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IT in Banken/Commerzbank stellt Corporate Network auf IP um


19.01.2001 - 

Rückgrat des Bankgeschäfts: Weltweit vernetzte Arbeitsplätze

Im Finanzdienstleistungsbereich hängt ein Großteil des täglichen Geschäfts von rund um die Uhr funktionsfähigen Kommunikationsverbindungen ab. Die Frankfurter Commerzbank hat kürzlich ihr gesamtes Corporate Network auf das Internet Protocol umgestellt. Peter Kraemer* erläutert die strategische Bedeutung dieser Maßnahme.

Als viertgrößte deutsche Privatbank hat sich die Commerzbank im Laufe ihrer 128-jährigen Geschichte zu einem Allfinanzkonzern entwickelt, der als ertragsorientierte Universalbank mit zirka 35000 Mitarbeitern in über tausend inländischen Filialen und über 50 Auslandsstandorten eine große Anzahl von Privat- und Firmenkunden betreut. Für die Daten- und Sprachkommunikation betreibt das Haus ein bundesweites Corporate Network mit einzelnen Verbindungen zu ausländischen Standorten, das vom Siemens-Bereich Information and Communication Networks (ICN) in den vergangenen Jahren aufgebaut und erweitert wurde. Einer der wichtigsten Kernpunkte bei der jüngsten Umstrukturierung der informationstechnischen Umgebung war - neben der Ausrichtung auf Windows-basierende Applikationen und der flächendeckenden Ausstattung der Filialen mit NT-Rechnern und -Servern - die Einführung der Internet-Technologie. Diese baut auf dem bisherigen TDM-(Time- Division-Multiplexing-)basierenden Netzwerken auf und ermöglicht eine Vernetzung aller Arbeitsplätze über das Internet Protocol (IP).

Diese Umstellung ist von großer strategischer Bedeutung: Gemäß dem kürzlich veröffentlichten Vier-Punkte-Programm strebt die Bank als Ziele

-höhere Marktanteile im Mittelstand,

-das Schaffen eines Technologieverbundes,

-die Marktführerschaft im Internet-Banking und

-die Positionierung als integrierte, kundenorientierte europäische Investmentbank an.

Ohne eine Vernetzung - sowohl innerhalb des Unternehmens als auch nach außen zu den Kunden - sowie eine durchgängige Plattform sind diese Ziele nicht erreichbar. Entsprechend der historischen Entwicklung der Informationstechnik im Unternehmen - von der einfachen Auftragsbearbeitung am Anfang bis zu heutigen E-Commerce-Anwendungen - ist auch das interne Netzwerk mitgewachsen. Es ist im Zuge der technischen Entwicklung so komplex geworden, dass die Frage des Managements und der Homogenisierung immer stärker in den Vordergrund getreten ist. Darum begann man 1993 mit einer konsequenten Vereinheitlichung der heterogenen Struktur und arbeitet seitdem mit Siemens Information and Communication Networks als Partner zusammen.

Zuerst fanden im Access-Bereich eine Homogenisierung und eine durchgängige Umstellung auf das Internet-Protokoll statt. Dann wurde der Backbone auf eine Bandbreite von 34 Mbit/s erweitert, was rein rechnerisch eine 15 -fache Beschleunigung bedeutet. In der dritten Stufe wird eine Messung des Datenaufkommens in den einzelnen Access-Bereichen durchgeführt; bei Bedarf wird die Bandbreite von den heutigen 64 Kbit/s auf 2 MBit/s erhöht. Der Bandbreitenbedarf wächst mit rund 40 Prozent im Jahr.

Höhere Bandbreiten im NetzDas zeigt schon die Entwicklung der Rechner- und Plattenkapazitäten: Immer größere Datenmengen werden hin und her bewegt, und E-Mail-Verkehr mit seinen umfangreichen Attachements wächst rasant. Wenn nun auch die Kommunikation mit den Kunden in Zukunft bevorzugt auf elektronischem Weg abgewickelt wird, ist der weitere Anstieg des Bandbreitenbedarfs vorhersehbar. Das Druckzentrum des Hauses produziert heute jährlich 70 Millionen Briefe, kuvertiert sie und verschickt sie per Post. Würden nur 30 bis 40 Prozent dieser Briefe elektronisch zu den Kunden gelangen, was in zwei bis drei Jahren durchaus realistisch ist, hätte das enorme Kosteneinsparungen zur Folge. Allerdings erfordert zum Beispiel die komplette Online-Bereitstellung von Kontoauszügen natürlich wieder höhere Bandbreiten im Netz.

Außerdem sind neue Geschäftsentwicklungen zu berücksichtigen. So werden im Zuge der Allfinanzstrategie auch Versicherungen angeboten. Die Abwicklung dieser Dienstleistungen - vom Angebot bis zum Abschluss - findet in Zukunft ebenfalls zum Teil über das Netz statt. Ein anderes Beispiel ist die neue deutsche Aktienkultur, die aus den traditionellen Sparern ein Volk von Börsianern gemacht hat, was zu einer Steigerung des Datenaufkommens in diesem Bereich von über 300 Prozent geführt hat. Fast zwei Drittel der Aufträge unserer Tochter Comdirect Bank kommen online und gehen über das Netz. Zum Glück war die Kapazität des Backbones schon vor den Börsengängen von Infineon oder T-Online entsprechend ausgebaut, so dass im Netzbereich durch diesen unvorhergesehenen Ansturm der Privatanleger keine Probleme entstanden. Die zunehmende Verbreitung von WAP-Handys wird in den nächsten Jahren eine weitere Herausforderung für das Netzwerk sein. Denn dann schauen viele Kunden von unterwegs aus mal schnell auf ihr Konto oder in ihr Depot und geben Orders ab. Eine Nichterreichbarkeit unserer Server oder lange Reaktionszeiten wegen mangelnder Netzwerkkapazitäten hätten dann fatale Folgen.

Alle Banken sind heute außerdem mit einer sprunghaft steigenden Nachfrage ihrer Kunden nach neuen Beratungs- und Serviceleistungen in virtuellen Märkten konfrontiert. Die Commerzbank hat den Ehrgeiz, eine der führenden europäischen Banken im Online-Business zu werden. Mit der Gründung der Commerz Netbusiness wird das E-Business-Engagement unterstrichen, das Haus wird sich dabei nicht auf Insellösungen beschränken. Mit Comport wurde kürzlich ein persönliches Service- und Finanzportal eröffnet, über das die Internet-Produkte und -Dienstleistungen erreichbar sind. Es fungiert als vollwertige virtuelle Filiale. Aber auch in den traditionellen Niederlassungen wächst der Bedarf nach Bandbreiten im Netzwerk. Als Antwort auf die rasch wachsenden Kundenbedürfnisse realisiert die Commerzbank gegenwärtig unter dem internen Projektnamen P 2000 ein innovatives, datengestütztes Vertriebskonzept, dessen volle Betriebsbereitschaft wohl im ersten Quartal des nächsten Jahres erreicht wird.

P 2000 sieht die Entlastung der Filialmitarbeiter von technisch-organisatorischen Aufgaben vor, die künftig verstärkt von einem integrierten Call-Center wahrgenommen werden. Für die Mitarbeiter in den Filialen bringt dies den nötigen Freiraum für mehr und qualifiziertere Beratung und Betreuung. Dazu ist es erforderlich, dass die Berater jederzeit alle benötigten Daten über ihre Kunden auf dem Bildschirm haben. Entscheidend ist auch eine automatische Wiedervorlage, die ein effektives Customer-Relationship-Management unterstützt. So kann beispielsweise ein Kunde beim Auslaufen einer Festgeldanlage aktiv angesprochen werden, wie mit dem Guthaben verfahren werden soll.

Auch für solche Aktivitäten ist das Netzwerk das Rückgrat. Der Bedarf nach einer neuen Struktur war offensichtlich, doch die Umsetzung erforderte jede Menge Planungsaufwand und Flexibilität. Zur Realisierung der neuen Netzwerkarchitektur mussten nicht nur die Router und Switches implementiert und bundesweit in den einzelnen Filialen installiert werden. Vorab war auch eine Begehung der Räumlichkeiten in jeder Filiale notwendig, bei der bauliche und elektronische Besonderheiten erfasst wurden. Denn schließlich nutzt der beste Switch oder Router nichts, wenn die Verkabelung nicht stimmt. Eine zusätzliche Herausforderung des Großprojektes bestand in dem relativ engen Zeitkorsett. Durch die Einführung Windows-basierender Arbeitsplatzrechner und Server, die in einem akribisch geplanten Rollout in direktem Anschluss an die Installation von Routern und Switches in den einzelnen Filialen stattfanden, galt es, Verzögerungen und Fehler bei der Installation der Netzwerke auszuschließen. Die Lieferung und Installation der Rechner und Server konnte erst dann durchgeführt werden, wenn die LAN-Architektur in der jeweiligen Filiale bereits realisiert war. Bei rund 19000 PCs und etwa 1250 Servern, die bundesweit vorkonfiguriert ausgeliefert und den entsprechenden IP-Adressen zugeordnet werden mussten, lag der enorme logistische und planerische Aufwand auf der Hand.

Siemens ICN war von vornherein mit im Boot. Vor dem Startschuss wurden gemeinsam unterschiedliche Filial-Szenarien entwickelt und der Rollout-Prozess standardisiert. Denn die unterschiedliche Größe der einzelnen Niederlassungen erforderte entsprechend unterschiedliche Lösungskonzepte. Durch Zuordnung der Filialen zum jeweiligen Szenario konnten die einzelnen Niederlassungen je nach Anforderung die benötigten Komponenten dann direkt über die Einkaufsabteilung der Bank abrufen. Auftretende Probleme wurden in Teamwork bewältigt.

Schließlich mussten für das IP-Netz mehr als tausend Router und für die Filialen über 1200 LAN-Switches zwischen Flensburg und Passau, Aachen und Dresden installiert werden. Um eine fehlerfreie Installation der Systeme vor Ort zu gewährleisten und den laufenden Filialbetrieb möglichst wenig zu stören, wurden die Switches und Router komplett vorkonfiguriert in der Filiale installiert.

Klassische Plug-and-Play-LösungEbenso fanden Konfektionierung, Konfiguration und Funktionstests der Switches und Router dort statt - eine klassische Plug & Play-Lösung, die sich ebenfalls nur durch akribische Planung realisieren ließ. Bereits im Vorfeld wurde überlegt, wie die einzelnen LANs getrennt werden müssen - sei es bedingt durch die Netzlast, aus sicherheitstechnischen oder organisatorischen Gründen. Die virtuellen LAN-Strukturen(VLANs) wurden anschließend in den entsprechenden Switches jeder Filiale terminiert.

Derzeit noch nicht benötigte VLANs "ruhen" in der aktiven Konfiguration. So können einfache Vernetzungen nun innerhalb weniger Minuten realisiert werden. Früher benötigte die Bank hierfür mehrere Wochen. Zudem wurden durch die Vorkonfiguration enorme Kosten gespart, da sich die Installationszeit "auf der Baustelle" so beträchtlich verkürzen lässt. In der Gebietsfiliale in Hamburg wurden beispielsweise 800 Arbeitsplätze innerhalb von nur drei Tagen umgestellt. Das neue IP-Netzwerk, das über das TDM-Netzwerk gelegt wurde, ist eines der größten Router-Netzwerke Europas; seine Implemenierung ging in Rekordzeit vonstatten. Denn der für ein Vorhaben dieser Größe ehrgeizig veranschlagte Projektzeitraum von 18 Monaten wurde noch um einige Monate unterschritten. Zudem schlugen die Manpower-Kosten mit sechs Prozent des Gesamtvolumens ungewöhnlich gering zu Buche. Alles in allem eine Lösung, welche die interne und externe Kommunikation besser und preisgünstiger macht.

*Peter Kraemer ist Direktor und Leiter des zentralen Servicebereichs Information Technology Production bei der Commerzbank in Frankfurt am Main.