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21.03.2006

RFID - viel Zukunft, wenig Gegenwart

Die Funkfrequenzerkennung war eines der Hype-Themen auf der diesjährigen CeBIT. Die Vorzeigeprojekte stagnieren aber noch.

Von CW-Redakteurin Karin Quack

Marktentwicklung

Es wird sich noch Einiges tun müssen, wenn die Prognose der Deutsche Bank Research Wirklichkeit werden sollen: Wie die Marktforschungsabteilung des Finanzdienstleisters errechnet hat, wird sich das Volumen des weltweiten RFID-Markts mittelfristig um 57 Prozent pro Jahr ausdehnen: von derzeit etwa zwei Milliarden Euro auf 22 Milliarden Euro im Jahr 2010. Deutlich bescheidener nehmen sich die Schätzungen aus, die das Informationsforum RFID veröffentlicht hat: Mit Berufung auf das Marktforschungs- und Beratungsuunternehmen IDTechEx bezifferte der eingetragene Verein kürzlich den RFID-Umsatz für 2005 mit 1,85 Milliarden Dollar; für 2010 sei ein Marktvolumen von 12,35 Milliarden Dollar zu erwarten.

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Es ist der berühmte Vorführeffekt. "Herr Dr. Wolfram, die Waschmaschine funktioniert nicht", ruft die junge Dame verzweifelt. Eigentlich hätte das an die Maschine angeschlossene Display einen Warnhinweis ausgeben müssen, denn in der Trommel befinden sich ein weißes Handtuch und eine knallrote Bluse. Beide sind mit einem Funkchip ausgestattet, der die Pflegeanleitungen gespeichert hat und sie dem Lesegerät des Waschautomaten melden soll.

Herr Dr. Wolfram heißt mit Vornahme Gerd und leitet die Metro Group Information Technology GmbH (MGI). Damit ist er für die IT-Unterstützung des Handelskonzerns Metro Group verantwortlich. Auf der CeBIT trat der Anwender erstmals als Aussteller auf - flankiert von zwei Dutzend Partnerunternehmen, darunter IT-Schwergewichte wie IBM, Hewlett-Packard, Intel, Microsoft, SAP, Siemens und T-Systems. Die "Future Mall" in Halle 6 demonstrierte anschaulich, wie sich der Handelsriese die schöne neue Welt des technikunterstützten Alltags vorstellt. Die Ideen reichen vom "intelligenten" Einkaufswagen, der seinen Inhalt erkennt und die Preise addiert, über den automatischen Bezahlvorgang durch berührungslose Produkterkennung bis hin zu Haushaltsgeräten, die beim Verfassen des Einkaufszettels oder der korrekten Textilpflege helfen. Wie Konzernchef Hans-Joachim Körber erläutert, will die Metro mit solchen Aktionen ihre Position als "Innovationsführer" im Handel unterstreichen.

Item-Level-Tags noch Utopie

Technisch basieren die in Hannover gezeigten Zukunftszenarien auf der Funkfrequenz-Identifikation, englisch: Radio Frequency Identification (RFID). So wie die Metro sie präsentierte, funktioniert sie aber nur, wenn jeder einzelne Artikel mit einem Funketikett ("Tag") ausgestattet ist. Das ist angesichts der heutigen Chippreise allerdings noch eine Utopie.

Im "Extra Future Store" in Rheinberg, den die Metro Group seit knapp drei Jahren als Praxislabor betreibt, sind nach wie vor nur vier Produktgruppen auf Einzelartikel-Niveau gekennzeichnet: ein Haarshampoo von L’Oreal, Rasierklingen von Gillette, Frischkäse der Marke Philadelphia sowie Audio-CDs. Dass es noch nicht mehr sind, dürfte unter anderem an den hohen Kosten liegen: Auch ein Großabnehmer wie die Metro zahlt laut MGI-Geschäftsführer Wolfram derzeit 14 Euro-Cent für einen Chip. Mit einem massenhaften "Item-Level-Tagging" rechnet der RFID-Experte deshalb frühestens in zehn Jahren.

Auf der CeBIT-Präsentation nur angedeutet wurde der Einsatz der RFID-Technik in Logistik, Lagerhaltung und Bestandsführung. Hier erprobt die Metro Group derzeit mit 40 ihrer Lieferanten die Funkchip-Auszeichnung auf Palettenebene. Noch im Laufe dieses Jahres soll der Test auf Umverpackungen ausgedehnt werden, so Wolfram.

Neue Chips und Lesegeräte

Den vollmundigen Ankündigungen zufolge hätten eigentlich schon zweieinhalbmal so viele Zulieferer an dem Feldversuch teilnehmen sollen. Wolfram begründet die Abkehr vom ursprünglichen Zeitplan mit dem derzeitigen Generationswechsel bei Chips und Lesegeräten. Unter dem Schlagwort "Gen 2" hat die Standardisierungsorganisation EPCglobal vor kurzem eine neue Ausführung des Electronic Product Code (EPC) spezifiziert, die deutlich mehr Informationen bietet und weltweit einsetzbar ist. Diese Vorteile bedingen jedoch einen Wechsel der Speicherchips und Lesehardware.

Vor der Metro-Tür stünden bereits 160 weitere Zulieferunternehmen, die sofort mit den Gen-2-Chips einsteigen wollten, beteuert Wolfram. Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass die Zulieferer von der RFID-Technik weit weniger begeistert sind als die Handelskonzerne. Während Metro-Vorstand Körber dank der RFID-unterstützten Prozesse jährliche Einsparungen in Höhe von 8,5 Millionen Euro erwartet, fällt es den Lieferanten meist schwer, einen Vorteil für sich selbst zu sehen. Die Anforderungen von Handelsgiganten wie Metro oder Wal-Mart erfüllen sie deshalb mehr oder weniger widerwillig. Die Metro setzt dabei eigenen Angaben zufolge weniger auf Druck als auf Überzeugungsarbeit.

Es gibt allerdings auch Zulieferer, bei denen weder das eine noch das andere notwendig ist. Procter & Gamble, Johnson & Johnson, Kimberley-Clark, Kraft Foods, Nestlé und Unilever verfolgen mit ihren RFID-Installationen längst eigene Interessen. Zudem haben mittlerweile auch kleinere Unternehmen erkannt, dass es ihnen wenig einbringt, wenn sie bloß auf die Forderungen ihrer Großkunden reagieren.

Fehler des Mittelstands

"Der Mittelstand macht oft den Fehler, Technik, die von den Großunternehmen an ihn herangetragen wird, isoliert zu betrachten", sagte Alexander Renz, RFID Program Manager bei Microsoft, auf dem ebenfalls in der CeBIT-Halle 6 angesiedelten "RFID Forum". Als leuchtendes Gegenbeispiel stellte er das 1500 Mitarbeiter starke US-Unternehmen Link Snacks Inc. aus Minong, Wisconsin, vor.

Als der Hersteller fleischhaltiger Zwischenmahlzeiten vor etwa zwei Jahren von seinem Großabnehmer Wal-Mart über die Möglichkeiten der RFID-Technik informiert wurde, sah er darin weniger eine Bedrohung als eine Chance, beteuert Renz. Indem er proaktiv die Anforderungen seines wichtigsten Kunden erfüllte, habe er seine Lieferantenbewertung verbessert und gleichzeitig die eigenen Abläufe gestrafft.

Heute verfolgt der Anwender der Microsoft-Lösung "Dynamics NAV" (vormals Navision) die Verarbeitung seines Rohmaterials mit an den Containern befestigten RFID-Tags und strategisch platzierten Lesegeräten, die jeden Verarbeitungsschritt an das ERP-System weitergeben. Funkchips überwachen auch die Temperaturen in den Räucherkammern. Im nächsten Schritt sollen die Logistikprozesse an Warenein- und -ausgang mit RFID unterstützt werden.

Offensichtlicher Mehrwert

Link Snacks ist insofern prädestiniert für den RFID-Einsatz, als das Unternehmen seine Prozesse ohnehin peinlich genau dokumentieren muss. Wegen der Verarbeitung von rohem Rindfleisch schuldet der Lebensmittelproduzent der US-Landwirtschaftsbehörde Rechenschaft. Das Unternehmen habe Rückrufaktionen bislang noch nie erlebt, aber bereits simuliert, so Renz. Daher wisse es, wie zeitraubend dieser Vorgang mit konventioneller Technik wäre.

In einem derartigen Fall liegt der Mehrwert auf der Hand. Und die Kosten halten sich im Rahmen, weil die Chips innerhalb des geschlossenen Kreislaufs immer wieder neu beschrieben werden können.

Eines der Vorzeigeprojekte für eine solche "Closed-Loop"-Anwendung ist das Behälter-Management der Volkswagen AG. Die Auszeichnung der bis zu 1500 Euro teuren Tragegestelle für Autoteile lohnt sogar der Einsatz aktiver RFID-Tags, die mit einem hohen mehrstelligen Euro-Betrag zu Buche schlagen.

In das Pilotprojekt involviert ist der Tag- und Reader-Produzent Identec Solutions AG aus dem österreichischen Lustenau. Wie dessen Geschäftsführer Gerhard Schedler berichtet, stellte VW nach der RFID-Kennzeichnung der ersten 10 000 Container fest, dass etwa 20 Prozent davon überhaupt nicht in Gebrauch waren; damit wurden Neubeschaffungen erst einmal überflüssig. Zudem sank die Schwundrate um ein Drittel, und der Aufwand bei der Suche nach gebrauchsfähigen Behältern ging zurück.

Trotzdem verharrt auch dieses Projekt seit etwa zwei Jahren in einer Warteschleife. Von den insgesamt etwa 600 000 Containern des Automobilherstellers sind bislang nur 12000 mit Funkchips gekennzeichnet, weiß Schedler.