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19.04.1991 - 

Portabilität wurde in den Hintergrund des Interesses gedrängt

SAA ist heute kaum mehr als ein gemeinsames User-Inteface

Die ursprüngliche SAA-Idee, nämlich die Anwendungsportabilität über alle Rechnerebenen hinweg, wurde verwässert, verkürzt auf die gemeinsame Benutzerschnittstelle CUA. Der künftige Erfolg des blauen Riesen dürfte jedoch entscheidend davon abhängen, wie das Problem der SAA-Konformität gelöst wird.

Vor vier bis fünf Jahren stellte sich die Strategie der IBM in komprimierter Form etwa so dar: Durch einen neuen mittleren Prozessor mit der Bezeichnung "Silver-Lake" die DEC-Gefahr zurückdrängen, den Markt für PC-Technologien mit OS/2 erobern und 1990/91 eine neue Generation von Prozessoren unter dem Namen "Summit" einführen. SAA sollte diese Architekturen als Framework zu einer dreistufigen Unternehmenshierarchie zusammenbinden.

Zu einem großen Teil haben sich diese Vorhersagen bis heute bewahrheitet. Allenfalls gab es Verspätungen, die unter anderem dazu führten, daß das von IBM angestrebte Wachstumsziel von 15 Prozent jährlich nicht mehr erreicht werden konnte. Die Zurückdrängung von DEC und anderen Minicomputer-Herstellern ist IBM sicherlich gelungen - vielleicht mit Ausnahme von Tandem. Hilfreich war in dieser Beziehung der Erfolg der "Silver-Lake" (AS/400), der durch das kürzlich eingeführte RISC System/6000 weitergeführt wird.

Dagegen hat OS/2 das gewünschte Ergebnis nicht geliefert, sondern ist durch Microsoft beziehungsweise dessen gesicherte Position im Bereich Software für Mikroprozessoren ebenso unterwandert worden wie durch den Wettbewerbsdruck von seiten der DOS-gestützten Windows-Plattform. Die "Summit" (ES/900, zumindest 820 und 900) setzt dafür auf der Mainframe-Ebene der Unternehmenshierarchie den Erfolg von IBM fort und wird, so sie 1992 in Produktion geht, für den Hersteller wachstumsfördernd wirken.

Aus strategischer Sicht hat IBM die meisten Schwierigkeiten im SAA-Bereich gehabt. Ein nahtloses Benutzer-Interface ist Grundvoraussetzung für den Verkauf der dreistufigen Hierarchie. Die aktuelle Produktlinie muß daher von den IBM-Labors in den SAA-Standard konvertiert werden. Da IBM hier verpflichtet ist, bei Fortschritten für die Zukunft die Vergangenheit fortzuschreiben, hat neben den normalen Geschäftsanforderungen in vielen Fällen die SAA-Konformität gelitten.

Dieses Konformitätsproblem dürfte das größte Versäumnis im Hinblick auf die 1986 entworfenen Fünfjahres-Strategie darstellen. Auch ist die SAA-Konformitätsstrategie abgeschwächt worden: Betont wurde weniger die Portabilität als vielmehr der Vorteil eines Interface für den Endbenutzer. Mit dem gemeinsamen User-Access-Interface (CUA) etablierte sich eine Standardlösung zur Abdeckung der Kundenprobleme bezüglich der RZ -Produktivität, doch unterhalb dieses Interfaces werden MVS, OS/400 und OS/2 in ihren heterogenen Umgebungen belassen, da sie dem Anwender des CUA-Interface unbekannt sind.

Auch die LU6.2-Unterstützung scheint mehr auf technische Vorteile abzuzielen als auf SAA-Konformität.

Ergänzende APPC-Unterstützung für MVS ist technisch goldrichtig, aber erfolgte dies, um dem SAA-Anspruch zu genügen? Auf jeden Fall wäre es recht optimistisch zu wetten, daß IBM 1991 auf SAA basierende Systeme im großen Stil produzieren wird.

Veränderungen haben sich auch bei den Stärken, Schwächen und Gefahren von und für IBM ergeben. Wie die Ankündigungen von AIX und RISC System/600 zeigen, ignoriert IBM den Einfluß von Unix nicht länger. AIX ist gleichwertig zu SAA positioniert; Interoperabilität gilt als ein neuer Fachbegriff.

Mit Microsoft hat die IBM einen echten Wettbewerber zugelassen. Microsoft hat fleißig in DOS/Windows 3.0 und seine Kundenanwendungen investiert, mit dem Ergebnis, daß IBM mit der Forcierung von OS/2 steckenbleibt. Die Differenzierung von PS/2 und die Einführung eines populären, auf OS/2 basierenden Front-end-Systems für die Mainframe-Umgebung hatten deshalb einen schlechten Start. Hersteller von Anwendersoftware haben die DOS-Entwicklung weitergetrieben und die OS/2-Anwendungen vernachlässigt. OS/2 wird von IBM daher zunächst im Alleingang vorangetrieben werden müssen.

Ein großes blaues Loch schluckt alles und jeden

Schon 1984 habe ich das Bild eines "Solarsystems" gezeichnet: Es besteht aus einer dreistufigen Struktur mit dem Summit-System als Sonne und Energiequelle. Alles in diesem Sonnensystem, so folgerte ich, steuere "auf das große blaue Loch der Systemsoftware zu, in dem IBM alles und jeden verschlingt: Benutzer, Anwender, Daten, Datenbanken verschwinden in dem ungeheuer komplexen Gebilde der Systemsoftware."

Am 5. September 1990 kündigte IBM Systemview an und setzte damit die Standards im Markt für das System-Management. Eine kooperativ arbeitende Architektur aus Mainframe (mit MVS), mittlerem Prozessor (mit OS/400) und Workstation (mit OS/2) bildet die auf SAA basierende dreistufige Hierarchie. Der Mainframe wird als Datenbank-Server, Netzwerk-Manager und ausführendes System für die fundamentalen Anwendungen des Unternehmens positioniert.

Einen End-to-end-Überblick über das unternehmensweite System geben die derzeitigen Produkte für das System-Management jedoch nicht. Die meisten dieser Produkte werden von unabhängigen Softwarelieferanten hergestellt und sind, wenn überhaupt, dann nur auf dem End-User-Interface-Level und innerhalb einer herstellerspezifischen Produktfamilie integrationsfähig.

Aber auch innerhalb der Produktlinie eines einzigen Anbieters ist es schwer, eine Integration oder Konsolidierung von Informationen quer durch alle Systeme oder Subsysteme zu finden. Es handelt sich meist um reine Tools für das Operating, weniger um Instrumente für die Unternehmenspolitik.

Auf der Seite der RZ-Verwaltung werden jedoch integrationsfähige Tools für das strategische System-Management gebraucht. Diese Aufgaben wird Big Blue nicht allein meistern. Im Rahmen einer Kooperation mit den unabhängigen Softwarelieferanten müssen die Grundlagen für gemeinsame Anstrengungen in Form von Industriestandards und Entwicklungsumgebungen geschaffen werden. Zu diesen Grundlagen gehören unter anderem eine Plattform für die Ausführungsebene, das Datenmodell des Unternehmens sowie Präsentationsservice und Endbenutzer-Interface. Von den Software-Anbietern werden dagegen allgemeine und spezielle Tools hergestellt.

Diese Vision, die IBM nun mit der Systemview-Architektur vorgestellt hat, muß heute bereits als Leitlinie bei der Planung und Produktakquisition für das System -Management berücksichtigt werden. Taktische Punkt-für-Punkt-Vergleiche sind hier sicherlich immer weniger angebracht. In den nächsten fünf Jahren muß die IBM ihre polyglotte alternde Struktur für den Erfolg im "blauen Loch der Systemsoftware" unter Kontrolle bringen. Entscheidender Faktor wird dabei das SAA-Konzept sein. Denn inzwischen gibt es zu viele andere, einfach zu handhabende, architektonisch ähnliche Alternativen für IBM-Kunden.