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Exodus von Fuehrungskraeften


19.01.1996 - 

Rote Zahlen und Entlassungen treffen Apple-Gemeinde ins Mark

Zum Redaktionsschluss lagen die offiziellen Geschaeftszahlen fuer Apples erstes Fiskalquartal des Jahres 1995/1996 (Beginn: 1. Oktober 1995) noch nicht vor, doch hatte das Unternehmen bereits vorab Verlusterwartungen veroeffentlicht.

Bei dem Defizit von 68 Millionen Dollar beziehungsweise 55 Cent pro Aktie wird es allerdings nicht bleiben: Hinzu kommen Kosten fuer Restrukturierungsmassnahmen sowie fuer Wertabschreibungen von Inventarbestaenden, so dass die wahren Verluste noch erheblich hoeher liegen duerften.

Apple-Aktie befindet sich im Sturzflug

Seit Juni 1995 machen Apple-Aktionaere besonders schmerzliche Erfahrungen: Der Wert der Aktie fiel, abgesehen von einem kurzen Zwischenhoch, von rund 50 Dollar im Sturzflug bis unter 32 Dollar - ein Niedergang um 36 Prozent. Anfang 1991 wurde die Apple-Aktie noch mit gut 70 Dollar bewertet.

An Massenentlassungen fuehrt offenbar kein Weg vorbei: Bis zu 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, so berichten Insider, muessen in den naechsten Monaten gehen, einige reden gar von 4000 blauen Briefen. Pam Miracle, Sprecherin der Apple Computer Inc., sieht sich ausserstande, "ueber Entlassungen zu spekulieren".

Die roten Zahlen des letzten Vierteljahrs 1995 sind ungewoehnlich, gilt doch dieses Quartal wegen des Weihnachtsgeschaeftes als besonders gewinntraechtig fuer PC-Unternehmen. Tatsaechlich verkaufte Apple in dieser Phase zwoelf Prozent mehr Rechner als im gleichen Vorjahreszeitraum. Auch die Marktforschungsunternehmen Dataquest und IDC belegen fuer die Zeit von Juli bis September 1995 stark anwachsende Verkaeufe beim Mac-Unternehmen: Wiederum nach Stueckzahlen lag Apple im dritten Vierteljahr 1995 sowohl in den USA als auch weltweit an der Spitze aller PC-Unternehmen.

Trotzdem wird die Apfel-Company von Verlusten geplagt, ein Umstand, den das Unternehmen vor allem mit dem halsbrecherischen Verdraengungswettbewerb in Japan erklaert. Dort haetten, so Wermelskirchen, NEC und Fujitsu ueber Nacht die Preise ihrer PCs um 60 Prozent reduziert, ergo habe Apple nachziehen muessen.

Nach Insider-Ansicht hat die negative Bilanz aber noch mehr mit der Dominanz zu tun, die Windows/Microsoft und Intel im PC- Geschaeft ausueben: Beide Unternehmen zusammen nehmen rund 80 Prozent dieses Marktes in Beschlag, was wiederum fuer die Softwarebranche von Bedeutung ist.

Hinzu kommen permanente Unruhen an der Spitze des in heftige Turbulenzen geratenen Unternehmens. Wie Apple-Sprecherin Miracle jetzt bestaetigte, haben der Company gleich vier Vice-Presidents den Ruecken gekehrt: Barbara Krause war fuer Corporate Communications, Keith Fox fuer Consumer Marketing, Don Strickland fuer Business and Government Marketing sowie Jim Groff fuer Education and Marketing zustaendig. Auch Peter Friedman, Vice- President und als General Manager fuer den Komplex Internet verantwortlich, werden Abwanderungsabsichten nachgesagt. Miracle wollte dies allerdings nicht bestaetigen.

Apples Aderlass an Fuehrungskraeften ist beunruhigend: Im April 1995 warf Ian Diery, charismatischer Executive Vice-President und Kopf der Hardware-Entwicklung, das Handtuch. Viele Branchenbeobachter hielten Diery fuer den wichtigsten Apple-Mann nach CEO Spindler.

Vergangenen Oktober verliess Finanzchef Joseph Graziano das havarierende Schiff wegen Differenzen mit Spindler. Graziano musste gehen, weil er die Ansicht vertrat, Apple muesse im eigenen Interesse ueber einen Verkauf nachdenken.

Kurz nach Graziano trat ein altgedienter Manager ab: Daniel Eilers war immerhin 13 der 20 Apple-Jahre beim Unternehmen beschaeftigt und zuletzt Chef der Division Marketing and Customer Solutions, in welcher Funktion er auch der Subdivision Claris sowie Apples Online-Geschaeftsbereich Eworld vorstand.

Seine Demission war nicht ohne Pikanterie, vertrat der ehemalige Protege des schillernden Ex-Apple-Chefs Jim Sculley doch schon vor Jahren die Ansicht, Apple muesse sich dem Markt oeffnen und Lizenzen fuer seine Hard- und Software vergeben. Dieser Forderung entsprach Apple erst im vergangenen Jahr - allerdings nur halbherzig. Viel zu spaet, wie viele Analysten meinen, und insofern ein Fehler, mit dem sich Apple das eigene Grab geschaufelt habe.

Zu guter Letzt verunsichert der Hersteller Kunden wie Aktionaere durch eine zumindest nach aussen unklar wirkende Firmenstrategie. Zeitgleich mit dem Abgang von Diery vor einem Jahr hatte Spindler das Unternehmen in die vier Taetigkeits- und Organisationsbereiche Marketing and Customer Solutions, Research and Development, Sales and Customer Support sowie Manufacturing and Distribution umstrukturiert. Ein halbes Jahr spaeter zerschlug Spindler die weltweit ausgerichtete Abteilung Marketing and Customer Solutions unter Leitung von Eilers wieder und gliederte sie in drei geografische Verantwortungsbereiche auf.

Unklar blieb bis auf den heutigen Tag, welche Strategie Apple bei kommerziellen Anwendungen fuer Unternehmen faehrt. De facto ist die Spindler-Company im sogenannten Key-account-Geschaeft nicht existent.

Die aktuellste Botschaft in Sachen Firmenstrategie stammt von James Buckley, Chef von Apple USA. Apple werde sich aus dem Massenmarkt ganz zurueckziehen und diesen den Anbietern von Mac- Clonern ueberlassen. Allerdings koennen Power Computing, Canon, Pioneer Electronic oder das taiwanische New PC Consortium bislang noch keine nennenswerten Stueckzahlen verzeichnen.

Apple-Deutschland-Sprecherin Wermelskirchen sagte, Buckleys Aussage sei moeglicherweise missverstaendlich kolportiert worden. Sie konzedierte aber, dass es Probleme mit dem Retail-, also Handelskettenmarkt, gebe. Hier sei fuer Apple kein grosses Geschaeft zu machen. Allerdings habe sich das Retail-Business vor allem in den USA allgemein nur sehr schwach entwickelt.

Als potentielle Apple-Uebernahmekandidaten werden momentan Sun Microsystems und die IBM gehandelt. Ein nicht nur theoretisches Interesse koennte auch Microsoft haben. Die Gates-Company wuerde sich Betriebssystem-Know-how einkaufen, die Opendoc-Gemeinde erheblich schwaechen - im schlimmsten Fall einfach den letzten ernstzunehmenden Konkurrenten per Aufkauf vom PC-Markt wischen. Ob Apples Abgang Gates allerdings so viel Geld wert ist, bleibt fraglich.