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07.02.1997 - 

Migrationsstrategien für Altsysteme/Digitals VMS-Betriebssystem nach 20 Jahren

Revival als High-end-Server in Client-Server-Umgebungen?

Trotz aller Erschütterungen, als die Digital-Hersteller in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, scheint die Kundenbasis der VMS-Plattform recht stabil zu sein. Nach Auskunft von Ulrich Schäfer, verantwortlich für das Software-Marketing und die Betreuung der installierten Basis bei der Digital Equipment GmbH in München, sind 90 Prozent der kommerziellen VAX-Anwender inzwischen ganz oder teilweise auf Alphasysteme umgestiegen - und dabei beim Betriebssystem geblieben, jedenfalls bei dessen Version Open VMS.

"Der Wechsel zu Nicht-VMS-Plattformen kommt in der Regel nur dann in Frage, wenn die auf dem Rechner laufenden Anwendungen am Ende ihres Nutzungszyklus angekommen sind. Fast niemand überträgt bestehende VAX-Programme auf Nicht-VMS-Plattformen", erklärt Schäfer. Das habe vor allem einen Grund: "Der Übergang von VAX- zu Alpharechnern unter Open VMS ist unproblematisch. In fast allen Fällen können die Altanwendungen vollständig übernommen werden."

Laut Schäfer ist das Geschäft mit Betriebssystem-Lizenzen für VMS kaum zurückgegangen. Vor drei, vier Jahren habe es leichte Einbußen von ein paar Prozent gegeben; dieser Negativtrend habe aber vor zweieinhalb Jahren mit dem "Affinity"-Programm zur Integration von VMS und NT sowie dem klaren Bekenntnis von Digital zur Weiterführung der VMS-Plattform gestoppt werden können. Noch heute macht das Unternehmen mehr als die Hälfte des Hardwaregeschäfts im VMS-Bereich.

Entsprechend entwickelt das Unternehmen für die große Gemeinde der VAX-User weiterhin neue Systeme. So hat es kürzlich zwei neue Microvax-Rechner vorgestellt. Zwar dürfte die Verbreitung der inzwischen fast 20 Jahre alten Rechnerarchitektur heute erheblich unter der einstigen Höchstzahl von über 400000 installierten Systemen liegen. Doch allein in Deutschland sind nach Schätzung von Digital noch rund 25000 Systeme im Einsatz.

10000 dieser Rechner sind Grafik-Workstations für CAD oder verwandte Anwendungen. Weitere 10000 sind kleine Microvax-Server, die beispielsweise als Knotenrechner in Netzwerken fungieren. Bei den restlichen 5000 handelt es sich um große Server in kommerziellen oder technischen DV-Umgebungen.

"Wenn VMS-Anwender zu anderen Plattformen abwandern, dann geschieht das nicht aus technischen Gründen", ist Schäfer überzeugt. Die schwierige wirtschaftliche Lage des Unternehmens und auch Schwankungen in der Firmenpolitik hätten die Kunden verunsichert. Hinzu komme, daß einige Software-Anbieter VMS nicht mehr unterstützten, so beispielsweise SAP im kommerziellen Umfeld oder Computervision bei Grafikanwendungen. Trotz dieser Hemmnisse gebe es im VMS-Bereich über den Kreis treuer Kunden hinaus auch ein Neugeschäft, betont der Marketing-Manager.

Daß sich die VMS-Anwendergemeinde zeitweise durch eine mangelhafte öffentliche Darstellung von seiten des Herstellers verunsichert gefühlt habe, kann auch Otto Titze vom Institut für Kernphysik der TH Darmstadt, der erster Vorsitzender der Digital-Anwendervereinigung Decus ist, nur bestätigen. Anders als etwa die Firma IBM die ihre Mainframes offensiv vermarktet habe, habe Digital das Wort VMS lange Zeit gar nicht mehr in den Mund genommen.

Dabei sieht er keinen Grund, diese Plattform zu verstecken. Mit der Portierung auf Alpha-Rechner und neuer Funktionalität wie der 64-Bit-Adressierung hält er VMS für konkurrenzfähig - vor allem als High-end-Betriebssystem. Im CAD-Sektor sei sicherlich ein Trend weg von VMS hin zu Unix und NT zu verzeichnen. Doch im Server-Bereich sieht er keine auffälligen Abwanderungsbewegungen. Großes Interesse bestehe unter den etwa 10000 Decus-Mitgliedern an NT als Plattform unterhalb der Ebene der High-end-Server.

Ein Problem für VMS-Anwender bestehe darin, qualifiziertes Personal zu bekommen. Denn das System sei in den Hochschulen eben nicht so verbreitet wie etwa Unix. Dabei sei es, merkt der Decus-Vorsitzende an, wesentlich einfacher, sich in die konsistente Kommandostruktur von VMS einzuarbeiten als in die kryptischen Unix-Befehle.

Die aufgekommene Unruhe unter VMS-Anwendern hat sich offenbar gelegt. Das könnte auch damit zu tun haben, daß die Alternative Unix sich heute weit weniger rosig präsentiert, als das noch vor wenigen Jahren der Fall war.

So meint etwa Wolfgang Schiebel von der Gesellschaft für Schwerionen-Forschung (GSI) in Darmstadt: "Wir sehen im Moment keine Veranlassung, von VMS wegzugehen. Vor vier Jahren war die Situation noch anders, mit Unix schien sich ein offener Standard herauszubilden. Doch inzwischen sind die verschiedenen Derivate in ihrem Innenleben so proprietär, daß von einem Standard nicht mehr die Rede sein kann."

Die GSI, ein Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft, das 400 Mitarbeiter, etwa ein Drittel davon Wissenschaftler, beschäftigt und in dem zusätzlich durchschnittlich 200 Gastwissenschaftler arbeiten, betreibt Grundlagenforschung. In der gemischten DV-Umgebung sind rund 120 VAX/VMS-Systeme und etwa 60 Alpharechner unter Open-VMS installiert; daneben gibt es nahezu 100 Unix-Rechner unter IBMs AIX. Die AIX-Umgebung ist vor etwa fünf Jahren entstanden, als entschieden wurde, die Main- frame-Applikationen auf kostengünstigere Plattformen zu übertragen. In diesem Bereich wird im wesentlichen theoretische Physik betrieben, während die Digital-Systeme vor allem in der experimentellen Forschung laufen.

Großes Lob erteilt Schiebel dem DV-Anbieter für die Unterstützung bei der Migration von VAX/VMS nach Open VMS. Das gratis gelieferte Tool "Vest" erzeuge bei der Transformation der Programme, soweit sie nicht direkt auf den System-Kernel zugreifen, ohne weitere Eingriffe Executables. Wegen der höheren Leistung der Alpha-Chips liefe die Software dann in der Regel auf den neuen Systemen deutlich schneller.

Daß noch so viele VAX/VMS-Systeme vorhanden seien, erkläre sich ganz einfach aus der Tatsache, daß diese Rechner außer bei wenigen speziellen Applikationen ihre Funktion nach wie vor gut erfüllten. Gegenüber der Unix-Welt sieht Schiebel gar einige Vorteile auf der VMS-Seite: so sei das Handling wesentlich einfacher. Das komme schon dadurch zum Ausdruck, daß für das Management der 100 Unix-Systeme vier Personen tätig seien, während für die nahezu doppelte Anzahl von VMS-Rechnern zwei Mitarbeiter ausreichten.

Eine Stärke ist die Cluster-Fähigkeit

Im Unix-Sektor bestehe beispielsweise nicht die Möglichkeit, "Satelliten" zu bilden. Unter VMS könne man mit einem Betriebssystem ein Cluster von 40 Rechnern versorgen. Änderungen müßten nur auf einem System vorgenommen werden, während in der Unix-Konfiguration 40 Modifikationen nötig seien. Die Benutzerführung in VMS hält der Betriebssystem- und Netz-Manager für deutlich ausgereifter als unter Unix. Daher stelle es kein Problem dar, neue Mitarbeiter, die von der Hochschule keine VMS-Kenntnisse mitbrächten, in diese Welt einzuführen.

Eine Stärke von VMS ist in den Augen des Mathematikers die Möglichkeit zu verteilter Verarbeitung, was inzwischen allerdings unter Unix ebenso realisierbar sei. Für unerreicht hält er die Cluster-Fähigkeiten, die einen absolut zuverlässigen Betrieb sicherstellen würden. Auch zu den Global Pages im VMS-System, mit denen die Kommunikation zwischen parallellaufenden Prozessen in einem Rechner geregelt werde, gebe es nichts Vergleichbares in der Unix-Welt.

In der langfristigen Strategie der GSI könne NT eine wichtige Rolle spielen. Allerdings seien hier noch einige Schritte zu bewältigen, beispielsweise Multiuser-Fähigkeiten zu schaffen. Geplant ist der Einsatz von NT mit Hilfe eines Produkts des Kommunikationsspezialisten NCD, das auf der NT-Erweiterung "Winframe" von Citrix basiert. Damit können NT-Server als Multiuser-Systeme für X-Terminals fungieren. 15 bis 20 Arbeitsplätze sollen dann einem NT-Server zugeordnet sein und auf die dort vorhandenen Anwendungen zugreifen.

Bisher kein durchsatzstarker Web-Browser

Einen Nachteil von VMS sieht Schiebel darin, daß es bisher keinen durchsatzstarken Web-Browser gibt. Dem Netscape-Browser fehle unter VMS die nötige Leistung. An der Politik von Digital hinsichtlich VMS kritisiert er die Veräußerung der Datenbank "Rdb", die vorher in der Betriebssystem-Lizenz enthalten war und nun, in Händen von Oracle, einiges koste. Unverständlich findet er auch, daß Digital die System-Management-Produkte der Polycenter-Reihe an Computer Associates abgegeben hat.

Kritik an Digital üben Anwender, die auf die Kooperation zwischen VMS und NT setzen, auch daran, daß das stark propagierte Affinity-Programm bisher noch zuwenig Konkretes biete. Sie vermissen außerdem eine aggressive Massenvermarktung des AlphaChips, beispielsweise durch einen preiswerten Desktop, wie er schon einmal geplant war.

Auch wenn die Zukunft von VMS derzeit sicherer zu sein scheint als noch vor ein paar Jahren, denken viele VMS-Shops darüber nach, wie ein Übergang zu anderen Plattformen zu bewerkstelligen sei. Dabei spielt der Aspekt, die Alpha-Systeme und Nicht-DEC-Hardware unter Digitals Unix oder NT weiter- beziehungsweise gemeinsam verwenden zu können, eine wichtige Rolle.

So war von einigen großen Anwendern, die allerdings nicht namentlich genannt werden wollen, zu erfahren, daß sie parallel zur VMS-Welt zunehmend Anwendungen für Digital Unix entwickeln. Mit diesen Programmen will man sich die Möglichkeit schaffen, gegebenenfalls zu einem anderen Hersteller zu wechseln.

Migrationsgedanken werden bei diesen Kunden unter anderem dadurch genährt, daß sie sich vom Hardwarelieferanten nicht so betreut fühlen, wie es für große kommerzielle DV-Installationen erforderlich ist. Es mangele an qualifiziertem Servicepersonal, so daß schon mal zur Störungsbehebung Spezialisten aus den USA hätten eingeflogen werden müssen.

Ein anderer Anwender beklagt die grundsätzlich restriktive Haltung des Service. Verantwortung bei Softwareproblemen werde zurückgewiesen, solange nicht eindeutig belegbar sei, daß der Fehler bei Digital liege. Außerdem sei man zunehmend auf teure Consultants angewiesen.

Die Hauptursache ist der drastische Personalabbau: Digital hat in den vergangenen drei Jahren um 50 Prozent reduziert. Keiner erhalte heute, so ein VMS-Anwender, der auch mit Unix-Rechnern von IBM arbeitet, den Service, den man vor ein paar Jahren gewohnt war.

VMS-Shops präsentieren sich, wie bei den Recherchen zu diesem Artikel mehrfach zu erfahren war, nicht gern in der Öffentlichkeit. Sie scheinen sich - ähnlich wie der Hersteller bis vor einiger Zeit selbst - vor dem Odium eines totgesagten Betriebssystems zu fürchten (dabei ist die Mitte der 70er Jahre entstandene Plattform immerhin um ein paar Jahre jünger als Unix). Ein Grund für derartige Ängste ist sicherlich die Schwierigkeit, mit dem Image eines ausgesprochenen VMS-Shops DV-Nachwuchs von den Hochschulen anzulocken.

Die Vorteile, die mit einem Wechsel zum derzeitigen Trendsystem NT verbunden sind, liegen für Rudolf Sperl, Netzwerkverantwortlicher bei der Feodor Burgmann GmbH in Wolfratshausen bei München, klar auf der Hand. Der Hersteller von Gleitringdichtungen, der weltweit 2100 Mitarbeiter beschäftigt, hat von VMS auf Windows NT als Server-Betriebssystem und gleichzeitig vom Decnet-Protokoll auf TCP/ IP umgestellt.

Sperl nennt dafür zwei Entscheidungsgründe. Zum einen sieht er Service und Support seines Unternehmens, das viele weltweit tätige Anlagenbauer und Chemiefirmen in den jeweiligen Regionen mit eigenen Werksbüros unterstützt, durch das Microsoft-Betriebssystem am besten gesichert: "Wir können nicht an jedem Standort eigene DV-Spezialisten haben und sind daher auf Dienstleister vor Ort angewiesen. Mit NT sind wir sicher, auch in Schanghai Support zu bekommen." Zum anderen setzen die Wolfratshausener darauf, daß unter NT das breiteste Spektrum an Applikationen zur Verfügung steht. Bei Entwicklern, beispielsweise im CAD-Bereich, gebe es einen eindeutigen Trend zu dieser Plattform.

Zur Zeit sind bei Burgmann zwei Alphasysteme 4100 mit 400 Megahertz Taktrate und 1024 MB RAM installiert. Sie versorgen ein Netz, in dem 500 PCs und fast 40 CAD-Workstations, ebenfalls Alpha-Rechner, angeschlossen sind. Sperls Kommentar zur Migration: "Natürlich läuft unter NT noch nicht alles so geschmiert wie in der Digital-Welt mit VMS, Pathworks und Decnet, in der viele Jahre Erfahrung stecken. Aber es funktioniert und wird sich verbessern." Einige technische Anwendungen mit zeichenorientierter Oberfläche, die für VMS entwickelt worden waren, mußten neu geschrieben werden.

In diesem Jahr wird Burgmann in einem Projekt mit Digital ein Intranet realisieren. Damit sollen die 35 Außenstellen außerhalb Europas - die deutschen und europäischen Niederlassungen verfügen über fest verdrahtete Verbindungen - neue Möglichkeiten der Kommunikation mit der Zentrale erhalten. Das Konzept sieht so aus, daß mit der Digital-Groupware "Linkworks" auf Basis einer NT-Plattform eine Art "öffentlicher Schreibtisch" eingerichtet wird, den Vertriebsmitarbeiter in aller Welt via WWW benutzen können. Ganz so, als säßen sie in Wolfratshausen, sollen sie dann Bestellungen oder Aufträge eingeben und auf 140000 gespeicherte Zeichnungen zugreifen können. Sperl: "Ein solches Projekt wäre in der alten VMS/Decnet-Umgebung nicht denkbar gewesen."

ANGEKLICKT

Nach einer Phase der Verunsicherung, in der auch Digital den VMS-Anwendern schon mal den Wechsel zu Unix nahelegte, befindet sich die proprietäre Plattform wieder in ruhigerem Gewässer. Die Zersplitterung der Unix-Welt und das Aufkommen von NT, dessen "Vater" Dave Cutler auch schon VMS schuf, haben eine Situation geschaffen, in der das Digital-System als High-end-Plattform oberhalb von NT-Servern eine neue Rolle finden könnte. Wichtige Trumpfkarte dabei ist die Clustering-Technologie, die seit vielen Jahren in das Betriebssystem integriert ist. Als Hindernis beim Gewinnen neuer Kunden erweist sich aber die fehlende Unterstützung der Plattform durch große Softwarehäuser, namentlich SAP.

*Friedrich Koopmann ist freier Journalist in München