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21.10.1988 - 

Katholische Uni Eichstätt begann erst 1985 mit dem RZ-Aufbau:

Römische Geschichte aus dem Computer

An einer der kleinsten Universitäten der Bundesrepublik hilft ein Computersystem dabei, die Geschichte einer längst versunkenen Kultur zu erhellen: An der Katholischen Universität Eichstätt stehen Wissenschaftlern römische Inschriften per Tastendruck zur Verfügung.

Bald 2000 Jahre alte Botschaften - für unsere Welt gar nicht gedacht - zaubert der Akademische Direktor und Rechenzentrums-leiter Wolfgang Slaby auf seinen Bildschirm. Die Bedeutung der antiken Inschriften ist für die Althistoriker besonders hoch, geben doch die Jahresangaben, Ämter und Namen Aufschluß über Soziales und Politisches der Römerzeit.

Die Computertechnik hilft dabei, aus einem Puzzle ein Stück römische Sozialgeschichte zu rekonstruieren, macht sie doch durch ihre Speicher-, Sortier- und Zugriffsmöglichkeiten Vergleiche zwischen verschiedenen Inschriften, Fundorten, Schriftgrößen und anderen Daten möglich und läßt auf diese Weise Rückschlüsse zu, die die manuelle Verwaltung der meist fragmentarischen Inschriften nicht erlaubt hätte. Und das ist nicht die einzige interessante Anwendung auf den Computern der kleinen Universität.

Seit 1985 erst befaßt sich die Hochschule in der alt-bayerischen Kleinstadt mit dem Aufbau eines Rechenzentrums - die Aufgabe von Wolfgang Slaby. "Kauft man einen großen Rechner, bleibt nicht viel Geld für die Software", erinnert er sich an die ersten Überlegungen, die er bei der Planung anstellte. Um einen Überblick über die Anforderungen an Hardware und Software zu erhalten, hatte an der Uni eine Fragebogenaktion stattgefunden: Jedes Fach - Journalistik, katholische Theologie, Pädagogik, Psychologie, Archäologie, Geschichte, Sozialwesen und andere - äußerte seine Wünsche an den zu installierenden Computern.

"Das wissenschaftliche Publizieren ist an einer Uni natürlich von großer Bedeutung", erklärt Slaby, "daher haben wir im ersten Schritt ein Dutzend Personal Computer angeschafft, auf denen wir TeX, ein Programmpaket für die wissenschaftliche Text- und Dokumentenverarbeitung, einsetzen." Das zu installierende zentrale Rechnersystem sollte zum einen diese PCs unterstützen, zum anderen durchgängig auch die gleiche Software - im wesentlichen TeX sowie das relationale Datenbanksystem Oracle - nutzen können. Dies sowie die Möglichkeit, auch an Hochschulen der ganzen Welt verbreitete wissenschaftliche Programme einsetzen zu können, brachte die Planer schließlich zum Data-General-Computer MV/7800, an den inzwischen über 40 Personal Computer und Terminals an der ganzen Universität angeschlossen sind.

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter der einzelnen Fakultäten arbeiten bei einigen Anwendungen ausschließlich auf ihren PCs, für andere loggen sie sich in den Hauptrechner ein. Das Textverarbei-tungsprogramm gehört zu den Applikationen, die von allen genutzt werden. Es stellt mehrere unterschiedliche Schriftarten zur Verfügung, die über einen Laserdrucker auf Papier gebracht werden.

"In der Textverarbeitung an geisteswissenschaftlichen Fakultäten ist aber auch die automatische Erstellung von Konkordanzen wichtig", erläutert der Spezialist beispielhaft einige Anwendungen. Die alphabetisch geordnete Zusammenstellung von Wörtern oder inhaltlichen Übereinstimmungen von Textteilen ist zum Beispiel Sprachwissenschaftlern von Nutzen, denen damit die Zuordnung unbekannter Schriften, etwa über die Häufigkeit von Wortformen, erleichtert wird.

Mit eigenen Programmen sind zum Beispiel Konkordanzen zu den Argonautica von Valerius Flacus automatisch auf 1500 Seiten Länge erstellt und mit TeX druckfertig ausgegeben worden: Die Software läuft durchgängig auf allen Computersystemen der Uni und erlaubt den Wissenschaftlern, ihre Veröffentlichungen bereits in druckfertiger Form einschließlich aller Listen, Verzeichnisse und Fußnoten einem Verlag anzubieten, was die Produktionskosten etwa um den Faktor drei reduziere.

Das Anwendungsspektrum der Computer hat sich in kurzer Zeit ausgesprochen vielfältig entwickelt. Die Eichstätter Psychologen werten Gehirnstrommessungen auf dem System aus, und die Pädagogen und Soziologen nutzen für ihre aufwendigen statistischen Auswertungen das Statistic Analysis System SAS von dem gleichnamigen Heidelberger Softwarehaus. Biomedizinische Daten bearbeitet das Programmpaket BMDP, und SPSS-X unterstützt ebenfalls statistische Auswertungen.

Interdisziplinäre Computer-Anwendung

Für die Modellbildung bei linearen Optimierungsaufgaben verwendet das Eichstätter RZ das Paket Glim, und die Mathematiker und Geographen nutzen, zum Beispiel für bestimmte Algorithmen, Unterprogrammsammlungen wie die Numerical Algorithm Group Library (NAG) oder die International Statistical and Mathematical Library (ISML). Die Linguisten der Hochschule arbeiten schon mit der neueren Generation von Programmiersprachen, Common Lisp und Interface-Prolog, während die oben genannten Anwendungen in der Regel in C, Pascal und Fortran verwirklicht sind.

Am faszinierendsten sind jedoch die Datenbankanwendungen, zu denen auch die Interpretation römischer Inschriften gehört. "Es ist inzwischen eine ganze Reihe von Datenbanken entstanden", erklärte Slaby. "Da sind in den Fakultäten zum einen die Literaturdatenbanken mit einschlägigen Werken des jeweiligen Wissensgebiets. Da gibt es eine Datenbank über Literatur, Normen und Rechtsprechung zum katholischen Kirchenrecht (Codex Iuris Canonici), und schließlich ist da die lateinische Epigraphik."

Der Vorteil einer relational organisierten Datenbank liegt für derartige Anwendungen auf der Hand: Wurden früher alle Informationen in Kleinarbeit gesammelt und in Karteikästen aufbewahrt oder gar gebunden herausgegeben, bestand immer das Problem, daß das Material nur nach einem Kriterium abgelegt und wiedergefunden werden konnte. Ab einem bestimmten Umfang sind diese Materialsammlungen einfach nicht mehr handhabbar. Heute lassen sich alle Informationen nach beliebigen Kriterien durchsuchen und auswerten.

Die Datenbank zur lateinischen Epigraphik soll in den nächsten fünf Jahren mehr als 20 000 Inschriften verwalten. Derartige Funde von Historikern und Archäologen werden regelmäßig veröffentlicht, zum Beispiel in der "Année épigraphique", oder den sogenannten CIL-Bänden (Corpus Inscriptionum Latinarum). Sie sind inzwischen zu einer Menge angewachsen, die manuell nicht mehr sinnvoll ausgewertet werden kann. Wie sollte man zum Beispiel ohne Computerhilfe die vielen Tausend Inschriften aus zahlreichen Ländern auch nur nach der Religionszugehörigkeit der genannten Personen auswerten?

Datenbank wandelt auf römischen Spuren

Die relationale Datenbank bringt den Wissenschaftlern hier ganz immense Vorteile. Der große Gewinn liegt in der Vergleichbarkeit der bisher erfaßten Inschriften, die mitunter auch dazu beitragen, daß ein Stück Geschichte anders gedeutet werden muß - so geschehen durch die Arbeit des Heidelberger Professors und Experten für römische Inschriften, Géza Alföldy. Durch die Interpretation einer kleinen Bronzeplakette konnte der renommierte Wissenschaftler die Amtszeit eines römischen Konsuls um rund 30 Jahre korrigieren. Dies hatte aber zur Folge, daß andere Politiker im Umkreis dieses Konsuls, deren Identität man zu kennen glaubte, nun ebenfalls "undatiert" werden mußten, somit erhält die Geschichte eine etwas andere Deutung.

An dem Aufbau der epigraphischen Datenbank in Eichstätt ist der Heidelberger Professor sowie einer seiner ehemaligen Schüler, Professor Clauss von der Freien Universität Berlin, beteiligt. Beide pflegen an ihren Lehrstühlen für Alte Geschichte ebenfalls eine Teildatenbank zur lateinischen Epigraphik, jedoch auf Personal Computern.

Die Wissenschaftler kommunizieren zukünftig auch auf Computerebene miteinander und mit Slaby in Eichstätt. Während derzeit der Informationsaustausch noch über Diskette abgewickelt wird, ist die Kommunikation auf elektronischem Weg über Datex-P-Verbingungen und eine X.400-Schnittstelle in der CEO-Büro-automationssoftware auf der MV/7800 in Vorbereitung.

In der Datenbank sind die häufig bruchstückhaften Original-texte sowie deren deutende Ergänzungen gespeichert. Die Benutzer-führung erfolgt - auch von den PCs aus - über Bildschirmmasken. Je Inschrift lassen sich über hundert verschiedene Informationen abfragen, darunter zum Beispiel der antike und der heutige Name des Fundortes, der Verbleib und ähnliche.