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20.06.1997 - 

IT in Banken

Risiko-Management gegen die Zocker

Die noch vor Jahresfrist gehäuft aufgetretenen Bankskandale waren offenbar für die Hochfinanz endlich Grund genug, sich des Themas Risiko-Management gründlich anzunehmen. Heute hocken ein gutes Dutzend findiger DV-Anbieter bereits in den Startlöchern (siehe "Auswahl . . ." auf Seite 36).

Wie stürzt man eine britische Traditionsbank mit zwei Milliarden Dollar Verlust in den Abgrund? Nick Leeson könnte ein Lied davon singen. Doch vorerst muß der ehemalige Fonds-Manager der Londoner Barings Bank mit schwedischen Gardinen vorliebnehmen.

Die Angst, demnächst könnte auch das eigene Finanzhaus Schlagzeilen machen, hat sich in den Vorstandsetagen eingenistet. Spätestens seit der japanische Börsenhändler Yasuo Hamanaka, am Londoner Kupfermarkt auch unter dem Namen "Mister Five Percent" bekannt, seiner Firma Sumimoto mit ungenehmigten Geschäften vier Milliarden Mark Verlust beibrachte, ist den Freunden der unlimitierten Spekulation der Appetit vergangen. Als dann auch noch die englische Fondsgesellschaft Morgan Grenfell, eine Tochter der Deutschen Bank, wegen dubioser Praktiken ihres Fondsspezialisten Peter Young fast zusammengebrochen wäre, war das Maß voll. Bis zu 100 Millionen Pfund Sterling Schadenersatzforderungen legten die geprellten Investoren inzwischen vor.

Stümperhafte Fehler wie im Ausland werden auch hierzulande gemacht. Doch das deutsche Gesetz über Kapitalanlagegesellschaften schützt vor dem Schlimmsten. Thomas Bieler, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf: "In Deutschland muß sich der Fonds-Manager auf die Finger schauen lassen. Auch bei der Zusammensetzung des Fonds gibt es klare Vorschriften." Kommt allerdings Betrug ins Spiel, helfen auch die besten Gesetze nicht mehr. Risiko-Management, auch Risiko- Controlling genannt, ist in den meisten Fällen ein Fremdwort. Überzeugende Konzepte, die vor dem Schadensfall schützen, sind deshalb heiß begehrt.

Das Handelsvolumen bei Derivaten hat in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Im Unterschied zu herkömmlichen Absicherungsstrategien, erklärt Helmut Ruwisch von der WGZ-Bank in Düsseldorf, ließen hohe Flexibilität und Liquidität von Futures, Swaps und Floors ein schnelles und kostengünstiges Reagieren auf Marktbewegungen zu.

Inkonsistente DV reißt Löcher in Sicherheitsnetze

Doch ist ein findiger Geist auf dem Börsenparkett erst einmal dem großmaschigen Netz unzureichender Kontrolle und altbackener Computersysteme entwischt, steht seinem hemmungslosen Profitstreben nichts mehr im Wege. Vorteile derivativer Finanzinstrumente zu nutzen, ohne die Funktionsfähigkeit des Bank- und Finanzsystems zu gefährden, ist deshalb Aufgabe des Risiko-Managements.

Die Darstellung und Bewertung von komplexen Finanzprodukten am Händlerarbeitsplatz, erläutert Nader Malecki, Präsident des International Bankers Forum, setze Analyse- und Simulationstechniken voraus, die bereits elementare Bestandteile einiger weniger Softwarelösungen seien. Problematisch ist allerdings die komprimierte Sicht auf das Gesamtrisiko. Denn unterschiedlich organisierte Datenbestände aus zumeist inkompatiblen Systemen können das nicht leisten. Wie nicht nur Insidern bekannt, hinkt die Datenverarbeitung vor allem in Banken und Versicherungen hoffnungslos ihrer Zeit hinterher. Solange mehrdimensionale Ad-hoc-Abfragen mit performanten Antwortzeiten nicht möglich sind - ein Resultat inflexibler Computersysteme und Netze - bleiben qualifizierte Entscheidungen über das Risikopotential des sich permanent drehenden Finanzkarussells Wunschvorstellung.

Wer sein Geld einem Finanzdienstleister anvertraut, will sich darauf verlassen können, daß es nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird. Ob haarsträubende Anlagemanöver oder allzu lasche Kontrolle des Managements - auf jeden Fall ist Eile geboten, um die beunruhigten Anleger von ihrer Skepsis zu befreien. Wie verhalten sich Zinsänderungs-, Fremdwährungs- und Marktpreisrisiken? Darauf muß Risiko-Management überzeugende Antworten geben können. Controller und Treasurer setzen auf spezielle Meßverfahren ("value at risk"), die das Schlimmste verhindern sollen.

Risikoabwägung auf verläßlicherer Basis

Softwareprogramme helfen, die Einschätzung des Risikopotentials auf eine sichere Basis zu stellen. Ob es sich um den Kurs einer Aktie handelt oder um die Risikoeinheiten einer Zinsstrukturkurve - digitale Simulationsverfahren können eine enorme Entlastung darstellen. Dazu Karsten Wohlenberg, geschäftsführender Gesellschafter der Value and Risk GmbH in Bad Homburg: "Risiko Controlling kommt ohne ein Data Warehouse nicht aus." Wer sich also für leistungsfähige Softwareprogramme interessiert, sollte das Gesamtproblem nicht aus den Augen verlieren. Jedes System ist nur so gut wie die Architektur im Hintergrund - dies dürfte für die meisten Banken noch immer der Knackpunkt sein.

Aus Anwendersicht sieht es folgendermaßen aus: "Die Einführung von value at risk", so Frank Dürr von der Landesbank Sachsen in Leipzig, sei weniger ein konzeptionelles als vielmehr ein Softwareproblem. Bei der Auswahl geeigneter Software sei eine Vielzahl von Aspekten zu berücksichtigen: neben der Programmvielfalt und der Methodik zur Risikoberechnung auch die Flexibilität hinsichtlich individueller Anwenderbedürfnisse. Verschiedene Limitstrukturen, Profit-Loss-Systematiken und der Wunsch nach leistungsfähigen Analyseinstrumenten müssen mit der DV-Umgebung des Anwenders in Einklang stehen. Wer jedoch glaubt, dazu reiche bereits ein Olap-Tool (online analytical processing), wird sicherlich schnell auf den Boden der Realität zurückfinden.

Nicht erst seit dem Aufkommen der TV-Gameshows, wo der Kandidat die Qual der Wahl hat zwischen verlockender Weltreise und nagelneuem Automobil oder auch leer ausgeht, ist das Jonglieren mit Wahrscheinlichkeiten zum Volkssport avanciert. Bereits in der Antike kannte man das Glücksspiel, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, Gewinnchancen zu berechnen - der Ausgang des Spiels lag allein in der Hand der Götter. Erst seit den bahnbrechenden Theorien der großen Mathematiker Fibonacci, Pascal oder Poincaré läßt sich die Bereitschaft zum Risiko rational abwägen. Ob psychologisch begründet oder statistisch formuliert - das internationale Finanzkarussell dreht sich schneller denn je und zieht immer mehr Anleger in seinen Bann.

Kontrollen gegen die "Fast-buck"-Kultur

Daß Risiko-Management oder Risiko-Controlling nicht nur eine pfiffige Marketing-Idee ist, die das angekratzte Image der Hochfinanz wieder aufpolieren soll, unterstreicht die Offensive des Bundesaufsichtsamts für Kreditwesen. Bei einer Reihe von Gesellschaften wurden bereits Unterlagen eingefordert, um den Status quo nicht-börsennotierter Wertpapiere in deutschen Fonds zu überprüfen. Ebenso sehen es Wirtschaftsprüfer als Teil ihres Auftrages, in puncto Implementierung von Risiko-Management-Systemen nachzuhaken. Selbstkontrolle, die Trennung von Handel und Disposition, Investment-Controlling mit täglicher Analyse der Anlagegrenzen sowie hochmoderne Software-Instrumente sind die besten Waffen gegen die in Mode gekommene "Fast-buck"-Kultur des schnellen Geldes - und damit ein unverzichtbarer Baustein jeder Unternehmensstrategie.

Auswahl an Risiko-Management-Lösungen

Marzipan

Gillardon Financial Software GmbH, Bretten http://www.gillardon.de Die Komponentenreihe Marzipan (Margenkalkulation und Zinsberechnung von Passiv/Aktiv-Bankprodukten) bietet eine Schnittstelle zwischen Beratung und Controlling. Für Mainframe, MS-DOS und Windows. Speicherbedarf: 540 KB RAM, 2,5 MB ROM. Implementierungssprache ist C.

Montage

Infinity Financial Technolgy Inc., Mountain View, Ca./USA http://www.infinity.com Datenmodell und auf C++ basierende Bibliothek mit Algorithmen zur Finanzanalyse. Unterstützt Oracle und Informix; läuft unter Unix. Benutzeroberflächen: Motif und Microsoft Windows.

Risk-Manager

Sailfish Systems Ltd., London/GB http://www.sailfish.com Software für Risiko-Management- und Analyse in Echtzeit, historische Kurs- und Ertragskurvenanalyse. Für Sun Solaris/Sybase Server und Windows/Unix Clients.

Valeri

SAS Institute GmbH, Heidelberg http://www.sas.com Risiko-Controlling-System für Banken, Versicherungen, Kreditanlagegesellschaften und Treasurer. Bietet unternehmensweite Analyse, Steuerung und Kontrolle von Markt- und Kreditrisiken. Läuft auf über 40 verschiedenen Plattformen, skalierbar bis zu mehreren TB Datenbeständen.

IS-B, IS-IS, TR-TM/MRM

SAP AG, Walldorf http://www.sap-ag.de Risiko-Management-Funktionalität im Rahmen der Branchenlösungen für Banken (IS-B), Versicherungen (IS-IS) sowie eines Treasury-Management-Systems (TR- TM/MRM).

Winfried Gertz ist freier Fachjournalist in München.