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21.05.1993 - 

Privatbank wechselt von IBM/36 zu einem Unix-System

Reibungslose RPG-II-Uebernahme von 1500 Individualprogrammen

Das Bankhaus legt grossen Wert auf eigene Ressourcen in der DV. Die DV-Abteilung der Privatbank besteht aus zwei Programmierern, einem Operator und zwei Datenerfasserinnen. Bis auf die Textverarbeitung sind alle beim Bankhaus eingesetzten Programme selbst geplant und programmiert worden. Die Bank ist stolz darauf, die gesamte Datenverarbeitung im eigenen Haus durchfuehren und damit ihren Kunden die groesstmoegliche Diskretion gewaehrleisten zu koennen.

Seit den Gruenderjahren ist das Bankhaus Gebrueder Martin immer um eine effiziente banktechnische Ausstattung bemueht gewesen. Bereits 1924 wurde der erste elektrische Buchungsautomat angeschafft, 1962 die DV mit Lochkarten eingefuehrt. 1970 folgte das IBM-System /3, 1983 System /36 vom selben Hersteller.

Weil der letztgenannte Computer bereits 1986 auf die hoechste Ausbaustufe gebracht worden war, konnte der Rechner zu Beginn der 90er Jahre den steigenden Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Platzmangel auf dem Plattenspeicher, sehr lange Antwortzeiten bei Dialogprogrammen und eine zu langsame Stapelverarbeitung waren die Folge. Noch nachteiliger wirkte sich die erschoepfte Anschlusskapazitaet bei den Schnittstellen aus, die einen weiteren Ausbau der Peripherie nicht mehr zuliess.

Als nachteilig erwies sich auch der fehlende Mehrprogrammbetrieb. Ein Job musste immer erst vollstaendig ausgefuehrt und abgeschlossen werden, bevor der naechste gestartet werden konnte. An ein optisches Archiv, den Einsatz von Beleglesern und die Realisation eines lokalen Netzwerks konnte schon gar nicht gedacht werden. Es gab also eine Vielzahl von Gruenden fuer einen Wechsel zu einem neuen, also leistungsfaehigeren System.

Die umzustellende Anwendersoftwarebibliothek war durch die individuell erstellten Programme auf die speziellen Beduerfnisse des Bankhauses zugeschnitten und erfuellte in ihrem Funktionsumfang seine wesentlichen Anforderungen. Aufgrund der besonderen Geschaeftsausrichtung und eines spezifischen Kundenservice waere der Einsatz von Standardsoftware fuer das Bankhaus auch wenig sinnvoll. Es war darauf angewiesen, seine vorhandenen Anwendungen in eine neue, leistungsfaehigere und in weiten Grenzen ausbaubare Systemumgebung zu transferieren. Ein Neudesign kam aus wirtschaftlichen Gruenden nicht in Frage.

Dem Bankhaus Gebrueder Martin boten sich zwei Alternativen an: Applikationstransfer auf ein proprietaeres System

(AS/400) des bisherigen Hardwarelieferanten oder Umstieg auf eine Loesung, die mit einem nicht herstellergebundenen Betriebssystem laeuft. Den Ausschlag fuer die Migration auf einen Unix-Rechner von SNI gaben die Perspektive auf eine offene Systemwelt und die Leistungsmerkmale der ebenfalls von SNI angebotenen Migrationssoftware Sipra (SinixPackage Running Applications from IBM/34 and /36), deren RPG-Compiler die komfortable Eins-zu-eins- Uebernahme der Anwendungen in die Unix-Welt gestattet. Basisprodukt fuer Sipra ist das von dem nordirischen Softwarehaus ICS (ehemals Software Ireland) entwickelte und vertriebene Unibol.

Sipra ist eine Ablauf- und Entwicklungsumgebung fuer IBM/34- und /36-Anwendungen, die in den Programmiersprachen RPGII (IBM), RPGII1/2 (BPS), RPGIII (ASNA) und Cobol/36 (IBM) entwickelt wurden. Die dabei eingesetzte Benutzeroberflaeche bleibt in Aussehen und Verhalten gleich. Die vorhandenen Anwendungen lassen sich unveraendert ausfuehren und in der gewohnten Programmiersprache mit den bekannten Werkzeugen pflegen und weiterentwickeln.

In der Praxis werden zunaechst mit dem IBM/36-Teil von Sipra die Programm-bibliotheken und Datenbestaende eingesammelt und fuer die Verarbeitung auf dem Zielsystem vorbereitet.

Der so entstandene temporaere Datenbestand wird dann offline (per Datentraeger) oder online (per Datenfernuebertragung oder Netz) auf den Sinix-Rechner uebertragen. Dort werden mit dem Sinix-Teil von Sipra die Datenbestaende wiederhergestellt. Nachdem die Programmbibliotheken automatisch kompiliert wurden, sind die Applikationen auf volle Funktionalitaet pruefbar.

Der Wechsel wurde in sieben Phasen durchgefuehrt

Die Datenhaltung geschieht standardmaessig wie auf der /36 im EBCDIC-Code, sie kann jedoch auch (wie bei Sinix/Unix ueblich) im ASCII-Code erfolgen. Werden Cobol/36- oder aus Cobol/36 und RPG gemischte Anwendungen migriert, ist die Datenhaltung nur im ASCII- Code moeglich.

Auf dem Zielsystem sind die /36-Anwendungen und -Daten nicht von Sinix/Unix abgekapselt, sondern koennen vielfaeltige Verbindungen mit dort implementierten Anwendungen und Daten eingehen. Die IBM/36-Assembler-Schnittstelle (Special File und Exit/RLABL) steht als C-Interface bereit. In OCL-Prozeduren koennen beliebige Shell-Kommandos und -Prozeduren eingebunden werden. Fuer den konsistenten Zugriff auf die Datenhaltung aus Sinix/Unix-Anwendungen heraus ist eine C-Funktionsbibliothek verfuegbar. Sipra-Anwendungen koennen ueber Standard-Subroutinen die ausserhalb der Datenhaltung liegenden ASCII-Dateien bearbeiten.

Die Umstellung von der /36 auf das Sinix-Multiprozessor-System MX500 erfolgte von August 1991 bis Februar 1992. Das Bankhaus Gebrueder Martin fuehrte den Wechsel in sieben Phasen durch. Die reine Sipra-Migration beanspruchte dabei etwa die Haelfte der Zeit. In den restlichen Monaten wurde ein Ethernet-LAN aufgebaut, der PC-Einsatz vorbereitet sowie verschiedene DFUe-Features fuer die Kommunikation mit externen Rechnern eingerichtet.

Als einziges Programm war die Textverarbeitung nicht von der Migration betroffen. Hier wurde die /36-Standardsoftware durch das Sinix-Produkt HIT ersetzt, das erweiterte Moeglichkeiten der Textverarbeitung im Rahmen der Buerokommunikation bietet.

Die bereits vorhandenen Texte und Textbausteine wurden in das neue System uebernommen.

Da die Bildschirme bereits in einer fruehen Migrationsphase in den Fachabteilungen installiert wurden, konnte schon ab November 1991 die HIT-Textverarbeitung eingesetzt werden.

Um erste Erfahrungen zu sammeln, stellte das Kreditinstitut zunaechst probeweise eine Anwendung - ein Kassenprogramm - auf die neue Systemumgebung um, danach alle anderen Applikationen. Dies geschah in der zustaendigen Geschaeftsstelle von SNI auf der fuer den Anwender bestimmten MX500.

Die per Datentraeger von der Bank angelieferten Programme wurden mit Sipra bei SNI sehr rasch, sozusagen ueber die Mittagspause, auf das Sinix-System transferiert. Das war fuer die DV-Mitarbeiter des Anwenders sehr verblueffend.

Im naechsten Schritt wurden die Mitarbeiter der DV-Abteilung im Umgang mit Unix-Rechnern geschult. Anschliessend wurden die gesamte Anwendung sowie einzelne Dateien auf den neuen Rechner transferiert und getestet.

Die naechste Phase bezog sich auf die Bereiche RPG II 1/2, DFUe- Programme, Datensicherung und Druckersteuerung. Der im Vergleich zu RPGII erweiterte Sprachumfang von RPG II1/2 erforderte einige Anpassungen der Primaerprogramme. Das Problem im DFUe-Bereich lag im teilweise nicht mehr vorhandenen Sourcecode fuer die eigenentwickelten Erfassungsprogramme.

Transfer fand am Wochenende statt

Die bislang von den Anwendern eingesetzten Datensicherungskonzepte mit Save und Restore waren zu ueberarbeiten und an die Unix-Verhaeltnisse anzupassen. Bei den Druckern ging es darum, verschiedene Steuerzeichen beispielsweise fuer den Schmaldruck zu aendern.

Anschliessend wurden alle vorhandenen Dateien auf die neu geschaffene Anwendungsplattform migriert und ein globaler Test aller Anwendungen durch die DV-Abteilung in Verbindung mit den zustaendigen Fachabteilungen durchgefuehrt.

Am 22. Februar 1992, einem arbeitsfreien Sonnabend, transferierte dann das Bankhaus die gesamten Applikationen von der /36 auf die MX500. Das funktionierte problemlos und war fuer alle Beteiligten ein beeindruckender Vorgang. Als am darauffolgenden Montag die Bankschalter wieder geoeffnet wurden, konnte mit dem Unix-Rechner dort weitergearbeitet werden, wo drei Tage vorher mit dem Vorgaengersystem aufgehoert worden war.

Bei der Goeppinger Privatbank ist als Zentralrechner eine MX500, Modell 75, mit 64 MB Hauptspeicher und insgesamt 1,5 GB Magnetplattenspeicher installiert.

Die Anwender profitieren von den erweiterten Moeglichkeiten, die der Wechsel auf die MX500 mit sich brachte. Einer der wesentlichen Vorteile ist der Mehrprogrammbetrieb. Der Benutzer kann jetzt parallel mit bis zu vier Programmen arbeiten, ohne jeweils einen Job abschliessen und den anderen neu starten zu muessen. Von den systemtechnischen Voraussetzungen her waeren noch weitere Applikationsfenster zu oeffnen gewesen. Aus Gruenden der Praktikabilitaet begrenzte die Bank jedoch den parallelen Zugriff auf vier Jobs.

Bis zum September 1992 waren 30 Bildschirme (16 Standardmonitore und 14 PCs) an der MX500 angeschlossen. Die PCs werden sowohl als Rechnerterminals als auch fuer individuelle lokale Anwendungen eingesetzt. Sie fuehren teilweise eigene Datenbestaende, auf die per Ethernet-LAN und TCP/IP-Protokoll von anderen PCs aus zugegriffen werden kann.

Von jedem der angeschlossenen Bildschirme koennen online Boerseninformationen abgerufen werden. Beim abgeloesten Computer war aus systemtechnischen Gruenden nur ein Arbeitsplatz mit dem Rechner der Wertpapier-Datenzentrale in Frankfurt verbunden gewesen. Heute laesst sich die fuer den Zugang zum Boersensystem erforderliche DFUe- Prozedur von jedem Arbeitsplatz aus starten.

Der erweiterte organisatorische Spielraum der MX500 ermoeglicht auch den restriktionsfreien Einsatz von Druckern. Das Bankhaus Gebrueder Martin setzt daher jetzt neben Arbeitsplatz- und Zentraldruckern auch Abteilungs- sowie grafikfaehige Drucker ein.

Die von der Goeppinger Privatbank gewaehlte Loesung stellte den vollen Investitionsschutz fuer die umfangreiche Programmbibliothek sicher und ersparte einen groesseren Umschulungsaufwand. Die offene Unix-Welt ermoeglicht zudem den flexiblen Einsatz von neuen Komponenten und Anwendungen. Die User koennen dann gezielt die sich bietenden Unix-Leistungsmerkmale nutzen ohne auf Herstellerkonventionen zu achten. Ausserdem bieten sich durch den moeglichen Datenbankeinsatz neue Perspektiven.

Die Installation eines Systems fuer die automatische Beleglesung war aufgrund der Hardwarerestriktionen beim abgeloesten Rechner nicht moeglich gewesen. Die erste neue Anwendung behob diesen Mangel und erzielte ueberzeugende Rationalisierungseffekte. Im August 1992 wurde fuer dieses Einsatzgebiet ein Sinix-Rechner MX300 angeschafft. Er hat ueber das Ethernet-LAN direkten Zugriff zur MX500. Seine Peripherie besteht aus einem Formularleser und drei grafischen Bildschirmen. Das System kann auch fuer den Datentraegeraustausch eingesetzt werden und wird auch als ELS- Terminal fuer den elektronischen Schalter der Bundesbank genutzt.

Die Kundenselbstbedienung ist ein weiterer Bereich, in dem aus systemtechnischen Gruenden bisher nichts unternommen werden konnte. Noch in diesem Jahr sollen Druckerterminals fuer Kunden aufgestellt werden. Auch die Installation eines Geldausgabeautomaten ist geplant.

Zu den konkreten Vorhaben der naechsten Zeit gehoert auch die optische Archivierung auf Basis der WORM-Technologie. Mit dieser Anwendung sollen unter anderem interne und externe Bankbelege sowie der gesamte Schriftverkehr archiviert werden. Das optische Speichersystem wird an das LAN angekoppelt und in die Gesamt-DV integriert werden. So lassen sich die vom eigenen Computer generierten oder aus Mailboxen stammenden elektronischen Belege direkt abspeichern, ohne sie erst auf Papier auszugeben und dann zu archivieren.

Fuer Anfang 1994 ist der Einsatz eines Cash-Management-Systems geplant. Weitere Applikationen werden folgen. Soweit neue Anwendungen unter der Sinix-Oberflaeche laufen werden, unterliegt ihre Koexistenz mit den migrierten Programmen keinen Einschraenkungen.

*Ulf Bauernfeind ist freier DV-Fachjournalist in Leinsweiler.

Das Bankhaus

Das 1912 gegruendete Bankhaus Gebrueder Martin ist eine unabhaengige Privatbank ohne Filialen mit rund 30 Mitarbeitern. Die Kunden kommen hauptsaechlich aus Goeppingen und Umgebung. Basis der Aktivitaeten ist das kurzfristige Kreditgeschaeft und die Hereinnahme von Spar- und Festgeldeinlagen. In den letzten Jahrzehnten gewann die Anlageberatung und die Vermoegensanlage in Wertpapieren wachsende Bedeutung. Heute uebersteigt das verwaltete Wertpapiervermoegen die Bilanzsumme von 140 Millionen Mark. Das Kreditinstitut fuehrt fuer etwa 8000 Kunden zirka 5000 Girokonten und ueber 7500 Sparkonten. Von den rund 500 000 Umsaetzen pro Jahr werden knapp 70 000 am Schalter getaetigt.