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25.06.1993 - 

Der Gastkommentar

Rechenzentren sind immer noch eine Maennerdomaene

Auf einer Tagung "Informatik - cui bono" der Gesellschaft fuer Informatik (GI) befasste sich ein Arbeitskreis mit der "geschlechtsspezifischen Orientierung der Informatik". Gibt es hier Handlungsbedarf?

Sprachlich war die Informationstechnik schon immer ein Femininum. Schon zu Anfang der 60er Jahre gab es ferner die Gamma 10, die 1401 und die Univac. Ueberhaupt beherrschten Frauen in den 50er und 60er Jahren so manches Rechenzentrum, allerdings nur als Computerausdrucke von attraktiven Frauen wie Brigitte Bardot an den Waenden. An den Rechnern selbst hatten Frauen nichts zu suchen, sie durften hoechstens die Lochkarten abliefern, die sie in ihrem Datenerfassungs-Kaemmerlein erstellt hatten.

Das muss nicht so sein. Die Tochter des bekannten Lord Byron, Lady Augusta Ada Byron, Countess of Lovelace, hat in einer Programmiersprache ihren Nachruf gefunden und wird als erste Programmiererin gewuerdigt, weil sie als Mitarbeiterin von Charles Babbage mit dessen mechanischer Analytical engine rechnete. 1986 produzierte Apple einen Videoclip mit dem Titel "Ada Graefin Lovelace" zur ersten internationalen Tagung "Frauen und Computer - Computer und Frauen". Dabei ging es nicht etwa um Computerwitwen, die von ihren Maennern vernachlaessigt werden, weil diese mehr Zeit dem beruflichen oder privaten Computer opfern. Sondern darum, dass - so meinte damals Pamela Miracle, PR-Managerin von Apple Computer International - PCs neue Chancen fuer Frauen im Berufsleben boeten.

Wieso eigentlich? Vielleicht, weil PCs nicht so sehr wie Mainframes in der Hand der DV-Abteilung sind? "Sprengt saemtliche Klischees: Indische Informatikerin", lautete 1990 eine Bildunterschrift in einer Fachzeitschrift. Tatsache ist allerdings, dass bereits zu Beginn der 60er Jahre einige grosse Unternehmen Frauen als Programmiererinnen und Systemanalytikerinnen beschaeftigten, die genauso gut oder besser als ihre maennlichen Kollegen arbeiteten.

Trotzdem gab es das Aufstiegsproblem, das auch 20 Jahre spaeter noch existierte. Bei einer eigenen Untersuchung 1979 fand ich zwar diverse Frauen, die in Programmierung und Systemanalyse taetig waren, teilweise auch leitend. Nur eine einzige Frau hatte es aber zur Leiterin Organisation und DV gebracht und zudem noch Prokura erhalten. Erstaunlicherweise hatte sie keine weiblichen Mitarbeiter in Organisation und Programmierung.

Auf eine diesbezuegliche Frage antwortete sie: "Das Interesse von Frauen fuer diese Berufe scheint mir nicht allzu gross zu sein." Wie sollte es auch? Schliesslich wurden diese Berufe immer nur Maennern "zugeordnet"; noch 1980 erschien zum Beispiel in der Univac- Zeitschrift "Datascope" ein Beitrag mit der Ueberschrift "Der Wandel im Berufsbild des DV-Leiters", in dem nicht ein einziges Mal die Moeglichkeit angesprochen wurde, dass besagter DV-Leiter auch eine Frau sein koennte.

Aber vielleicht sah man den Begriff "DV-Leiter" auch als geschlechtsneutral an. Denn waehrend wir in der Regel keine Probleme haben, englische und amerikanische Titel zu feminisieren (Manager/Managerin, Supervisor/Supervisorin, Operator/Operatorin etc.), ist das bei deutschsprachigen Bezeichnungen anders. So war beispielsweise 1990 in einem Bericht zu lesen: "... fuehrt ... eine Ausbildung zum Referenten fuer Telekommunikation durch. Sie ist fuer Akademikerinnen und Akademiker gedacht." Da kaum anzunehmen ist, dass Frauen zu Maennern umformatiert werden sollten, kann man wohl davon ausgehen, dass die Bezeichnung Referent als geschlechtsneutral betrachtet wurde.

Besonders problematisch wird die Sache uebrigens bei gesetzlichen Bezeichnungen. Am 24. Dezember 1987 wurde im Bundesgesetzblatt eine neue Berufsbezeichnung veroeffentlicht: Bueroinformationselektroniker. Abgesehen davon, dass dieser Bandwurmname schon allein aufgrund seiner Schreibweise ohne Durchkopplung jedem lesefreundlich schreibenden Journalisten Magenschmerzen verursacht, kann man es wirklich niemanden zumuten, noch ein "in" daranzuhaengen und das Ganze dann auch noch stotterfrei auszusprechen.

Um einen PC zu besitzen und zu benutzen, braucht man jedoch keine Berufsbezeichnung. Aber waehrend Apple 1986 durch den PC noch "neue Chancen fuer Frauen im Berufsleben" sah, wurde bei der GI- Arbeitstagung deutlich, "dass Frauen und Maenner verschiedene Herangehensweisen ... mit dem Rechner ... zeigen". Wie eine "geschlechtsspezifische Orientierung der Informatik" aussehen sollte und sich erreichen liesse, wurde dabei nicht klar. Aber vielleicht waere ja ein Blick in die PC-Welt nicht ganz uninteressant. Sehen wir uns, da ein Bild bekanntlich mehr als 1000 Worte sagt, doch einmal die Cliparts an. Das sind die kleinen Grafiken, die zur Zeit die PC-Benutzer ueberfluten, da kaum ein Grafikprogramm mehr ohne solche Clipart-Bibliotheken ausgeliefert wird. Diese Bilder repraesentieren so etwas wie eine allgemeine PC- Kultur.

Waehlt man zu dieser Analyse den Themenbereich "Menschen im Buero", so stellt man schnell fest: Es ist alles wie im wirklichen Leben. Der eine schaut auf die Uhr, ob noch nicht Feierabend ist, zwei machen Kaffeepause, zwei andere streiten sich zuerst und reichen sich dann die Haende, der Chef gibt seiner Sekretaerin den Brief wegen zu vieler Tippfehler (und das im Computerzeitalter!) zurueck, und die Verkaufsleiterin erklaert den Zuhoerern, warum der Umsatz unerklaerlicherweise nach oben geht.

Wieso es sich um eine Verkaufsleiterin handelt? Weil in der Clipart-Geschaeftswelt Frauen fast nur in zwei Bereichen erscheinen: im Sekretariat und im Verkauf. Natuerlich gibt es auch Ausnahmen; so sehen wir beispielsweise in der Bibliothek "Personen" neben Einstein und Lincoln auch eine "Schauspielerin", deren Aehnlichkeit mit Marylin Monroe unverkennbar ist - eine Frau muss eben beruehmt sein, um eines Cliparts gewuerdigt zu werden. Manchmal findet man allerdings auch eine Frau in einer Grafikdatei. Dass diese Grafik mit der Ueberschrift "New Careers" dann den Satz enthaelt "For Women Only", ist nicht weiter verwunderlich. Es ist eben alles wie im richtigen Leben.

Zitat

"Die DV bleibt weiterhin eine Domaene des Mannes. Bis 1990 sind die Werte des Frauenanteils in der DV annaehernd gleich geblieben. So lag 1990 der Anteil in den Fuehrungspositionen bei vier Prozent, in den Fachpositionen bei 18 Prozent. 1993 seien diese Werte auf fuenf Prozent beziehungsweise 20 Prozent gestiegen. Den hoechsten Frauenanteil verzeichnen folgende Positionen: Datentypistinnen: 100 Prozent, Mitarbeiter Informationssysteme: 67 Prozent und Benutzerservice: 38 Prozent. Aber auch als qualifizierte Arbeitskraft erhalte die Frau in der DV ein um durchschnittlich 15 Prozent geringeres Einkommen als ihr maennlicher Kollege in der gleichen Position."

aus: CW Nr. 25 vom 18. Juni 1993, Seite 7