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Recycling von Altgeraeten noch nicht gesichert Fehlende Regeln lassen Schrottberg weiterwachsen

11.08.1995

Kommt sie nun oder kommt sie nicht, die deutsche Schrottverordnung? Eigentlich soll sie zum 1. Januar 1996 in Kraft treten, doch bislang liegt nicht einmal ein konsensfaehiger Kabinettsentwurf vor. Inzwischen waechst der Berg an elektronischer Altware weiter: Allein in Deutschland fallen jaehrlich 1,5 Millionen Tonnen Elektroschrott an. Die Entsorgungsfrage ist nicht geregelt. Wildwuchs und Goldgraeberstimmung unter den Recyclern - man erinnert sich an die Negativschlagzeilen ueber Muellexporte in Dritt- und Entwicklungslaender - erfordern moeglichst bald eine verbindliche Zertifizierung solcher Betriebe. Aktiv geworden sind seit einiger Zeit neben Industrieverbaenden insbesondere die Hersteller von DV-Geraeten, die teilweise ausgefeilte Recycling- Konzepte entwickelt haben.

Noch vor ein paar Jahren standen Besitzer von elektrischen Altgeraeten vor einem schier unloesbaren Problem: Was tun mit ausrangierter Hardware? Die Hersteller von Buchungsmaschinen oder Schreibautomaten wollten von ihren Produkten am Ende des Lebenszyklus nichts mehr wissen, Schrotthaendler waren ausschliesslich an schwergewichtigen Eisenteilen interessiert, die staedtischen Muelldeponien - zur Annahme verpflichtet - verfrachteten die ausgedienten Geraete unzerlegt auf ihre Schuttberge, von Recycling hatte niemand gehoert.

Erst die Oekowelle schaerfte das Bewusstsein fuer eine umweltgerechte Aufarbeitung von elektrischen und elektronischen Apparaten. Kommerziell genutzte Maschinen wurden als erste ausgeschlachtet. Und es lohnte sich, enthielten sie doch hochwertige Rohstoffe wie Gold oder Platin, die einer gewinntraechtigen Wiederverwertung zugefuehrt wurden. Der Rest wanderte - ebenso wie die meisten Elektrogeraete der privaten Haushalte - auf die Muellkippe.

Mittlerweile gibt es eine Vielfalt von Wiederaufarbeitungsmoeglichkeiten, die sich allerdings bislang auf die Entsorgung von DV-Geraeten aus kommerziellen Betrieben beschraenken. Und die machen nur rund zehn Prozent der anfallenden Menge an Elektroschrott aus. Fuer Deutschland rechnet die Bundesregierung insgesamt mit einem Aufkommen von jaehrlich 1,5 Millionen Tonnen an Elektronik-Altgeraeten, in Westeuropa sollen es zwischen acht und zehn Millionen Tonnen sein.

Die Europaeische Union hat sich deshalb des Themas angenommen und vor rund einem Jahr eine Projektgruppe ins Leben gerufen. Ziel sollte es sein, Empfehlungen auszuarbeiten, um die Menge an Schrott und gefaehrlichen Materialien auf Deponien zu reduzieren und wertvolle Rohstoffe wiederzuverwenden. Nach einem Jahr Forschungsarbeit liegt der EU-Kommission nun das Schlussdokument der Gruppe vor. Ein Konsens selbst innerhalb des 60koepfigen Gremiums - es bestand aus Vertretern der 15 Mitgliedstaaten sowie von rund 30 Verbaenden - konnte allerdings nicht erzielt werden. So ist auf europaeischer Ebene in den kommenden zwei bis drei Jahren keine verbindliche Regelung in Sicht.

Eine gewisse Einigkeit wurde zumindest hinsichtlich der Prioritaeten erreicht: Danach hat die Vermeidung von Schrott Vorrang vor der Verwertung und diese wiederum vor der Entsorgung.

Wie schwierig das Tauziehen um eine verbindliche Entsorgungsvorschrift ist, zeigt die oft zitierte Elektronikschrottverordnung der Bundesregierung, die urspruenglich zum 1. Januar 1996 in Kraft treten sollte. Das Bundesumweltministerium hat nach Aussage von Ullrich Bruchmann, Mitarbeiter der Berliner Aussenstelle der Merkel-Behoerde, zwar eine Gesetzesvorlage ausgearbeitet, konnte sich aber bislang nicht mit den Kollegen vom Wirtschaftsministerium darueber einigen, wer denn nun die Verantwortung und die Kosten fuer die Entsorgung zu tragen habe.

Diskutiert werden derzeit - auch EU-weit - insbesondere drei Finanzierungsmodelle fuer die zu erwartenden Mehrkosten des Recyclings (siehe Tabelle). Das Bundesministerium fuer Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) favorisiert den Vorschlag, gleich beim Kauf eine Recyclinggebuehr zu erheben, waehrend die Rexrodt-Behoerde den Letztbesitzer zur Kasse bitten will.

Bis zum 23. August dieses Jahres hat das Wirtschaftsministerium noch Zeit, die Vorlage aus dem Bundesumweltministerium zu pruefen und mit den Kollegen abzustimmen. Sollten sich beide Ministerien bis dahin nicht einigen koennen, wird das BMU nach eigenen Angaben "dem Kabinett unsere Vorschlaege als Gesetzesvorlage praesentieren".

Das langsame Mahlen der amtlichen Muehlen und die Befuerchtung, zu einem weitreichenden Entsorgungskonzept gezwungen zu werden, fuehrten dazu, dass die Industrie und hier vor allem die DV- Hersteller von sich aus aktiv wurden. Wie stark das Umweltengagement der deutschen PC-Hersteller wirklich ist, untersucht seit zwei Jahren der Bund fuer Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Fuer 1995 machte er, aehnlich wie im Vorjahr, eine Drei-Klassen-Gesellschaft aus. Die weltweit operierenden Konzerne, die sich in der Regel schon seit laengerem mit Umweltschutzfragen beschaeftigen, kommen bei der BUND-Umfrage am besten weg. SNI, HP, NEC, AT&T, Acer und IBM belegen die Spitzenplaetze.

Assemblierer wie Vobis und ASI Computer, die, so der BUND, immerhin versuchten, beim Design ihrer Produkte auf einfache Zerlegbarkeit zu achten, bilden das oekologische Mittelfeld. Das Umweltverhalten von Vobis wird sich nach eigenen Angaben in naher Zukunft deutlich verbessern: Die Konzernmutter Kaufhof Holding AG erarbeitet derzeit Richtlinien fuer das Recycling. Diese Regeln sollen dann nicht nur fuer den Handelsriesen gelten, sondern fuer beauftragte Entsorgungsbetriebe ebenfalls verbindlich sein.

Auch bei einem der Schlusslichter der BUND-Erhebung 1995, der Escom AG, macht man sich allmaehlich Gedanken ueber die Umweltvertraeglichkeit von DV-Equipment. Rainer Bachmann, seit Juli bei Escom, entwickelt derzeit ein Oekokonzept, das noch vor Weihnachten vorliegen soll. Ob Konzernchef Manfred Schmitt die Vorschlaege akzeptiert, muss abgewartet werden. Immerhin verzichtet Escom bei den Rechnergehaeusen, die in Dresden gefertigt werden, auf gefaehrliche Kunststoff-Beimischungen. Flammschutzmittelfreie Monitore kann der Billiganbieter derzeit aber nicht garantieren, und Altgeraete nimmt das Unternehmen auch nicht zurueck.

Bei den PC-Herstellern, die ausgemustertes Geraet annehmen, hat sich ein mehrstufiges Verwertungskonzept durchgesetzt. In der Regel versuchen sie zunaechst, die Altgeraete weiter zu nutzen. Im naechsten Schritt werden noch funktionierende Komponenten ausgesondert, die der Teile-Wiederverwertung zugefuehrt werden. Dann beginnt das Rohstoff-Recycling und die vollstaendige manuelle Demontage der Geraete.

Auch hier unterscheiden sich die Verfahren kaum: Es wird fraktioniert. Siemens-Nixdorf beispielsweise unterscheidet bis zu 60 Fraktionen. "Massgeblich fuer die Anzahl der Unterteilungen sind die Rohstoffpreise", erklaert Alois Hampp vom SNI-Referat Umweltschutz. Ein "Fahndungscomputer" im Paderborner SNI- Recyclingzentrum hat alle eigenen Geraete unter Angabe der Bestandteile gespeichert. Kommt ein Fremdgeraet zum Abwracken, unterstuetzt ein Massenspektrometer die Erkennung der Kunststoffe. "Selbst bei gekennzeichneten Kunststoffen stimmt oft die Angabe des Materials nicht mit der tatsaechlichen Plastiksorte ueberein", klagt Hampp ueber die angeblichen Fortschritte im Recycling. "Manchmal werden die PC-Hersteller von ihren Lieferanten - oft aus Bequemlichkeit - ueber die tatsaechliche Kunststoffmischung getaeuscht. Die Massenspektrometrie ist zuverlaessiger."

Die Gehaeuse, so sie aus sortenreinen Kunststoffen (ohne flammenhemmende Beimischungen) oder unbeschichteten Metallen bestehen, gehen direkt in die stoffliche Wiederverwertung ein. IBM verwendet noch immer PVC-Gehaeuse, die zu 100 Prozent als Grundstoff fuer neue DV-Monitore dienen. PVC wird allgemein als bedenklich eingestuft, da es bei Erwaermung Chlor absondern kann. PVC-Mischungen scheiden gar Dioxine aus.

Metallteile wie Kupfer gehen in die pyrometallurgische Verhuettung, Mischprodukte aus Kunststoff werden zerkleinert und dienen als Heizmaterial in Kraftwerken. Reicht der Energiegehalt dafuer nicht aus, wartet die Muellverbrennung, Nichtbrennbares wandert auf die Deponie.

Probleme bereiteten lange die Glasteile der Monitore. Blei- oder bariumbeschichtete Bildroehren und Frontglaeser, die frueher zwischengelagert oder als Granulat fuer Strassenbelaege genutzt (und dabei die Gifte nur verteilt) wurden, enden nun oft als Schlacke in (Blei-) Glashuetten und ersetzen damit Kies und Sand. Die Recyclingindustrie unternimmt momentan grosse Anstrengungen, neue Verfahren fuer die Rohstoffrueckgewinnung oder zusaetzliche Einsatzfelder fuer die fraktionierten Teile zu finden. So laeuft beispielsweise ein von dem Recycler RDE GmbH, Pulheim-Braunweiler, initiiertes Pilotprojekt, um Mischkunststoffe als Reduktionsmittel in Hochoefen von Stahl- und Zementwerken einzusetzen.

Was neben einer Schrottverordnung ebenfalls fehlt, sind verbindliche Anforderungen an Recyclingunternehmen. Noch immer tummeln sich diverse schwarze Schafe unter den Entsorgern, die den serioesen Betrieben mit Dumpingpreisen das Leben schwermachen. Grosse DV-Hersteller entwickelten meist ihre eigenen Recyclingkonzepte, die von den beauftragten Entsorgern uebernommen werden. Fachbetriebe wie die RDE, die unter anderem mit dem PC- Hersteller ICL zusammenarbeitet, konzeptionieren in Ermangelung einer staatlichen Regelung eigene Anforderungskataloge fuer die Zertifizierung von Verwertern.

Den Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) und den Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie e.V. (ZVEI) laesst es offenbar auch nicht kalt, dass auf Gesetzgeberseite so wenig Konkretes geschieht. Sie konstituierten im Maerz dieses Jahres die Arbeitsgemeinschaft "Cycle".

Dort sollen Massnahmen zur Entsorgung erarbeitet werden. Grundgedanke ist, dass die Verantwortung fuer den Elektroschrott bei den "Erstinverkehrbringern", also Herstellern, Importeuren und Vertreibern, liegt. Die technischen Ueberwachungsvereine sind ebenfalls schon aktiv geworden und legten Vorschriften fuer zertifizierte Entsorgungsbetriebe fest.

Die Bundesvereinigung der Elektro- und Elektronik-Verwertungs- Unternehmen (BEVU) wurde 1992 gegruendet, um vor allem ein flaechendeckendes Netz von Entsorgungsbetrieben zu schaffen. Schliesslich entsorgen insbesondere kleine Unternehmen und Privathaushalte ihren Elektronikschrott nur dann ordnungsgemaess, wenn eine Annahmestelle in der Naehe ist.

Klaudia Martini, rheinland-pfaelzische Ministerin fuer Umwelt und Forsten, wies in einer Rede anlaesslich einer Fachtagung der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz ebenfalls auf die Probleme der Logistik beim Recycling hin. Loesen koennte man diese beispielsweise dadurch, dass Handwerks- oder Innungsfirmen als Sammelstelle dienen, wie das die Handwerkskammer Trier bereits praktiziere. Es steht allerdings zu befuerchten, dass Handwerksbetriebe vor Zigtausenden von ausgedienten Toastern, Fernsehern oder Stereoanlagen kapitulieren muessten.

Von den DV-Unternehmen geht die Vobis AG einen vergleichbaren Weg: In den rund 200 Ladengeschaeften kann altes DV-Equipment - bisher noch kostenlos - abgegeben werden. Laut BUND-Umfrage ist Vobis, zusammen mit Apple, der einzige PC-Lieferant, der fuer die Entsorgung bislang nichts verlangt. Selbst Geraete von anderen Herstellern koennen kostenfrei angeliefert werden.

Die Compaq Computer GmbH, die mit der Daimler-Tochter Dasa und der Abfall-Entsorgungsgesellschaft Ruhrgebiet zusammenarbeitet, berechnet vier Mark je Kilo bei eigenen Computern, eine Mark mehr bei der Annahme von Fremdgeraeten. IBM recycelt nach eigenen Angaben zum Selbstkostenpreis. Inklusive Abholung kostet die Entsorgung eines Monitors rund 50 Mark. Fuer 4000 Mark in der hoechsten Preiskategorie laesst sich dann wohl ein Mainframe abwracken.

SNI verlangt zwischen 28 und 1900 Mark, kostenlos werden nur die eigenen Produkte mit dem blauen Engel zurueckgenommen, Fremdgeraete sieht man in Paderborn nicht gerne. Hewlett-Packard verlangt bei Einzelruecknahmen 25 Mark je Geraet, wobei Haendler Sammellieferungen kostenlos im Wertstoffzentrum in Boeblingen abgeben koennen.

Der Container-Dienst Meyer in Oldenburg, eine Sammelstelle fuer Elektroschrott, berechnet fuer die Ruecknahme von brauner Ware 1,50 Mark je Kilogramm, Recycler RDE nimmt zum Kilopreis zwischen einer und 1,50 Mark an.

Das steigende Umweltbewusstsein der PC-Hersteller schlaegt sich auch im Einkauf nieder, wo wie etwa bei IBM und SNI Material- Verbotslisten fuer krebserzeugende Stoffe gefuehrt werden und Lieferanten weltweit geltende Konstruktionsnormen erfuellen muessen. Erfahrungen aus der Demontage fliessen in der Regel in die Konstruktion neuer Geraete ein. Bis zum 100prozentig wiederverwertbaren Rechner wird allerdings noch einige Zeit vergehen, die Recyclingquote liegt derzeit bei 90 Prozent.

Der Stand der Dinge

Eine verbindliche rechtliche Regelung ueber die Behandlung von Elektroschrott in Deutschland existiert noch nicht. Strittig ist vor allem, wer fuer die Entsorgung zu bezahlen hat, der Ersterwerber oder der letzte Besitzer. Die Europaeische Union hat eine Arbeitsgruppe beauftragt, Empfehlungen auszuarbeiten. Der Schlussbericht liegt der Kommission nun vor, rechtsverbindliche Regelungen auf Europaebene werden aber noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Aktiv geworden sind fast alle deutschen PC-Hersteller. Sie entwickelten und praktizieren teilweise ausgefeilte Recyclingkonzepte. Einige Entsorgungsfachbetriebe verfuegen ebenfalls ueber gute Konzepte. Zu warnen ist allerdings vor schwarzen Schafen, die mit Dumpingpreisen locken, aber nicht recyceln. Verbaende wie ZVEI und VDMA arbeiten an Regeln fuer eine Zertifizierung von Entsorgungsbetrieben. Einige Technische Ueberwachungsvereine (TUEVs) vergeben, basierend auf ihren eigenen Kriterien, bereits Zertifikate.