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18.06.1993

RZ-Konsolidierung: Es geht schlicht um Kostenkontrolle

Das Image der zentralen Datenverarbeitung hat sich veraendert. In den 70er und 80er Jahren wurde sie als das Rationalisierungs- und Optimierungsinstrument schlechthin gepriesen. Heute ist sie zunehmend als zu teuer, zu unflexibel und zu wenig anwenderfreundlich ins Gerede gekommen. Grosse und mittelstaendische Unternehmen haben deshalb schon laengst damit begonnen zu konsolidieren. Seit es die Mainframe-Kapazitaeten erlauben, legen die Firmen ihre verschiedenen Rechenzentren zusammen, lagern die Datenverarbeitung in eigene Profit-Center aus oder uebergeben sie komplett in die Verantwortung von Outsourcing-Dienstleistern. So will das Management einerseits den nach wie vor rasanten Anstieg der DV-Ausgaben stoppen. Andererseits erhoffen sich die Unternehmen durch den Einsatz neuer Technologien und die Auslagerung beziehungsweise den Einkauf von DV-Services bei externen Dienstleistern endlich eine intelligente und flexible DV- Unterstuetzung ihrer Geschaeftsprozesse. Angesichts der rezessiven wirtschaftlichen Situation nimmt der Druck auf die IT- Verantwortlichen zu. Sie werden immer oefter nach dem Pay-back der DV-Investitionen gefragt.

Eindeutig in die Oberliga gehoert das Inhouse-Outsourcing-Projekt, das Ragnar Nilsson im vergangenen Jahr im Karstadt-Konzern realisiert hat. Binnen eines Jahres hat es der Direktor fuer Informationswirtschaft geschafft, die drei Rechenzentren des Reiseveranstalters NUR, der Neckerman Versand AG und der Karstadt AG zu einem 720-Mips-Zentrum in Essen zu verschmelzen. Dort sind drei IBM-ES-9000/900-Rechner, 2400 GB Plattenspeicher und sieben Kassetten-Robotersysteme im Einsatz. Insgesamt haengen 10 000 Bildschirme und PCs sowie 3000 Drucker an der Anlage. Dazu kommen noch diverse Midrange-Systeme in den Filialen und Laegern im In- und Ausland.

Natuerlich betont Nilsson den Stellenwert des Kostenabbaus. Dieser Effekt koenne allerdings nur dann in vollem Ausmass erzielt werden, wenn eine zentrale Verantwortung fuer die gesamte Informationswirtschaft im Konzern geschaffen werde: "Deshalb haben wir neben dem Rechenzentrum auch die Themen Kommunikation und Netze sowie das Informations-Engineering als zentrale Konzernfunktionen etabliert."

Dabei hat das als Profit-Center organisierte Information- Engineering die Aufgabe, konzernweit fuer den einheitlichen Einsatz von Architekturen, Standards und Richtlinien zur Programmierung zu sorgen. Darueber hinaus zaehlen die Einfuehrung und Installation von Software zu den Aufgaben dieser 30 Mann starken Truppe - angefangen bei Tools bis hin zur Durchfuehrung grosser Projekte sowie der Vergabe von Dienstleistungsauftraegen an externe Unternehmen und deren Koordination. "Die Mitarbeiter stellen ihre Arbeit den anderen Abteilungen und Gesellschaften als Dienstleistung in Rechnung. Ausserdem werden dort Verhandlungen ueber Softwarelizenzen gefuehrt sowie die Schulung und Betreuung von Anwendern organisiert", berichtet Nilsson.

Die Funktion Kommunikation und Netze sorgt fuer die Bereitstellung und die Funktionssicherheit des konzernweiten internationalen Datennetzes. Das Vertrags-Management obliegt ihr ebenfalls. "Wir haben zur Hannover-Messe einen Dienstleistungsvertrag mit der deutschen Telekom abgeschlossen, damit uns die noetigen Kapazitaeten und Leitungsstrukturen beipielsweise nach Belgien oder via Satellit nach Moskau zur Verfuegung stehen. Damit konnten wir die Kosten fuer unsere gesamten Leitungen, die wir vorher einzeln anmieten mussten, um 25 bis 30 Prozent senken", so der Karstadt- Mann weiter.

Im Umfeld des Essener RZs arbeiten heute knapp 140 Mitarbeiter. Vor Ort in den angeschlossenen Unternehmen und Filialen finden sich weitere 40 bis 60 DV-Leute. "Wir haben rund fuenf Prozent Personal eingespart", meint Nilsson. Den eigentlichen Spareffekt haben jedoch die aus der veraenderten DV-Struktur resultierenden Effekte wie kostenguenstigere Softwarelizenzen und Netzstrukturen gebracht. "Wenn an drei Standorten ein RZ betrieben wird, muss jeweils die volle Lizenz gezahlt werden: Bei drei Rechnern an einem Standort kann mit einer Haupt- und zwei Nebenlizenzen gefahren werden. Das gilt sowohl fuer das Betriebssystem als auch fuer die Tools."

Gartner-Group-Analyst Gerhard Sundt unterstuetzt den hinter der Karstadt-Konsolidierung stehenden Grundgedanken einer zentralen IT-Verantwortung in einem Unternehmen: "Man kommt zu keiner technologischen Konsolidierung, wenn eine organisatorische Dezentralisierung vorhanden ist." Sonst seien naemlich Planungs- und Architekturhoheit nicht eindeutig zuzuordnen, keiner koenne bestimmen, ob nun konsolidiert werde oder nicht.

"Es geht schlicht um Kostenkontrolle. Was immer notwendig ist, um den Anstieg der DV-Kosten in einer vernuenftigen Relation zum Unternehmenswachstum zu halten, muss gemacht werden." Bisher steigen die DV-Kosten im Verhaeltnis zu den Umsaetzen ueberproportional. Deshalb fragen sich laut Sundt die Unternehmensleitungen bei Budgetentscheidungen, ob es sich um strategische Vorabinvestitionen in die DV handelt und wann diese sich bezahlt machen. Genauso hitzig debattiert werde, ob sich durch IT-Ausgaben Kosten in anderen Bereichen senken lassen.

Um Synergien zu erzielen, werden auch im Philip-Morris-Konzern, der seine sieben europaeischen Rechenzentren im schweizerischen Lausanne zusammengefasst hat, dezentrale DV-Funktionen, die in den einzelnen Landesgesellschaften verblieben sind, zentral koordiniert. Softwarelizenzen fuer Tools und Anwendungsprogramme werden zentral gemanagt, Guidelines herausgegeben, Vorgehensweisen standardisiert und ein intensiver Erfahrungsaustausch zwischen den Gesellschaften gepflegt. "Wir haben in Lausanne eine Koordinationsstelle eingerichtet, um die Standardisierung im Anwendungsbereich voranzutreiben. Dazu gehoert auch die intensive Nutzung von SAP R/2. Nur so koennen genuegend Synergieeffekte realisiert werden", berichtet Franz Mueller, Leiter Informationsverarbeitung bei der Philip Morris GmbH, Muenchen.

Die Entscheidung zur DV-Konsolidierung traf der Zigaretten- und Lebensmittelmulti bereits 1986. Da die RZs damals ein jaehrliches Wachstum von ueber 30 Prozent vorlegten und deshalb erhebliche Investitionen in Hard- und Software zu taetigen waren, entschloss sich Philip Morris, Mainframe-Hardware, Systemprogrammierung, Netz- und Systemadministration zusammenzufassen. In dem MVS-RZ, das aus Hitachi-CPUs mit einer Leistung von rund 160 Mips besteht, arbeiten heute rund 50 Mitarbeiter.

"Zur Debatte standen noch weitere Alternativen wie etwa die Konsolidierung auf drei Rechenzentren oder das Auslagern der RZ- Produktion an einen Outsourcer", sagt Mueller. Fuer einen externen Serviceanbieter konnte sich die Konzernfuehrung allerdings aus strategischen Erwaegungen nicht entscheiden.

"Die mit der Konsolidierung angestrebten Ziele Kostensenkung, Verbesserung der Effektivitaet und Produktivitaet wurden erreicht", bilanziert Mueller. Ausserdem sei der mit der Zentralisierung einhergehende Verlust an Flexibilitaet durch organisatorische Vorteile mehr als wettgemacht worden.

Die Thyssen Handelsunion AG (THU) hat die zentrale DV nicht nur konsolidiert, sondern bereits 1980 in eine eigenstaendige Tochter ausgelagert, die mit DV-Dienstleistungen zusaetzliche Deckungsbeitraege erwirtschaften sollte. Heute agiert die daraus entstandene ICR GmbH zugleich als Outsourcing-Anbieter von RZ- Dienstleistungen, Berater und Betreiber zweier Schulungszentren. Allerdings kommen nach wie vor ueber 40 Prozent des Umsatzes aus dem Geschaeft mit der THU.

Will ein Unternehmen die eigenen DV-Services vermarkten, ist es allerdings nicht damit getan, eine Tochtergesellschaft zu gruenden, die ihre freie Rechenzentrumskapazitaet anbietet. "Viele unterschaetzen die Problematik, aus einem internen Rechenzentrum einen Anbieter mit Dienstleistungsmentalitaet zu machen. Wenn ein Unternehmen solche Dinge einkauft, dann erwartet es einen entsprechenden Service-Level, der im Aussenverhaeltnis sehr viel kritischer betrachtet wird als im Innenverhaeltnis", erklaert Klaus Kettner, Mitglied der ICR-Geschaeftsfuehrung.

RZ-Konsolidierung aeussert sich fuer ihn sowohl in der Zusammenfassung zentraler DV-Dienste als auch im Ausgruenden von DV-Toechtern und in der Vergabe von Dienstleistungen an Dritte. "Der zentrale Punkt ist natuerlich die Kostenreduktion, aber immer oefter spielen auch Nutzenoptimierung und die Schaffung zusaetzlicher Deckungsbeitraege eine Rolle", nennt Kettner die Vorteile.

Aufgrund des weiter steigenden Kostendrucks rechnet der ICR-Mann mit einer Zunahme der Konsolidierungen und damit auch mit einem weiter wachsenden Outsourcing-Markt. Allerdings erwartet er eine Spezialisierung dieser Dienstleister: "Kein Outsourcer kann alle Branchen abdecken, wenn die Anforderungen ueber die Bereitstellung von Rechenleistung hinausgehen."

Ein "reines SAP-Outsourcing" reiche dem Anwender nicht mehr aus. "Der will schnelle, innovative Loesungen." Dieser Innovationsdruck sei auch dafuer verantwortlich, dass sich vor allem mittelstaendische Unternehmen immer seltener eigene zentrale Rechenzentren leisten koennten.

Deshalb gelte es fuer die Unternehmen, abgeleitet aus ihren Geschaeftszielen die Anforderungen an die DV zu definieren und dann zu entscheiden, ob sie diese Leistungen selbst erbringen oder bezahlen wollen. "RZ-Leistungen kann man an jeder Ecke kaufen, aber die Kompetenz, Bestehendes weiter zu entwickeln, um das Kerngeschaeft besser zu unterstuetzen, muss im Unternehmen vorgehalten werden - auch dann, wenn einzelne Komponenten dazugekauft werden", erklaert Kettner.

Dass diese Kompetenz oft nicht vorhanden ist, bemaengelt Gartner- Analyst Sundt: "Konsolidiert werden kann erst, wenn der Bedarf an Serviceleistungen und deren Kosten-Nutzen-Verhaeltnis bekannt sind." Da aber den wenigsten Konzernchefs eigentlich klar sei, wozu sie DV benoetigten und welche Dienstleistungen zu welchem Preis von ihr erbracht werden, seien Konsolidierungs- und Outsourcing-Ueberlegungen in den Fuehrungsetagen sehr diffus. "Ein Grossunternehmen bietet typischerweise zwischen 300 000 und 400 000 Services. Bis diese in Form einer Service-Inventur erfasst sind, vergehen mindestens zwei Jahre. Erst danach kann man ernsthaft mit einem Outsourcer reden."

Da diese Voraussetzung meist nicht erfuellt sei, kommt es laut Sundt oft zu einem "Panik-Outsourcing": Dabei beschliesst der Vorstand eines Unternehmens ueber die Koepfe der DV-Abteilung hinweg einfach die Auslagerung aller DV-Services. In solchen Faellen haben Outsourcer aufgrund der unklaren Verhaeltnisse "unheimlich Luft fuer Marketing. Unter Umstaenden kann dem Kunden dann eine voellig unpassende Dienstleistung verkauft werden, weil der gar nicht weiss, was er gerade bekommt."

Die Auslagerung der gesamten DV inklusive der vorhandenen Mitarbeiter und des Know-hows stellt fuer Sundt die schlimmste aller Outsourcing-Varianten dar. "In Deutschland gibt es dafuer noch keine Beispiele, aber in England, das sehr viel frueher in die Rezession rutschte: Zum Beispiel hat die British Aerospace per Vorstandsbeschluss alles outgesourct, was sie an DV hatte, und saemtliche Mitarbeiter in diesem Bereich entlassen. Unserer Meinung nach kann das zum Tod des Unternehmens fuehren, weil dann faktisch der Outsourcer die Firma managt."

1990 stiess das VSE-Rechenzentrum der Ruhrkohle Handel, eine Tochter der Ruhrkohle AG, an seine Kapazitaetsgrenze. "Da waeren sehr grosse Investitionen notwendig gewesen", erklaert Thomas Meintz, Geschaeftsfuehrer der Ruhrkohle-Tochter IVS GmbH. Obwohl das Unternehmen damals sehr schnell gewachsen sei, haette die Geschaeftszunahme keine dermassen hohen DV-Ausgaben gerechtfertigt.

Um die Kosten fuer eine Kapazitaetsaufstockung einzusparen, wurde 1991 die IVS als Tochter der Ruhrkohle AG gegruendet. Neben der Datenverarbeitung der Ruhrkohle Handel (RH) sollte sie auch den Beteiligungsunternehmen der Ruhrkohle AG Rechenzentrums- Dienstleistungen zur Verfuegung stellen.

Zur Zeit betreut die IVS mit der Ruhrkohle Handel GmbH, Meuwssen & Brockhausen GmbH und der Ruhrkohle Umwelt GmbH drei grosse Kundengruppen. Im Endausbau sollen alle Beteiligungsunternehmen durch den Einsatz einer gemeinsamen kommerziellen Standardsoftware - der bereits von der RH eingesetzten "I-Linie" der Sema Group - ueber eine gemeinsame Datenbasis verfuegen.

Die Kostenminimierung war aber nur eines der Ziele, die mit der Gruendung der IVS verfolgt wurden. Ebenso wichtig war die Steigerung der Produktivitaet und Effizienz durch das Bereitstellen von DV-Funktionalitaet, die viele der Beteiligungsunternehmen aus Kostengruenden selbst gar nicht haetten aufbauen koennen. "Wir als Dienstleistungsanbieter sind ja nicht unbedingt besser als ein Standalone-Rechenzentrum. Aber wir koennen billiger mehr Funktionalitaet anbieten.

Die Attraktivitaet seiner Dienstleistungen begruendet der IVS-Chef auch mit der Einstellung seiner Kunden: "Die wollen doch mit dem RZ-Betrieb, der Softwarepflege und -weiterentwicklung moeglichst nichts zu tun haben." Die versorgten Beteiligungsunternehmen haben keine klassische DV-Abteilung mehr. Alles, was vor Ort noch gebraucht werde, sei ein DV-Koordinator. Bei den normalen Arbeitsplaetzen handelt es sich entweder um 3270-Terminals oder um PCs im LAN, die eine Terminalemulation fahren. Die Beschaffung zusaetzlicher PC-Software fuer hoeherwertige Arbeitsplaetze ist Sache der Anwender. "Dabei beraten wir natuerlich, machen Hotline- Service, betreuen die Netze und stellen die benoetigten Datenformate bereit."

Nichts Neues sind Konsolidierungen im DV-Bereich fuer die Mannesmann AG. Bereits seit ueber 20 Jahren hat der Konzern die zentrale Datenverarbeitung in das Systemhaus Mannesmann Datenverarbeitung GmbH (MDV) ausgelagert. Sie bietet der AG und den zwoelf Fuehrungsunternehmen mit einem 540-Mips-Rechenzentrum und dem Mannesmann-Netz Rechenzentrumsleistungen, Netzbetreuung und auf Wunsch Anwendungsentwicklung als Dienstleistung an.

Vier der zwoelf wichtigsten Konzerngesellschaften brachten ihre eigenen Grossrechenzentren erst zwischen 1991 und Ende 1992 in die MDV ein. Dabei handelte es sich um Fichtel & Sachs, Hartmann & Braun, Mannesmann Demag Foerdertechnik AG und Mannesmann Rexroth, die bis Ende 1990 eigene MVS-Rechenzentren mit Leistungen zwischen 30 und 90 Mips betrieben haben. Als weitere erhebliche Investitionen in diese Anlagen anstanden, entschloss sich der Vorstand der Mannesmann AG zur Konsolidierung. "In den einzelnen Gesellschaften ist jetzt keine MVS-Kapazitaet mehr vorhanden. Sie sind innerhalb des Mannesmann-Datenverbundnetzes ueber 2-MB-Ringleitungen mit dem zentralen RZ verbunden. Natuerlich betreiben die angeschlossenen Unternehmen in verschiedenen Tochtergesellschaften unterhalb der MVS-Welt andere Systeme im logistischen und technischen Bereich", berichtet Juergen Kratz, Direktor Koordination Datenverarbeitung in der Mannesmann AG. Deshalb liegen auch Down- oder Rightsizing-Aktivitaeten sowie Fragen der Effizienz- und Produktivitaetssteigerung weiterhin in der Verantwortung der einzelnen Konzerngesellschaften. "Uns kommt es nicht darauf an, um jeden Preis zentrale Rechner-Power zu installieren, sondern wir wollen eine effiziente und wirtschaftliche Unterstuetzung der operativen Funktionen erreichen und dafuer die entsprechende Infrastruktur zur Verfuegung stellen. Natuerlich liegt es im Interesse des Konzerns, wirtschaftlich guenstige Loesungen durch die Mehrfachnutzung von Standardsoftware zu schaffen", betont der Chefkoordinator.

Nicht nur in Industrie und Handel nimmt die RZ-Konsolidierung zu. Auch die Banken und Sparkassen, die sehr lange aus Angst vor Know- how-Verlusten an die Konkurrenz auf einer eigenen DV-Stuetzung ihrer Bankanwendungen bestanden haben, denken um. Vor allem mittelstaendische Haeuser und Privatbanken, die dem staendigen Innovationsdruck nicht mehr standhalten und sich staerker auf Bankberatungs-Dienstleistungen konzentrieren wollen, lagern ihre DV aus.

Einen Kooperationsvertrag mit der Buchungsgemeinschaft des Bayerischen Sparkassen- und Giroverbandes (BBS) hat zum Beispiel die Sparkasse Augsburg geschlossen. "Endziel ist, dass das RZ der BBS unsere Bankanwendungen komplett uebernimmt", erklaert Anton Spindler, RZ-Leiter der Augsburger Bank. Die BBS stellt nicht nur die entsprechenden Softwareprodukte, vielmehr wird auch im Rechenzentrum des Verbandes entsprechende Rechnerkapazitaet zur Verfuegung stehen. In Augsburg werden dann nur noch die Datenbestaende vorgehalten, die entweder die schnelle Verfuegbarkeit von Management-Informationen ermoeglichen oder, so Spindler weiter, bestimmte Sondererfordernisse abdecken, die der Verband nicht bereitstellen kann.

Das eigene Rechenzentrum der Augsburger Bank (zwei IBM-CPUs) soll in zwei Jahren, wenn die Uebergabe an die BBS erfolgt ist, nicht aufgeloest werden, sondern verstaerkt Dienstleistungen wie Lohn- und Gehaltsabrechnung fuer externe Kunden anbieten.

Der wichtigste Grund fuer den Schritt, den bereits ueber 100 andere bayerische Sparkassen getan haben, sei der enorme Kostendruck gewesen, berichtet Spindler. Ausserdem trugen auch die staendigen Veraenderungen der gesetzlichen Vorgaben zu dem Entschluss bei: "Warum soll das jeder selbst machen? Wird die Software zentral umgestellt, braucht das eben nur einmal programmiert zu werden." Allerdings raeumt der RZ-Leiter ein, dass die Kostenersparnis heute nur schwer zu quantifizieren ist: "Wir werden sicher guenstiger sein, aber ob wir zehn oder 30 Prozent einsparen, kann ich noch nicht sagen."

Schon weiter fortgeschritten ist ein aehnliches Projekt bei der Stadtsparkasse Nuernberg. Die Produktion laeuft bereits im RZ der BBS, wird allerdings noch bis April 1994 von den Nuernbergern gesteuert, erst danach wird komplett uebergeben: "Untersuchungen belegen, dass wir bei den Entwicklungskosten im DV-Bereich mit einer Steigerung um mindestens den Faktor 2,7 bis zum Ende des Jahrzehnts rechnen muessen. Da wir uns staerker auf das Bankgeschaeft konzentrieren wollen, ueberlassen wir deshalb das DV-Business in weiten Teilen der BBS", begruendet Guenter Bauer, DV-Org.-Leiter der Nuernberger Bank.

Einig sind sich fast alle Anwender, Dienstleister und Berater ueber die nachhaltige Veraenderung der RZ-Landschaft in Deutschland. So schaetzt Gartner-Analyst Sundt, dass grosse Anwender (ab einer Milliarde Mark Umsatz) in den naechsten drei Jahren 15 bis 20 Prozent ihrer Rechenzentrumskapazitaet abbauen werden. "Nur 30 Prozent davon werden in andere RZs eingebracht, etwa 40 Prozent dezentralisiert, und die restlichen 30 Prozent werden outgesourct."

Karstadt-Mann Nilsson prognostiziert eine andere Entwicklung: "Es wird weiterhin grosse Dienstleister geben wie EDS, Debis oder auch IBM. Daneben wird sich eine aehnliche Szene im Midrange-Bereich etablieren. Doch auch die Konzernrechenzentren hoeren nicht auf zu existieren. Moeglicherweise wird es in einigen Branchen wie bei Banken und zum Teil auch bei Versicherungen zu Verbundloesungen auf regionaler Ebene kommen."

Die Zahl der Rechenzentren werde allerdings insgesamt zurueckgehen, allein schon aufgrund des sich angesichts der wirtschaftlich bescheideneren Situation ausbreitenden Outsourcing- Marktes, der in den USA und England schon sehr viel entwickelter ist als hierzulande. An ein baldiges Verschwinden der Grossrechner durch neue Technologien wie Client-Server-Systeme glaubt Nilsson hingegen nicht: "Die Diskussion Client-Server versus Grossrechner oder Grossrechenzentrum laeuft falsch. Es geht doch um die moeglichst wirtschaftliche Verteilung der Aufgaben fuer Mainframes, Midrange-Systeme und PCs." Nach einer Konsolidierung in der Groessenordnung wie bei Karstadt muesse man die Frage beantworten, wie die gestellten Aufgaben intelligent bewaeltigt und verteilt werden koennen. "Das halte ich fuer die richtige Client- Server-Diskussion. Bei einem Konzern in unserer Branche mit so vielen Lieferanten und hunderttausenden Artikeln fallen immense Massendaten an. Deshalb waere es von der Datenhaltung her bei uns nicht ratsam, den Grossrechner durch Client-Server-Systeme zu ersetzen." Allerdings wuerden immer mehr der in den Filialen betriebenen Midrange-Systeme in Client-Server-Strukturen eingebunden, berichtet Nilsson. So liessen sich vor Ort schnelle Loesungen fuer den Arbeitsprozess generieren.

Fuer IVS-Geschaeftsfuehrer Meintz ist sicher, dass sich die Anzahl der RZs verringern, Funktionen und Arbeitsschwerpunkte sich veraendern werden. "Ich glaube nicht, dass kuenftig noch alles auf dem Grossrechner stattfindet, wie das die I-Line-Produkte ja letztlich auch repraesentieren, und beim Anwender nur dumme Terminals stehen werden. Das gehoert spaetestens am Ende des Jahrzehnts der Vergangenheit an." Vielmehr werde der Grossrechner verstaerkt Administrations- und Steuerungsaufgaben innerhalb von DV-Landschaften wahrnehmen. "Das faengt beim Netz an und hoert mit der Konsolidierung und Sicherung der Datenbestaende auf."

Allerdings macht es fuer Meintz keinen Sinn, Funktionalitaeten unkritisch zu dezentralisieren. "Ich sehe mir zuerst die Geschaeftsprozesse an, die ich DV-technisch abzubilden habe, und dann entscheide ich, was muss dezentralisiert werden, was braucht eine grafische Oberflaeche." Es sei zu pruefen, ob diese Dinge wirklich in jedem Fall benoetigt wuerden. "Braucht ein Buchhalter Windows, oder muss ein Check-in-Terminal am Flughafen mit einer grafischen Oberflaeche ausgestattet sein? Ich glaube nicht."

Christoph Witte