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22.10.1976 - 

Bildauswertung per Minicomputer:

Röntgenblick aufs Rheinland

BONN - Ein Computer-System für digitale Bildauswertung, wie es bisher hauptsächlich in der Weltraumforschung eingesetzt wird, hat kürzlich das Rheinische Landesmuseum Bonn des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) für Zwecke der archäologischen Feldforschung in Betrieb genommen. Die Anlage, deren Kauf die Stiftung Volkswagenwerk mit einem Zuschuß von 700 000 Mark ermöglichte, wird archäologische Luftaufnahmen auswerten und "rechnerisch" einen "Atlas der Bodenaltertümer des Rheinlandes" erstellen.

Max-Mini und Farbdisplay

Kern des "Museumsstücks" ist ein Digital Equipment-Midi-Mini vom Typ PDP-11/70 mit 256 KB Hauptspeicher, zwei Wechselplattenspeichern (je 88 MB) und zwei Magnetband-Einheiten (1600 Bpi), an den eine PDP-11/10 (32 KB) als "Kopfrechner" über den Unibus angeschlossen ist. Von der PDP-11/10 ist "Direct Memory Access" (DMA) auf die PDP-11/70 mit einer Transferrate von 200 Kilobytes pro Sekunde möglich. Zur Konfiguration gehört ferner ein Display-Controller GX 100 B der Ramtek Inc., Sunnyvale/ Kalifornien, der über eine Speicherkapazität von 327 KB verfügt. Der mit dem Hauptrechner direkt verbundene Ramtek-Controller bedient zwei Bildschirme: Einen Farbmonitor CDCT-2 und ein Schwarzweißgerät mit der Bezeichnung MDD 1, beide von der belgischen Firma N. V. Cobar-Barco, Kortrijk. Weitere Peripheriegeräte: Vier Datensichtgeräte DECscope VT50, ein Matrixdrucker LA 36 DECwriter, ein Lochstreifenleser. Für Online-Hardwaretests gibt es zwei Sony-Monitore (PVM 90 CE, AV 3620 CE).

Die Anlage läuft, unter dem DEC-Echtzeitbetriebssystem RSX 11/D in der Version B, Programmiersprache ist Fortran Plus (Version 2).

Rettung vor der Baggerklaue

Der Bildprozessor wird eingesetzt im Labor für Feldarchäologie des Landesmuseums, das schon im Jahre 1959 mit der Erprobung technischer Methoden zur Sicherung der Bodenaltertümer im Rheinland begann. Dazu Landesmuseums-Direktor Dr. Christoph B. Rüger: "Nirgendwo in Mitteleuropa sind die Probleme der Denkmalpflege so gravierend wie im Rheinland, wo durch Industrie und Bergbau ein größerer Teil der Erdoberfläche bewegt und zubetoniert wird als anderswo."

Eigentlich müßten - so Rüger - die Kosten der Archäologie an den Kosten der Industrie- und Bauvorhaben gemessen werden. De facto muß das Landesmuseum mit einem Etat von 3 Millionen Mark so viele Funde wie möglich bergen. Und weil die Bau- und Räummaschinen überall zuerst da sind, spielen die Archäologen des Landesmuseums "Feuerwehr" und versuchen durch Notgrabungen zu retten, was zu retten ist.

In dieser Situation begann Laborleiter Dr. Irwin Scollar 1959 mit archäologischen ,Aufklärungsflügen", die schon bald neue Möglichkeiten zu einer rationelleren Planung und Ausführung der Grabungsunternehmen eröffneten. Im Laufe von 17 Jahren entstanden so Zigtausende von Einzelaufnahmen prä- oder frühhistorischer Siedlungsreste, die so flach unter dem Erdboden lagern, daß sie an Bewuchsmerkmalen von oben erkennbar sind.

Protonen auf den "burgus"

Nicht zum Vorschein kamen bei dieser Methode allerdings die sehr tief gelegenen unterirdischen Geschichtszeugnisse. Scollar erarbeitete in Verbindung mit Forschungsinstituten und Fachfirmen ein neues Arbeitsfeld für den Protonresonanz-Magnometer - es entstand ein "archäologisches Röntgenauge", das unter der Erde Reste vergangener Siedlungen sichtet und aufnimmt. 1963 lieferte der Magnometer die erste Karte einer Fundstelle: Mehr als 10 000 Zahlen bestimmten einen römischen "burgus" in der Nähe von Vettweiß/Kreis Düren.

Da die "röntgenologischen" Ergebnisse digital dargestellt waren, standen die Mitarbeiter des Labors für Feldarchäologie vor dem Problem, die Zahlen in Bilder umzusetzen. Damit begannen Überlegungen zur Erprobung eines Computers, der die Ergebnisse der Magnetometermessungen auswertet. Mit Hilfe des Rechenzentrums der Universität Bonn wurden dann bildliche Darstellungen der Meßwerte gewonnen.

Die gewonnenen Erfahrungen ermutigten Scollar und seine Mitarbeiter, eine andere Frage zu lösen: Wie kann man die zahllosen Luftbildaufnahmen maßstabsgetreu kartografieren. Mit gleichen Problemen hat die Weltraumforschung zu tun: Hier müssen die unzähligen Aufnahmen, die von den Satelliten gefunkt werden, von Bildfehlern gereinigt und rechnerisch in ein System gebracht werden. Amerikanische Forschungsstellen halfen bei dem Aufbau eines Geräts, das Bilder digital wiedergibt und anschließend aus dem numerischen Inhalt ein neue Bild herstellt.

1:5000 auf Magnetband

Die letzten Hardware-Bausteine wurden nach Angaben von Dr. Scollar im Mai dieses Jahres im Landesmuseum installiert, danach begann das Labor für Feldarchäologie, entsprechende Programme zu entwickeln. Als erste Aufgabe soll das Rechenzentrum die Auswertung der Luftbildaufnahmen übernehmen. Geplant ist weiterhin, die "Grund"-Karte des Rheinlands (1.5000) abzutasten und auf Magnetband zu speichern. Aus diesen Magnetbändern können jederzeit neue Karten mit allen archäologischen Informationen auf Film maßstabsgetreu hergestellt werden.

Wie das Landesmuseum mitteilt, dienen diese Planunterlagen einerseits den Archäologen, andererseits sollen sie den Kommunalbehörden zur Verfügung stehen.

Die Anlage dürfte - so Scollar - zur Zeit die modernste ihrer Art in Europa sein.