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16.08.1991 - 

Veröffentlichung dient Entwicklern als Wegweiser

Roadmap für System V legt Unix-Stategie der USL offen

Von der DV-Welt wenig wahrgenommen, existiert seit knapp zwei Jahren eine schriftliche Fixierung von Produkt-Zeitplänen und Zielbeschreibungen für die Entwicklungsarbeiten am Betriebssystem Unix System V mit seinen Releases in Buchform. "Roadmap" ist der Titel.

Bereits ein Jahr nach Erscheinen erfolgte die Fortschreibung strategischer Ziele, Pläne und Implementierungen des Betriebssystems. Herausgeber der Jahresausgabe "Unix System V-Roadmap" ist die Organisation Unix International in Brüssel. Die 91er-Ausgabe verarbeitet Input von Anwendern und Herstellern, industriellen Organisationen wie X/Open sowie Entwicklungen im Markt der offenen Systeme.

Die Erstellung dieses Werkes ist ein nicht immer ganz einfacher Prozeß - sowohl für die herausgebende Organisation selbst als auch für die Unix Systems Laboratories (USL) als Hersteller des Systems V. Es stellt aber letztendlich den einzig gangbaren Weg für offene Systeme generell dar.

Erkennbarer Wandel im DV-Business

Bislang verhielt sich die gesamte Branche der Informationstechnologie mit der Vorweg-Bekanntgabe technologischer Einzelheiten für neu vorzustellende Produkte eher zurückhaltend denn auskunftsfreudig. Seit einigen Jahren jedoch setzte im DV-Business ein deutlich erkennbarer Wandel ein, der durch die Idee der "offenen Systeme" in Gang kam. Eine der Konsequenzen ist die stürmische Verbreitung des Betriebssystems Unix. Sie führte in, den letzten Jahren zu einem echten Boom.

Bewirkt und getragen wurde dieser Erfolg vielfach direkt von den Anwendern. Aber auch anwenderorientierte Organisationen sowie industrielle Vereinigungen und Normierungsgremien wie X/Open oder IEEE trugen dazu erfolgreich bei.

Zu der schwungvollen Entwicklung, die sich anhand sattsam bekannter Markt-Kennzahlen bewerten läßt, gibt es einige Grundüberlegungen, die langsam in der DV-Society Fuß fassen: Erstens ist es unsinnig, für offene Systemwelten zu plädieren, wenn die Grundlagen offener Systeme als streng geheimes Material betrachtet werden. Daher besteht die Notwendigkeit, neben geplanten Produkten auch Strategien, Ziele und Inhalte offenzulegen. Ebenso wichtig für die Planungssicherheit bei den Anwendern sind zeitliche Fixierungen: Wann sind welche Produkte mit welchen Features am Markt konkret verfügbar? Dadurch, daß laufende und zukünftige Entwicklungen bekannt sind, können Anforderungen, die sich aus der Weiterentwicklung des Marktes ergeben, frühzeitig berücksichtigt werden.

Der Bedarf bestimmt letztlich die Realisierung

Die zweite Überlegung bezieht sich auf das Angebot einheitlicher und standardisierter Produkte. Sie entstehen nicht in einer Alchimistenküche mit magischen Praktiken unter Ausschluß der neugierigen Öffentlichkeit. Der Bedarf bei Anwendern, Systemhäusern, Herstellern und Organisationen sowie der Industrie bestimmt letztlich die Realisierung. All diese Aspekte fließen in die Roadmap ein und wirken somit bedeutend auf die Produktentwicklung ein.

Als gutes Beispiel für den Nutzen der Roadmap sei hier die bislang praktizierte Kultivierung von Funktionen in einer großen Zahl von Unix-Versionen genannt:

Jede dieser Varianten und Derivate, die im jetzigen Unix System V, Release 4, (SVR4) zusammengebunden wurden, brachte für ein leistungsfähiges Betriebssystem notwendige Leistungen mit. Um aber den Ansprüchen der offenen Systemwelt für die kommenden Jahrzehnte zu entsprechen, erschien eine Vereinheitlichung unumgänglich.

Durch die Kommentare, Bewertungen und Anforderungen, also durch den Input, den Anwender, Hersteller und industrielle Körperschaften wie X/Open in die neue Roadmap eingebracht haben, durchlief Unix einen Prozeß, der die früher abgeleiteten Derivate wieder zu einem System zusammenführte.

Gewichte haben sich verschoben

So enthielt der Unix-Kernel die vereinheitlichten Systeme aus Unix 7, der Mutter aller nachfolgenden Variationen seiner Weiterentwicklung System V 3.2 und anderen Derivaten.

Dazu gehörten als wichtigste Sun-OS 4.0, SCO Unix und die Berkeley-Variante BSD 4.3 sowie Sinix 5.4. Bestimmt war dieser Zusammenführungsprozeß durch die Schlagworte:

- Kompatibilität (Compatibility),

- Portierbarkeit (Portability),

- Scalability (Übertragbarkeit von einer Systemklasse auf andere) sowie

- Interoperability (Fähigkeit zur Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Systeme).

Alle diese genannten Anforderungen besitzen nach wie vor volle Geltung, wenn sich auch die Gewichte von portierbar und kompatibel stärker zu scalabel und interoperabel verschoben haben. Dem tragen die architekturbezogenen Definitionen der Organisation unter der Bezeichnung OSA (Open Systems Architecture) in der Publikation Rechnung. Sie sollen als umfassender Satz von standardisierten Systemsoftware-Komponenten im zweiten Quartal dieses Jahres freigegeben werden - die Verbindung mit Unix System V, Release 4, ist gegeben.

Anders als bei der Standardisierung eines einzelnen Produkts sichert OSA durch den Charakter einer veröffentlichten Definition den offenen Wettbewerb im Markt sowohl für System- als auch für Applikationssoftware.

Hauptrichtungen künftiger Informationstechnik

Die Bekanntgabe offener Standardschnittstellen mit der Bezeichnung Application Programming Interfaces (API) zielt weniger auf die Entwicklung einzelner Produkte ab, vielmehr sind drei Hauptrichtungen künftiger Informationstechnik davon direkt betroffen:

- verteilte Datenverarbeitung mit Adressierung vollständiger, heterogener Netzwerklösungen,

- transaktionsbasierte, große Systeme auf Unix-Servern (Corporate Hub Computing), die für den Ersatz traditioneller Mainframe-Applikationen geeignet sind,

- Desktop-Computing, das Vor-Ort-Anwendungen mit jedem im Netz vorhandenen Service verbindet.

Die neue Roadmap '91 besteht aus zwei Teilen: Im ersten Abschnitt werden die Entwicklungspläne erörtert, für deren Realisierung die Unix Systems Laboratories (USL) als Produktions-Company verantwortlich zeichnet.

Die zweite Sektion befaßt sich - aus der Sicht des Verfassers - mit Anforderungen der Industrie, Anwendern und Korporationen sowie dem dort geforderten Zeitplan. Die Struktur des Werkes umfaßt unter anderem die Abschnitte Netzwerke, grafische Benutzeroberfläche, Transaction Processing oder System-Management.

Als Antwort auf eine der wichtigsten Anforderungen wird von USL im ersten Halbjahr '91 ein erweitertes Release "Sicherheit" (SVR4 ES) mit B2-Level vorgestellt, das einen höheren Grad an Sicherheit, Remote-Operation, Verwaltung und Systemwartungsfunktionalität bietet.

Es enhält die Unterkomponenten TCSEC (Trusted Computer System Evaluation Criteria), MAC (Mandatory Access Control), ACL (Access Control Lists) sowie Trusted Path und Trusted Facility Management.

Weiter ist eine Verwaltung von Remote-Systemen vorgesehen, die Konfiguration, Wartung sowie Implementierungsunterstützung für Applikationssoftware einschließt.

Als nächster wichtiger Schritt soll die Einführung von symmetrischem Multiprocessing (MP) in zwei Phasen folgen. Die erste wird als Release SVR4 MP Mitte 1991 ausgeliefert, also kurz nach der ES-Einführung, und ermöglicht eine breit angelegte System-Parallelisierung. Bereits vorhandene Systemleistungen von Multi-Prozessorsystemen sind so ganz zu nutzen und bieten mit hohem Systemdurchsatz eine signifikante Verbesserung des Verhältnisses von Preis zu Performance.

Die zweite Phase - Release SVR4 ES/MP im Jahr 1992 vorgesehen - verbindet nicht nur die Release-Version ES mit MP, sondern enthält zum Beispiel Zusätze wie Schnittstellen für die Erstellung parallelisierter Programme. Insgesamt steht damit, auf der Trusted Secure Base des SVR4 ES aufsetzend, eine sichere Architektur zur Verfügung. Es wird Quell- und Binärcode-Kompatibilität zum Release SVR4 MP bestehen.

Zusätzliche und erweiterte Verwaltungs- und Systemfunktionen können mit den Inhalten des "Corporate Computing" und "Open Operating Systems" beschrieben werden. Diese Produkte kennzeichnen einen wachsenden, evolutionär verlaufenden Prozeß für Unix SVR4 gegenüber der ersten Version. Sie sollen im zweiten Quartal '91 vollständig definiert und angekündigt werden.

Die 90er Edition beschrieb noch überwiegend Strategien zur periodischen Erscheinungsweise von neuen Releases des Betriebssystems. Dabei enthielten diese Neuversionen bereits zusätzliche Funktionen (Add-on-Features), wie sie von Organisationsmitgliedern verlangt wurden. Diese Zusatzfunktionen, so wurde gefordert, sollten auch von größeren Release-Schritten abkoppelbar und separat verfügbar gemacht werden.

Die wichtigsten Unterschiede zur letztjährigen Ausgabe liegen in der vorgezogenen Ansprache der Funktionsgruppe "Multiprocessing". Sie soll nun entgegen der ursprünglichen Planung ein Jahr früher, nämlich Mitte 1991, verfügbar sein. Ebenfalls früher als geplant wird die Einbindung der OSI-Technologie (Open Systems Interconnection) behandelt.

Dies kann als ein typischer Fall gelten, wie Marktveränderungen die Schaltstelle Steering Committee bei Unix International veranlassen, bei USL auf eine frühest mögliche Fertigstellung zu dringen: Die OSI-Plattform wird jetzt also bereits gegen Ende dieses Jahres ausgeliefert werden.

Insgesamt enthält die neue Edition 14 neue Definitionen zu Funktionseinheiten (Add-on-Features) und deren zeitlicher Plazierung. Neben den bereits genannten Items "Sicherheit" (B2 Rating Kit als Add-on) und "symmetrisches Multiprocessing" im neuen Release SVR4 MP wurde auch die OSI-Plattform bereits angeführt.

Darüber hinaus erscheinen, um nur einige der wichtigsten zu nennen:

- Commercial File System Enhancement (erweiterte Dateiverwaltung),

- Desktop Enhancements,

- Grafical-User-Interface-Erweiterungen,

- Logical Volume Manager,

- Network Computing Enhancements sowie

- X11 Release 4.

Diese neuen Funktionen decken wichtige Marktanforderungen ab und sind zu bestehenden und zukünftigen Produkten kompatibel. Der finanzielle Bedarf für diese Produktentwicklungen ist beachtlich: 100 Millionen Dollar werden dafür veranschlagt. Partnerschaften mit Unternehmen, wie zum Beispiel Intel, Santa Cruz Operation Inc., Retix oder Interactive Systems Corporation erweitern die Möglichkeiten von Unix International und garantieren auf diese Weise angemessene Entwicklungszeiten.

Das Unix International Steering Committee begreift seine Tätigkeit aber nicht allein als "Teilchenbeschleuniger". Es ist bei anderen Vorhaben durchaus notwendig - trotz intimer Kenntnis bestimmter Bereiche und deren zukünftiger Entwicklung - noch genauere Analysen vorzunehmen. Diese sogenannten "Future Investigations" sind auf spezielle Bereiche ausgerichtete Studien, verfaßt von Projektteams unter der Leitung des Steering Committee. Diese Teams bestehen aus Ul-Mitgliedern, Vertretern von Unix International sowie Mitarbeitern von USL. Die Reports enthalten Lösungsansätze, um die geforderte Funktionalität eines bestimmten Bereichs zu definieren und die besten Wege zu deren Realisierung und Integration in Unix System V aufzuzeigen. Die Berichte gelten als Richtschnur zukünftiger Entwicklungspolitik.