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Standard Lorenz AG vergab Forschungspreis 1988


14.10.1988 - 

RWTH-Studie: DV-Branche ohne Ergonomie-Sinn

STUTTGART (sch) - Für eine Arbeit auf dem von DV-Experten stiefmütterlich behandelten Gebiet der Ergonomie ist Karl-Friedrich Kraiss mit dem Forschungspreis 1988 der SEL-Stiftung ausgezeichnet worden. Die Studie fordert eine stärkere Einbeziehung menschlicher Fähigkeiten in technische Systeme.

Die der RWTH (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule) Aachen zugedachte Habilitationsschrift will dazu beitragen, daß Operateure in der Mensch-Maschine-Beziehung nicht weiter herausautomatisiert, sondern verstärkt bei der Problemlösung berücksichtigt werden.

Die Expertise des Wissenschaftlers Kraiss unterstreicht, daß trotz fortschreitender Automation ein System beziehungsweise eine großtechnische Anlage nicht zuverlässiger wird. Aber nicht nur spektakuläre Katastrophen in der Raum- und Luftfahrt oder in Kernkraftwerken stellen dies nach Auffassung des Abteilungsleiters am Forschungsinstitut für Anthropotechnik in Werthhoven unter Beweis. Schon ein Blick auf die Benutzeroberflächen mancher Textverarbeitungssysteme genüge, um festzustellen, daß man durch die Einbeziehung von ergonomischen Gesichtspunkten vieles verbessern könne. Leider fehlten den Ergonomen zur Zeit aber die notwendigen Einflußmöglichkeiten, um die von ihnen postulierten Forderungen auch durchzusetzen. Eigentlich herrsche auf diesem Gebiet bundesweit ein Notstand, auch in Hinblick auf die Ausbildungssituation für diese Sparte sowie das mangelnde Problembewußtsein bei Ingenieuren, Maschinenbauern und Informatikern. Die Industrie geht - so Kraiss weiter - den unbequemen Anliegen nach einer menschengerechteren Technik ebenfalls aus dem Wege. Folgende Gründe spielten hier eine Rolle:

- Die Produkte werden nach technischer Funktionalität gebaut. Die Konstruktionsphase ist mit zuviel Aufwand verbunden, um die Kundenbedürfnisse zu befriedigen.

- Termine kommen ins Schwimmen, wenn man ergonomischen Anforderungen Rechnung trägt.

- Die Ergonomie hat Kenntnisse anzubieten, aber nicht in der Form, wie die Ingenieure es gerne hätten.

Die von der SEL-Stiftung für technische und wirtschaftliche Kommunikationsforschung ausgezeichnete Kraiss-Habilitationsschrift kommt zunächst zu dem Ergebnis, daß sich Rechner an weit mehr als nur physische Eigenschaften des Menschen anpassen müssen. Es besteht vielmehr die Notwendigkeit, auch die gewonnenen Erkenntnisse als Grundlage für die Gestaltung maschineller Systeme anzusehen und Fehlentscheidungen von Maschinen aktiv zu korrigieren. Der Operateur soll von mentalen Routinetätigkeiten entlastet und beim Prozeß der Problemlösung unterstützt werden. Hier liegt einiges im argen, denn - so die Studie - der Mensch als Nutzer einer Maschine oder eines Systems entscheidet selten rein rational; er ist häufig überfordert, wenn er in kurzer Zeit die optimale Lösung eines Problems finden soll.

Kraiss stellte fest, daß die Gedächtnisbelastung des Menschen gerade in Streßsituationen reduziert und außerdem der für den Umgang mit der Maschine benötigte Ausbildungs- und Trainingsaufwand verringert werden müsse. Er nennt sechs wichtige Gestaltungsprinzipien:

- Visualisierung von Informationen zur Reduzierung der Gedächtnisbelastung,

- Unterstützung von Problemlösungstätigkeiten durch wissens-basierte Rechner,

- Substitution mentaler und meist fehlerhafter Arithmetik durch Delegation wahrscheinlichkeitstheoretischer Komponenten,

- Reduzierung des Trainingsaufwands durch Anpassung der Dialogformen an den Trainingszustand der Benutzer,

- Eingrenzung menschlicher Fehler durch unmittelbare Rückmeldung der Systemreaktion und

- Nutzung der "überragenden Fähigkeiten" des Menschen bei der Mustererkennung.

Als Beispiele für die Unterstützung durch Künstliche Intelligenz nennt Kraiss in seiner Arbeit die Expertensysteme Mycin für Mediziner, das System Delta mit dem Wissen eines erfahrenen Wartungsingenieurs und Modis zur Erstellung von Reparaturdiagnosen für den Ottomotor und seine Aggregate an.