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01.08.1980 - 

US-Akademie entwickelt Modell für Krisenmanagement:

Rechnerunterstützte Prognose für Weltpolitik

PlTTSBURG (cw) - Ein Prognosemodell, das vorsieht, politische Untersuchungen mit statistischen Methoden per Computer zu unterstützen, ist in Pittsburg, Pennsylvania, entwickelt worden. Die Entwickler, George Duncan von der Carnegie-Mellon-University und Brian Job von der University of Minnesota, hoffen, daß das Modell-Verfahren eines Tages zur Vorhersage, Analyse und auch Vermeidung internationaler Krisen beitragen wird.

In seiner gegenwärtigen Form liefert das Modell eine 30-Tage-Vorhersage der Möglichkeit rascher Änderungen in der Außen- und Innenpolitik eines Landes. Es beruht auf der Markoffschen Theorie der Statistik und wurde von zwei Mitgliedern der U.S. National Academy of Sciences entwickelt. Es handelt sich um Dr. George Duncan von der Carnegie-Mellon-University und Dr. Brian Job von der University of Minnesota. Die Eingabe-Informationen, auf denen die Expertenanalysen beruhen, stammen - so Job - aus mannigfaltigen Quellen, vor allem von Beobachtern der internationalen politischen Szene an Universitäten und Instituten, im Außen- und Verteidigungsministerium, aber auch aus der Tagespresse und aus Zeitschriften.

Fünf Konfliktebenen

Wird ein Modell für eine bestimmte politische Krisensituation geschaffen, haben die Analytiker als erstes fünf mögliche Konfliktebenen zu definieren, denen das Szenario folgen kann. Sie erstrecken sich von gemäßigten bis hin zu extremen Auseinandersetzungen. Als zweites müssen sie die Möglichkeit des Übergangs von der einen Konfliktebene zu jeder der vier anderen bewerten und die Zeitspannen angeben, in denen sich diese Übergänge vollziehen können. Job und Duncan sprechen in diesem Zusammenhang von Transitionsmöglichkeiten und Wartezeiten.

Die Übertragung der Transitionsmöglichkeiten und Wartezeiten in des Modell ist nach Job eine heikle Angelegenheit. Es geht hier um die Lieferung so vieler quantitativer Daten, daß die statistischen Bedürfnisse des Modells befriedigt werden. Sobald die Daten vorliegen, werden sie in einen der beiden Rechner eingegeben, die für das Projekt zur Verfügung stehen. Bei dem einen handelt es sich um ein System 2060 der Digital Equipment Corporation bei Carnegie-Mellon, der andere ist ein PDP-11/70, ebenfalls von Digital Equipment, der von Washington, DC, aus über Wählleitungen mit dem System 2060 verbunden ist.

Ausgegeben wird ein Satz von Prognosen über die Wahrscheinlichkeit, mit der das Szenario im Verlauf der nächsten 30 Tage jeder einzelnen Konfliktebene folgen wird.

Bewährt in Nahost-Krisen

Seine Bewährungsprobe hat das Modell anläßlich der Nahostkrisen bestanden. Bei den ständigen Spannungen zwischen Israelis und Arabern ist eine Krise nie fern. Duncan wandte das Modell zuerst auf den Konflikt an, bei dem die israelischen Streitkräfte am 15. März in den Süd-Libanon eindrangen. Die Experten beurteilten das israelische Vorgehen als die Vorstufe zu einem neuen Nahostkrieg und bewerteten es mit der Ebene vier auf der fünf Konfliktebenen umfassenden Skala. Nach der Verarbeitung der Eingabedaten durch die Modellprogramme sagten die beiden Rechner anhaltende Spannungen auf sehr hoher Konfliktebene für die nächsten Tage voraus.

Im Verlauf der nächsten beiden Wochen verschlechterte sich die wirkliche Situation bis zu einem Punkt, an dem die Möglichkeit eines neuen Kriegs wahrscheinlicher war als eine Fortsetzung der Spannungen oder eine Entspannung. Das Modell gab damals zu erkennen, daß die Zusammenhänge zwischen den drei Möglichkeiten eine sofortige Aktion erforderlich machen, um einen Kriegsausbruch zu vermeiden.

Als die Vereinten Nationen nun Friedenstruppen in den Süd-Libanon entsandten, verzeichnete das Modell einen Übergang auf niedrigere Konfliktebenen und einen Rückgang der Kriegsgefahr. Kurz nach der Ankunft der Friedenstruppen flaute die Krise ab und bestätigte damit die Vorhersage des Modells.

Radikale Änderung möglich

Job betonte, daß das Modell nicht auf der übereinstimmenden Beurteilung der Situation durch Experten beruht. Im Falle abweichender Bewertungen werden mehrere Prognosen geliefert. In manchen Fällen kann eine radikale Änderung des Modells erforderlich werden. Als Beispiel nannte Job die kürzlich in Zimbabwe durchgeführten Wahlen, denen das Modell ebenfalls folgte.

Schon Wochen vor den Wahlen war die Spannung beträchtlich; da der Wahlkampf von Bombenattentaten und anderen Ausschreitungen begleitet war. Nach den Wahlen nahm der gewählte Ministerpräsident Mugabe eine versöhnliche Haltung gegenüber der weißen Bevölkerung ein und bildete eine Regierung auf breiter Basis unter Beteiligung der Weißen.

Diese Änderung machte die Bewertungen zunichte, auf denen das Modell aufgebaut war, und die Analytiker entschlossen sich zu einer Änderung der Transitionsmöglichkeiten, der Wartezeiten und der fünf möglichen Szenario-Entwicklungen.

Ohne Rechner unmöglich

Eine Sicherung in der Software macht die Analytiker auf Widersprüchlichkeiten in ihren Aussagen aufmerksam. Wenn beispielsweise ein Analytiker heute sagt, die Chancen einer Transition von einer Konfliktebene zur nächsten sind vier zu eins und morgen behauptet, sie seien fünf zu eins, ohne daß sich die Situation geändert hat, macht ihn der Rechner auf diesen Widerspruch aufmerksam.

Duncan stellte in Abrede, daß der vom Modell erzielte Grad der Effizienz nur unwesentlich besser ist als der durch menschliche Intuition erreichbare. "Der Wert des Programms besteht darin, daß es Vorhersagen in großer Zahl erzeugen kann, die miteinander im Einklang sind", sagte er. Ohne Computer ist das unmöglich.

Übersetz aus der COMPUTERWORLD vom 19. Mai 1980 von Hans J. Hoelzgen, Böblingen.