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28.10.1983 - 

Staatliche Förderung von Venture Capital in Europa:

Risikoausgleich über Garantiefonds

28.10.1983

Zunehmend geraten die europäischen Industriestaaten im scharfen Technologiewettbewerb in einen Innovationsrückstand, der sie in Gefahr geraten läßt, den internationalen Anschluß zu verlieren. Auf diese Gefahr wies Siegfried Neumann in einem Vortrag auf dem Kongreß Venture ´83 hin, der in CW Nr. 43/83 abgedruckt ist. In dieser Folge nun stellt Neumann die verschiedenen staatlichen Maßnahmen vor, mit denen junge Unternehmen finanziert beziehungsweise teilfinanziert werden und außerdem noch durch die Bereitstellung von Venture Capital gefördert werden sollen.

Während die allgemeine Tendenz in der industriellen Forschung und Entwicklung Europas noch defensiver geworden ist, wachsen die Chancen für kleine, hoch innovative Unternehmen, die aggressiv in bestimmten klar definierten Marktsegmenten arbeiten. Die grundlegende Entwicklung neuer Schlüsseltechnologien bleibt zwar das Feld großer Unternehmen und der Regierungslaboratorien. Sind solche Technologien aber erst einmal allgemein verfügbar, dann lassen sie sich schneller und flexibler durch kleine, hochspezialisierte Unternehmen in neue Produkte einführen. Amerikas Elektronikindustrie hat gezeigt, daß Unternehmensneugründungen den Produktzyklus erheblich beschleunigt haben. Fast die Hälfte der Mitglieder in der American Electronics Association ist nicht älter als 15 Jahre.

Die europäischen Regierungen haben inzwischen eingesehen, daß technologische Wettbewerbsfähigkeit nicht von großen Unternehmen allein getragen werden kann, daß vielmehr eine Regeneration der Industrie durch Neugründungen notwendig ist. Es ist auch erkannt, daß Unternehmensneugründungen nur mit risikotragendem Venture Capital in der Rolle von Beteiligungskapital möglich sind. Da Regierungsaufrufe an die nationalen Finanzwirtschaften in nahezu allen EG-Ländern nichts haben bewegen können haben die Regierungen in den meisten Ländern inzwischen die Initiative ergriffen und Anreize für die Entwicklung nationaler Venture-Capital-Märkte geschaffen. Bedauerlicherweise sind dabei aber wesentliche Erfahrungen der amerikanischen Szene unbeachtet geblieben, insbesondere die Bedeutung des Venture Managements und der steuerlichen Rahmenbedingungen.

Niederlande

Neben Sonderfinanzierungsregelungen aus dem Jahr 1971 und den regional gebundenen Entwicklungsgesellschaften fördern in Holland drei Maßnahmen die Bereitstellung von industriellem Venture Capital:

1. Industrie-Garantiefonds. Mit Gesetz von 1957 war der Industrieel Garantie Fonds (IGF) geschaffen worden, um kleinen und mittleren Unternehmen zusätzliches Venture Capital in Form von Beteiligungen oder umwandelbare Darlehen zugänglich zu machen (bis 50 Prozent), jeweils unter Zustimmung der Nationalbank. Die Höchstgrenze von vier Millionen holländischen Gulden je Unternehmen kann mit Zustimmung des Wirtschaftsministeriums auf zehn Millionen holländische Gulden erhöht werden. Die Hilfe ist durch die Nationale Investeringsbank oder die Nederlandsche Middenstandsbank zu beantragen.

2. MIP-Fonds. Für Beteiligungen an größeren Industrieprojekten ist die Maatschappij voor Industrieele Projecten (MIP) im Aufbau, die Kapitalbeteiligungen ohne Sicherheiten von 10 - 49 Prozent (5 - 15 Millionen holländische Pfund) eingehen soll. Die Regierung wird 1983 in diesen Fonds als erste Tranche 330 Millionen holländische Pfund einzahlen und erwartet die Beteiligung von institutionellen Anlegern. Der Fonds sollte in diesem Frühjahr in Funktion treten.

3. Private Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Den größten Erfolg hat die im Juni 1981 in Kraft getretene Garantieregeling Particuliere Participatie Maatschnappij (PPM), durch die private Kapitalbeteiligungsgesellschaften eine 50prozentige Staatsgarantie für verlorene Beteiligungen erhalten. Bis Oktober 1982 waren bereits 15 Gesellschaften zugelassen und hatten 31 Beteiligungen bei der Zentralbank registriert. Neun der 15 sind Tochtergesellschaften von Banken und Beteiligungsgesellschaften.

Die wesentlichen Kennzeichen der Maßnahme: Risikoteilung ohne Prämien, Beteiligung an kleiner und mittleren Unternehmen (bis 500 Beschäftigte), größtmögliche Distanz zwischen Regierung und Beteiligungsgesellschaft, steuerfreie Dividende bis 1000 holländische Gulden/Jahr für private Investoren in PPMs (normal 500 holländische Gulden/Jahr), maximale Beteiligung 4 Millionen holländische Gulden je Unternehmen, Abbau der Garantie nach 10 Jahren um 10 Prozent/Jahr auf 0 in 15 Jahren.

England

Am weitesten ist die Entwicklung der nationalen Venture-Capital-Märkte in Großbritannien und Irland, vor allem durch die engere Bindung an die USA. Die Entwicklung in England hat drei Phasen hinter sich:

1. British Technology Group. Die vom britischen Parlament mit eigenem Status geschaffenen überregionalen Entwicklungsfonds, die National Research and Development Corporation (NRDC) und der National Enterprise Board (NEB), wurden 1981 zur British Technology Group fusioniert. Als zentrale Fonds sind sie weiter dem Parlament rechenschaftspflichtig. Die BTG bietet a) Beteiligungskapital für Unternehmen (bis 49 Prozent) mit Krediten auf Venture-Capital-Basis, sowie b) Projektfinanzierungen auf Joint-venture-Basis (normal 50 Prozent), die über Produkt-Umsatzbeteiligung zurückfließen. Die Gruppe investiert jährlich etwa 40 Millionen Pfund.

2. Small Business Loan Guarantee Scheme. Eine breite Akzeptanz fand die 1981 gestartete Kreditgarantie für kleine Unternehmen und Gründungen, die gegen eine Prämie von 3 Prozent für die nicht zu sichernden Bankkredite eine 80prozentige Ausfallgarantie gibt. Dem auf drei Jahre begrenzten Pilotprojekt haben sich 29 Banken angeschlossen und haben die bereitgestellten 300 Millionen Pfund nahezu ausgeschöpft. Die Kredite mit Obergrenze 75 000 Pfund sind rückzahlbar in 2 - 7 Jahren.

Eine detaillierte Analyse der ersten 50 Ausfälle hat gezeigt, daß bei andauernder Ausfallrate (bis Dezember 82: Prämieneinnahmen 2,7 Millionen Pfund, Forderungen 4,5 Millionen Pfund) das Modell nicht selbstfinanzierend zu fahren ist, da es noch Schwächen auf beiden Seiten gibt.

3. Business Start-up Scheme. Das 1981 durch Finanzgesetz eingeführte Business Start-up Scheme ist ein Steuerentlastungsmodell: Steuerzahler können ihre Beteiligung an Unternehmensstarts von ihrem steuerbaren Einkommen absetzen, und zwar zwischen 500 und 10 000 Pfund für eine Laufzeit von drei Jahren. Die Risikoentlastung entspricht damit der eigenen Steuerquote. Die Steuerentlastung ist aber nur durch Investition in einem zugelassenen Fonds zugänglich.

Die Bedingungen: Beteiligungen in Unternehmen nicht älter als 5 Jahre, Geschäftsbeginn innerhalb 12 Monate nach Beteiligung, Anteile an Unternehmen (maximal 50 Prozent) sind voll einzuzahlen, Hobby- and Finanzunternehmen sind ausgeschlossen, Investoren müssen ihre Anteile mindestens 5 Jahre behalten. Das Start-up Scheme hat dem britischen Venture-Capital-Markt zu einem solchen Durchbruch verholfen, daß Engpässe an guten Projekten und kompetentem Venture Management aufgetreten sind.

Frankreich

Für den Aufbau eines nationalen Venture-Capital-Marktes ist Frankreich sicherlich das schwierigste Land, da alle Formen des Sparens einem Engagement in Unternehmen und Fonds vorgezogen werden. Bis 1978 gab es nur zwei Ansätze:

- eine steuerliche Förderung von Innovations-Finanzierungsgesellschaften (Gesetz 72/650), nach dem heute von den existierenden privaten Venture-Capital-Gesellschaften 1982 etwa 50 Millionen französische Franc investiert wurden; und

- staatliche Kredite unter Zinssubvention (zu 6 Prozent, Gesetz 78/741), deren Volumen in 1982 auf etwa 600 Millionen französische Franc geschätzt wird.

Zur Überwindung des Problems von Banksicherheiten wurde am 1. 9. 78 schließlich ein Garantiefonds errichtet, in dem der Staat 65,6 Millionen französische Franc und vier regionale Departmentsverwaltungen 12,5 Millionen französische Franc einzahlten. Der Fonds entlastet Banken von Risiken im folgendem Umfang: . . für mittelfristige Innovationskredite (Moyen Terme Innovation - MTI) zu 100 Prozent gegen 1,5 Prozent Prämie auf den Zins, ohne persönliche Garantien, und, . . insbesondere bei Gründungen, zu 75 Prozent für beteiligungsähnliche Kredite (Prét assimilable aux fonds propre - PPI) gegen 2 Prozent Prämie.

Dieser Garantiefonds wird von der Inodev verwaltet, die nach Zulassung der Projekte durch ein Ministerbüro (DESTI) die Projekte durch ein interessantes Kriterienraster selektiert. Eine breite Entwicklung des Venture-Capital-Marktes in Frankreich kann jetzt von der Veröffentlichung eines Dekrets erwartet werden, das die Bildung von Venture-Capital-Fonds genehmigt (fonds communs de placement á risque - F.c.p.r.), allerdings unter dem Verbot jeder Publizität. Hier handelt es sich um die Übertragung des amerikanischen Partnership-Modells auf Frankreich. Fünf Bankengruppen haben sich bereits darauf vorbereitet. Allerdings hat der Gesetzgeber das Risiko begrenzt: maximal 40 Prozent der Investitionen sind in Unternehmen erlaubt, die an der Borse nicht notiert sind.

Italien

Erst im letzten Jahr ist der Sonderfonds für Angewandte Forschung, der vom IMI betreut wird, auch für die Förderung von Unternehmensgründungen in bestimmten Forschungsbereichen geöffnet worden. Der Fonds kann Kapitalanteile an Forschungsunternehmen übernehmen, die von öffentlichen Einrichtungen oder von privaten Unternehmen gegründet werden.

Irland

Durch engsten Kontakt mit dem amerikanischen Venture-Capital-Markt hat sich Irlands Venture-Capital-Landschaft sehr früh (seit 1967) und sehr breit entwickelt, insbesondere ohne staatliche Hilfe und gegen eine 60prozentige Kapitalgewinnsteuer. Staatliche Maßnahmen laufen parallel in der Industrial Development Authority (IDA), die mit ihrem Enterprise Development Programme seit 1978 die nationale Industrieentwicklung fördert. Das Angebot der IDA geht soweit, daß der Unternehmensgründer nur noch 15 Prozent des Projektkapitals aufzubringen hat. Diese Lücke will die Allied Irish Banks Group schließen, die eine Venture-Capital-Gesellschaft aufbaut, um eng mit der IDA zusammenzuarbeiten.

Luxemburg

Ein Gesetz vom 2. 8. 77, das die nationale Investitionsgesellschaft SNCI geschaffen hat, läßt der Gesellschaft die Möglichkeit offen, die Gründung neuer Unternehmen mit Kapitalbeteiligungen bis zu 49 Prozent zu fördern. Diese Möglichkeit wurde aber mit großer Zurückhaltung genutzt und führte nur zu 5 Beteiligungen zwischen 1978 und 1981 im Volumen von 48 Millionen luxemburgische Franc.

Österreich

Außerhalb der EG sind - abgesehen von den skandinavischen Ländern - insbesondere Österreich und die Schweiz aktiv geworden, aus gleichen Überlegungen wie in den EG-Ländern. Österreichs Finanzministerium will noch 1983 rund 300 Millionen Schilling als Starthilfe für Unternehmensgründungen bereitstellen, und zwar in einer noch zu gründenden Tochtergesellschaft der staatlichen Finanzierungsgarantie-Gesellschaft (FFG).

Die Gesellschaft soll Beteiligungen auf Zeit von maximal 10 - 15 Millionen Schilling eingehen und auch die Organisation der Gesamtfinanzierung der Unternehmen in der ersten Phase übernehmen. Das Modell soll sebsttragend gestaltet werden und wird möglicherweise an das steuerbegünstigte Genusschein-System zur Kapitalerhebung für die Industrie-Umstrukturierung anschließen.

Schweiz

Anfang Januar 1983 hat eine Expertenkommission unter Leitung des Bundesamtes für Konjunkturfragen einen Vorschlag zur Einführung einer Innovationsrisikogarantie veröffentlicht, um in der Schweiz die Lücke in der Versorgung mit Risikokapital zu schließen. Wie in anderen Ländern soll der Staat die Kapitalgeber zur Finanzierung von Innovationen gegen eine Prämie wenigstens teilweise absichern. Unter der Maßnahme sollen private Banken mit Beratungs- und Beteiligungsunternehmen unter einer staatlichen Bürgschaft zusammenarbeiten. Die Beratungs- oder Beteiligungsgesellschaften sollen dabei für das Venture Management einstehen.

Bei Ausfall eines Projektes soll die Rückzahlungspflicht für Kredite entfallen, und die Risikoprämie zurückerstattet werden. Für die Beurteilung von Anträgen und Garantiezusagen soll eine Kommission eingesetzt werden. Nach dem Gesetzentwurf, der noch nicht alle Hürden genommen hat, hätte der Bund einen eigenwirtschaftlichen Fonds zu errichten und die erforderlichen Startmittel in Form eines Rahmenkredits zur Verfügung zu stellen.

Staatliche Initiativen zur Förderung des Venture-Capital-Angebots für eine Regeneration der Industrie sind in fast allen europäischen Ländern erwogen oder eingeführt worden. Sie konzentrieren sich auf zwei grundlegende Ansätze:

- den Risikoausgleich über Garantiefonds (Versicherungssystem), in dem die Investoren gegen Prämie eine Rückversicherung auf Staatsebene erhalten; und

- den Risikoausgleich über Steuerentlastung des Investors (Steuerstundungssytem), die gesamtwirtschaftlich als Multiplikator für Steuereinnahmen (mittel- und langfristig) anzusehen ist.

*Siegfried Neumann von der Infobrief Luxembourg SARL hielt diesen Vortrag Anfang Oktober auf dem Kongreß "Venture ´83" in München.