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21.04.1995

SAP-Forum/Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Software Kommentare und Leserbriefe zu CW-Berichten ueber die SAP AG

Mit Verweisen auf Erfolge und Marktzahlen sind die SAP-Marketiers schnell bei der Hand - den IT-Entscheidern hilft das wenig. Doch die Diskussion ueber SAP-Standardprogramme ist sachlicher geworden. "Wozu kaufen Unternehmen Software?" Mit dieser Frage packt der Muenchner Unternehmensberater Otto Wassermann das Thema an. Soviel sei verraten: Es geht um viel Geld - so oder so.

Von Otto Wassermann*

In diesem Beitrag soll nicht die Schlammschlacht um Provisionen und Objektivitaet der SAP-Geschaeftspartner fortgesetzt werden. Sind wir nicht stets gut beraten, das wirtschaftliche Geschehen in unserem Lande an dem Nutzen oder Schaden zu messen, den es fuer unsere Volkswirtschaft anrichtet?

Wozu kaufen Unternehmen Software? Von den vielen Motiven seien hier zwei wesentliche herausgegriffen:

1. Zur Rationalisierung von Ablaeufen.

2. Um das Unternehmen auf Schnelligkeit, Flexibilitaet und mehr Kundennaehe zu trimmen.

Nach gut 30 Jahren DV-Einsatz ist zumindest bei den grossen Unternehmen das Motiv "Rationalisierung mit Hilfe von Software- Einsatz" weitgehend ausgeschoepft. Die Software dient heute dazu, den erreichten Rationalisierungsgrad administrativer Ablaeufe zu erhalten und zu vervollkommnen.

Hier hat die SAP zweifellos einen grossen Verdienst, die oft unertraegliche Abhaengigkeit von DV-Spezialisten weitgehend beseitigt zu haben. Diese Errungenschaft ist fuer Unternehmensfuehrer ein haeufiges Kaufmotiv.

Administrative beziehungsweise vom Gesetzgeber vorgeschriebene Ablaeufe kann man mit besonders hochintegrierter, teurer oder auch mit weniger anspruchsvoller Software etwas billiger haben. Der Folgeschaden haelt sich in Grenzen, solange man sich nur mit ueberlebensfaehigen Softwarehaeusern einlaesst.

Voellig anders sieht es dagegen in der softwaretechnischen Abbildung des Leistungsprozesses fuer die Kunden aus. Schon lange gilt nicht mehr:

"Die Grossen schlagen die Kleinen", sondern "Die Schnellen schlagen die Langsamen".

Was ist hiermit gemeint? Im Wettbewerb der Unternehmen wird jenes die Nase vorn haben, welches schneller, flexibler und kostenguenstiger Kundenwuensche erfuellt als andere.

Bei vergleichbarem Leistungsangebot mehrerer Wettbewerber entscheiden also die logistischen Eigenschaften ueber das Ueberleben eines Unternehmens. Es geht darum, sich gerade in diesen Eigenschaften von den Wettbewerbern positiv abzuheben.

Die Planung, Disposition und Steuerung des gesamten Arbeitsprozesses, von der Auftragsgewinnung bis der Kunde die einwandfreie Leistung erhalten hat, ist transparent, flexibel und so schnell zu gestalten, dass dabei ein echter Wettbewerbsvorsprung herauskommt.

Das wiederum bedeutet, dass genau dieser Leistungsprozess - wie der Name schon sagt - prozessorientiert organisiert und durch prozessorientiert gestaltete Software unterstuetzt wird. Sich in diesem ueberlebenswichtigen Unternehmens-Tuning auf die sequentielle Durchrechnung der tayloristischen Stuecklisten und Arbeitsplaene zu beschraenken, diese Ablaeufe dann auch noch mit den administrativen Ablaeufen durchgaengig zu integrieren, bedeutet auf jeden Fall eine Betonierung der zu diesem Zeitpunkt eingespielten Prozesse.

Was tut ein Anbieter, wenn ihm ein Wettbewerber in den wettbewerbsentscheidenden Eigenschaften davonlaeuft? Ein mittelstaendischer Unternehmer traf den Nagel auf den Kopf: "Ich freue mich ueber jeden Wettbewerber, der ein hochintegriertes Softwaresystem realisiert, denn seine besten Mitarbeiter sind dann jahrelang mit der Einfuehrung und Inbetriebnahme beschaeftigt, gehen also fuer die Kundenbetreuung verloren. Ausserdem kommt er aus den jetzt betonierten Ablaeufen kaum mehr heraus." Alle sind froh, dass die Installation der grossen Software gelungen ist, niemand wagt sich an notwendige Veraenderungen. Die Standardsoftware hat jetzt auch jene allein auf die Kunden auszurichtenden Vorgaenge festgeschrieben.

Wenn wir uns jetzt noch die unbestrittenen Nebenwirkungen vergegenwaertigen, erkennen wir auch die unmittelbare Ertragsrelevanz der Entscheidung fuer hochintegrierte Systeme, wie sie die SAP anbietet:

- die erheblichen Nutzungs- und Wartungsgebuehren,

- die teuren Hardwareressourcen,

- der erstaunlich hohe Aufwand fuer Release-Wechsel und

- wieder die hohe Abhaengigkeit von den DV-Spezialisten, die insbesondere dann unertraeglich ausfaellt, sollten individuelle Software-Anpassungen unvermeidbar gewesen sein.

Da zu bezweifeln ist, ob bei den Herstellern hochintegrierter Software ueberhaupt irgend jemand noch das Gesamtsystem ueberblickt, kann das eigene DV-Team dazu auch nicht in der Lage sein. So darf uns die Antwort des DV-Leiters auf die Bitte nach einer kundenorientierten Programmaenderung nicht ueberraschen:

"Das geht nicht, das waere ein zu hoher Aufwand!"

Nun zur volkswirtschaftlichen Bedeutung: Wenn wir uns vorstellen, wie sich ein Industrieunternehmen im harten internationalen Wettbewerb langfristig behaupten soll, wenn die kundenrelevanten Vorgaenge betoniert sind und sich niemand traut, diesen Beton aufzubrechen, wird die volkswirtschaftliche Relevanz verbreiteter, komplexer DV-Software im Leistungsbereich ueberdeutlich.

Es kommt nicht darauf an, eine - aus der DV-Brille betrachtet - aestetisch schoene DV-Infrastruktur zu haben, sondern allein darauf, wie attraktiv ein Unternehmen auf seine Kunden wirkt.

Ausweg: Analog zur lang umstrittenen Mixed-Hardware mit klaren Schnittstellen wird dieselbe Loesung bei der Software-Architektur gefunden werden muessen. Fuer viele marktorientierte DV-Leiter - so etwas gibt es - ist diese Zukunft bereits Gegenwart.

* Otto Wassermann ist Geschaeftsfuehrer der ACS Wassermann Unternehmensberatung GmbH in Muenchen.