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25.06.1999 - 

Warum der Osten für westliche IT-Firmen interessant ist

Rußlands Softwarefirmen strecken die Fühler zum Weltmarkt aus

Die russische Softwareindustrie ist bisher exportschwach. Die Unternehmen sind aber an Westkontakten interessiert. Sie verfügen über kostengünstiges, gut ausgebildetes Personal und ausgefeilte Anwendungen, die oft ihren Ursprung in der militärischen Entwicklung oder Weltraumforschung haben.

Der Produktname ist englisch, das Unternehmen jedoch rein russisch. Seit Anfang der 90er Jahre sorgt das Programm "Fine-Reader" der Moskauer Softwareschmiede Abby mit Tools zur Verarbeitung von Texten, Formularen und Handschriften in 40 Sprachen weltweit für Furore. Die Liste der Partner und Kunden, die das Programm heute einsetzen, kann sich sehen lassen. Der Münchner Siemens-Konzern hat sie schon vor geraumer Zeit in sein Dokumenten-Management-System "Arcis" (ein Geschäftsbereich, der inzwischen von der CE Computer Equipment AG, Bielefeld, übernommen wurde) integriert; Samsung Electronic hat das Programm in den koreanischen Markt eingeführt, Sumito Electric Industries in Japan, Newsoft in den USA.

Die meisten Gründer sind frühere Staatsangestellte

Solche guten Nachrichten können derzeit noch wenige Unternehmen der russischen Softwarebranche verkünden - die Tendenz ist allerdings steigend. Die neuen "Gründer" - in der Regel sind dies ehemalige Staatsangestellte, zumeist aus dem militärisch-industriellen Komplex - suchen verstärkt ihr Heil im Westen. Die meisten Entwickler verfügen über eine fundierte mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung, zumeist akzeptable Englischkenntnisse und mittlerweile auch ein halbwegs modernes IT-Equipment. 1997 erzielte die russische Software-Industrie einen Umsatz von rund 3,4 Milliarden Dollar.

Der Schwerpunkt der Unternehmen liegt bei Decision-Support-Lösungen, CAD-Anwendungssoftware, Produkten für die 3D-Modellierung, Text-, Ton- und Bildanalyse in neuronalen Netzen sowie Multimedia- und Internet-Anwendungen. Zur Zeit sind nach offiziellen Schätzungen rund 5000 Softwarefirmen in Rußland tätig, vor allem in Moskau und Sankt Petersburg. Die meisten von ihnen sind kleinere Betriebe mit 25 bis 35 Mitarbeitern. Nur die verbliebenen staatlichen Betriebe zählen in der Regel mehr als 100 Mitarbeiter. Beide "Gruppen" können auf einen großen Pool an gut ausgebildeten Informatikern zurückgreifen.

Nicht zuletzt wegen der selbst für russsische Verhältnisse nur mageren Verdienstchancen (die durchschnittlichen Löhne liegen umgerechnet zwischen 300 und 1500 Dollar im Monat, je nach Qualifikation und Standort) wandern jedoch immer mehr Fachkräfte ins Ausland ab oder verdingen sich als "verlängerte Werkbank" von Westfirmen. Und mit der sich dramatisch verschlechternden Wirtschaftslage dürften sich die Bedingungen für westliche Auftraggeber eher noch verbessern.

Noch unbefriedigend ist die Exportquote der russischen Software-Industrie. Sie beträgt derzeit magere fünf Prozent des Gesamtumsatzes der Branche - ein Anteil, der nach den Vorstellungen der Firmen in den nächsten Jahren jedoch stark ansteigen soll. Die bürokratischen Hürden sind beseitigt, allerdings fehlt es russischen IT-Unternehmen oft an guten Auslandskontakten. Westliche Firmen ihrerseits wissen zuwenig über die sich in Rußland, aber auch Weißrußland und der Ukraine bietenden Kooperationsmöglichkeiten.

Dabei sind die Aussichten für Kooperationen nach Ansicht des Rußland-Experten Armin Rupalla vom Bruchsaler Softwarehaus RA Consulting gut. Aufträge wie die Portierung von Programmen auf andere Betriebssysteme oder Lösungen zur Datenkonvertierung kosten seiner Kenntnis nach nur 20 Prozent des hierzulande üblichen.

Wer Zugang zu westlicher Technik und Werkzeugen habe, so der Software-Entwickler, sei inzwischen auf westlichem Stand. Nachholbedarf bestehe nur beim Projekt-Management.

Auch komplette Projekte sind in Rußland billiger. In der Regel muß für einen Computerarbeitsplatz einschließlich Personal und Koordinierungskosten nur die Hälfte bis zwei Drittel dessen aufgebracht werden, was in Deutschland dafür anfällt. Mehr noch: Aufgrund der Herkunft der Informatiker, die oft aus der Raumfahrt oder der weitgehend aufgelösten militärischen Entwicklung kommen, liegt dort ein Potential an Kreativität und Know-how, das nach Einschätzung von Rupalla "auf bestimmten Gebieten seinesgleichen in der Welt sucht".

"Werbung" für die Leistungen der russischen Software-Industrie machen bereits bestehende Kooperationen mit internationalen Partnern. So nutzen etwa das neurologische Labor des Pasteur-Instituts in Paris und das Institut für Biochemie der Universität Lausanne das unter Windows 95 oder NT laufende Analyse- und Prognosewerkzeug "DAL", um in der Gen- und Pharmaforschung sogenannte Aufbauregeln von Eiweißfolgen zu testen. Mit dem Tool des Microsoft-Entwicklungspartners Context lassen sich aber auch Aktien- und Wechselkurse analysieren.

Ebenfalls gefragt ist im Westen die Antivirensoftware "DSAV-Kit" von Dialogue Science - Tools, die nach Angaben des Fachblattes "Virus Bulletin" mit zu den besten der einschlägigen Security-Pakete gehören. In Deutschland wird der auf Bios-Level arbeitende Virenscanner unter dem Namen "Dr. Web" (www.dials.ccas.ru) vertrieben. Der deutsche Rheinmetall-Konzern hat wiederum 600000 Mark investiert, um Einblick in den Stand der automatisierten Erkennung von stehenden und sich bewegenden Objekten auf Basis neuronaler Netze zu gewinnen, die das Moskauer Forschungszentrum "Module" anbietet.

*Heide Skudelny ist freie Journalistin in Stuttgart.