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08.06.1984 - 

Auch Japans Arbeiter fürchten inzwischen die Automatisierung:

Roboterrevolution trifft auf Widerstand

Die Roboterrevolution, die bisher ohne Probleme von der traditionell zahmen Arbeiterschaft in Japan angenommen wurde, stößt zunehmend auf Kritik. Ein erster Durchbruch war den

74 000 Arbeitern des Autokonzerns Nissan im vergangenen Jahr gelungen: Sie verlangten von der Unternehmensleitung eine Garantie für ihre Arbeitsplätze. wenn noch mehr Roboter in die Fabrikhallen und Büros einziehen würden.

Über lange Jahre hinweg konnten japanische Unternehmer weit reibungsloser rationalisieren und automatisieren, als das beispielsweise für Betriebe in Westeuropa galt. Gerade die großen japanischen Unternehmen, für die im Gegensatz zu den kleinen Firmen des Landes die lebenslange Beschäftigung ein ehernes Gesetz ist, steigerten einfach ihre Produktion so weit, daß auch die an bestimmten Plätzen Freigesetzten an anderer Stelle im Unternehmen wieder Arbeit bekamen. Das hatte den Nebeneffekt, daß über die Produktionsausweitung die Stückkosten so weit fielen, daß der Export in immer mehr Märkte möglich wurde.

Indirekt hat Japan also die sozialen Folgen der Automatisierung auf diesem Wege in andere Länder exportiert, deren Beschäftigungsschwierigkeiten dadurch wesentlich zunahmen. Das gilt gleichermaßen für Westeuropa wie für Nordamerika. Je erfolgreicher dieser Export allerdings lief, desto größer wurde der Widerstand der auf diese Weise beeinträchtigten Länder. Zwangsläufig nahmen dadurch die handelspolitischen Spannungen wesentlich zu. Damit aber versperrte sich für Japan, zumindest auf Teilmärkten, die Möglichkeit, die automatisierungsbedingte Unterbeschäftigung einfach auf das Ausland abzuwälzen.

Je mehr der Export durch Selbstbeschränkungsabkommen - etwa für Autos, Motorräder, Videorecorder und vieles andere mehr - begrenzt wird, desto mehr sorgen sich die japanischen Arbeitnehmer um die langfristige Sicherheit ihrer Arbeitsplätze. Seit dem vergangenen Jahr wird von den Arbeitnehmern und ihren gewerkschaftlichen Organisationen versucht, Abkommen auszuhandeln, die die möglichen Folgen der Automatisierung in Grenzen halten sollen. Der große Unterschied zu Europa ist dabei allerdings, daß die überwältigende Mehrheit der japanischen Mitarbeiter nicht prinzipiell gegen den Einsatz von mehr Robots und Computern in Produktion und Verwaltung ist. Im Gegenteil, von einer Mehrheit wird ein zukünftig noch verstärkter Einsatz dieser Maschinen für sinnvoll und gesamtwirtschaftlich unvermeidbar angesehen.

Arbeitsplätze sichern

Ein erster Durchbruch ist den japanischen Arbeitnehmern im Sinne ihrer Zielsetzung im vergangenen Jahr beim zweitgrößten Automobilproduzenten, der Nissan Motor Co., gelungen. In einem Rationalisierungsschutzabkommen haben beide Seiten sich zur weiteren Automatisierung bekannt. Gleichzeitig hat aber der Konzern seinen Mitarbeitern die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze gerade für den Fall weiterer Automatisierung garantiert.

Anfänglich war die Begeisterung über diese grundsätzliche Einigung mit Nissan bei vielen japanischen Arbeitnehmern groß. Inzwischen hat sich das Bild aber zu wandeln begonnen. Konkreter Ausgangspunkt der zunehmender Zahl kritischer Stimmen sind dabei die Beschäftigten der japanischen Elektroindustrie, die nun mehr oder weniger stark für den Abschluß weitgehenderer Schutzabkommen für die eigene Branche eintreten. Dabei geht es allerdings nicht so sehr um den Schutz der heute vorhandenen Arbeitsplätze im Sinne einer Regelung á la Nissan. Von den gewerkschaftlichen Organisationen der Elektroindustrie wird vielmehr auf die zukünftigen Perspektiven der Arbeit in Japan abgehoben. Dabei sind selbst für den Fall eines Rationalisierungsschutzabkommens für die eigene Branche weitreichende Risiken für die Arbeitnehmer des Landes zu erkennen. Zunächst einmal reicht es den Beschäftigten der Elektroindustrie nicht, daß niemand entlassen werden könnte. Sie denken daran, daß ein Personalabbau auch durch den Verzicht auf Neueinstellungen möglich ist. Dadurch würde sich aber auf die Dauer die Arbeitsmöglichkeit in Japan wesentlich verschlechtern.

Als nächstes geht es den Beschäftigten der Elektroindustrie darum, daß durch den Verzicht auf Neueinstellungen bestimmte Gruppen der Bevölkerung ganz überdurchschnittlich getroffen werden. Diese Entwicklung ist derzeit schon im Blick auf die weiblichen Beschäftigten zu bemerken. Das japanische Arbeitsministerium bestreitet solche Auswirkungen bisher. Doch läßt sich diese Folgen der Automatisierung aus der Arbeitslosenstatistik mit einer gewissen Treffsicherheit ablesen. Zunächst einmal verringert sich die Gesamtzahl der Arbeitslosen in Japan trotz der scharf anziehenden Konjunktur nicht. In den letzten Monaten ist die Arbeitslosenzahl sogar noch - auf jetzt rund 1,6 Millionen

- deutlich gestiegen. Binnen Jahresfrist hat sich die Arbeitslosenquote immerhin von 2,6 auf mehr als 2,7 Prozent erhöht. Dabei ist die Zahl der arbeitslosen Frauen weit überproportional in die Höhe gegangen.

Eine Rolle spielt aber auch, daß in Japan die Rationalisierungsüberlegungen in vielen Unternehmen weiter als in vergleichbaren Betrieben in Europa gediehen sind. So gibt es ganze Branchen, in denen aktiv an einer Umgestaltung der Fertigungsanlagen gearbeitet wird. Das heißt, Fabriken sollen künftig im Dreischichtenbetrieb laufen, von denen aber nur eine Schicht mit Menschen besetzt ist. In den anderen beiden laufen die Anlagen "unmanned" - sogar die Beleuchtungskosten lassen sich auf diese Weise während der Nachtschicht einsparen. Ein solcher Dreischichtenbetrieb müßte aber die Produktivität noch einmal sprunghaft steigern und damit die Zahl der Nicht-Eingestellten genauso sprunghaft in die Höhe gehen lassen.

Genau das sehen die Gewerkschaften der japanischen Elektroindustrie sehr deutlich, und deshalb sind von ihnen heute erste Forderungen zu hören, die darauf hinauslaufen, bei weiteren großen Automatisierungsvorhaben die gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen vorher ausreichend zu untersuchen und bei der Verwirklichung der Vorhaben gebührend zu berücksichtigen. Für Japan sind das gänzlich neue Töne. Sie sind zwar noch schwach, aber sie werden in der Industrie doch immerhin registriert. Es gibt bereits einzelne Stimmen in der Industrie, die davon ausgehen, daß auch in Japan auf die Dauer nicht mehr alles so zu verwirklichen ist, wie das bisher der Fall war. Daraus aber auf eine bald nachlassende Innovationskraft Japans zu schließen, wäre gefährlich. Auch in dieser gewichtigen Frage wird es in Japan letztlich wohl irgendeine Form des Konsensus zwischen Unternehmen und Belegschaften geben.

*Peter Odrich ist Wirtschaftskorrespondent der FAZ in Japan.