebnisträchtig" arbeitende Unternehmen personell abzuspecken. Letztlich soll aus dem Dortmunder Softwarehaus eine Vertriebsgesellschaft für Agresso-Produkte werden.

Damit ist die Richtung klar, in die sich die rund 400 Mega-Kunden nach dem Willen von Lemmens bewegen sollen: zur Agresso-Software. Jedem einzelnen Kunden werde im September eine für ihn sinnvolle Migrationslösung aufgezeigt, so der Geschäftsführer. Die Anlagen- und Lohnbuchhaltung passe man noch in diesem Jahr an die Software aus Skandinavien an. Das Geschäft will Lemmens mit Hilfe einer "Task-Force" aus der stark ausgedünnten Entwickler-Mannschaft und der noch verbliebenen Support-Mitarbeiter aufrechterhalten. Diese Gruppe soll die Migrationen und die Mega-Installationen betreuen. Doch ein Automatismus, der aus Ex-Mega-Kunden Agresso-Anwender werden lässt, gibt es nicht. Stattdessen schicken sich die Anwender an, ihre Situation ganz neu zu bewerten. Bei der Adco-Gruppe beispielsweise entsteht derzeit eine Projektgruppe, deren Aufgabe es ist, den Ist-Zustand zu beschreiben, ein Soll-Konzept zu erarbeiten und schließlich die Umsetzung zu planen. Das Ergebnis ist wie bei allen Befragten noch offen. Das Migrationsprojekt dürfte einen erheblichen Aufwand bedeuten.

Die VAPS EDV-Services & Vertriebs GmbH, die Einkaufsgesellschaft des Volkswagen- und Audi-Händlerverbandes e.V., hatte erst im März dieses Jahres einen Rahmenvertrag mit den Mega-Anbietern geschlossen. Dieser sah vor, innerhalb von 36 Monaten einen Großteil der 2900 Volkswagen-Audi-Partner mit der Mega-Buchhaltung zu versorgen. Der Entscheidung war eine Evaluation verschiedener Produkte und die Abstimmung mit den Partnern und dem VW-Konzern vorausgegangen.

Seit Beginn der siebziger Jahre setzen die Händler - zum Teil noch auf den Nixdorf-Rechnern "Quattro" - eine Variante der Standardsoftware "Comet" ein, die inzwischen mehr einer Individualsoftware als einem Produkt von der Stange gleicht. Deren Ablösung ist bereits seit mehr als zehn Jahren in der Diskussion. Doch die Entscheidung zugunsten von Mega sollte zügig umgesetzt werden, so dass bereits die ersten Anläufe unternommen wurden, die Altanwendungen zu portieren. Nun diskutieren die beteiligten Partner aufs Neue.

R/3 scheidet oft schon früh aus dem Rennen ausEine Alternative für Mega-Anwender könnte R/3 von der SAP AG, Walldorf, sein, das noch immer im Portfolio des Dortmunder Softwarehauses ist. Doch häufig scheidet diese Lösung schon zu Beginn der Überlegungen aus. Der Tenor lautet, wie ihn die ICL Sorbus GmbH, Düsseldorf, formuliert: R/3 eigne sich für einen Konzern, jedoch nicht für die kleinen und mittelständischen Mega-Kunden.

ICL Sorbus rechnet mit Hilfe von "Mega/L" rund 700 Gehälter ab. Zuvor lag die Lohn- und Gehaltsabrechnung außer Haus in den Händen der Datev. Für Mega entschied sich das Unternehmen, weil die Software so flexibel war, dass beispielsweise Lohnarten geändert werden konnten, und weil das Produkt vergleichsweise preiswert erschien. Muss Mega ersetzt werden, käme bei ICL Sorbus zum Beispiel "Oracle Human Resources" in Frage, da das Unternehmen bereits in der Finanzbuchhaltung Oracle-Applikationen nutzt.

Franz Rudolf Büning, Controller und Bereichsleiter DV und innere Dienste beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, Wuppertal, setzt die Finanz- und Kostenrechnung sowie eine Schnittstelle zur Excel-Auswertung von Mega seit 1994 ein. Er hält die SAP-Anwendung - heute noch mehr als damals - schlichtweg für "eine Nummer zu groß" und befürchtet einen gigantischen Betriebsaufwand, vor allem was die Bedienbarkeit und die Handhabung von R/3 angeht. "Die Mega-Anwendungen mit 100000 Sachkontenbuchungen im Jahr bei 350 Mitarbeitern betreibe ich so nebenbei", sagt Büning. Für R/3 bräuchte er Spezialisten.

Der Verband wäre ein Kandidat für das Application Service Providing (ASP), wobei die Software bei einem Fremdanbieter läuft und das Anwenderunternehmen deren Funktionen bei Bedarf nutzt. Doch Büning ist misstrauisch. Ihn erinnert das Konzept an einen Rechenzentrumsbetrieb, der zwar für den Tagesbetrieb tauge, besondere Auswertung aber nur mit dreimonatiger Verzögerung erlaube.

Ob neue Standardsoftware die bisherigen Anwendungen ersetzen soll oder ob die Mega-User andere Konzepte wählen, ist zu diesem Zeitpunkt noch keinem der Befragten klar. Die meisten sind noch geschockt, denn sie hatten sich mit der Produktlinie eingerichtet und wollten keine Änderung des eingespielten Anbieter-Kunden-Verhältnisses. Doch das Ende von Mega ist unweigerlich in Sicht.