Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

15.10.1999 - 

Weltweiter Linux-Markt kommerzialisiert sich

Red Hat und die Probleme eines Freeware-Marktführers

MÜNCHEN (gh) - Hat Freeware eine Zukunft? Eine Frage, die nicht nur technisch zu verstehen ist. US-Linux-Distributor Red Hat, der Ende August sein fulminantes Börsendebüt an der Nasdaq gab, drängt nun mit Macht nach Europa, insbesondere auch nach Deutschland. Dort trifft er allerdings auf schon etablierte Wiederverkäufer freier Unix-Derivate. Auch in den USA sagt die Konkurrenz dem momentanen Börsenliebling den Kampf an. Der Open-Source-Bewegung dürfte damit weltweit eine Kommerzialisierung ins Haus stehen.

Großer Bahnhof war vergangene Woche bei Red Hat angesagt. Firmengründer und CEO Robert Young gab sich, zusammen mit einem Troß verantwortlicher Manager in München die Ehre, die das Europageschäft der Company ankurbeln sollen. Thema der Pressekonferenz war besagte Eroberung des Alten Kontinents - und natürlich das Geschäftsmodell seines Unternehmens.

Denn Erfolg oder Mißerfolg von Red Hat gelten inzwischen als eine Art Muster für die weltweite Open-Source-Szene. Ende August gelang dem Linux-Distributor ein kometenhafter Aufstieg an der Nasdaq. Nach einem ersten Kurs von 14 Dollar schnellte die Aktie mittlerweile auf über 80 Dollar hoch. Konsequenz: eine Marktkapitalisierung von inzwischen rund fünf Milliarden Dollar - bei einem Umsatz im letzten Geschäftsjahr von gerade einmal elf Milliarden Dollar, roten Zahlen inklusive. Auch die Bilanz, die Red Hat für das zweite Quartal 1999/00 kurz nach dem Börsengang veröffentlichte, war nicht unbedingt berauschend. So stiegen zwar die Einnahmen im Vorjahresvergleich um 95 Prozent auf 4,4 Millionen Dollar, allerdings auch die Verluste - von 100000 auf 3,1 Millionen Dollar. Stimmen da noch die Verhältnisse, fragen sich viele Experten? Noch steht jedenfalls der Marktwert des Unternehmens in keiner angemessenen Relation zum Geschäftsvolumen. Red Hat und die anderen "kommerziellen" Linux-Anbieter leben, so scheint es, im Moment noch hauptsächlich von der Phantasie der Anleger, daß mit Hilfe des Freeware-Betriebssystems die Monopolstellung von Microsoft geknackt werden könnte.

Genau diesem (Vor)urteil trat Young vor den Journalisten nun entschieden entgegen. Er sei mehr als 20 Jahre in der IT-Branche tätig und wisse sehr wohl, wie man Geld verdienen könne - und daß dies vor allem auch die Börse von Red Hat erwarte. "Und wir werden erfolgreich sein", gab der gelernte Historiker, der sich seine Sporen über 15 Jahre lang im Computer-Leasing-Geschäft verdiente, als Devise aus. Was folgte, war ein Grundkurs in Sachen Open Source: "Die Freigabe unseres Quellcodes - auch in Zukunft - ist das Ethos von Red Hat. Damit können wir eine Qualität unserer Produkte sicherstellen, mit der wir jeden proprietären Anbieter um Längen schlagen und für eine entsprechende Kundenbindung sorgen."

Die klassische Philosophie der Linux-Gemeinde also, derzufolge interessierte Entwickler weltweit kontinuierlich an einer Verbesserung des vom Finnen Linus Torvald entwickelten Betriebssystem-Kernels arbeiten und Distributoren wie Red Hat nichts weiter tun, als den jeweiligen Status der Freeware in eigenen Releases mit spezifischer Oberfläche und Features zu bündeln - um Linux-Derivate damit kommerziell verwertbar zu machen.

Neues Linux-Release soll Europa-Geschäft ankurbeln

"Linux 6.1" heißt das neueste Release, mit dem Red Hat nun den europäischen Markt erobern will. Geradezu generalstabsmäßig hat die Company aus North Carolina in den letzten Wochen ihren Feldzug durch den alten Kontinent vorbereitet. Erst das publicity trächtige Going Public, dann die Gründung von Niederlassungen sowie Schulungszentren in England und Deutschland. "Wir fürchten keinen Wettbewerber", lehnte sich der für das Europa-Geschäft verantwortliche Vice-President Colin Tenwick aus dem Fenster.

Was nichts daran ändert, daß die Amerikaner vor allem hierzulande auf eine Open-Source-Szene treffen, in der die Pfründe schon weitgehend verteilt sind. Während Red Hat weltweit als die "Linux-Marke" gilt und nach Schätzung von Insidern zumindest in den Vereinigten Staaten zweifelsfrei die meisten Installationen vorweisen kann, macht ein anderer Linux-Distributor (im deutschprachigen Raum) bis dato die besseren Geschäfte: die in Nürnberg ansässige Suse GmbH. Exakt 26,6 Millionen Mark Umsatz weisen die Franken für ihr am 31. März beendetes Geschäftsjahr 1999 aus. Und was noch wichtiger ist: Firmensprecher Christian Egle gibt klar zu erkennen, daß seine Company mit Linux richtig Geld verdient, und das schon seit längerem. Analog zu Red Hat hat Suse zudem begonnen, mit eigenen Dependancen in den USA, Tschechien und Großbritannien wichtige Auslandsmärkte zu erobern. "Wir haben in den USA eine größere Basis als die, die sich Red Hat jetzt in Europa aufgebaut hat", kommentiert Egle die neue Konkurrenz.

Fest steht: die weltweite Linux-Gemeinde wird sich aller Voraussicht nach auf einen erbitterten Kampf um Marktanteile einstellen müssen - für Verfechter des Open-Source-Gedankens eine vermutlich noch gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Denn sowohl in den USA als auch beispielsweise in Deutschland wird die Liste von Linux-Distributoren, die quasi im Windschatten ihrer großen Wettbewerber segeln, immer länger. Linux Systems, Cygnus Solutions, Linuxcare, Linux One und Caldera Systems lauten die derzeit bekanntesten Namen in den USA. Zwei davon, Caldera Systems und Linux One, haben noch für dieses Jahr ebenfalls ihren Börsengang angekündigt. Im deutschen Linux-Markt sieht es nicht wesentlich anders aus. Hinter Platzhirsch Suse kämpfen Firmen wie Innominate und ID-Pro um die Plätze. Dahinter ein Heer von mittlerweile über 100 Linux-Dienstleistern, die wie auch immer gearteten Freeware-Service sowie -Support anbieten und sich zudem immer häufiger auch mit eigenen Tools als Linux-Anbieter verdingen.

Mit mittlerweile 30 Linux-Anbietern alleine in den USA ist der Erfolg einzelner Firmen "inzwischen mehr als fraglich", heißt es in einer aktuellen IDC-Analyse. Erst recht, wenn den meisten ein "Alleinstellungsmerkmal" fehlt. Eine Einschätzung, die ohne weiteres auch auf Europa und damit Deutschland übertragbar sein dürfte. Trotz der Tatsache, daß mit einem weiteren Siegeszug des Freeware-Betriebssystems zu rechnen ist - IDC geht alleine bei Linux-Servern von einem jährlichen Wachstum von über 200 Prozent aus -, erwarten die Marktforscher "zumindest mittelfristig eine Konsolidierung unter den Linux-Anbietern."

Spannende Zeiten also für Distributoren wie Red Hat und Suse, denen zwar ihre führende Posi- tion kaum mehr zu nehmen sein dürfte, die aber im Zweifel auch die hohen Erwartungen der Anleger (auch bei Suse wird firmennahen Quellen zufolge konkret über einen Börsengang nachgedacht) erfüllen müssen. Überdies sind noch eine Reihe anderer Fragen grundsätzlicher Natur offen. Läßt sich mit einer Software, die im Prinzip allgemein zugänglich ist, auf Dauer genügend Geld verdienen? Gerade Firmen wie Red Hat und Suse haben dies zum Teil schon mit der angekündigten Ausweitung ihres Servicegeschäfts beantwortet. Sind die angebotenen unterschiedlichen Linux-Derivate stabil und zueinander 100prozentig kompatibel? Werden die Großen der Branche wie IBM, SAP und Oracle, die sich selbst beim "Paradiesvogel" Red Hat beteiligt haben, dem kommerziellen Erfolg von Linux auf Dauer zusehen? Reagiert Betriebssystem-Gigant Microsoft mit einer eigenen Linux-Offensive, und sei es auch nur dadurch, daß er Red Hat und andere Linux-Companies aufkauft?

Robert Young gab in München zumindest auf letztgenannte Frage eine Antwort. Von einem "Übernahmekandidaten" Red Hat wisse er nichts, im übrigen werde man durch eine "Stabilisierung des momentan guten Aktienkurses" dafür sorgen, daß ein solches Unterfangen "teuer werde". Ansonsten bleibe es bei den im Zusammenhang mit dem Börsengang genannten Zielen seiner Company - also jährliches Wachstum um mindestens 100 Prozent; das Erreichen der Rentabilität "in absehbarer Zeit". Und der große Linux-Konkurrent Microsoft? Auch hier zeigte sich der Red-Hat-Gründer siegessicher: "Microsofts Cash-cow ist der Verkauf von Betriebssystem-Lizenzen. Eine eigene Linux-Software auf den Markt zu bringen wäre für Bill Gates tödlich.