Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

24.09.1999

SAP lehnt sich weit aus dem Internet-Fenster

Eine "City of e" hat SAP auf seiner Anwenderkonferenz Sapphire in Philadelphia aufgebaut, um den 14 000 Besuchern zu demonstrieren, daß man sich vom Hersteller von betriebswirtschaftlicher Software zum Spezialisten für das Internet-basierte Geschäft zwischen Unternehmen gewandelt habe.

"Konkreter als in Nizza" lautete das einhellige Urteil von SAP-Kennern, die bereits auf der europäischen Sapphire die Vorankündigung von Mysap.com erlebt hatten. Den damals noch wolkigen Formulierungen für eine Internet-Strategie folgten jetzt mit "Mysap.com Workplace" und "Mysap.com Marketplace" Produkte, die am 30. September dieses Jahres freigegeben werden sollen. Außerdem wurden die technischen und wirtschaftlichen Grundlagen für Web-Applikations-Hosting geschaffen. Wirklich neu war an diesen Ankündigungen wenig. Trotzdem zeigten sich die Anwender in Philadelphia vom Mysap.com-Konzept durchaus angetan, vermißten aber wie in Nizza, wenn auch in geringerem Maße, technische Details für die Umsetzung.

Wichtiger als die Vorstellung von Produkten war es der SAP, sich als E-Commerce-Spezialisten für das Business-to-Business-Segment zu positionieren, da in den USA ein Software-Unternehmen ohne eine derartige Strategie nicht mehr ernst genommen wird. Die Walldorfer gelten diesbezüglich als Nachzügler, zumal der im US-Markt besonders wichtige Mitbewerber Oracle hier schon länger Konzepte wie das Web-Applikations-Hosting propagiert.

Angesichts langsamer zunehmender Lizenzzahlen führte dieser Druck zu einer Neupositionierung der SAP als Provider von Web-Inhalten (R/3 und anderen Anwendungen), was einige US-Analysten für gewagt halten. Die SAP hat sogar Konkurrenten wie Oracle oder Baan eingeladen, sich in das geplante Netz zusammenarbeitender Firmen integrieren zu lassen, und auch SAP habe künftig nicht mehr vor, alles selber zu machen. Gleichzeitig reklamiert Firmenchef Hasso Plattner die Führerschaft der SAP im E-Commerce für Business-to-Business und fordert: "Wir wollen (in diesem Bereich, Anm. d. Red.) den Desktop kontrollieren."

Neue Formen der Betriebswirtschaft

Um die Ernsthaftigkeit seiner E-Commerce-Bemühungen zu unterstreichen, hat das Unternehmen alles getan, den Konkurrenten Oracle mit der Freigabe von Produkten zu überrunden. Vor allem aber gab die Sapphire das Forum ab, um eine neue, auf das SAP-Konzept abgestimmte Form des Wirtschaftens zu propagieren. Geht es nach den Vorstellungen der SAP und vieler Marktbeobachter, dann fallen demnächst die Mauern zwischen den Unternehmen. Dann sollen Arbeiten dort erledigt werden, wo man sie am besten beherrscht. Das kann bedeuten, daß Prozesse zu einem direkten Konkurrenten ausgelagert werden, der so zum Partner und Dienstleister wird. Web-Portale wie Mysap.com Marketplace sollen zur Schaltstelle für dieses "collaborative Business" werden. Das Produkt wurde entlang der seit einigen Jahren bestehenden vertikalen Industrieprozesse organisiert, um den Firmen in den jeweiligen Branchen zu ermöglichen, dort miteinander zu kommunizieren und darüber Transaktionen abzuwickeln. Schon jetzt sind zehn der 19 von SAP definierten Märkte für Mysap.com Marketplace vorkonfiguriert. Der Rest soll im Lauf des nächsten Jahres kommen.

Vorbild für diese Art der firmenübergreifenden Betriebswirtschaft ist der PC-Konfektionär Dell. Das Unternehmen hat gezeigt, daß man im Team schneller und preisgünstiger Produkte verkaufen, dabei Lagerkosten und Überproduktion vermeiden und zudem die Qualität stabil halten kann. Dadurch sind die Mitbewerber in Zugzwang gekommen, die eigenen Prozesse ähnlich und nach Möglichkeit noch besser zu organisieren, falls sie nicht Marktanteile oder Geschäft an den moderner agierenden Konkurrenten verlieren wollen. Tatsächlich ist dieser Konkurrenzdruck das Hauptargument der SAP für ihren Mysap.com Marketplace.

Im Vorfeld der Sapphire scheinen die SAP-Manager bereits viel Überzeugungsarbeit geleistet zu haben, denn bei der Eröffnung dieses virtuellen Markts wollen - so die SAP - rund 1000 Firmen mitmachen.

Um weitere der rund 12000 SAP-Kunden für dieses Konzept zu gewinnen, wurden auf der Sapphire über 50 Geschäftsszenarien für die Internet-basierte Zusammenarbeit von Firmen gezeigt, darunter bereits in der Realisierung begriffene Ansätze etwa in der Chemiebranche.

Darüber hinaus war der Business-Re-Engineering-Papst Michael Hammer engagiert worden, um den Anwendern das Niederreißen der Firmenmauern nahezubringen. Er wandte all seine Rhetorik auf, um den Unternehmen klarzumachen, wieviel Geld und Personal sie verschwenden, solange sie statt mit dem Web mit vielfältigen Kommunikationsmethoden wie Telefon, Fax und EDI arbeiten, sich weigern, Daten mit anderen Unternehmen zu teilen, und darauf bestehen, Hunderte von nachgeordneten Prozessen zu steuern, die besser von Spezialisten abgewickelt werden könnten.

Bei den Anwendern stieß das Konzept auf großes Interesse. Viele können sich auch vorstellen, Zulieferer und Kunden begrenzten Zugriff auf ihre Prozesse zu gewähren. Ihnen ist aber nicht wohl bei dem Gedanken, diese Abläufe mit Mitbewerbern wirklich zu teilen. Außerdem fürchten sie die komplexe Logistik, die hinter einem derartigen Konzept steckt.

Dem SAP-Management ist das Akzeptanzproblem und das damit verbundene Geschäftsrisko durchaus bewußt. Deshalb wurde für Mysap.com mit 15 Millionen Dollar die teuerste Marketing-Aktion der Firmengeschichte gestartet.

Vorteile für den Hersteller

Für die SAP löst die neue Positionierung eine Reihe von Problemen. So verliert die ins Stocken geratene Modularisierung des trotz BAPI-Schnittstellen immer noch hochintegrierten R/3-Monolithen an Bedeutung. Wenn sich die Anwender an ihrer Aufgabe, sprich: Rolle, orientieren, kann es ihnen gleichgültig sein, ob die Funktionen von einer integrierten Software oder von einem Drittanbieter kommen.

Außerdem bietet Mysap.com der SAP eine neue Chance, den Mittelstand zu erobern. Die Oberfläche ist weit einfacher als bisher, so daß der Einarbeitungsaufwand sinkt. Outsourcing und Applikations-Hosting in Verbindung mit der Möglichkeit, nach Nutzung zu zahlen, macht R/3 zudem selbst für Unternehmen interessant, deren eingeschränkter Bedarf bisher die Anschaffung der teuren Software nicht rechtfertigte. Vor allem aber hofft die SAP, mit Web-Hosting die Lust auf die zusätzliche Anschaffung von Komponenten zu wecken. Bisher setzen die R/3-Kunden in der Regel nur einen Bruchtteil der möglichen Funktionen ein.