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Zur EDV-Anwendung in der DDR:


06.06.1980 - 

Rechnerdefizit zwingt zum Einsatz alter Technik

Seit jeher gilt die EDV in der DDR als ein Träger des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Dennoch war deren Entwicklung in der Vergangenheit oftmals von Hemmnissen und Fehlentwicklungen geprägt. lnsbesondere gehört es zum besonderen Anliegen von Partei- und Wirtschaftsführung, den gegenüber westlichen Industrieländern bestehenden Rückstand auf dem EDV-Sektor abzubauen. Staatliche Regulierungs- und Förderungsmaßnahmen einerseits und Parteikritik an bestimmten Tatbeständen andererseits sind daher für die EDV-Entwicklung der DDR kennzeichnend.

Seit etwa 1977 wurde nicht ohne Grund auf verschiedenen Tagungen des Zentralkomitees der SED Niveau und Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts im eigenen Land kritisiert: auch Forschung, Entwicklung, Produktion und Anwendung der Mikroelektronik hatten sich nicht in der von Partei- und Wirtschaftsführung vorgesehenen Weise entwickelt. Die Auswirkungen machten sich ebenfalls auf dem EDV-Sektor bemerkbar. Zwar sind sowohl seit etwa Mitte der siebziger Jahre verschiedene neue EDV-Erzeugnisse entwickelt produziert und eingesetzt als auch mit Beginn des Jahres 1978 die gesamten Kapazitäten der EDV-Erzeugnisproduktion nunmehr ausschließlich in dem stark erweiterten VEB Kombinat Robotron Dresden vereinigt worden; doch wie die Praxis zeigt, konnte der ständig steigende Bedarf an leistungsfähigen Anlagen und Geräten bisher noch nicht ausreichend gedeckt werden. Einer der Gründe hierfür sind nach offizieller Mitteilung die hohen Exportverpflichtungen der Datenverarbeitungs- und Büromaschinenindustrie .

Im Jahre 1979 waren in der DDR insgesamt 600 EDVA sowie 2100 Klein- und Prozeßrechner installiert.

Von den 600 EDVA sind rund 60 Prozent ESER-Anlagen. Davon stammt der weitaus größte Teil aus der Produktion des VEB Kombinat Robotron: ESER-EDVA EC 1040 (ESER-Reihe 1, Serienproduktion seit etwa Ende 1973) sowie eine bereits im Datenverarbeitungszentrum Magdeburg installierte neue EC 1055 (ESER-Reihe 2, Serienproduktion ab 1980). Bei den weiteren ESER-EDVA handelt es sich um Importanlagen aus anderen Comecon-Ländern. Zu den restlichen 40 Prozent der eingesetzten EDVA zählen Rechner aus der eigenen Produktion (Robotron 300, 2. Generation sowie Robotron 21, erster DDR-Rechner der 3. Generation) sowie Importanlagen aus der UdSSR, Polen und aus dem Westen.

Der Gesamtbestand der Klein- und Prozeßrechner setzt sich aus einer Vielzahl leistungsmäßig unterschiedlicher Rechnersysteme zusammen. Noch immer sind auch in diesem Bereich Rechner der 2. Generation in einigen DDR-Betrieben im Einsatz. Hierzu zählen ebenfalls noch immer Rechner der 2. Generation (DDR-Produktionen) und zum überwiegenden Teil DDR-Rechner, die ab etwa 1973 produziert werden.

Hinzu kommen noch einige Importrechner, so aus der CSSR und aus westlichen Ländern.

In dem zuvor genannten Gesamtbestand an Klein- und Prozeßrechnern sind noch nicht enthalten, die seit etwa 1978 vom VEB Kombinat Robotron produzierten Mikrorechner (robotron ZE 1, Produktion ab etwa 1978), Mikrorechnersysteme (robotron K 1510, Produktion ab etwa 1977/78, robotron K 1520, Produktion ab etwa 1978/79 und robotron K 1600, Produktion Ende 1980) sowie die auf diesen aufbauenden Kleinstrechner (robotron K 1001, K 1002, K 1003; Produktion ab etwa 1978), das numerische Steuerungssystem CNC 600 sowie die neuen Kleindatenverarbeitungsanlagen als Bestandteile des Robotron Erzeugnisprogramms "Dezentrale Datentechnik", robotron A 6401 und A 6402.

Ohne Zweifel sind gerade in den letzten Jahren in der DDR mit staatlicher Unterstützung erhebliche Anstrengungen auf dem Gebiet der Rechentechnik unternommen worden, die sich jedoch ohne sichtbare Erfolge auf den jeweiligen Rechnerbestand auswirkten. Der 1979 erreichte Gesamtbestand müßte für ein Industrieland wie die DDR unbefriedigend sein. Das um so mehr, wenn man bedenkt, daß die Anwendung der Computertechnik einen durchaus wichtigen Maßstab für das technische Gesamtniveau von Wirtschaft und Gesellschaft eines Landes liefert. Eine bereits Mitte der 70er Jahre festgelegte EDV-Einsatzkonzeption sah zwar vor, sämtliche Rechner der 2. Generation (zum Beispiel vom Typ Robotron 300) bis 1980 auszusondern und durch neue Anlagen zu ersetzen. Dennoch werden gegenwärtig derartige Altrechner besonders in Klein- und

Mittelbetrieben teilweise noch immer eingesetzt. Die Situation auf dem EDV-Sektor und damit verbunden auch das chronische Rechnerdefizit zwingt nicht nur zu einem Generationswechsel, der sich relativ langsam vollzieht, sondern ebenso zu einem staatlich gelenkten und kontrollierten wirtschaftlichen Einsatz der knappen Rechnerkapazitäten .

Um einen möglichst effektiven EDV-Einsatz zu gewährleisten, wurde bereits Mitte der siebziger Jahre eine Konzeption zur Konzentration der EDV-Kapazitäten eingeleitet. Die langfristig festgelegten EDV-Einsatzplanungen sahen dabei folgende zum Teil bereits realisierte Organisationsformen der EDV-Nutzung vor:

- Individuell genutzte Rechenzentren zum Beispiel in Kombinaten und größeren Betrieben, größeren Universitäten und Hochschulen sowie der Akademie der Wissenschaften.

- Gemeinschaftsrechenzentren für mehrere Betriebe in denjenigen Fällen, in denen sich eine solche Organisationsform aus Gründen einer territorialen oder zweiglichen Rationalisierung anbietet.

- Bereichsbezogene Rechenzentren und Rechenbetriebe für mehrere Nutzer (Rechenzentren kollektiver Nutzung) auf Basis von Teilhaber und Teilnehmersystemen .

- Dienstleistungsrechenzentren, repräsentiert durch die VVB Maschinelles Rechnen. Diese Einrichtung gilt als das wirtschaftsleitende Organ für 15 Datenverarbeitungszentren (DVZ) in der DDR sowie eines spezialisierten Rechenzentrums für Aufgaben der gesamtwirtschaftlichen Statistik und eines Forschungsbetriebes, des Leitzentrums für Anwendungsforschung in Ost-Berlin. Als das am weitesten entwickelte Datenverarbeitungszentrum gilt derzeit der VEB DVZ Magdeburg, welcher zu einem "vorlaufschaffenden territorialen Rechenzentrum kollektiver Nutzung" entwickelt wurde. Die WB Maschinelles Rechnen untersteht der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik.

- Spezielle Rechenzentren mit Datenfernverarbeitungstechnik (Beispiele: Akademie der Wissenschaften, VEB Kombinat Robotron Dresden, DVZ der WB Maschinelles Rechnen, Industriebereichsrechenzentren und so weiter).

Da die Anwendung der vorhandenen knappen EDV-Kapazitäten wohl nicht den gehegten Erwartungen der Partei- und Wirtschaftsführung entsprach, und um weitere Möglichkeiten für einen hinreichend effektiven EDV-Einsatz für alle Bereiche und Zweige der Volkswirtschaft zu schaffen, wurde am 1.1.1980 - wie es in der DDR-Zeitschrift "rechentechnik datenverarbeitung" im Märzheft 1980 wörtlich heißt - "auf Beschluß des Präsidiums des Ministerrates der DDR das Volkseigene Kombinat Datenverarbeitung gegründet". Nach dem Beschluß ist "die gesamte Tätigkeit des Kombinates... darauf gerichtet, mit der EDV-Anwendung die Leitungs- und Planungsaufgaben in der Volkswirtschaft rationeller zu gestalten, volkswirtschaftlich wichtige Informationen aktueller bereitzustellen, die operative Leitung, Planung und Durchführung der Produktions- und Zirkulationsprozesse zu verbessern und den Verwaltungsaufwand wirksam zu reduzieren". Eine weitere Aufgabe besteht darin, in Gemeinschaftsarbeit mit Robotron, Betriebssysteme, Datenbanksysteme, Systemunterlagen der Datenfernverarbeitung etc. zu entwickeln.

Rechnerverteilung

Den staatlichen Konzentrations- und Rationalisierungsbestrebungen folgend, ist der weitaus größte Teil der Rechner in Rechenzentren installiert wobei sich die verfügbaren Rechnerkapazitäten den gegebenen Prioritäten entsprechend, unterschiedlich auf die einzelnen Volkswirtschaftsbereiche und Einsatzgebiete verteilen. Rund 40 Prozent des gesamten Rechnerbestandes dürften auf die Industrie (einschließlich Bauwesen) entfallen. Als Einsatzschwerpunkte gelten hier sogenannte " strukturbestimmende " Bereiche und Zweige, so Chemische Industrie, Elektrotechnik, Elektronik und Gerätebau sowie Maschinen- und Fahrzeugbau. Mit rund 16 Prozent nehmen die Datenverarbeitungszentren der VVB Maschinelles Rechnen eine zentrale Stellung ein: sie sind für einen breiten Kundenkreis (aus Industrie, Handel, Landwirtschaft, Bauwesen, Energieversorgung etc.) tätig, erfassen vor allem deren Plandaten und ermöglichen staatlichen Leitungsorganen eine Kontrolle über den Planungsvollzug. In den Datenverarbeitungszentren werden ähnlich wie in der Industrie in der Regel bevorzugt die neuesten Rechnermodelle eingesetzt. Von Bedeutung wird ebenfalls besonders bei Industrie und Datenverarbeitungszentren der Einsatz von Erzeugnissen des kürzlich auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1980 vorgestellten Robotron-Programms "Dezentrale Datentechnik" (Produktionsbeginn ab Ende 1980) mit Blick auf die Weiterentwicklung von Rechenzentren sowierechnergestützten Leitungsinformationssystemen sein. Innerhalb des Bereichs Verkehrswesen sind vornehmlich Klein- und Prozeßrechner im Einsatz (75 Prozent des Gesamtbestandes dieses Bereichs).

Die vorhandenen Rechnerkapazitäten werden zum größten Teil (DDR-Durchschnitt = rund 60 Prozent) zur Lösung gesamt- und einzelwirtschaftlicher Aufgabenstellungen eingesetzt. Knapp 20 Prozent dürften auf die Lösung technologischer Probleme und rund zehn Prozent auf den Einsatz für Forschungs- und Entwicklungsaufgaben (Industrieforschung und -entwicklung, Hochschul- und Akademieforschung) entfallen.

- KIaus Krakat ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für gesamtdeutsche wirtschaftliche und soziale Fragen, Berlin