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01.06.1984 - 

Für den Betriebsrat kam das "Aus" wie aus heiterem Himmel:

Raytheon - ein Opfer von Managementfehlern

ESCHBORN - "Die Nachricht kam unerwartet, wie aus heiterem Himmel". Verbitterung schwingt in den Worten des Betriebsrates der deutschen Tochter von Raytheon Data Systems in Eschborn mit, wenn er über das "Aus" des Unternehmens spricht. Was bei den Vertretern der Arbeitnehmerseite Unverständnis und Fassungslosigkeit hervorruft, ist für Kenner der Szene längst nicht so spektakulär, sondern lediglich die logische Konsequenz einer offenbar verfehlten Strategie. Unterstellt werden den amerikanischen Machern des Raytheon-Corp.-Ablegers gravierende Managementfehler und eine mangelnde Kontinuität in der Produktentwicklung.

"Aufgelöst" möchte Geschäftsführer Detlef Wessel, der mit der Hiobsbotschaft am 18. Mai aus den USA nach Deutschland kam, die Eschborner Raytheon International Data Systems nicht wissen. "Das wäre die falsche Bezeichnung", erklärt der Nachfolger des entthronten Arno T. Ernst wortkarg. Zwar hätten die Amerikaner Herstellung und Vertrieb ihrer Geräte eingestellt, doch müsse im Interesse der Kunden der Service sichergestellt bleiben. Eine Ausdehnung des Wartungsgeschäftes wie des Supports sei zumindest in Deutschland geplant.

Dieser schwache Hoffnungsschimmer kann den Betriebsrat indes nicht trösten. Von den derzeit 139 Beschäftigten des Unternehmens im dem Frankfurter Vorort, so rechnet man, werden etwa die Hälfte ihren Arbeitsplatz verlieren. "Es wäre wünschenswert, wenn wir mehr über die Planungen wüßten", beklagt ein Betriebsratsmitglied die karge Informationspolitik der Geschäftsleitung Ein ehemaliger Raytheon-Mitarbeiter argwöhnt gar: "Das ist Taktik ; die warten, bis einige Mitarbeiter bereits von selber gekündigt haben, damit sie billiger davonkommen".

Blickt man über die Grenzen Deutschlands hinaus, stellt sich die Situation noch krasser dar. Von den gut 3600 weltweit Beschäftigen der in Norwood/Massachusetts ansässigen Raytheon Data Systems werden ersten vagen Angaben zufolge mehr als 1600 ihre Papiere erhalten. In die Produktionsstätte des einstmals größten Hersteller IBM-3270-kompatibler Geräte wird die Raytheon Equipment Division einziehen.

Wenn es auch für den Betriebsrat der deutschen Raytheon International nach eigenen Angaben keine Anzeichen für eine Liquidation gab, so haben sich doch Insider oft darüber gewundert, daß das von Amerika gelenkte Data-Systems-Imperium dem Tod immer wieder von der Schippe hüpfte. Bereits seit fünf Jahren schwebte das Unternehmen in Agonie; statt Gewinne schrieb es rote Zahlen. Ein Marktkenner: "Es ist das klassische Beispiel eines US-Großkonzerns, der auch mal versucht hat im DV-Bereich Geld zu verdienen." (siehe auch Kolumne, Seite 9)

Raytheon Data Systems wurde in den sechziger Jahren als Tochter des stark im Rüstungsbereich engagierten Elektronikkonzerns Raytheon Corp. gegründet. Gut ins Rennen brachte die Amerikaner, die Minicomputer für Radaranlagen bauten, zunächst das Geschäft mit den Airlines. Es weitete sich schnell von den amerikanischen auf die internationalen Fluggesellschaften aus. So hatte Raytheon mehrere Jahre eine Monopolstellung bei der Lieferung spezieller Protokolle. Dies allerdings änderte sich, als der Marktleader IBM das 3274/76-System herausbrachte und sich die Fluggesellschaften auf neue, sprich: Standardprotokolle, einigten. Damit wurde jener Markt wesentlich offener auch für andere Anbieter. Raytheon aber verlor teilweise bedeutende Aufträge. Der nun folgende Einbruch konnte auch die eingeleitete Umorientierung auf den kommerziellen Bereich nicht auffangen.

Im Jahre 1979 hatte Raytheon angefangen, Planungen im Bereich Office Automation zu betreiben. Ein Konzept wurde entworfen, das ähnlich dem heutigen von Convergent Technologies war. "Man könnte fast glauben, die hätten das Konzept verkauft", amüsiert sich ein ehemaliger Raytheon-Mann. An den Planungen der Bürosysteme wurde mit hohen Investitionen gearbeitet. Rund 100 Leute waren in das Projekt eingebunden. Über fünf Jahre wurde es, wie ein Insider berichtet, mal halbherzig, mal intensiv betrieben. Die Planungen hätten aber letztendlich zu nichts geführt. Schließlich war man sogar so weit, Maschinen von Convergent Technologies zu kaufen. Verluste waren die Folge der verfehlten Strategie über die Raytheon sich heute beharrlich ausschweigt.

Ein weiterer Fehlschlag

Bei diesem Fehlschlag sollte es nicht bleiben: 1978 fand sich der damals führende Hersteller von Textverarbeitungssystemen, Lexitron, in den Armen von Raytheon wieder. Die Manager von Data Systems wirtschafteten in den folgenden Jahren nicht nur Lexitron herunter, geißelt ein Raytheon-Insider seinen ehemaligen Brötchengeber. Zudem sei man bemüht gewesen, sich in Deutschland dreimal im Textbereich zu etablieren. Allerdings jedesmal erfolglos, stets mit einer anderen Mannschaft.

Problemkind der erfolglosen Data Systems war offenbar immer die deutsche Vertretung. So zeigten die Amerikaner wenig Verständnis für kommerzielle Kunden, erinnert sich ein Ehemaliger des Unternehmens. "Verkaufen" hieß die Devise, wobei man Deutschland wegen seiner im Vergleich zu den USA geringen Umsätze offenbar nicht für von nahm. Obwohl zu den Kunden Großabnehmer wie Quelle und Bayer zählten. Der Versandhauskonzern wurde auf der Hannover-Messe 1981 gar noch mit einem goldenen Computer für 100 000 verkaufte Raytheon-Terminals ausgezeichnet. Hinzu kam, daß die verkaufsorientierten Amerikaner Manager ohne deutsche Sprachkenntnisse in die Bundesrepublik entsandten.

Den Unternehmens-Exitus führen Kenner nicht zuletzt auf die Managementplanung zurück. Vorgeworfen wird Raytheon eine Günstlings- und Cliquenwirtschaft. Mehrere Manager gaben sich vor allem in Amerika aber auch in Eschborn die Klinke in die Hand - so nach dem Motto:" Do you want a trip to Europe?", lief das Ganze, weiß ein ehemaliger Raytheon-Getreuer. Er prangert weiter an: "Tennis spielen während der Arbeitszeit war damals beim Management private Reisen unternommen. Es war einfach unglaublich." Ein grundsätzliches Problem sei die Einstellung der Leute gewesen. Statt sich darauf zu besinnen, eine kleine aufstrebende Gesellschaft zu leiten habe man mit dem Geld der Corporation im Rücken gespielt.