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22.05.1998 - 

Existenzgründer in der IT-Branche

Risikokapital: Willen zur Teamfähigkeit gefragt

Venture Capital ist nicht nur ein Modebegriff in der derzeitigen Existenzgründerdebatte, sondern das Finanzierungsinstrument für innovative und vor allem schnell wachsende Technologieunternehmen schlechthin. Warum ist das so? Die Antwort erscheint nur auf den ersten Blick plakativ. Weil Venture Capital - in Deutschland besser bekannt unter der Bezeichnung Risiko- beziehungsweise Wagniskapital - renditeorientierte und risikobereite Anleger mit innovativen Ideen und Menschen zusammenbringt und daraus so etwas wie eine unternehmerische Vision entwickelt: ein Unternehmen aufbauen, neue Märkte angehen und sich dort etablieren.

Um die Ziele und Arbeitsweise von Venture-Capital-Gesellschaften nachvollziehen zu können, ist es vielleicht ratsam, sich zunächst mit den beiden Begriffsbestandteilen auseinanderzusetzen: Venture bedeutet frei übersetzt soviel wie Unternehmung, Chance und auch Wagnis; Capital erklärt sich selbst.

Woher bekommen Venture-Capital-Gesellschaften ihr Geld, wer gibt es ihnen zu welchen Bedingungen, und warum bekommen sie es überhaupt? Wer sich mit diesen Fragen auseinandersetzt, dem dürfte sehr schnell klar werden, daß es sich bei Risikokapital weder um eine Form modernen Abenteuerertums noch um eine neuzeitliche Ausprägung von Samaritertum handelt.

Warum Venture-Capital-Gesellschaften überhaupt Geld von Anlegern bekommen, läßt sich schnell erklären. Die Investoren erwarten hohe Renditen. Das heißt, deutlich mehr, als wenn man sein Geld in Aktien, Rentenpapieren, Immobilien, Optionen oder direkten Beteiligungen anlegen würde. Angesichts der Ertragserwartungen, die man aufgrund entsprechender Erfahrungswerte mit solchen Anlagemöglichkeiten verknüpfen kann, versprechen sich die Geldgeber eines Venture-Capital-Fonds eine jährliche Verzinsung ihres Kapitals von 15 Prozent und mehr. Was rechtfertigt diese hohen Renditen? Ganz einfach die Bedingungen, zu denen die Anleger in Venture-Capital-Fonds investieren können - vor allem das vergleichsweise hohe Risiko. In der Regel ist das Kapital dabei zehn Jahre gebunden, was den Risikofaktor noch einmal erhöht.

Die Investoren sind überwiegend Pensionsfonds, Vermögensverwaltungs-Gesellschaften, Versicherungen und Banken - institutionelle Anleger also, die alle nur einen kleinen Teil ihrer Mittel den Venture-Capital-Firmen und deren Fonds zur Verfügung stellen können. Schließlich sind sie ihren Geldgebern, letztlich Privatpersonen, gegenüber verantwortlich, sollen deren Kapital möglichst gewinnbringend, aber auch sicher anlegen. Und sie haben dabei gesetzliche Bestimmungen zu beachten und werden überwacht.

Die Anforderungen sind hoch

Die Venture-Capital-Gesellschaften stehen dementsprechend in einem harten Wettbewerb untereinander und mit anderen Anlagemöglichkeiten um die Mittel besagter Geldgeber. Mit anderen Worten: Sie sind nur dann bei der Kapitalbeschaffung erfolgreich, wenn sie aufgrund ihrer Erfahrung, Geschäftserfolge in der Vergangenheit, aber auch eines durchdachten und überzeugenden Konzepts den Investoren hinreichend realistische Renditen in Aussicht stellen können. Gleichzeitig bedeutet dies aber, daß - zumal wenn die Verzinsung von mindestens 15 Prozent per annum im Raum steht - auch die Anforderungen an Unternehmen, in die Risikokapital investiert werden soll, entsprechend hoch sind.

Die Frage, was ein junges Unternehmen mitbringen muß, um in den Genuß von Wagniskapital zu kommen, läßt sich zunächst mit vier Stichworten andeuten: Innovation, Marktchance, Führungsmannschaft und Geschäftskonzept. Ersteres dürfte im Regelfall auf einer technischen Entwicklung beruhen, kann aber auch genausogut auf einem neuen Vertriebskonzept, einer Organisation, überlegener Logistik und/ oder Partnernetzwerk beruhen.

Entscheidend ist, daß die Innovation einen deutlichen Vorsprung oder eine Differenzierung vom Wettbewerb bietet, quasi eine Art Eintrittsbarriere für die Konkurrenz darstellt, die dem betreffenden Unternehmen die notwendige Zeit einräumt, sich weiterzuentwickeln.

Gleichzeitig muß aber auch die Perspektive erkennbar sein, einen großen Markt(anteil) zu erobern. Groß heißt: ein Umsatzvolumen von mehreren 100 Millionen Mark. Man kann es auch so formulieren: Es sollte möglichst viele potentielle Käufer für das betreffende Produkt oder die Dienstleistung geben. Das Unternehmen muß jedenfalls seinen Markt kennen, ihn beschreiben und vor allem erklären können, warum er wächst und dadurch für die Investoren interessante Dimensionen verspricht. Dabei kann es durchaus sein, daß zum Zeitpunkt der Venture-Capital-Finanzierung kaum Kunden existieren und das Potential des zukünftigen Markts sich nur Insidern und Experten erschließt - und dies ist sogar der Idealfall eines Einstiegs für "Wagniskapitalisten".

Mit den Marktchancen steht und fällt also alles übrige, was man angesichts der vielen Tüftler und Erfinder, die einem gerade in der IT-Branche über den Weg laufen, nicht oft genug betonen kann. Was im übrigen gar nicht so abwertend gemeint ist, wie es vielleicht klingen mag. Es nützt nur nichts, um ein vielzitiertes, aber anschauliches Beispiel zu bringen, ein im Zweifel besseres Betriebssystem als Windows zu entwickeln, wenn - wie in diesem Fall durch Microsoft - der Markt durch einen weltweit dominierenden Anbieter bereits besetzt ist.

Stichwort Führungsmannschaft: Sie kann am Anfang aus nur einer Person bestehen - dem/ der Unternehmensgründer(in) -, sollte sich aber idealerweise aus mehreren Personen mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen und Ausrichtungen zusammensetzen. Technische, vertriebliche, strategische, visonäre und sonstige Fähigkeiten tun jedem Unternehmen gut, erst recht einem Start-up. Wer dies für eine banale Selbstverständlichkeit hält, täuscht sich. Die Praxis sieht leider oft anders aus. Was sich daran zeigt, daß es oft zu Schwierigkeiten bei der Besetzung von Führungspositionen durch externe Mitarbeiter kommt. Das vor allem bei deutschen Entrepreneuren anzutreffende Herr-im-eigenen-Haus-Denken kommt hier zum Tragen.

Um es neutraler auszudrücken: Da es sehr selten ist, daß schon zu Beginn der Gespräche mit Ven-ture-Capital-Gesellschaften alle Führungspositionen im Unternehmen besetzt sind, ist es sehr wichtig, daß die bereits vorhandene Führungsmannschaft respektive der/die Gründer für Änderungs- und Ergänzungsvorschläge offen ist/sind. Und was im Zweifel noch eher ausschlaggebend ist: Das Interesse am langfristigen Erfolg des Unternehmens muß notfalls höher sein als das an der eigenen Position und Karriere. Auch deswegen ist eine Beteiligung von Risikokapitalfirmen an den Unternehmen, in die sie im Auftrag ihrer Kunden investieren, so wichtig. Es geht nicht nur um Risikominimierung, Kontrolle und Mitreden, sondern primär um Hilfestellung beziehungsweise das Anbieten oder die Vermittlung von Know-how. Last, but not least sollte in diesem Zusammenhang aber auch etwas anderes nicht vergessen werden: Motivierte, bewegliche, leistungsbereite und qualifizierte Mitarbeiter in der Ebene unterhalb der Führungsmannschaft sind ebenso unerläßlich. Auch für sie sollte es möglich sein, möglichst bald - entsprechenden Erfolg des Unternehmens vorausgesetzt - eine Beteiligung am Unternehmen zu erwerben.

Sind diese, vielfach emotionalen Klippen, umschifft, stellt sich die nicht weniger wichtige Frage nach dem Geschäftskonzept. Dieses sollte vor allem eine Antwort darauf geben, wie das Unternehmen seine Innovation erfolgreich in den Markt trägt. Im Zentrum einer solchen Strategie muß immer der Kunde stehen. Nur wenn ausreichend Kunden vorhanden sind, können Firmen überleben - man muß sie aber erst finden, gewinnen und dann auch zufriedenstellen. Für so manchen begnadeten Produktentwickler und Techniker ist auch das (zunächst) keine Selbstverständlichkeit. Geklärt werden muß also, wer der Kunde ist oder sein kann, warum er kauft oder kaufen könnte, was er bereit ist zu bezahlen, auf welchen Rat er unter Umständen hört, wie er sich informiert, wie er erreichbar ist und wie er überzeugt werden kann.

Warum soll der Kunde in Zukunft bei mir kaufen?

Ein Teil dieser Marktstudie beinhaltet zwangsläufig eine Einschätzung des Wettbewerbs beziehungsweise die Abgrenzung von ihm. Warum kauft der Kunde in Zukunft bei mir und nicht bei der Konkurrenz? Allzuoft zeigen sich neugegründete Firmen davon überzeugt, daß sie keinen direkten oder indirekten Wettbewerber haben. Meist ein Fehler. Ausgehend von der Analyse des Kundenprofils, der Marketing- und Vertriebswege sollte dann in einem Geschäftskonzept - viele in der Venture-Capital- und Existenzgründerszene sprechen auch vom "Business-Plan" - die Entwicklung des Unternehmens in bezug auf alle anderen Aspekte skizziert werden, etwa die Bereiche Entwicklung, Produktion, Logistik und Finanzen. Aus dem Geschäftskonzept lassen sich wiederum ein Vielzahl detaillierterer Fragen ableiten.

Deren Analyse, in Fachkreisen "due diligence" genannt, wird in der Regel ausschließlich von den Venture-Capital-Gesellschaften vorgenommen.

Oft wird auch gefragt, wie groß beziehungsweise wie alt kann oder muß ein Unternehmen sein, um für Venture Capital interessant zu sein. Antwort: Es ist typischerweise wenige Jahre alt oder aber auch noch gar nicht gegründet. Hier gibt es eine große Bandbreite an Möglichkeiten. Manche Venture-Capital-Gesellschaften engagieren sich bereits vor oder während der Unternehmensgründung, andere bevorzugen es, in Firmen, die schon ihre ersten Gehversuche hinter sich haben, zu investieren, wieder andere sind diesbezüglich völlig offen.

Entscheidend ist, man kann es nicht oft genug wiederholen, daß mit der Gewährung von Risikokapital ein neuer Gesellschafter in das betreffende Unternehmen eintritt, der erhebliche finanzielle Mittel in Form von treuhänderisch verwaltetem Eigenkapital mitbringt und dies dem vollen unternehmerischen Risiko aussetzt. Konkret: Er riskiert, dieses Geld schlimmstenfalls zu verlieren. Der Firmengründer muß für dieses Eigenkapital jedoch keine Sicherheiten stellen und es auch nicht zurückzahlen. Er stellt statt dessen Gesellschaftsanteile zur Verfügung und akzeptiert eine Beteiligungsposition der Wagniskapitalisten - entsprechende Informations- und Mitgestaltungsrechte inklusive. Die Venture-Capital-Geber haben durch eine Vielzahl eingegangener Beteiligungen eine hohe unternehmerische Erfahrung aufgebaut. Sie wissen, was sie tun. Und sie müssen im Interesse aller Beteiligten dazu beitragen, das jeweilige Unternehmen erfolgreich zu machen - erfolgreicher, als es ohne die Finanzmittel und die externe Expertise je sein könnte.

In diesem Katalysatoreffekt liegt der eigentliche Sinn einer Venture-Capital-Finanzierung. Denn auch das ist richtig: Das meiste, was eine Risikokapitalgesellschaft außer Geld zur Entwicklung einer jungen Company beiträgt, könn(t)en gute und talentierte Unternehmer - und nur diese wollen und erhalten Risikokapital - selbst lernen.

Um aber Erfahrungen zu sammeln, notfalls auch aus Fehlern zu lernen, Kontakte zu knüpfen und damit das eigene Profil zu schärfen, benötigt man Zeit. Die Zeit ist aber in den heutigen wettbewerbsintensiven Märkten mit immer kürzeren Innovationszyklen die knappste Ressource überhaupt, und sie ist auch nachträglich nicht mehr zu beschaffen. Denn aus vielen guten Ideen läßt sich unter Umständen ein Unternehmenserfolg schmieden, aber das Eisen muß heiß sein, es kommt bisweilen auf jeden Tag, jede Stunde an - das berühmt-berüchtigte "window of opportunity" läßt grüßen. Mit einer Venture-Capital-Finanzierung verkürzen, soviel steht fest, Unternehmen ihre Lernkurve jedenfalls erheblich und können dadurch noch schneller und vor allem noch mehr Erfolg haben.

Wenn sich das Unternehmen dann nach Plan entwickelt hat, schnell gewachsen ist, sich einen Namen gemacht und eine führende Stellung im Markt erobert hat, wird sich die Venture-Capital-Gesellschaft in der Regel wieder von ihren Anteilen trennen. Das Kapital wird an die Investoren ausgeschüttet und erfüllt deren Renditeerwartungen.

Eine Art Königsweg für Unternehmen und Venture-Capital-Gesellschaften, um sich wieder zu trennen, ist der Börsengang. Das Unternehmen bleibt unabhängig und hat gleichzeitig Zugang zu weiterem Kapital. Genauso interessant kann es aber sein, sich in einer zweiten Phase an einen großen Partner anzulehnen und dadurch Zugang zu neuen Vertriebswegen, einer anderen Marke, Personalressourcen etc. zu erhalten. Dann führt der Weg der Trennung über einen Verkauf von Firmenanteilen an diesen Partner. Die Venture-Capital-Gesellschaft wird jedoch meist versuchen, sich von ihren gesamten Anteilen zu trennen, denn ihre Aufgabe ist nun beendet.

Zum Schluß noch ein Blick auf die allgemeine europäische respektive deutsche Risikokapital-Landschaft: Venture Capital hat seinen Ursprung in den USA, wo es heute eine regelrechte Industrie mit mehreren 100 aktiven Firmen gibt, die jährlich mehr als fünf Milliarden Dollar in junge Wachstumsfirmen investieren. Diese wagen dann binnen kürzester Zeit in großer Zahl das "Going Public", in den meisten Fällen an der US-Computerbörse Nasdaq. Gleichzeitig sind diese Companies mit ihrem Wachstum und ihrem oft atemberaubenden Innovationstempo der Motor der US-Konjunktur.

In Europa und in Deutschland stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklung. In den vergangenen zwei Jahren hat sich aber auch hierzulande so etwas wie ein Gründerklima entwickelt und damit einer Venture-Capital-Szene nach US-amerikanischem Vorbild Vorschub geleistet - was auch dem Erfolg neuer Handelsplätze für Aktien junger Technologieunternehmen wie dem Neuen Markt in Frankfurt oder der Easdaq in Brüssel zu verdanken ist.

Mißerfolge werden vom Aktienmarkt hart bestraft

Eine internationale Sicht der Dinge ist in schnell pulsierenden High-Tech-Märkten aber nicht nur in Sachen Risikokapital vonnöten. Die Konkurrenz aus den USA kommt, speziell in der IT-Branche, bestimmt. Man sollte daher als deutsche Firma vom ersten Tag an über seinen Tellerrand schauen, um sicherzustelllen, daß man auch international bestehen kann. Handauflegen durch ein möglicherweise noch so engagiertes Venture-Capital-Team genügt da auf Dauer alleine nicht.

Und noch etwas sollte man den Unternehmern in spe mit auf den Weg geben: Viele Firmengründer in Deutschland denken, daß der Börsengang eine tolle Sache an sich ist, bei der alle Beteiligten ordentlich und vor allem relativ schnell Geld verdienen können. Venture-Capital-Spezialisten sind da zurückhaltend. Man benötigt ein erfahrenes und vor allem diszipliniertes Team, um als börsennotierte Firma langfristig bestehen zu können. Das Going Public gewissermaßen als Endstation aller Sehnsüchte zu begreifen ist in vielerlei Hinsicht ein gefährlicher Trugschluß. Wenn die Ri- sikokapitalgeber aussteigen, heißt das noch lange nicht, daß auch die Gründer, Manager und eventuell vorhandene Investoren bereits einen solchen Schritt ins Auge fassen können. Eine "Public Company" unterliegt ganz anderen Rechten und Pflichten. Ne- gative Nachrichten und Mißerfolge werden, auch das muß man wissen, von den Aktienmärkten sehr hart bestraft - viel härter als von den Investoren einer privaten Firma.

Axel Bichara ist Berater und Partner bei der deutsch-amerikanischen Risikokapital-Gesellschaft Atlas Venture München.