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29.09.2000 - 

Energieversorger wird Abrechnungssystem der SAP einführen

RWE setzt Java-Projekt Cheops in den Sand

ESSEN - Deutschlands ehrgeizigstes Java-Projekt ist gescheitert. Mit "Cheops" wollte die RWE Energie AG, Essen, bis zum Ende des vergangenen Jahres eine objektorientierte Alternative zur SAP-Branchenlösung "IS-U/CCS" auf die Beine stellen. Jetzt kommt der Versorger selbst nicht mehr an der Standardsoftware vorbei.

"Schade, dass es keine Konkurrenz zu IS-U geben wird." Diese Ansicht vertreten auch die IT-Verantwortlichen solcher Unternehmen, die sich schon vor Jahren für die SAP-Lösung entschieden haben. Ein bisschen Wettbewerbsdruck könnte sich schließlich belebend auf die Weiterentwicklung der Standardsoftware auswirken.

Doch Cheops wird nicht den Schwarzen Ritter mimen. Nach vier Jahren Planungs- und Implementierungszeit sowie Investitionen in Höhe von mindestens 100 Millionen Mark wurde das Projekt de facto eingestellt. Offenbar haben sich die RWE, deren Softwaretochter IFS GmbH sowie der Dienstleistungspartner IBM Global Systems zu viel zugemutet. Sie wollten nicht nur die wettbewerbsrelevanten Systeme von Grund auf neu entwickeln, sondern auch eine wenig erprobte Technik nutzen: eine objektorientierte Architektur und die Programmiersprache Java (siehe CW 29/98, Seite 37). Im Prinzip war die Entscheidung richtig: Ohne eine zukunftsweisende Basis hätte das Vorhaben wenig Sinn gehabt. Der Technik ist das Scheitern des Projekts sicher auch nicht anzulasten. "Wenn man mit Java richtig umgeht, eignet sich die Sprache auch für große Systeme", beteuert Knud Norden, Vorstandsvorsitzender der RWE Systems AG, Dortmund.

Das Systemhaus entstand im Vorfeld der Fusion von RWE und VEW. Neben zentralen Dienstleistungen wie Controlling oder Rechtsberatung beherbergt es auch rund 1500 Mitarbeiter aus den ehemaligen IT-Abteilungen (siehe CW 35/00, Seite 4). Der vom Debis Systemhaus zu RWE Systems gekommene Norden spielt nun den sprichwörtlichen neuen Besen, der die angesammelten Altlasten beiseite fegt.

Dazu gehört augenscheinlich auch Cheops. Das Projekt hatte eigentlich schon Ende vergangenen Jahres beendet sein sollen, war aber immer weiter hinter seinen Zeitplan zurückgefallen (siehe CW 7/00, Seite 79). Hauptursache für die Verzögerungen war laut Norden weniger das "Lehrgeld", das jeder zahlen müsse, der eine neue Technologie einsetze, als vielmehr die Probleme im Projekt-Management. "Warum gehen Projekte schief?" räsoniert der RWE-Systems-Chef. "Zum einen wegen eines unzureichenden Anforderungs-Managements, zum anderen aufgrund fehlender Kommunikation."

Offenbar war dem Cheops-Projekt aufgrund seines Umfangs und der zahlreichen Subunternehmer die Transparenz verloren gegangen. Der vor neun Monaten unternommene Versuch, das Mammutprojekt in Module zu zerlegen, kam zu spät. Zudem hat sich die wirtschaftliche Situation der Energieversorger in den vergangenen Jahren stärker verändert, als bei Projektstart vorherzusehen war.

Weitervermarktung war das falsche ZielVor vier Jahren gab es noch kein Produkt, das den Anforderungen eines deregulierten Ver- und Entsorgungsmarktes genügt hätte. Deshalb war Cheops von Anfang an zur Weitervermarktung vorgesehen - zu seinem Nachteil, wie sich herausstellte, denn ein System wiederverwendbar zu machen ist weit aufwändiger, als es auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden.

Aber auch die Vermarktungschancen für ein Prêt-à-porter-Produkt sähen heute weniger rosig aus als 1996. Mit der SAP-Lösung IS-U/CCS gibt es mittlerweile ein Abrechnungssystem, das die Ansprüche der Versorgungsunternehmen weitgehend erfüllt - auch wenn das Customizing kein Zuckerschlecken ist (siehe Seite 49).

RWE schließt sich nun seinem Fusionspartner VEW an, der die SAP-Software in vielen seiner Gesellschaften bereits eingeführt hat. Norden will diesen Schritt nicht als die "Entscheidung für ein Produkt" gewertet wissen, sondern als "Paradigmenwechsel". Die neue Linie heiße: "Schnelligkeit geht vor Vollständigkeit." Innerhalb von 24 Monaten plant RWE Systems, die Grundfunktionen der SAP-Branchenlösungen implementiert zu haben. Selbst erstellt werden sollen nur noch die Funktionen, die weder SAP noch andere Standardsoftware-Anbieter - im Gespräch ist beispielsweise der CRM-Spezialist Siebel - bereitstellen können.

Die Investition in Cheops hat zwar, so Norden, kaum verwertbare Software hervorgebracht; abgenommen (nicht implementiert!) sind nur die Module für das Geräte-Management und für "Bündelkunden". Doch immerhin habe RWE dabei wertvolle Einsichten in seine Prozesse erhalten.