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21.05.2004 - 

Den Vorteilen stehen derzeit noch hohe Investitionen gegenüber

Rechnet sich RFID nur für den Handel?

MÜNCHEN (qua) - Nach dem Handel haben auch die Logistikdienstleister und die produzierende Industrie die Radio Frequency Identification (RFID) entdeckt. Einer aktuellen Marktstudie zufolge wird sich die Funkwellentechnik für diese Branchen allerdings nicht so bald auszahlen.

Das Thema Radio Frequency Identification steuert unaufhaltsam den Kamm der Hype-Welle an. Allein in Europa wird der Markt für diese Technik in den kommenden vier Jahren von 400 Millionen auf 2,5 Milliarden Euro wachsen, prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Soreon Research. Ein Fünftel des Marktvolumens werde den Dienstleistern zugute kommen, doch mehr als drei Viertel dürften die Investitionen in Transponder-Chips ausmachen - trotz rapiden Preisverfalls. Bis 2008 ist jedes zwanzigste Produkt mit einem Funketikett gekennzeichnet, so die im schweizerischen Kreuzlingen und in Frankfurt am Main ansässigen Analysten.

Die Handelskonzerne Metro Group, Wal-Mart und Tesco gelten zu Recht als die Wegbereiter des RFID-Booms. Als Betreiberin des "Extra Future Store" hat die Metro Group AG vor einem Jahr unter RFID-Experten für weltweites Aufsehen gesorgt (www.computerwoche.de/go/80112089). Der Handel darf denn auch den größten Return on Investment (RoI) von der berührungslosen Identifikation erwarten, weil er - so die Soreon-Experten - die Kosten für die "Smart Labels" den Lieferanten aufbürden könne.

Den Herstellern rät das Marktforschungsunternehmen deshalb, die RFID-Einführung zu verschleppen: "Mit jedem Monat der Verzögerung fallen die Tranponderpreise weiter, und der Kostenberg kann somit abgebaut werden", so der Wortlaut der Studie. Doch Metro und Wal-Mart haben ihre wichtigsten Zulieferer bereits verpflichtet, ihre Ware noch in diesem Jahr mit Funketiketten auszustatten.

Gabelstapler müssen Tempo drosseln

Auf einer von Euroforum organisierten "Handelsblatt"-Veranstaltung in Düsseldorf bestätigte der Leiter des Future-Store-Projekts, Gerd Wolfram, die positiven Erfahrungen der Metro Group: Die Funkfrequenztechnik ermögliche ein gezieltes Tracking aller Produkte. Sie mache die Warenströme sichtbar und sorge für Transparenz entlang der gesamten Lieferkette. Zudem werde ein Teil der manuellen Arbeit entbehrlich.

Aus dem Feldversuch habe die Metro AG allerdings auch weniger angenehme Schlüsse ziehen müssen, ergänzte der IT-Manager - unter anderem den, dass RFID keine "Technologie aus dem Regal" sei, sondern individuell konfiguriert werden und in die eigenen Prozesse eingebettet werden müsse. Eine entscheidende Rolle für den Erfolg spiele, so Wolfram weiter, die Art und Weise, wie die Labels und die Antennen angebracht, und die Geschwindigkeit, mit der sie an den Lesegeräten vorbeigezogen würden. Beispielsweise hätten die Gabelstapler ihr Tempo drosseln müssen, um die Lesegenauigkeit zu erhöhen. Insgesamt seien die Erfassungsraten "zufrieden stellend, aber verbesserungsfähig"; abhängig von der Produktart betrügen sie bis zu 97,5 Prozent.

Neben dem Future Store hat die Metro Group einen weiteren RFID-Test initiiert: Die Konzerntochter Kaufhof Warenhaus AG lotet die Möglichkeiten der neuen Technik gemeinsam mit dem Textilzulieferer Gerry Weber aus - im Verteilzentrum Neuss-Norf, wo ein "Innovation Center" eingerichtet wurde, sowie in den Häusern Wesel und Münster. Gekennzeichnet wurden sowohl Umkartons ("Case Level Tagging") als auch Einzelprodukte ("Item Level Tagging").

"Spaß macht es überall dort, wo gezählt wird", lautete das Fazit von Rüdiger Bentrup, Geschäftsführer der Gerry Weber Service International GmbH mit Sitz im westfälischen Halle. Allerdings betonte der IT-Experte auch, dass die Funkfrequenzerkennung kein Selbstläufer sei: "Am Anfang erinnerte es stark an Jugend forscht", räumte er ein. Die Lesegenauigkeit beim Item Level Tagging lag zu Beginn des Pilotversuchs unter 30 Prozent, weshalb die begleitende Barcode-Kennzeichnung unverzichtbar erschien. Inzwischen ließ sich die Erkennungsrate aber auf 95 Prozent anheben, indem die Artikel nicht schneller als in "Schrittgeschwindigkeit" an den Erfassungsgeräten entlanggezogen und von störender Strahlung weitgehend abgeschirmt werden.

Wie Bentrup mitteilte, haben Kaufhof und Gerry Weber jeweils ihre "Selbstkosten" getragen. Trotzdem hofft der Bekleidungskonzern, in weniger als zwei Jahren einen Return on Investment erzielen zu können. Für eine fundierte Wirtschaftlichkeitsberechnung fehle derzeit jedoch ein standardisiertes Modell.

Die Soreon-Analysten lehnen sich hier weit aus dem Fenster: In ihrer auf Interviews mit 40 Anwenderunternehmen basierenden Studie ermittelten sie den RoI, indem sie den durchschnittlichen jährlichen Cashflow durch die Anfangsinvestitionen dividierten. Für das Anwendungsbeispiel "Case Level Tagging bei einem Textilhersteller" ergab sich ein negativer Return: Die Kosten überstiegen den Gewinn um 23 Prozent, für das Item Level Tagging lag der Wert sogar bei minus 63 Prozent.

Infrastruktur vernachlässigt

Trotzdem sehen die großen Hersteller in erster Linie die Vorteile der RFID-Technik. Volker Heidorn, Global Customer Supply Manager bei Kraft Foods, nannte vor allem das Messen und Vermeiden von Lagerengpässen, die Bestandsoptimierung, die Möglichkeit zur Rückverfolgung von Produkten und die Diebstahlsicherung. RFID könne als Frühwarnsystem für neue Auffüllkonzepte dienen, sofern Bestellprozesse wie Arbeitsabläufe des Verkaufspersonals angepasst und die Rahmendaten, beispielsweise Mindestbestandmengen, sauber definiert würden.

Um die Potenziale der Funkfrequenz-Identifikation für Bestands-Management und Cross-Selling auszuschöpfen, ist aus Sicht von Udo Scharr, IT-Manager bei der Procter & Gamble GmbH in Schwalbach, vor allem eins notwendig: eine "gescheite" IT-Infrastruktur. "Derzeit stehen immer die Tags und die Reader im Vordergrund", monierte er. Das Thema Infrastruktur werde zu Unrecht "nachgelagert" behandelt.

Das gilt bestimmt nicht für die RFID-Konferenz in Düsseldorf. Von der herausragenden Bedeutung der IT-Integration sprach auch Dirk Heyman, beim Körperpflege-Konzern The Gillette Company europaweit für das Thema Auto-ID verantwortlich. Die Verknüpfung mit dem Enterprise Resource Planning (ERP), aber auch das Sammeln und Managen der anfallenden Datenmengen sollten zunächst im Brennpunkt des Interesses stehen, mahnte Heyman. Zudem sei es wichtig, den RoI zu messen und die Risiken abzuwägen: "Die Hype-Kurve ist derzeit viel zu steil."

Weniger Schwund

Dass sich die Investition in die Funkfrequenztechnik auch für die Herstellerseite rechnen kann, belegte Matthias Branka, Unterabteilungsleiter für Konzernlogistik bei der Volkswagen AG. Die von ihm vorgestellte Anwendung betrifft allerdings einen geschlossenen Kreislauf mit wiederbeschreibbaren Chips, genauer gesagt: die Kennzeichnung von Transportbehältern für Fahrzeugteile.

In der Vergangenheit habe es bei den Behältern immer wieder Schwund oder "Vorratshaltung" gegeben, erläuterte Branka die Ausgangssituation. Seit die zum Teil hoch spezialisierten Haltevorrichtungen mit Funkchips gekennzeichnet sind, lassen sich ihre Bewegungen - dank einer eigens entwickelten Visualisierungssoftware - im Intranet verfolgen. Das Ergebnis ist eine deutliche höhere Verfügbarkeit, also ein reduzierter Maschinenstillstand. Auf der einen Seite stehen Investitionen von 550000 Euro, auf der anderen Seite 33 Prozent weniger Schwund, fünf Prozent weniger Aufwand für die Behältersuche und ein um 41 Prozent reduziertes Budget für Ersatzbeschaffungen.

Im Prinzip ähnlich funktioniert die RFID-Lösung der Hauptbücherei in Wien. Nach dem 2001 erfolgten Umzug an den Urban-Loritz-Platz wurde jedes der 300 000 Medien mit einem "Smart Tag" gekennzeichnet. So versetzte die Bücherei ihre registrierten Nutzer in die Lage, die Ausleihvorgänge selbst zu verbuchen, indem sie ein RFID-Portal passieren. 45 Prozent machen von dieser Möglichkeit Gebrauch, freut sich der Bibliotheksleiter Christian Jahl. Für die Erstausstattung hat die Wiener Hauptbücherei rund 675000 Euro ausgegeben. Die Motivation für diesen Investitionsaufwand sei nur "zu etwa 20 Prozent" der Diebstahlschutz gewesen, beteuerte der Bücherei-Chef. Im Vordergrund habe vielmehr die Absicht gestanden, den Verbuchungsvorgang zu beschleunigen.

Besser als bei den Herstellern bewerten die Marktforscher von Soreon Research die Erfolgsaussichten für die Logistikdienstleister. Ihr Anwendungsbeispiel "Distributionszentrum" erzielte nach dem gegenwärtigen Stand der Chipkosten einen nur leicht negativen RoI von vier Prozent. Trotzdem mochte Christian Polscher, Marketing-Leiter bei DHL Solutions, nicht in die allgemeine RFID-Euphorie einstimmen. Als Spezialist für "Fast Moving Consumer Goods" ist DHL Solutions beispielsweise in die RFID-Tests von Metro sowie Johnson & Johnson involviert, und in technischer Hinsicht erwies sich der Transponder-Einsatz bei der Paletten-Kennzeichnung als voller Erfolg. Doch Polscher sieht zumindest in den kommenden sechs Jahren keine Möglichkeit, die Ablösung der als "innovationssicher" eingeführten "Europäischen Artikelnummer" (EAN 128) durchzusetzen. Für die Spediteure bedeute das einen jahrelangen Doppelaufwand.

Hier lesen Sie ...

- was die Metro Group aus ihrem Pilotversuch gelernt hat;

- welche Anlaufschwierigkeiten Gerry Weber meistern musste;

- warum die Volkswagen-Bänder seltener stillstehen;

- wie die Zentralbücherei in Wien den Ausleihprozess beschleunigt.

Proteste gegen Konferenz

Die Schar der Demonstranten war überschaubar, aber nicht zu übersehen: Als die Teilnehmer an der "Handelsblatt"-Veranstaltung "RFID" das Tagungshotel verließen, um in die Busse zum "Extra Future Store" in Rheinberg zu steigen, wurden sie bereits erwartet - von einigen Aktiven des "Vereins zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs" (Foebud). Auf ihren Handzetteln forderten die Demonstranten: "Kein Big Brother im Frischkäse!" Auf "Philadelphia"-Frischkäsepackungen erprobt der zur Metro-Gruppe gehörende Future Store seit einem Jahr den Einsatz von Funketiketten.

Als eine Verletzung der Privatsphäre prangern Verbraucherschützer vor allem die Verbindung von Funkfrequenz-Identifizierung und Kundenkarte an. Industrie und Handel können es sich nicht leisten, die Skepsis unter den Kunden zu ignorieren. Aufgrund von Verbraucherprotesten zog Metro eine mit RFID-Chip ausgestattete Kundenkarte zurück, und der Textilhersteller Benetton brach einen Feldversuch ab, mit dem er die Laufwege der Kunden durch seine Shops nachzeichnen wollte. Zudem installierte der Extra Future Store nachträglich einen "Deaktivator", der die gespeicherten Informationen beim Verlassen des Geschäfts löschen soll.

Das Thema Privacy kam auch auf dem Kongress selbst zur Sprache: Der RFID-Experte Lorenz Hilty von der Schweizer Materialprüfungs- und Forschungsanstalt schlug vor, Produkte mit Funketiketten deutlich zu kennzeichnen, um den Verdacht der heimlichen Überwachung zu entkräften.

Akzeptanzfördernd würde sich zudem ein Mehrwert für den Verbraucher auswirken. Das belegt der hohe Verbreitungsgrad, den einige Kundenkarten ("Happy Digits", "Payback" etc.) erzielt haben. Sie sind aus Datenschützersicht fragwürdig, stoßen aber kaum auf Ablehnung, weil sie aktiv beantragt werden müssen und zur Inanspruchnahme von Preisnachlässen oder Zugaben berechtigen. (qua)

Stichwort RFID

Die deutsche Übesetzung des Begriffs Radio Frequency Identification (RFID) lautet korrekt: Identifizierung mit Hilfe von Funkwellen. Es handelt sich um eine "Auto-ID-Technik", mit der sich Wagenladungen, Paletten, Umverpackungen oder einzelne Produkte so kennzeichnen lassen, dass sie automatisch und berührungslos Rückmeldungen über ihre Bewegung oder ihre Konsistenz geben. Dazu sind vier Komponenten notwendig:

- Speicherchips mit Antenne,

- Geräte zum Beschreiben und Auslesen der Informationen,

- Software, die zwischen beiden vermittelt, und

- eine Infrastruktur für die Auswertung.

In den "Auto-ID-Labs" (http://www.autoidlabs.org) arbeiten Wissenschaftler, IT-Anbieter und Anwenderunternehmen gemeinsam an der Definition einer Referenzumgebung für den RFID-Einsatz. Unter dem Titel "Savant" existiert bereits eine Spezifikation für die Middleware. Zur Standardisierung des Electronic Product Code (EPC), eines Object Naming Service (ONS) und der Physical Markup Language (PML) hat sich die EPC-Global Inc. formiert.

Abb: Ab wann es sich für wen lohnt

Bis sich RFID-Investitionen für die Hersteller auszahlen, dürften noch sechs bis sieben Jahre vergehen. Quelle: Soreon Research